Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1690 (28.10.1923)
- Date
- 1923-10-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mt. 16R> Men, ©oimtfog» Mene» MsrWNzeitnn^. 28. Dfofe* * 1923 Seite 5 n* ZWSA Felix DzerWnsli. Jtn Verlag ^vam Schneider, Berlin, ist ein a-usge^>iK Notes Buch von Oskar Blum: „Russische Köpfe" mit einer kritischen Eiul-eitung und Nachwort erschienen. Zn den interessantesten und nnheiilMchsten Menschen der Oktoberre-votutton Milt Felix Dzerschinski, dem Oskar Blum folgenides Kas>vtÄ widmet: Jur Archiv des Taganka-Gesängnisses zu Moskau fand ich ein Paket Bvioff. Mit der Jahreszahl 1916 versehen, von zarter Frauenhand geschrieben, sprachen sie von einer Sehnsucht, die Vas Herz erweichte und das Auge umflorte. Es war d'e Sehnsucht der Frau, der der Mann geraubt, -hinter eiserne Gitterstäbe gesteckt wurde, die Sehnsucht des Kindes, das den Vatex noch nicht gesehen hat und seinen Namen mit banger Liebe nennien lernt. Alles, was menschliche Opserwilligkeit, liebende Sorge, stille Wehmut in der Sprache findet, ward in diesen Briefen laut. Man nahm sie in die Hand — sie wogen schwer — belastet mit Blut und Tränen. Auch das Bild des Empfängers stieg aus -ihnen empor. Man konnte sich leicht dies Schicksal vorstellen. das alle Bande der Zärtlichkeit zerreißt, um für das Glück der anderen zu wirken; mant ahnte diese Leidenschaft. die im Zuchthaus nicht gebändigt wird und die alles gewaltsam zu-rückdrängt, -was im Persönlichen Loben Glück und Frende bedeutet. Auf dem Briefumschlag las ich die Anfschvist: Herrn Felix Dzerschinski. Der Name war schon bekannt. * Andere waren Hohepriester der Revolution, ihre Lehriridfter oder ihre Diplomaten. Er war ihr Henkersknecht. Andere verrichteten öffentlich ihr Tagewerk. Er waltete nachts, und das Knattern der Motoren mußte seine Arbeit übertönen. Andere sahetl um sich Begeisterung, Anbetung, Schmeichelei. An ihm ging eine endlose Reihe Opfer vorbei — keine Menschen mehr, nur noch verzweifelte, schreiende, weinende Kraturen. Wohin er auch hinblickte, überall dasselbe Schauspiel. Er hatte den Tod in seiner Hand und —was tötender ist — die Tortur. Er nahm den Müttern ihre Kinder, den Frauen ihre Gatten, marterte und Peinigte sie mit allen Qualen, die menschliche Bestialität ersinnen kann, und übergab sie schließlich einem Trupp betrunkener Chinesen, die das Opfer mordeten und seine Sachen davon!rügen, um sie zn verkaufen oder zu verlausen. Er konnte sich ans kein Gesetz berufen, denn seine Zeit frat alle Gesetze gestürzt. Es war keine althergebrachte Ordnung da, in deren Dienst er sich hätte sicher fühlen können, venu er ist aus dem Chaos entstanden. Er war sich selbst Gesetz und Ordnung. Die Revolution hat ihn ans dem Ge- Ängnis befreit, hat ihm Weib und Kind zurückgegeben. Er hat in sich die, Kraft gefunden, um die Gefängnisse von neuem zu bevölkern, um Weiber und Kinder verwaisen M lassen. Zur Zeit, als die Revolution noch nicht verhaudlungssähig war, als noch keine Diplomaten ihr den Rang abliefen, als noch niemand wußte, was der morgende Tag bringt, war er der einzige tatsächliche. Machthaber Rußlands. Denn er hatte Macht über das Blut, das die anderen durchtvateu mußten, um aufs Trockene zu kommen. Andere hatten Anwandlungen von Schwäche, heuchelten Humanismus, markierten Begeisterung. Er staud wie ein ehrlicher Schlächter im Dunkeln seiner Kasematten und machte alles nieder, was nicht Parieren wollte, ja, was nur den Verdacht erweckte, daß es nicht parieren -wollte. Anderen graute vor seiner Tat, und manche Hand, die die seine berührt hat, griff heimlich zum Taschentuch, um sich reinzuwifchen. Er allein blieb unerschütterlich. Sein Gewissen war rein. Er hatte vielleicht einen einzigen überzeugten Anhänger: sich BerWtte Minräch Weininger Bet., Opernring 1—3 Wegen verspätetem ©Mengen unserer zweiten Musterkollektion ms London sehen wir uns veranlaßt, noch eine anzusetzen Zum Verkaufe gelangen: JdJÄto,!. durchwegs Modelle Schöpfungen erster Pariser und Wiener Künstler, zu Ausstellnngs- und Modeschauzwecken cmgefcttigt Nie wieSerkehrrude Gelegenheit zum ©inkauf von wirklich feinem Pelzwerk in noch nie gezeigter Ausführung und Billigkeit 3-JS Dzerschinski hat selbst.den Weg gewählt, den er ging. Man wußte nichts von ihm, und er hat sich durch gar nichts bemerkbar gemacht, bis ma-n ihn im Oktober 1917 zum Kommandanten des Smolnji ernannte. Ein bescheidenes, fast unscheinbares Amt. Aber' eines Morgens -wurde plötzlich jeder Besucher des Smolnji angehalten, ans die Kommandantur geführt, dort einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen. mitunter sogar einer Leibesvisitation. Einige bekamen neue Passiersch'e.in>e, anderen wurde der Zutritt zum Smo-luji untersagt, viele in Gewahrsam genommen und in die Verließe des Smolnji geschickt. U-e'berall wurden Wachen ausgestellt, man konnte sich nicht mehr i-m Smolnji bemagien. ohne das be'kleninvende Gefühl zu haben, daß man ‘oon einem Netz von Spionen umgeben sei. In der Kommandantur waltete ein schlanker, blonder Mann mit Hellen, offetven Angen und gewinnendem Lächeln. Er machte einen überaus sympathischen Eindruck. Man mußte, sich seinen Namen m-erken. Dann kamen Nachrichten von entdeckten Berschwölnn-gen, vereitelten. Attentaten, von allerhand gegemevosutiouärem Donner und Doria. Dzerschinski brachte sie, durd) die Hand Dzerschinskis gingen sie, Dzerfchinskis Umsicln vereitelte sie. Jeder Tag brachte neue Kunde von MN.erirdischen Gefahren. Aber der Kommandant des Sinolnji wachte. Er hatte sich unter der Hand eine Schar ir.k'’:ey,a- Untergebener aus-gebildet und durchsuchte aus Faust Petersburg wie seine Westentasche. Jeden Vit kehrte er mit neuer Beute von seinen Streifungen Er brauchte nicht sich besonders auszuweisen: der bewaffneter Rotgardisten und eine vorgehaltene SMderaugedote: PÜMÄitel . . Lon K. 3.888.888 BelzjaSen ... von K. 1.888.888 Hunderte Füchse von K. 889.888 Hmen-AMyelze u. PchWos von K. 1.888.888 MvSrtt Bttkli«! iinuntfcfrorfifu nun!l fiis 8 llfir Mäins-erpistolo genügten. Immerhin ließ er ein Petschaft bestellen, ans dem man lesen konnte: „Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Koint-errevolntion." Russische Abkürzung: „Tsche-Ka". Damals machte er noch kurzen Prozeß. Mes ringsum ivar unsicher, zum Verhören hatte man keine Zeit. Verdächtig? An die Wand! — Dzerschinski nahm viel aus sich, aber er wollte >das vor seinem Gewissen verantworten. März 1917 siedelte die Regierung nach Moskau über. Mit ihr Dz-erschinski. Doch nicht mehr mit de.m harmlosen Titel des Kommandanten, sondern als auerkauuter Polizcichcf. Er sollte den neuert Regieru-ngssitz sicher stellen, die Stadt von verdächtigen Elementen säubern, für die persönliche Sicherhejit der Regierenden hasten. Seine Kommission wurde unmittelbar dem Rat der Bolkskommissäre ange-- gliedert und unterstellt. Sie hieß nur mehr die Allritssische Außerordentliche: We-Tsche-Ka. Nach den. Petersburger Erfolgen hatte man zu Dzerschinski volles Vertrauen. Und er machte sich mit erneutem Eifer an die Arbeit. Lubjauka 18 -wurde das Haus der Bersicheru-ngsgescllschaft „Rossija" rc§uiriert. Ein geräumiges Haus mit vielen Seiiengängen, Verließen, Dachkammern. Man konnte sich bequem machen. Aber die Arbeit mehrte sich. Bald kaut ein anderes Haus hinzu, schräg gegenüber: Lnbjanka 21. Auch das reichte bald nicht mehr aus. Die We-Tsche-Ka breitete sich aus, als ob sie ganz Moskau umfassen wollte. Alle Nachbarhäuser wurden belegr. Neu-; Arrestlokale in den Vvristädten eingerichtet, ganze Gefängnisse speziell für die Bedürfnisse der We-Tsche-Ka bereitgehalten. Rußland schrumpfte immer ntehr ztrsammen, ein Teil nach dem anderen siel ab, alle Verbindungen waren abgeschnitten, nur noch ein -Rumpsimperinm verblieb in Lenins Botmäßigkeit. Das Reich Dzerschinskis wurde dafür mit jedem Tag größer. * Wer waren die Werkzeuge seines Willens? Entlassene Sträflinge,, begnadete Banditen, ehemalige Geheimpolizisten, hemntergeLmmiene Dirnen, frühere Gerichts beamte, — alle zog er zn sich heran, alle schmolz er in Blutgemein schaft zusammen. Er wußte, «daß sein Werk schmutzig sei, wenn es auch gleich für eine -heilige Sache geschähe — und die Hände, die er brauchte, konnten nicht schmutzig genug sein. Er hat unter seinen Untergebenen furchtbare Musteru-ng gehalten. Er wußte, wer sie waren und wessen sie sind. Trieb es e.iner zu bunt, wurde er ohne viel Aufsefeittgt. Nützte sich einer ab, machte man ihm ebenso geräuschlos den Garaus. Lehnte sich einer auf, mußte er ebenfalls daran glauben. Sie dursten stehlen, morden, notzüchtigen — nur die Revolution, das heißt der Dienst sollte darunter nicht leiden. Dzerschinsu selbst überwachte alles, wußte in allem Bescheid, kannte sich in jedem seiner Mitarbeiter gründlich aus. Welrh-r Mittel wandte er an, um ans Ziel zu kämmen? List, Bestechung, ProvokaÄou, Gewalt, Erpressung, Ueberredung, Einschüchterung, Betrug: alles schien erlaubt und geboten, vor nichts scheute er zurück. Grauenvolles begab sich um ihn, er blickte mit derselben ehrlichen Offenheit in die Welt mi«b behielt dasselbe gewinnende Lächeln. Tat er denn -dasjenige, was er tat, um seines persönlichen Vorteils willen?. Lebte er denn nicht mit puritanischer Bescheidenheit? Gönnte er sich denn Ruhe? Die anderen wollen reg-ieven, wollen ihr Reich der zukünftigen Glückseligkeit ausbauen! Gut, -muß aber nicht jemand -da sein, der sie schützt? Ist denn der Einsatz ihrer Ziele nicht hoch genug, damit sie jemand finde, der ihnen den Weg ebnet? Aus seinem Wege gab es kein Zurück mehr. Die Diktatur, der er diente, konnte sich nicht anders als durch Gewalt und Schrecken behaupten. So mußte er Gewalt ausüben und Schrecken verbreiten. Er brachte es so weit, daß sein Name nur flüsternd genannt wurde. Alles, was wir in der Geschichte von einem Torqnämada oder Herzog Alba mit einigem Skeptizismus gelernt haben, wurde in ihm lebendig als greifbare Wirklichkeit. In seinen Gefängnissen herrschten Huugex, Typhus, Notzucht. Die Verhöre seiner Untersuchuugsrichter dauerten monatelang, von einer Nacht zur anderen wie endlose Reihe qualvoller Alpdrücke. Er Unterzeichnete Todesurteile, ohne hin-zusehen, wie der Arzt, der eine geläufige, harmlose Rezeptformel au-fs Papier bringt. Aus seinem Kabinett führte sin dunkler, seltsam gewundener Gang irgendwohin -in die Tiefe. Gar mancher wurde durch diesen Gang geführt. An ei-ner Windung wartete das Schicksal. Ein Lette, Finne oder Chinese stand da — unsichtbar — mit dem Browning in der Hand. Wer vorbei ging, spürte plötzlich etwas Kaltes an der Schläfe. Im Aufleuchten des Schusses ward ihm noch mitunter -die letzte Vision der grinsenden, asiatischen Visage, die ihn ins Jenseits beförderte. Dann war alles aus. Es heißt, daß Dzerschinski noch das Krachen des Schusses hörte, als er dem diensttuendenen Beamten den Befehl gab: „Lassen Sie den Nächsten herein." * Was in dem Menschen Dzerschinski ausfäut, ist Freiheit von jeglicher Pathetik. Es fällt ihm nicht ein, sich irgendwie in Pose zu werstn. Er beruft sich auf keim Reminiszenz aus der französischen Revolution von 1789, führt nicht das große Wort und hat nicht die mindeste Lust, als Robespierre oder Marat aufzutreten. Er übt seine Funktion mit den: schlichten Beru-fs-eiser eines Beamten aus. Niemand, den die Partei >in die We-Tsche-Ka sandte, aus daß Dzerschinski auch ein paar an'ständige Menschen neben sich habe., konnte der Versuchung 'widerstehen, sich einen Anstrich dämonischen Uebermenschentums zu geben. Man' mußte sich die schurkische Betätigung mundgerecht machen, uw nicht aus dem seelischen Gleichgewicht zu kommen. Dzerschinski brauchte das nicht. Er war der Nüchternste Polizelchef, den eine Revolution je hervorgebracht. Im Vergileich zu ihm -erscheint uns heute Jos-es Fouche als Phautäst- und unausstehlicher Schwätzer. Leute, die er stuu-deNlang verhört hatte, erzählen, daß er einen peinigenden Eindruck aus sie gemacht habe — eben dadurch, daß er sich überhaupt keine Mühle gab, sie irgendwie zu überzeugen und zu rühren. Er gab sich wie ein einfacher Geschäftsführer des Klassenkampfes, versuchte erttweder zu kaufen odeg zu erschrecken. „Gewiß" — sagte er entern angesehenen Mitglied der Partei der sozialen Revolutionäre, idas nach.dem Aufstand in Jaroslaw in seine Hände gefallen war —, „gewiß, ich gebe es zu, Sie handeln aus den rei-nsten Motiven u-nd sind überzeugter Sozialist. Aber Sie sind u-Nser Fe-ind. Ich will es gar nicht versuchen, Sie durch Geld oder Berspr-echnngen M ködern. Silk sind sehr klug und wissen selbst, was es damit für «eine Bewandtnis hat. Laufen lassen kann ich Sie ebensowenig. Gefängnis? Bei Ihrer -Geschicklichkeit brechen Sie mir ja übermorgen aus. Schade, daß Sie nicht der Unsre sind. Laben Sie Wohl!" Zum Schluß ein Händedruck ttnd gewinnendes Lächeln. Dem es gesagt wurde, der wußte, «daß er nur -bis Mitternacht Wohl leben würde. Dzerschinski hat eine Zeitlaug die ganze dürftige Gerichtsbarkeit Sowjetrnßlands in seinen Händen vereinigt. Er war Untersuchungsrichter, Ankläger, oberstes Appellationsgericht und Henker in einem. Wohl gab es esu Justizkommissaviat mit einem Jnstizkommissär, der auf den Namen Kurski hörte. Aber ivas bedeutete sein schattenhaftes Dasein neben der Machtvollkommenhett Dzevschinskis! Der Mann, der ein weit verKveigtes Spitzelsystem organisierte, gvoßartige Provokateure im Solde hatte, allein alle gehe-imen Gegu-er des Bolschewis-m>us in Schach zu haltet: schien, war unantastbar. Er konnte tun uNd lassen nach Belieben.- Nun, es bleibe ihm unbenommen: er hat seine Macht zu persönlichen Zwecken nicht mißbraucht. -Was immer er auch tat. tat er um der Sache willen. Er hatte keine Liebhaberei, -war privaten Einflüssen vollständig unzugäug-ich: der wnstergültigste Beamte, den Rußland jemals hatte. Und als solcher vegiierte er nahezu vier .Jahre lang in Rußland. Er war die Kehrseite der Medaille. * Daun kam >das Unfaßbare: Dzerschinski zog sich zurua. Der rote. Terror batte, feine Schuldigkeit getan. Nu-n mellte der Bolschewismtls gesetzmäßig herrschen. Die We-Tsch-e.-Ka erhielt euren anderen Namen — „Politische Haupt!eitur.g" — G.--P.--U. — und versuchte, sich in rechtschaffencn l Reiche Auswahl neuester IbeizmeddSe In sämtl. Pelzarten - Pariser u. Wiener Geschmack vereint - erzeugt nur In eigenen Werkstätten, unter per». Leitung des bestrenommierten Inhabers der IFlrma ■nw^-rmwirnM mwnf ,> »\r