Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-10-26 · Heft 1688 (26.10.1923) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1688 (26.10.1923)
Date
1923-10-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980770--16569-3003495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

M. 1688 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung. 26. Oktober 1923 Seite 8 Sesterreich. Kmgreß für ein Palästina. Ar Palnftina-Anleihe. Aus New-Pork mvldet I. C. B.: Der amerikanisch- Kongreß hat eine feierliche Resolution beschlossen, in welcher „das hochherzige Schreiben des Präsidenten C o o l i d g e an den Kongreß, in dem der Präsident feilte Sympathie mit dem Ausbau Palästinas als jüdischen Nationalheims ausspricht", dankbar zur Kenntnis genommen wird. Mit Bezug auf die politischen Kundgebungen des Ka rl sb a de r Z i on ist e nko n gres ses erklärt die Resolution: „In voller Anerkennung der Schwierigkeiten, die die vornehme Aufgabe der englischen Negierung erschweren, ersucht der Kongreß die englische Regierung, alles zu tun, um die Fehler, auf die der Zionistenkongreß hingewiesen hat, gutzumachen. Ter amerikanisch-jüdische Kongreß fordert die Palästina-Regierung auf, mit der Ausschreibung der projektierten Anleihe zwecks Entwicklung der natürlichen Quellen Palästinas nicht länger zuzuwarten. Der Kongreß spricht das Vertrauen aus, daß die Anke i h e von den Inden in der ganzen Welt gestützt werden wird, sofern es klar sein wird, daß das jüdische,, nationale Heim aus der Anleihe gleichen Nutzen ivie die übrigen Bevölkerungskreise Palästinas ziehen wird." Gleichzeitig gibt der Kongreß gegenüber den A ra- .bern Palästinas seinem aufrichtigsten Wunsch nach Frieden, Vertrauen und brüderlicher Zusammenarbeit Ausdruck, damit der Wiederaufbau und die Neubelebung des zerstörten, vernachlässigten, Halbwüsten, aber höchste historische Bedeutung besitzenden Landes, in welchem die beiden Rassen wohnen, sich im Interesse der Zivilisation vollziehen könne. Ter Kongreß ersucht die Araber, in Rücksicht zu ziehen, daß über 1850 Jahre lang die .Hoffnungen und Gebete des jüdischen Volkes treu auf Palästina gerichtet waren, und daß die Rückkehr einer größeren Zahl Juden in dieses Land der Bevölkerung Segen bringen und eine Brücke zwischen Ost und West bauen wird. Der Kongreß vertraut, daß die Araber Palästinas^ ihüe jüdischen Stammverwandten brüderlich empfangen, in Anerkennung des Geistes ber Balfour-Teklaration, laut welcher sämtliche Teile der Bevölkerung Freiheit und Selbstverwaltung erhalten sollen. Endlich begrüßt der Kongreß alle Kreise der christlichen und mohammedanischen Welt, welche Interesse für das heilige Land hegen, und drückt den festen Glauben aus, daß I e r u s a l e m noch in unseren Tagen als Zentrum des Weltfriedens für alle Völker aufgebaut werden wird und daß die Finsternis, welche heute die Entwicklung der Zivilisation bedroht, verschwinden und die Völker zum Wohle der Menschheit einträchtig Zusammenarbeiten werden. Für die Juden in Europa, gegen den Numerus clausus. Ter Kongreß hat beschlossen, zur Prüfung der Lage der jüdischen Bevölkerung in jenen Ländern, in denen sie Verfolgungen ausgesetzt ist, eine besondere Kommission einzusetzen. Ter Kongreß hat in'einer weiteren Resolution die gegen die Juden gerichtete B o y k o t t beweg u n g sowie die Agitation zugunsten der Einführung eines Numerus clausus für die jüdischen Studenten an den Hochschulen verurteilt und erklärt, der. Kongreß wersde den Juden, die in den verschiedenen Ländern einen harten Kampf für Gleichberechtigung und M i n d e r h e i t srechte führen, Hilfe bringen. . Ter Kongreß stellt mit Genugtuung fest, daß die neu». Konstitution in Rumänien den Juden Gleichberechtigung gewährt hat, andererseits aber spricht der Kongreß über die Exzesse und die Agitation gegen die jüdischen Studenten in Rumänien sein Bedauern aus und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung alle ihre Krä fte daransetzen wird, um die gegen die Juden gerichtet» Tätigkeit zu unterdrücken. Ter Kongreß hat endlich beschlossen, für eine Reorganisierung des Komitees der j ud i s ch e n Delegationen in Paris einzutreten und eine Sonderkonferenz der an.dieser Angelegenheit interessierten Organisationen einzuberufen. Zu leidenschaftlichen Debatten gab der Plan der Errichtung einer besonderen Körperschaft zur Fühmng der Erziehungsarbeit unter der. jüdischen Bevölkerung Anlaß. Die orthodoxen Elemente sprachen sich entschieden gegen diesen Gedanken aus. Der Vorschlag wurde an ein Komitee zur Prüfung überwiesen. * Der Präsident des Kongresses, Nathan Strauß, ist zum Ehrenpräsidenten, Rabbi Dr. Stephan S. Wise zum Präsidenten, George I. Fox zum Schatz- Judge Aaron Levy und Samuel Unterm her zu Vizepräsidenten, Reuben Brainin und,Josef Barende ß zu stellvertretenden Vizepräsidenten gewählt worden. Bernard Richards wurde wiederum zum Generalsekretär des Kongresses ernannt. ' Schwierige Wahlrechnungen. Noch immer sind die WalMehörden mit'der endgültigen Feststellung des Ergebnisses der am Sonntag stattgesuNdenen Nationalratswahlen nicht fertig. Sicher gewählt sind bisher: 79 Christlichsoziale, - 66 Sozialdemokraten, 9 Großdcutsche, 4 Landbündler. $lt Nielderösterreich erhalten die Sozialdemokraten ein Reiststimmenmandat, das mit dem Landtagsabgeordneten Du da besetzt werden wird. Nicht einmal in Niederösterreich sind noch alle Teilres-nliate feststehend. Im Viertel unter de:n Manhartsberg fehlen noch einige Wahlsprengel, die jedoch sehr vm Belang sind, da es sich darum handelt, ob zwei Ehristlichsoziale und ein Großdeutscher oder ein Chri.sti'ichsozialer und zwei Großdeutsche Reststimmenmandate echalten sollen. Noch verzwickter gestaltet sich die Berechnung im steirischen Wahlkreisverband, wo die Ehristlichsozialen verlangen, daß die 5090 Neststinrin.cn der Kärntner Einheitsfront ihnen gutgeschrieben werden. Gegen die Beteilung der Ba-uernbündler mit Nestist immenmaNdaten haben die Sozialdemokraten Einspruch erhoben, da sowohl in Steiermark wie im Burgenland die BanerckbüNdler für ihre Parteibezeichnung Untertitel gewählt hoben. Die KreiswalMchörde und die Hauptwcchlbehörde werden sich mit diesen Einsprüchen beschäftigen müssen, eventuell wollen die Vertreter des Wahlprotestes sogar bis z-um Versass-ungsgerichtshof gehen. Ae Schützenhilfe. In einer sozialdemokratischen Siegesfeier im zweiten Bezirk hat, wie die „Arbeiterzeitung" berichtet, Abgeordneter Eldersch unter lebhafter Zustimmung die ,-Schützenhilfe der Jüdischen Wahlgerneinschaft für die Christlichsozialen" einer scharfen Kritik unterzogen. Das ist also die Aufvcchterhaltnng der im Verlaufe des Wahlkampfes von sozialdemokratischer Seite erlfun denen Lüge, die um nichts wahrer wird, wenn sie jetzt Herr Eldersch ansnimmt. Es ist eine geradezu groteske Erfindung, die zu jenen Paßt, die ihre antijüdischen Plakate an alle Straßenecken angeschlagen haben. Sie haben alle Methoden der Lnegerei übernommen, und dazu gehört die Fälschung. Sie fälschen den Sinn des jüdischen Wahlkampfes, der doch nur um ein selbstverständliches Recht ging, und sie fälschen die Tatsachen, indem sie die jüdischen Wähler durch Drohungen oder erlogene Anweisungen der jüdischen Wählleitung an der Ausübung ihres Rechtes hinderten. Ein Beweis liegt jetzt vor. Die „Arbeiterzeitung" hatte am Montag auffallend viel von einem scherzhaften Aufruf gesprochen, der am Sonntag von einigen humorbegabten Personen in der Leopoldstadt verbreitet worden sei. Dieser in blauen Lettern auf weißem Grund gehaltene Ausruif sah so aus: Juden! In letzter Stunde rnfen wir Euch! Die bisherige Abstimmung hat ergeben, daß die Jüdische Wahlgemeinschaft trotz aller Bemühungen leider kein Mandat erlangen kann. Alle Stimmen kämen daher den antisemitischen Parteien zugute. Wir fordern Euch daher auf, ungesäumt Kur Urne zu gehen und für die sozialdemokratische Liste zu stimmen. Das Jüdische Wahlkomitee. Wir sind diesem ,Dchevz", der leider viel Schaden angerichtet hat, nachgegangen und können jetzt das Folgende Mitteilen: Ein jüdischer Wähler ließ am Sonntag nachmittags zwei Personen, welche diesen Aufruf verteilten, von der Wache aichalten und zum Kommissariat stellen. Dort erklärten die beiden, der Installateur Karl Rnzicka und der Buchbinder Ernst Meier, dem vernehmenden Beamten, dem Polizeirat Musil, sie hätten die Zettel von der sozialdemokratischen Bezirksorganisation mit dem Auftrag erhalten, sie sofort in Mengen zu verteilen. Wir stehen nicht an, gegenüber Herrn Eldersch diesen Vorgang als Schützenhilfe für .den Geist der Luegeve>i einer scharlfen Kritik zu unterziehen. knde der Mttgleit der Beraters SchMer. Die „Prager Presse" meldet aus Wien: Der Oesterreichischen Nationalbank ist bekanntM) ein Berater in der Person des Herrn Schnyder von Warteusee, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank in Bern, zngeteilt worden. Der Urlaub Schnyders erreicht mit 1. Dezember fein Ende und er hätte zu diesem Termin seine Tätigkeit in Bern wieder aufzunchmen. Eine Verlängerung seiner Beratertätigkeit'in Wien käme nur -dann in Betracht, wenn die österreichische Regierung eine Verlängerung des Herrn Schnyder gewährten Urlaubes erbitten würde. Es ist aber sehr fraglich, ob sie einen solchen Schritt beim Schweizer Bundesrat unternehmen wird, zumal es in Wiener Finanzkreisen kein Geheimnis ist, daß sich irrt der letzten Zeit zwischen der Leitung der Oestcrreichischen Nationalbank und Herrn Schnyder nicht unerhebliche Reibungen und Unstimmigkeiten ergaben, Lei welchen nach Ansicht der Fachleute das Recht und die bessere Einsicht keinesfalls durchwegs auf seiten des Herrn Schnyder zu suchen ist. Die Leitung‘ der Oesterreich ischen Nationalbank, an deren Spitze der ehemalige Finanzminister Dr. Reisch, ein ganz hervorragender Fachmann und Nativnälökonom, sowie der. als sehr tüchtig bekannte Dr. Braun stehen, genießt sehr große Autorität, und es scheint, daß die Kritik, die Herr Schnyder in verschiedenen Berichten an den Genevalkommissär - des Völkerbundes Dr. Zimmevman an einzelne Maßnahmen der Bankleitung geknüpft hat, nicht begründet war. Unter diesen Umständen erscheint es nicht ausgeschlossen, daß Herr Schnyder seinen Wirkungskreis bald verlassen -dürste. Lurch Reinheit zur kinheit. Kandl wirft Wolf hinaus. In der gestrigen Nummer des Wiener Hakenkreublattes veröffentlichte K. H. Wolf namens des' Deutschnationalen Vereins für Oesterreich — eine der vielen Gesellschaften von Vollbärten mit Hakenkreuz — einen Aufruf, in welchem er die Wahlniederlage der Großdentschen nicht als Wahlniederlage des völkischen Gedankens und des Rassengedankens gelten lassen will. Schuld an der Niederlage sei die unfähige Pa V t e ileitung und die verfehlte P art eipolitik. Jene müsse beseitigt, diese geändert weisen. Zum Schluß fordert Wolf alle Nationalgesinnten zum Eintritt in den Dentschnationalen Verein für Oesterreich auf. Der Vorstand der Großdentschen Volkspartei hat nun die hier folgende Erklärung beschlossen: Der Aufruf des Vereins der Deutschnationalen für Oesterreich (gez. K. H. Wolf) stellt einen schweren Bruch der Parteidisziplin dar. Wir überlassen das Urteil über dieses Vorgehen in var Oeffentlichkeit in dieser Zeit jedem redlich denkenden Parteigenossen. Es ist nicht das erstemal, daß der Verein der Deutschnationalen der Partei Schwierigkeiten bereitet und ihren Bestand' zu erschüttern bemüht ist. Das aus einem solchen Anlaß um der Parteieinheit willen abgeschlossene Uebereinkommen legt dem Verein ausdrücklich die Verpflichtung auf, daß die Mitglieder des Bereins, genau so wie alle anderen Parteimitglieder, an die Beschlüsse der berufenen Parteistellen gebunden sind, daß sie daher diese in der Oeffentlichkeit zu achten haben und dagegen abweichende Ansichten nur im Rahmen der berufenen Parteistellen vertreten werden. Die erwähnte Veröffentlichung ist somit auch ein Bruch dieses mit ihm abgeschlossenen Uebereinkommens. Damit hat .sich der Verein selbst außerhalb dev Partei gestellt. Der Parteivorstand hat daher einstimmig beschlossen, daß gemäß dem Absatz 3 des Parteigrnndgesetzes für Mitglieder der Großdentschen Volkspartei die weitere Mitgliedschaft beim Verein der Deutschnationalen für. Oesterreich unzulässig ist. Es ist selbstverständlich, daß sich alle Parteistellen mit dem Wahlergebnis zu beschäftigen haben werden. Es finden zu diesem Zwecke Verlrauensmännerversammlungen in Wien und den übrigeü Bundesländern statt. Ebenso ist für den 9. November, die Länderkonferenz und für den i.0. November die Reichsparteileitnng einberufen. Im Rahmen dieser zuständigen Körperschaften werden die schwebenden Fragen zur Entscheidmtg kommen. Für den Parteivorstand der Großdentschen Volkspartei: ' Kandl. S t raffn er. Wotawa. Weiter« MUlgans der Arbeitslostgkelt. Amtlich wird mitzgeteilt: Die Zahl der unterstützten Arbeitslosen hat in der Zeit von Ende September bis Mitte Oktober Zausenden Jahves einen weiteren Rückgang erfahren (von 79.956 auf 77.923). Angeuairswischerel. Budapest, 25. Oktober. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Unter den verschiedenen Vorbedingungen, welche dem Grafen Bethlen auf seiner letzten Auslandsreise für ein Eingehen in ernste Verhandlungen über die ungarische Auslandsaitleihe gestellt wurden, besago sich quch die Forderung, daß die öffentlichen Angestellten 'aus den G eh e imorganisativnen, denen sie als Mitglieder angehören, und in welchen sie sich durch besondere Eide und Gelöbnisse für die Sonderaktionen dieser Gesellschaften gebunden hatten, austreten müssen. Lange zögerte Graf Bethlen mit der Erfüllung dieser Forderung. Da dies aber die inzwischen! weiter geführten diplomatischen Aktionen ungünstig beeinflußte, entschloß sich der ungarische Ministerpräsident endlich zur Herausgabe eines solchen Erlasses. Darin werden die öffentlichen Angestellten aller Kategorien unter Androhung von Disziplinarstrafen, aufgefordert, ihre etwaigen Verbindungen mit Organisationen, Vereinen uijd Gesellschaften, deren Mitglieder besondere Eide oder Gelöbnisse zu leisten haben, unverzüglich zu lösen. Der Erlaß v e r- Bietet den öffentlichen Angestellten auch die Mitgliedschaft in solchen Vereinen,, bereit Statuten nicht die Genehmigung der Regierung erhalten haben. In liberalen oppositionellen Kreisen wird dieser Eclaß wohl iw allgemeinen begrüßt, aber gleichzeitig die.Befürchtung ausgesprochen, daß er praktisch unwirksam. bleiben wird, da die Regierung, wenn sie es mit diesem Verbot ernst meinte, es doch viel leichter hätte, die sogenannten. g e h e i in e n O r g a n i s a t i o it e n, deren Existenz für niemandem ein Geheimnis ist, tatsächlich auszulösen und ihre Archive zu beschlagnahmen. Aber selbst wenn, der Erlaß in seinev gegenwärtigen Fassung zur Ausführung käme, bliebe der gefährlichste Geheimbnnd, der Verband der E rwachende n Ungarn, von ihm völlig unberührt. Dieser Verband besitzt von der Regierung genehmigte Vereinsstatnten. Wohl wurde die Verbandsleitung schon vor längerer Zeit aufgefordert, neue Statuten vorzulegen, doch, ist dies bisher nichtgeschehen. * ■ '_ Am besten u. billigstenÜfe^m SiiSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-78 ■n grot ln detail

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.