Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1686 (24.10.1923)
- Date
- 1923-10-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1686 Men, Mittwoch Nach den Wahlen. I D« stitMe StimmenrWachr bei der Mische« Wahlsemelnschast. Die große Abstimmung, die am Sonntag stattfand, ergtiibt für Wien,.daß die Sogiualdemokra t en einen Stimmenzuwachs von 80,1 Prozent, die C h r 'ist l i chsvzialeu einen solchen von Id,8 Prozent und die Jüd i sche W ah I g e m e lins chast einen solchen von 35,7 Prozent erhalten halben. Die Groß deutschen haben 13,4 Prozent und die Bürgerlichen Demokraten 63 Prozent verloren. Diie Jüdische Wahlgemeinschaft hat somit den stärksten Stiimmenzuwachs zu verzeichnen, obzwar sie durch das Wahlgesetz und durch die fieberhafte Terroragitaition der Sozialdemokraten und durch Renegatentum in die übelste Position godränigt worden war. Da die ziffernmäßigen Ergsbnisse der Nationalratswahlen noch immer nicht abgeschlossen vorliegen, sind Korrekturen des waWatistischen Bildes noch immer möglich, aber kaum mchr so wesentlich, daß sie das Resultat beeinflussen. Es wurden in Wien von insgesamt 1,140.323 (517.397 männlichen und 622.926 weiblichen) Wahlberechtigten 1,006.808 Stimmen abgegeben, mithin eine gültige Wahlbeteiligung von 92 Prozent gegen 83,5 Prozent im Ja!hre 1920 erreicht. Im ganzen Bundesgebiet wurden rund 1,670.000 bürgerliche und 1,193.000 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. Gewählt wurden in den Natwnalvat: Im Wahlkreisverband Wien 16 Christlichsoziale, 27 Sozialdemokraten, 2 Großdeutsche; in Niederösterreich 20 Chvistlichsoziale, 14 Sozialdemokraten, 3 Großdeutsche; im Verband Obevöstevreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg 27 Christlichsoziale, 10 Sozialdemokraten, 4^Großdeutsche; im Verband Steievinavk, Kärnten und Burgenland 18 Christlichsoziale, 16 Sozialdemokraten, 3 Großdeutsche, 6 Lcmdbündler, insgesamt also 81 Christlichsoziale, 66 Sozialdemokraten, 12 Großdeutsche und 6 Lciudbündler. Es ste-hen somit der Regierungsmehrheit von 99 Mitgliedern 66 sozialdemokratisch Oppositionelle gegenüber. Dem neuen Nationalrat wird Dr. Friedrich Adlör nicht m e h r . angehöre n. Er wurde -von seiner Partei bei der Hauptwahl bereits an einer ziemlich aussichtslosen Stelle kandidiert, könnte aber, wenn der Listenführer seines Wahlkreises, Widholz, ein Neststimmenmandat annimmtp noch immer einen Sitz im Nationalrat erringen, doch hat er darauf verzichtet, da er als Sekretär der Zweiten Internationale dauernd nach London übersiedelt. Ferner wurden in der Hauptwrhl, wie ^berichtet, die Abgeordneten All in a, Austerlitz, Schulz und Zelenka nicht wicdergewä'hlt.. Allina, Austerlitz und Schulz werden Mandate erhalten, da die Listenführer Glöckel, Sever und Dr. Bauer sich für die Annahme von Reststimmenmandaten entscheiden Werden. Abgeordneter Zelenka soll auf die Weise ein Mandat bekommen, daß Frau AdeGeid Popp, die sowohl in Wien wie in Oberösterreich gewählt' wurde, aus ihr Wiener Mandat verzichtet und Zelenka auf der Liste nachrückt. Die Landtagswahlen im Bürgen!and, in Steiermark und Kärnten haben ziemlich wichtige Resultate ge» zeitigt. Im Burgenland sind die Sozialdemokraten von der ersten Stelle an die zweite gedrängt worden, ebenso in Kärnten. In Steiermark ha'ben sie sich behauptet, doch hüben die Christlichsozialen drei Mandate Md damit die absolute Mehrheit gewonnen. Durch diese Ergebnisse tritt im Bundes- ' rat, bisher 25 Bürgerliche gegen 24 Sozialdemokraten, eine Aendevung ein, indem 27 Bürgerliche 23 Sozialdemokraten gegenüberstehen. : l Don Interesse dürfte sein, daß im Kärntner Landlag auch zwei Slow ert c tt sitzen 'werden; die Hakenkreuzler, die hier trotz des Salzburger Abstinencheschlnsses ihr antiparlamentarisches Programm ausgäben, erzielten von 166.000 Stimmen 4563 und ein Mandat. Im Wiener Gemeinderat, dem bei der Lage und Größe des Verwaltungsgebietes besondere Bedeutung zukommt, und der auch als Landtag füngiert, steigern die Sozialdemokraten ihren Besitz von 60,6 Prozent aus 66 Prozent, die Christlichsozialen von 30,3 aus 34,17 Prozent. Diese Verteilung ergibt sich aus dem hohen Stimmenzuwachs, der wieder mit der außerordentlich starken WalMeteilignng zusämmerchängt. Diesen Parteien folgen die Großdeutschen mit 53.296, die Jüdische Wahlgemeinschaft mit 24.884 gültigen, die Czernin-Demokvaten mit 18.872, die Kommunisten mit 13.559, die Tschechisch-Bürgerlichen mit 7017 und die monarchistische Wolfs-Partei mit 1442 Stimmen. Der Hauptteil der Monarchisten (Schageir-Wense-Grnppe) ist bei den Christlichsozialen versteckt und wird ein Nationalrats-Mandat, das auf den gewesenen Gesandten Wense entfällt, erhalten. Im Gemcinderat sitzen demnach 78 Sozialdemokraten, 41 Christ! ichsoziale und 1 Vertreter der Inden. Der Rationalrai dürfte in der Mitte des Monats November zur Konstituierung zufainmentveten und hiebei auch Neuwahl der Regierung vornehmen. Die Vechandlungen des Bundeskanzlers Seipel mit den Parteiführern werden schon in den nächsten Tagen beginnen. Auch der Wiener Gemeinderat dürfte sich um den 10. November herum versammeln und sich konstit.me.ren. Zum Bürgermeister soll statt des resignierenden Herrn Reumann Herr Seitz gewählt wer- ^den. Im Stadt'senat ist keine Tlendeimng eingetreten. Koalition oder Rekonstruktion? , ungünstige Wahlausgang hat unter den Groß-' deutschen böses Blut gemacht, und in einigen dieser Partei nahestehenden Blättern wird der Gedanke erwogen, ob die Großdeutschen, aus diesem Debakel nicht die Konsequenzen Wiener Morgenzeitung. §e§en FUSSLEIBEN jeder Art Kostenlose Vorführung durch den aus London eingetroffenen Fachmann W3 morgen Donnerstag, 25. u. Freitag, 26. Oktober fim Schulitmta „Salamander“ XX., Wallensteinstrasse Nr. 14 ziehen und ihre Leiden Minister Dr. Frank und Doktor S ch ü r f f aus der Regierung austreten sollten. In diesem Fälle müßte natürlich das Kabinett Seipel rekonstruiert und die beiden freiwerdenden Ministecsitze mit Christlichsozialen besetzt werden. Die großdeutschen Führer, vor allem Dr. Frank und Dr. S ch ü r f f, sind für das Verbleiben des nationalen Blocks in der Regierungsmehrheit. Das letzte, Wort in dieser Angelegenheit wird schließlich die großdeutsche Parteileitung zu sprechen haben. Mit einer Nengruppierung im Nationalrat, etwa im Sinne eiher Wiederausrichtung der schwarz-roten Koalition, ist vorläufig nicht zu rechnen. Bei einer sozialdemokratischen „Siegesfeier" in Floridsdorf äußerte sich hierüber Präsident Seitz u. a., vor allem müsse man den Bundeskanzler Seipel loben. Wenn er es sich zum Ziel gesetzt habe, alle anderen bürgerlichen Parteien auszurotten, sie ihrer Mandate zu berauben, und ihre Wähler allmählich in das christlichsoziale Lager zu führen, so sei ihm dieses zu einem großeil Teil bereits geglückt. Im Parlament sei die bürgerliche Mehrheit w i e d e r h e r g e st e l l t. Daß die Großdeutschen und die Bauertt 1)ünbIer aus der Majorität und damit aus der Regierung ausscheiden, sei trotz ihrer eklatanten l^x^^ge unwahrscheinlich. Die führenden Männer beider Parteien werden.sich gegen ein solches Begehren ihrer Anhänger gewiß zur Wehr setzen, man könne aber auch nicht bestreiten, daß es nach ihre^ Stellung zu Genf, die sie in der Wahlbewegung noch bekräftigt haben, nur folgerichtig sei, wenn sie auch weiter in der willenlosen Gefolgschaft christlichsozialer Führer verbleiben. zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt. Morgen Donnerstag -en 25. 8 Ähr abends» im Safö Fetzer» 2. Dez.» Pralerftratze 8, BoNrag Dr. Plafchkes: „Mag zn de« Wahlen". Demokratie und „Arbeiterzeitung". Die „Arbeiterzeitung" ärgert sich, daß es der Jüdischen Wahlgem inschaft nur „fast" so schlimm wie den Czermn- Leuten ergangen ist. Der Wahlab-tveiftungsapparat hat eben doch nicht so gut funktioniert, wie dies beabsichtigt!war. Die jüdische Vertretung der Leopolldstadt für den Geme-inderat konnte in Sicherheit gebracht werden. Daß das Resultat nicht größer war, das ist den Anstrengungen der Sozialdemokraten und der von ihnen zu diesem Zweck tolerierten Voale-Zion zuzufchveüben. Immerhin wurden für die Jüdische Wahlgemeinschaft nlohr als 24.ÖÖ0 Stimmen albgegeben. Das ergäbe —.sagt die „Arbeiterzeitung" — noch immer nicht die zu!r Erlangung eines Mandats nötige Stimmenzahl. Darauf ist die „Arbeiterzeitung" und ihre Partei eben so stolz, daß das so demokratische Wahlrecht einer so ansehnlichen Wählergruppe die Vertretung raubt. Das ist ja der Skandal dieses Wahlgesetzes und es tut .' unserem Werturteil keinen Abbruch, daß zum Beispiel die Großdeutschen mit ihren 54.000 Stimmen ebenfalls ohne Mandat in Wien geblieben sind. Wir sind als Demokraten der Meinung, daß ein Wahlgelsetz eben alle in der Wählerschaft bestehenden Strömungen zu erfassen und zum Ausdruck zu bringen hat. Die „Arbeiterzeitung" ist freilich vom rage du nombre, vom Zahlen-wahnsinn besessen und in ihrem Haß gegen alles Jüdische, der sie'jetzt schon zu einem absolut aussichtslosen Stimmenfang unter den Demokraten begeistert, um jede billige Einsicht gekommen. Der ehemalige Reichskanzler Wirth in Wien. Wie wir erfahren, ist dieser Tage der ehemalige deutsche Reichskanzler Dr. Wirth in Wien einge troffen, wo er an Besprechungen bei verschiedenen privaten Freunden und Bekannten t'ilnahm. Bei einigen dieser Konferenzen waren auch österreichische politische Persönlichkeiten zugegen. Dr. Wirth verläßt morgen Wien. 24. Okobter 1923 _ Seite 9 Handelverttagsverbandlunge« mit Belgien. Gegenwärtig tagt, wie bekannt, in Genf sine internationale Zollnub Handelskonfevenz des Völkerbundes» bef der Oesterreich, ltach Mitteilung der Korrespondenz .Herwei, durch den Srktionschef Dr. Schüller vertreten ist. Die österreichische Regierung hat diese Gelegenheit benützt, um zur gleichen Zeit ihre handelspoliMchen Besprechungen fortzuführen, und es finden in Genf während dieser Zollkonfevenz Verlhandlu'ngen mit den Vertretern der b c lgischen Reg i erung wegen Abschlusses eines Handelsvertrages zwischen Oesterreich und Belgien statt. Der Abbau der Beamtinnen. Das Kcmite.e der weibliche>n Angestellten in Staar, Land und Gemeinde hat in seiner dieser Tage abgehaltenen Sitzung die Klagen besprochen, die insbesondere, aus den Kreisen der Bahnbeamtinnen gegen den Abbau kommen, der mit voller Wucht gegen die weiblichen Angestellten gerichtet sei. Es wurde, eine Resolution gefaßt, rn welcher die weibüchm. Angestellten sich dagegen verwahren, daß .der Zwangabbau in erster Linie gegen Frauen angewendet werde. Die Gleichberechtigung müsse auch beim Abbau gelten. __ Tschecho-Slowakei. Masaryk in England. London, 23. Oktober. Vor seiner Abreise nach O x« f o r d empfing Präsident Masaryk heute 'mehrere Journalisten, vor denen er erklärte, daß sein Besuch unter anderem den Zweck habe, seinem Wunsche Ausdruck zu geben, daß die Entente aufrechterhalten bleibe. Europa sei durch den Krieg zum Teile demoralisiert wordendeshalb habe der Präsident schon iit Paris die Ansicht ausgesprochen, daß er glücklich wäre, wenn die Entente chre Arbeiten auch nach dem Kriege fortsetzen könnte. Die Tschecho-Slowakei halte zn,m Völkerbunde, aber dieser habe bisher nicht die notwendige Autorität und müsse deshalb von der Entente unterstützt werden. Weiters erklärte derz Präsident Masaryk, er habe einen Vorschlag, der das europäische Zusammenarbeiten verwirklichen würde, aber bisher habe er ihn niemandem vorgelegt, weil er abwarte, wie sich die Dinge entwickeln werden. Betreffs Deutschland erklärte der Präsident, er glaube nicht, daß die Ge sah r eines v oll komme neu Zerf alles bestehe.. Masaryk — Ehrendoktor von Oxford. Prag, 23. Oktober. Das tschecho-flowakische: Preßbureau meldet aus London: Heute fand in Oxford in althergebrachter Form die Promovierung des Präsidenten Masaryk zum Ehrendoktor der Universität Oxford statt. _ Ungarn. Die ungarisch-tschecho-flawatischen Verband« langen. Budapest, 23. Oktober. (Ung. Del.-Korr.-Bur.) Die ungarisch-ts che ch o-slowakis chen Verhandlungen >haben haute vormittags mit einer im Ministerium des Aeußern abgehaltenen Konferenz begonnen. Gesandter Wodrauer begrüßte die Mitglieder der tschecho-stowakischen Delegation, in deren Namen .Ministerialrat Vellner erwiderte. Die Konfereng vereinbarte sodann, daß die auf die S t a a t s b ü r g e r f ch a f t, die gegenseitige Rechtshilfe, die Archive und die damit zusammenhängenden Fragen bezughabenden Beratungen in S u bkommissionen gepflogen werden sollen. Diese. Subkommiffionen wurden sofort gebildet und werden bereits morgen ihre Arbeiten anfnehmen. 8s hat stch Mts geSndert. Budapest, 33. Oktober. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Am letzten Smlniag fanden in mehreren Provinzstädten Vollversammlungen statt, in denen die Wgeordneten der einzelnen Parteien zu dem neuen angMich liberalen Kurs der Regierung Bethlen Stellung nahmen. Am treffendsten kennzeichnete der Mg. Julius Peidl in seiner in Szegedin gehaltenen Rede die gegenwärtige politische Lage in Ungarn. Er sagte u. a.: Die letzte große Rüde des Grafen Bethlen in Szolnok wird von einzelnen bürgerlichen Blättern als eine N e u o r i e n t i e r u n g der Regierung nach links beurteilt. Das entspricht jedoch durchaus nicht den Tatsachen, .denn im Regierungssyste-m hat sich nichts geärgert. Das einzige was geschah, ist, daß die Rassenschütziler ans der Regierungspartei austvaten, während sie noch vor ganz kurzer Zeit gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern dieser Regierungspartei ihre sogenannten individuellen Mtionen machten, in den geheimen Ge s e l 1 s ch a s t e n zusammen tätig waren und die gemeinsame Parole Lusga'ben^ und befolgten: ,Haut die Inden!" Die Rassenschützler haben durch ihren Austritt dem Grasen Betylen rmr einen Gefallen erwiesen, weil er dadurch eine Zldresse hat, an tvelche er seine Politik des goldenen Mittelweges richten kann. Man spricht von einer bevorstehenden und zum Teile bereits eingetretenen Konsolidierung der Verhältnisse. Man sagt, daß es nrrnnwhr unniü glich sei, Juden zu foltern und zu kreuzigen, und daß die geheimen Gesellschaften aufgelöst werden. Aber diese Redensarten sind nur für das Ausland geprägt worden. Wir hörten es doch erst vor üvenigen Tagen aus dem Munde deS Ambesten ».billigsten mmmmmmmmmmmmmmmmmumammmmmmmmmmmmmmmmm kaufen lllaren- S5e äm haus ArSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1 «78