Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1686 (24.10.1923)
- Date
- 1923-10-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Mt I " Wien, Mittwoch Entlassung aller Arbeiter im Rnhrgebict. Berlin, 23. Oktober. Das Wölfische Bureau meldet «ttS Essen: Die Gesamt i«dustrie, mit Ausnahme der Bergwerke, hat gestern ihre Arbeiter entlassen und den größten Teil der An gestellte n zum 1. November gekündigt. In den Bergwerken des ganzen besetzten Gebietes, auch aus denen, die für Holland und Italien arbeiten, werden in dieser Woche zwei Feierschichten eingelegt. Generalstreik in Oberschlesien. Beuthen, 33. Oktober. Aus einer großen Anzahl dberschlesischer Gruben ist die Belegschaft im Ausftand. - Die Bergleute fordern infolge der Lebensmittelteuerung eine erhebliche E r h ö h u n q des Schichtlohnes. Eine Arbeiterabordnung hat sich nach Berlin begeben, um mit den: Arbeitsministermm über die Forderungen zu verhandeln. Falls.die Verhandlungen günstig aussallen, soll die Arbeit morgen wieder ausgenommen werben, sonst soll der Generalstreik weitergehen. In der Nähe von Benthen streiken auch die Gruben Heinitz, Hohenzollern und Preußen. Generalstreik in Hamburg. Hamburg, 23. Oktober. Nach dem Scheitern der Verhandlungen haben die -Hafenarbeiter heute morgens die Arbeit nicht wieder ausgenommen. Die Arbeit im Hamburger, im Wtvnaer und im Harburger Hafen ruht fast vollständig. Kein Brot in Berlin. Berlin, 23. Oktober. Aus dem Büttner Lebensmittelknarkt setzte heute erneut eine stürmische Auswärtsbewegnug der Preise ein. Eine V e r d o p p e l u n g d e r Milliardenpreise war die Regel. Die Schwierigkeiten der Brotversorgung der Berliner Bevölkerung wird immer größer. Vor den Bäckerladen, die zum großen Teil wegen Mehlmangels geschlossen sind, stehen Hunderte von Menschen. Viele kleinere und mittlere Bäckererbetriebe können wegen der rapid gestiegenen Mehlpreise die Mittel zum Mehleinkauf nicht mehr aufbringen. Kein Devisenhandel in Bayern. München, 23. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeikung".) Ter Generalkommissär von Kahr hat den Devisenhandel eingestellt, so daß die Münchner Banken heute keine Devisen mehr wechseln konnten. London befürchtet den Zerfall Deutschlands. Paris, 23. Oktober. Wie dem „Echo de Paris" aus London gemeldet wird, rufe die Nachricht von der Ausrufung der Rheinländischen Republik in politischen Kreisen große Unruhe hervor. In der City und im Außengmt werde die Möglichkeit eines Zerfalles des Reiches als ernste Gefahr betrachtet. Man frage sich, ob in der englischen Zone der Berliner Regierung Schutz geleistet werde« würde. Die Gruppe, die für eine Politik der Abkehr Englands von Europa einiritt, verlange die Rücköerufung der englischen Truppen im Rheinlande. Besorgnisse in Italien. Mailand, 23. Oktober. (Tel. der „Wr. Mongenzeikung".) Die Gefährdung der deutschen Reichseinheit macht hier gewaltigen Eindruck. Besonders lebhafte Besorgnis äußert der „Corriere della sera", der schreibt: „Während viele englische, französische und belgische Politiker studieren, wieviel Deutschland bezahlen soll, verschwind d e t Deutschland und an seiner Stelle entstehen nuhrere Lander. In Frankreich werden sich nur wenige Leute über die Wiedergutmachnngseinkünfte der nächsten Jahre noch Täuschungen Hingebell können. Wenn sich nichts Besonderes ereignet, ist der Vertrag von Versailles schon heute eine h i st o r i s ch e E r i n n e r u n g. Die Gegenrevolution in Griechenland. Athen, 23. Ottober. (Havas.) Blättermeldungen zufolge seien die Gegenrevolutionäre aus dem Peloponnes von der Flotte eingeschlossen. Mehrere aufrührerische Garnisonen seien zum Gehorsam zurückgekehrt. Ann scheillend sei die Bewegung ans einige Provinzgarnisvneni des Peloponnes beschränk. Irr Regierungskreisen werde versichert, daß die Ordnung in 24 Stunden wiederhergestellt sein würde. Ministerpräsident Gonatas habe mit dem König eine lange Besprechung gehabt. Ein amtliches Kommunique gibt folgenden Mckblick über die Aujftandsbewegung: Die Bewegung, die ganz klar von den Anhängern Metaxas' geschürt wurde, war schon seit längerer Zeit bekannt. Heute nachts wurden neuerlich! etwa zehn Metaxisten, teils Militärs, teils Zivilpersonell,' verhaftet. Nach den letzten Nachrichten aus Saloniki sind die Meuterer unter Oberst Ziras zerstreut worden. Oberst Ziras ist geflohen. Ein Kommunique des Kriegsministeriums besagt, daß die in Skimatari, einer Eisenbahnstation an der Strecke Athen—Ehalcis, angesammelten Meuterer sich zerstreut haben. Die Offiziere sind in der Richtung auf Theben geflüchtet, verfolgt von den Regierungstrupperl. Das Kommunique bestätigt auch die Auflösung der in Katerina befindlichen 'Grnvpe von Aufständischen, bereu Offiziere sich ergaben. __ ' Die» englische Reichrkouserenz. London. 23. Oktober. Das Reutersche Bureau meldet: Die Reichskonferenz hat gestern unter Vorsitz des Prernier- Ministers Baldwin die Frage der Reichs Verteidigung erörtert und beschlossen, die Verhandlmiaen g«* heirnzrrhalteL. Wierver Morserizeitunz. " 24. Oktober 1923 Nr. 168S Der amerikanisch-jüdische Kongretz. Soolidge für den Zionismus. — Der Kongreß als ftiindige Institution. — tzln Welttongrek für Palästina. — Für die Siechte der gnden in tzuropa. Wie I. C. B. aus New-Nork meldet, wurde der amerikanisch-jüdische Kongreß am 16. d. eröffnet. Der Präsident -der Bereinigte»» Staaten Coolidge richtete an den Kongreß ein Begrüßungsschreiben, in dem er den amerikanischen Inden seine Sympathie« ausdrückte. Die amerikanischen Juden handeln richtig, wenn sie bemüht sind, die Rechte ihr -er Brüder in allen jenen Ländern, wo diese Rechte gefährdet sind, zu sichern. Für die Bestrebungen der amerikanischen Juden, P a l ä st i u a u r» t e r dem b r i t i s ch e n M a ndat aufzu bauen, um dem heimatlosen jüdischen Volk dort stme alte He.»mat wieder herzustellen, hege der Präsident ein besonderes Interesse. Gegenüber der Behauptungen, daß die Beschränk u n g e v der Einwanderung nach Amerika mit besonderer Härte gegeil die Jude.n geübt werden und daß die jüdisthen Immigranten von den anlerikanlschen Konsuln oft ungerecht behändest tverden, erklärte der Präsident, feine Regierung loerde auch in de.r Zirkunft antijüdische Tendenzen in der Einstvanderuugs-- frage und in anderen Fragen niemals sanktionier c n oder dulden. Ter Präsident ist sicher, daß eine sorgfältige Untersuchung (falls eine solche notlvelldig lväre) der» Beweis bringen würde, daß diese angeblichen Beointrächtigungelr beit Tatsache.»» nicht entsprechen. Nach der Eröffnung des Kongresses hielt Israel Zangw'll srm: angMMtzte Rede, in 'welcher er erklärte. er könne nicht verstehen, wie diejenigen, die das englische Weißbuch akzeptiert haben, sich noch Z i o n i st e n llemlen dürfen, sofern sie nicht schon »»ach Palästina gillgen und sich der dortigen jüdischen Bevölkerung angliederu. Patriotismus der Ablvesenheit ist keine schätzeilswerte Tilgend. Die einzige Möglichkeit, Zionist zu sein, ist eben: in Zion zu sein. Das nationale Heim des jüdischen Volkes kann nur voll individuellen Immigranten ausgebaut werden, die bestrebt sind, im nationalen Heim des jüdischen Volkes zil leben. Es sei höchst unpraktisch, den Glauben zu erwecken, als ob der Keren Ha-jesiod die finanzielle Grundlage des nationalen Heimes schaffen könne. Größere Summen können nur aus dem Wege finanzieller Unternehmungen geschaffen wurden, wie sie seinerzeit von Herzl vorgeschlagen wurden — von Herzl, der sich das Haupt der zionistischen Bewegung niemals als einen ,Mnig der Schnorrer" vorgestellt 'hat und den Plan hegte, cinenl ^Souverän die Lebenskraft des Mischen Volkes als Entgelt für das Land vorzuschlagen und dem sein Kapital investierenden Publikum ein durch Mische Arbeitskraft entwickeltes Land als Sicherung seiner Kapitalien zu bieten. Laut diesem Plan bestand gar keine Notwendigkeit, daß das Kapital jüdisch sein sollte; noch 'weniger wollte -Herzl, daß diesem Kapital einen philanthrrpischen Tempel tragen solle. In »mserer Zelt ist die ll a 1 i o n a l e Anleihe die beste Grundlage einer nationalen Wirtschaft. Der politische Zionismus fei sogar in Polästlna zerstört worden und die Weizmann- Samuelsch» Politik der beständigen Konzess iouen stärke die arabische Position. Ein Mischer Staat sei in dem Augenblick möglich gewesen, da die Araber die Geschlagene n Walen und glücklich gewe-sen wären, jedelr aildeven politischen Druck aus sich zu nehmen. Aber die Schicksalsstnnde fei vorbei und der große Moment habe ein kleines Geschlecht gestruden. „Die Welt heftet dem Juden das Brandmal Gherloks an die Stirn in dem Augenblick, da die ga-ltye Welt mit den Reparationen beschäftigt ist. Die Völker tv ollen keinen Frieden, »veil sie nicht den Preis dafür bezahlen wollen. Die einzige Hoffnung für die Juden der Diaspora, ebenso für eine Anzahl anderer nationaler Minderheiten, liegt in der Durchführung der Bestimm»»»»- gen über den Schutz der Minderheiten dmch den Völkerbund. Allein der Völkerbund verfügt über eine lmr geringe politische Macht und 'hat bis jetzt noch keine innere Berechtigung. Selbst in bezug auf die osteuropäischen lÄemeinschasten wäre es ein Wahnsinn zu glauben, daß ein geschlossener Teil von Men eine politische Einheit werden oder sich politisch aus ivgendwÄchem Wege mit Palästina verbmdrn kann. Mit dem Verschwinden der großen zivn'stischcn Hoffnungen muß auch dieser Diaspora- Zionismus verschwinden." pt einen attjüdischen Weltkongreß. Der Kongreß hat unter anderen: solgonde Resolntiioneu beschlossen: Die erste Resolution ruft zur Schaffung ei,»es jüdischen Weltkongresses auf, der sich in erster Reihe mit der Frage des Palästina-Ausbaues befassen und aus demokratischen Wahlen 'hervorgehen soll/ Die Exekutive ldes anrevikanisch-jüdischen Kongresses wird beauftragt, diesbezüglich mit den Verantwortlichen Sitte Konserenr aller Snkzessionsftaaten» Bukarest, 23. Ottober. (Tel.-Koanp.) Die nächste Konferenz der kleinen Entente wird, wie Agenoe Luxo meldet, nicht in Beilgrad, sondern in Bukarest abgehalten und durch Hinzuziehung O e st e r r e i ch s, Ungarns, B u lg ar i er» s und Polens zu einer Konferenz aller Snkzessionsftaaten erweitert werden. Dir Kon- Mm sttzrd üL tri* allen 8li«««n mck Avoive«m. jüdischen Organisationen' in Amerika mrd in den anderen Ländern in Verbindung zu trete»!, damit der all jüdische Weltkongreß nröglichst bald zusanr'mentrete. In einer Resolntiou über die Formen der Organisierung des anrerikanischen Judentums wird der amerikanischjüdischc Kongreß als permanente Institution proklamiert; gleichzeitig wird der Wu-nsch ausgesprochen, daß in den Bereinigten Staaten jüdische Gemeinden ans demokratischer Wahlbasis gebildet werden sollen. In der Jnttnigvationssrage ist der Beschs-uß gefaßi worden, die Negierung der Vereinigten Staaten anszufordern, die B e s ch rä n k n n gen i n d e r E i n w a n d crn ng ab zu schaffen. In einer Resolution, die sich »nit der rechtlichen Lage der Juden i n E u r o p a befaßt, fordert der Kongreß, daß den Juden, die ihre alten Bürger rechte infolge der Berschiabung der Staatsgrenzen verloren.hatten, das Recht geivährt werden soll, sich innerhalb der B o rk r i e g s g r e n z e n d-es betreffende»» Staates so la-nge f r e i z u b e w e g e n, bis die Frage der Staats z u g e. h ö r i gfeit in diesen Staaten gelöst werden wird. Der Kongreß hat beschlossen, dem Pxäsider»ten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Ch. Weizma nn eine B-egrüßungsdepesche zu sende»» und ihnr die Anerkennung fiir seine historischen Verdienste in. der Sicherung des Palästina-Ma»rdates auszusprechen. Es wurde ferner der Beschluß gefaßt, den frnhe-reu engl'ischen Miuisterpräside»»ten Lloyd Georg ans Anlaß seines Besuches in. Amerika zu begrüße»» »»nd ihm de»r Da ul der Juden für seine Verdienste um die zionistische Sache, auszuspreckn'u. Stürmische Proteste gegen Zangwills Kongreßrede. Die Eröffnungsrede Israel Zangwills hat stürrnische Entgegnurtgen und Proteste hervorgev»»feir. Die Rede erfährt in fast allen Kreisen eine s ch a r f e B e r u r t e i l u »r g und Ablehnnny. Bevor der Kongreß in die eigentliche»» Verhandlungen elutröt, »var diese Rede lange der Gegenstand stürn»ffcher Auseinandersetzungen, die. sich in einer» entschiedenen Protest kristallisieren. Rabbi Dr. Stephan S. W i s e ffrhrte aus, der Kongreß sei nicht für das vera»vt»vortlich, Mrs Zangtvill gesagt hat. Zanglvill hätte in seinem eigene»», nicht in» Itauierr^ des Kongreßes gesprochen. Nichts kann der» Glauben der amerikanischen Inden an .die z i o n i st i s ch e Idee e r s ch ü t t e r n. Der Zio»visr»lus hat nicht versagt, im Gegento.il: die B e r w i r k l»ch»»»»g 'des jüdischen Heimes in Palästina, ist eine Sache der nahen Zukunft. Me anrerikanischeir Jndcn hegen den «nerschütterttche»» Glaüberi an die Chvenhaiftigkeit und der» guten Willen des englischen Volkes. Nathan Strauß nannte Za»»g»vill8 Rede eht-t glänzende Illustration der Unwiffenheit. ,/A»»ch »venn Zanstlvill «nein Sohn wäre," erklärte Nathan Strauß, ,Mürbe ich di« gleiche Beschuldigung öfferMch anssprechen. Zangwills Zionismus ist e.in gefälschter Zionis- ' m u s". Z a n g w i l l hat erklärt, seine Anisichten feien mißverstanden und von der Poesie entstellt Wiedengeg'.ben worden. Die Araber hätten ein Recht ans eine Verfassung, jedoch nicht auf eine solche, die gegv»» die jüdische Einwanderung gerichtet sei. Die gesamte jüdische Poesie bezeichnet Zaitgwills Rede als schädlich und erklärt, daß sie einer völligen Mangel an staatsmün'Nischem Verständnis verrate. Auch d> nichtjMsche Presse widinet Zangwills Hervortreten große Aufmerksamkeit. „Evenina Pest", „Tribüne" und „Globe" geben der Uebe.rzerMng Allsdvuck, daß der Z i o n i s m u s trotz des langsameir Tempos seiner Arbeit Erfolg halben wird. Lslar Slmus Wer den PalMna-Ansba«. Auch die ReformjNden beteiligen sich. Mr. Oskar 2>. Stla it s, der amerikanische Tiplmnal und Staatsmann, chmnaligcs Mitglied des KaMnotts »md Gesa-Mer in der Türkei, hat einer» war>»»en Appell für dm Au!. bau Palästinas als „Nationales Heim Israels" erlassen. Diese» Appell hat Mr. Straus einem Briefe an Herrn Saltzstein, Bovsitzenden der jetzt in Milwaukee geführten 50.000-Tallar- Kaanpagne für de»» Kerivn Hajessod, bei gelegt. — Auch Samuel Untermyer schreibt, das; „der Gebaute des Aus bMes der jüdischen Heimstätte in immor größerem Mäße Ko»'f und -Herz aller Inden gvtoinnt, ohne Unterschied von Klasse und religiöser Anschau.n»»g". — Der bekannte frühere Rabbiner' am Ema-nnel-Tempel, Dr. Silber n» a»», gib» in ei>»c>» Schreiben seiner Befriedigung Ansdmck, daß auch die R esovmjnden der City an der Kampagne regsten Anteil ' nchnien. - di« diese Länder wb deren Bezi«hu,ngen untereirrander be^ treffen, ei nge'he»ld beschäftigen. Hie-rz»» erfährt das Blatt „Ronrania" aus zuständiger Quelle, daß auf der Konferenz insbesoildere die Slellnirg Ungarns z»»r kleinen Entente geklärt werde»» soll. (Wir überlassett die Bera»l>ttwortu»»g für diese Nachricht der oben angeführten, nicht sehr klaven Quelle. Mm. der rVnii lianir