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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-24 · Heft 1686 (24.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1686 (24.10.1923)
Date
1923-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HnzelnnmmerRIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder meiner Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I.Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch e c h o-S 1 owa k ei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P o 1 e n: Mön. Mk. 300.000. Deutsch!.: Mon.ost.K28000.Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 IW Naehx«hlunr«n *Wi bei Pre!*erhphunjren Vorbehalte» Nk. 1686 Mische Gemeinschaft. —y. Wien, 24. Oktober. Die Wahlziffern des 21. Oktober lassen erkennen, daß die Jüdische Wahlgemeinschast unter allen an den Bürger appellierenden Parteien den stärksten Zuwachs an Stimmen zu verzeichnen hat. Außer ihr waren noch die Christlichsozialen, die Sozialdemokraten und die Czernirvschen Antisemiten an den jüdischen Wähler herangetreten. Der Bundeskanzler sandte jeder jüdischen Familie einen Werbebries ins Haus, die Sozialdemokraten drohten und die bürgerlichen Arbeitsdemokraten ließen durch einen gewaltigen Presselärm es als Pflicht der jüdischen Wähler hinstellen, gerade ihnen und nur ihnen das Vertrauen zu schenken. Diesen Parteien stand ein großer und gut erprobter Wahlapparat zur Verfügung und siesparten auch nicht damit, dem Wähler für die Zukunft alles Erdenkliche zu versprechen. Für diese Parteien arbeitete eine gut organisierte Presse und ein Heer von Leuten, die ihre private Existenz an die Partei gebunden hatten, vornehmlich Parteibeamte, Gewerkschasts- und Kammersekretäre, Berufsagitatoren und nicht zuletzt die gewesenen Abgeordneten selbst, die alle irgendwie Wählern kleine Gefälligkeiten bei Lieferungen, Stellenausschreibungen und ähnlichen Dingen halten leisten können und jetzt den Wechsel präsentierten. Die Jüdische Wahlgemeinschast wandte sich einfach an das elementare jüdische Gefühl und sie vertrat nur den Rechtsstandpunkt. Sie mußte ohne die großen Geldmittel der anderen Parteien operieren, sie konnte nur durch eine einzige Zeitung, die „Wiener Morgenzeitung", zum Wiener Judentum sprechen, sie lehnte es im vollen Bewußtsein ihrer Verantwortung ab, den Wähler mit unmöglichen Versprechungen zu ködern. Sie hatte von keiner Seite Unterstützung, wurde 'von dev „Judenpresse" totgeschwiegen oder in gut bezahlten Inseraten bekämpft. Und trotzdem konnte sie auf ihr rein ideelles Programm des Friedens mehr als ein Fünftel der jüdischen Stimmen an sich , ziehen. Dieses Resultat wurde erreicht, obwohl für die eigentliche Wahlarbeit kaum ein Monat zur Verfügung gestanden war.. Es ist selbstverständlich, daß die Bemühungen, das Wiener Judentum mit einheitlichem jüdisch-politischen Witten zu erfüllen, mit dem Wahltag nicht beendet find. Die Jüdische Wahlgemeinschaft war in letzter Stunde geschaffen worden. Aber ihre Aufgabe ist nicht getan und die Arbeit muß jetzt erst recht mit allem Elan einsetzen. Die Wahlzisfern zeigen, daß die Parole der jüdischen Sammlung in allen Wiener Bezirken mit Sympathie ausgenommen wurde. Da aber politische Erfolge nur das Ergebnis politischer Arbeit sein können und die Wahlgemeinschaft sich in. der knappen Zeit nicht voll entwickeln konnte, so ist es erklärlich, daß der Ausgang der Wahlen kein anderer sein konnte. Alles auf der Welt muß vorbereitet werden; es mußte sich zeigen, daß der Grundgedanke der Wahlgemeinschaft den Kampf gegen die wirtschaftlichen und sozialen Schlagworte nicht in letzter Stunde bestehen konnte. Die Wahlgemeinschaft stutzt sich auf die starke, von kräftigstem Lebenswillen erfüllte jüdischnationale Organisation und aus die Union österreichischer Juden. Mer das Wiener Judentum zählt noch viele andere Verbände, die aus jüdischer Basis stehen und es muß die Aufgabe der Wahlgemeinschaft sein, mit diesen gemeinsam die jüdische Einheitsfront zu schaffen, die, unbeschadet aller sonstigen Interessengegensätze, die so gefährdete politische und wirtschaftliche Position der Juden zu einer wohl bewehrten Festung macht. Wahlen und Wahlresultate' sind nicht maßgebend für die Entwicklung einer politischen Doktrin, sie sind nur ein nach außen wirkender Ilusdruck der Stimmung. Wir haben kein Nationalratsmandat errungen. Darum aber ist doch das Judentum nicht verschwunden, im Gegenteil, seine Forderungen bestehen stärker weiter, um so stärker, als es sie nicht in der Volksvertretung aussprechen kann. Eben deshalb muß die Organisierung des Judentums in Wien und in Oesterreich jetzt mit aller Anstrengung eingelditet werden. Es muß eine Gesamtvertretung des österreichischen Judentums geschaffen tverden, die sich aus allen Schichten,.aus allen Verbänden zusammensetzt und rmr das jüdische Bekenntnis und den Willen zum Judentum zur Bedingung der Zugehörigkeit macht. Es gibt außer der Wahlsrage noch eine Reihe von Problemen im Judentum, die sich an keine Partei, sondern an die Gesamtheit wenden. Das Judentum hat durch die Völkerbundbeschlüsse über Palästina, die das jüdische Recht auf dieses Land zu einem Bestandteil des internationalen Rechtes gemacht haben, auch eine weltpolitische Stellung gewonnen, zu deren Sicherung der letzte Zioniitenümareß die MMlisieruna aller Kräfte Wiener Tscnecho-Slowakeir tschech. K1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon.'90Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, S c hw e i.z,und,.das.übrige Ausland monatlich. Fres. 3 Redaktionu. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43*3-19, ab 6 Uhr abds. 19.483,25-282 Tel.- Adr.^Morgenzeitung" Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien. Mittwoch. 24. Lktober 1923 5. Jahrgang Ausbreitung der separatistischen Betvegnug.—Die Putschisten aus Aachen vertrieben. — KommuMenanfstand in Hamburg. — Vormarsch der Reichswehr gegen Sachsen. — Ter katholisch-deutsche Staat. Berlin, 23. Oktober (Eigenbericht der ,Wr. Morgenzortmig".) Die separatistische Bewegung im Rheinland gewinnt an Ausdehnung. Wohl sind nach den letzten aus Aachen eingelangten Nachrichten die Separatisten aus der deutschen Kaiserstadt wieder entfernt worden, doch ist gestern nachts 'in W i e s b a d e n ein separatistischer Handstreich erwlgt, der zur Besetzung der Regierungsgebäude führte. Dabei kam es auch zu Schießereien, ebenso wie in Aachen, wo auch Plünderungen erfolgten. In Bonn haben die Sonderbündler sämtliche öffentliche Gebäude, darunter auch das Rathaus besetzt. Das gleiche Vorgehen der Separatisten wird aus Saarburg, Dürren, München-Gladbach (der Propagandazentrale der katholischen Arbeiterbewegung), Trier, Düsseldorf und anderen Orten gemeldet. Ein Versuch der Sonderbündler, in Koblenz die rheinische Republik zu proklamieren. ist vorläufig mißlungen. Es find dort, nach französischen Meldungen, schwere Kämpfe zwischen den Separatisten und den Reichstreuen ausgebrochen. Es ist klar, daß die separatistische Bewegung, welche ja den alten französischen Konzeptionen eines Rhernpufferstaates entspricht, aus französischen Hilfsquellen gespeist wird; aber die ganze Bewegung, welche jetzt den Bestand Deutschlands von seinem wundesten Punkte aus angreist, hatte nicht itt solcher Ausdehnung austodern können, wäre ihr rüchi T - bas Nuhrabenteuer vorangegaagen, welches die Bevölkerung in so unbeschreibliches. Elend gestürzt hat, sie um des Vorteiles einiger Rhesukohlenbarone willen so düpiert und dann sich selbst überlassen hat, so daß sie jetzt allen, selbst den verzweifeltsten Kombinationen zum wehr- und willenlosen Opfer fällt. Die Separatistenbewegung bedeutet den Bürgerkrieg in Deutschland. Er ist aW an anderen Stellen bereits ausgebrochen. Hamburg ist seit der letzten Nacht der Schauplatz wilder Straßenkämpfe; kommunistische Unruhen, die auf einen Putsch ausgehen, haben zu völliger Arbeitseinstellung, zu Plünderungen und Barrikadenkämpfen geführt. Die merkwürdig schwankende Haltung der Reichsregienmg, welche ihre Autorität selbst stündlich untergräbt, bringt Maßnahmen hervor, welche den Zündstoff des Bürgerkrieges noch vermehren müssen. Gegen das unbotmäßige Sachsen laßt Getzler die Reichswehr marschieren. Dies hat in Pirna und Meißen bereits zu schweren Zusammenstößen geführt und in Meißen mußte die Reichswehr wieder abziehen. Im mitteldeutschen Braunrohlengebiet greift die Streikbewegung um sich. Während das Kabinett gegen Sachsen die schärfste Tonart anwendet, ist seine Haltung gegen Bayern völlig unentschlossen Die deutsche Sozialdemokratie, deren Politik jetzt geradezu verhängnisvoll ist, dürfte wohl in Zusammenhang mit der bayrischen Frage wieder einmal den Stuhl vor die Tür gesetzt bekommen; die zu erwartende Nachgiebigkeit gegenüber Bayern macht das Verbleiben der Sozialdemokraten in der Regierung unmöglich. Die Verhältnisse in Bayern spitzen sich immer mehr zu. Die Rebelteon gegen das Reich ist offen, und wenn der bayrische General Lossow und das bayrische Wehrkreiskommando auch versichern, die bayrisch« Regierung denke nicht daran, dem Reich die Treue zu brechen, so ist es doch klar, daß Bayern die gegenwärtige Lage des Reiches zum völligen Abfall ausnützen will. Durch die Vollendung des großen Wasserkraftwerkes, des sogenvrmten Bayern Werkes, ist Bayern von den K o h l e n l i e f e r u n g e n des übrigen Reiches fast völlig unabhängig geworden und halt seine Zeit für gekommen. Die alte Idee des katholischen Donaustaates unter bayrischer Hegemonie taucht wieder auf. Eine Beratung des Vatikans mit de» nach Rom zitierten bayrischen Bischöfen scheint diesem Plan zn dienen. Es heißt auch, daß der bayrische General Lossow der Vollstrecker eines Abkommens ist, daß vor ku^em in München zwischen italienschen Faszisten und bayrischen Nationalisten getroffen wurde. Dieses Abkommen entspricht der Idee des katholischen Dcnaustaates, der aus Bayern. Vorarlberg, Tirol und Salzburg bestehen soll. Losreißnng der Rheinland«, Aufruhr in Mitteldeutsche land,- Unruhen in Hamburg, welche ein Eingreifen voll außen in gefährliche Nähe rücken können, und nicht zuletzt der Wittelsbachische Separatismus, welcher Wer dw Grenzen nach Oesterreich hinübergreifen. will,/ <ül das würde nicht nur Deutschlands Zerschlagung bedeuten. Es würde sich'hier ein »euer Brandherd bilden, der die Hame^ rung des gesamten Kontinents als UnmögliMett erschein«* ließe. Die Separatisten werden zurückgeschlagen. Köln, 23. Oktober. (Wolfs.) In Koblenz ist es geklungen, die Sondevbündler vollkormnen ans dem Regier vungsg-ebimde zu vertreiben. Nach hier emgetroffenert Nachrichten sind auch Rheydt und Jülich von deH Sonderbündlern wieder frei. Bei den Kämpfen solle» mehrere Personen getötet worden sein. I» Düren ist die Lage noch unverändert. In Aachen haben die Separatisten mit Ausnahme des Regierung^ . gebäudes, das sich in den Händen der Sonderbündler befindet, heute alle besetzten Gebäude wieder räume» müssen. Me Schichten der Bevölkerung, insbesondere dir gesamte Beamtenschaft, die Feuerwehr und die Polizei haben an der.Aktion teilgenommen. Zahlreiche Sonderbündler sind verhaftet worden. Die Belgier, die sich bei der gegenwärtige Bewegung-völlig neutral verhielten, haben für drei Tage den verschärften Belagerungszustand erklärt. Ein Putschversuch in Danzig. Wandsbeck, 23. Oktober. Heute früh wurde die Polizei 'wache im AmtShaUse von etwa 50 Personen g e st ü r m f, bald aber wieder entsetzt. Drei von den Ausrührern ver- ° schleppte Beamte konnten befreit werden. Ei »Arbeiter wurde getötet, ein anderer schwer verletzt. IN. Danzig und Ahrensbürg sind zahlr e? ch 2 Verhaftungen vorgenommen worden. , Generalstreik in Wiesbaden. Wiesbaden, 23. Oktober. Infolge des Vorgehens der Dorten-Partei haben die hiesigen Gewe r k s ch a f t e N heute um 9 Uhr vormittags den Generalstreik pro- Üamiert. Außer französischen Kavalleriepotrouillen, die deck Verkehr aufrechterhalien sollen, durchfahren sogenannte „R h e i n i s ch e Truppe n" aus Automobilen die Stadt- Die Bevölkerung, die sich zahlreich in den Straßen versammelt, verhält sich ruhig. beschlossen hat. Er greift damit weit über den Nahmen der Zionistischen Organisation hinaus und wir haben in der Wahlgemeinschast bereits einen für Oesterreich wirksam M machenden Ansatz zur Ausführung des Kongreßbeschlusses. - Wir sind uns der Schwierigkeiten bewußt, die sich aus dieser; Problemstellung, ergeben. Aber diese Schwierigkeiten ebenso, wie die Situation der österreichischen .Judenschaft beweisen nur, wie brennend die Not geworden ist und wie notwendig die Nalliierung des Judentums ist. Vielleicht wird es möglich sein,, in Wien , die Einigung zu vollziehen unddem Judentum in.anderen Ländern ein Vvänld zu werden. Sicherlich ist. im Rahmen dieses Problems die . Angelegenheit der Wahlen zum österreichischen Nationalrat nur von geringem.Gewicht. Aber auch sie gehört in da? Gebiet des jüdischen Aktivismus, der alles umfaßt, was die Konzentration des Judentums zu einer Einheit erfordert. Darum muß hier in Oesterreich die Gesamtvertreümg des Judentums schon jetzt gebildet wevpeT und die Arbeit muß schon jetzt einsetzen. Dann , werden die kommenden Wahlen ganz anders aussallen könne5 und in dem Gedanken der jüdischen Einigkeit un^ Selbsibestimmung das gesamte Judentum bicy:'$ Lrnd.'s zusamlin'nfassen können. '-er:

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