Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1685 (23.10.1923)
- Date
- 1923-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Pr. M8 Wlen, Dienstag Ae Mische Wahlgemeinschaft? KU ■ jüdische Wahlgemeinschaft erhielt ' mn Sonntag in ßtzUvr Im Jahre 1920 im 1 Bezirk 1361 Stimmen 527 834 Stimmen 2. n 8568 7854 + 714 „ 9. 1778 1050 + 728 „ 4. 452 232 + 220 „ 5. 428 247 + 181 „ 6. 1259 529 + 730 E 7. 1412 537 + 875 „ 8. 900 551 + 349 m 9. 8190 2151 + 1039 „ 10. 451 499 - 48 „ 11. 27 9 + 18 „ 12. 235 143 + 92 „ 13. 576 0 276 + 300 „ 14. 289 0 213 + 76 „ * 1b. 326 148 + 178 „ * 16. 417 450 - . 33 „ 17. 344 373 + 29 18. 660 n 400 + 260 . „ 19. * 665 298 + 307 20. 1300 ' 1803 - 503 „ „ 21. „ 146 68' + 78 „ Zusammen 24.784 Es sind somit im 18.358 Stimmen Vergleich zum Jahre 1920, in welche! die Zionisten allein kandidierten, 6426 jüdische Stimmen mehr abgegeben worden, ein Zuwachs, der selbstverständlich bei den großen verfügbaren Reserven in Zukunft noch weiter erhob: werden kann. Ein geringer Rückgang ist im 10., im 16. und im 17. Bezirk, ein sehr empfindlicher dagegen in der Brigittenau zu verzeichnen. Auf Grund dieser Stimmenanzahl ha: die Jüdische Wahlgemeinschaft einen Gcmeinderatsfitz in der Leopoldstadl (Dr. Plaschätf-.s) behalten, einen (Dr. Ehrlich) verloren. Auf dem Alsergrund ist durch die gesetzlich festgelegte Herabsetzung der Mandatszahl der Sitz Dr. Pollak-Parnaus verloren gegangen. Mandate der Mischen Wahlgemeinschaft in den Berlrksvertretnngen. Innere Stadt: 2 Mandate; Leopoldstadi: ^Mandate; Mariahilf: 1 Mandat; N e u b a u: 1 Mandat; d^sefftadt: 1 Mandat; Alsergrund: 2 Mandate. -i- Der. in der Inneren Stadt neugcwähl'te Bezirksrai Herr Waltuch wurde gestern an der Börse lebhaft beglückwünscht. Me Laudtagrwahle«. Sonntag fanden auch in Steiermark, in Kärnten, im ^uvgenlaind und in Vorarlberg Landtagswahlen statt. In Steiermark wurden 34 Christlichsoziale (bisher" 31), 24 Sozraldemokmten (wie bisher), 8 Lrndbündler (wie bisher) und 4 Großdeutsche (bisher 7) gewählt. Der steirische Landtag entsendet nunmehr vier Bundesräte anstatt bisher drei B-wndesräbe. Die ChrisKichsozialen endenden aus Grund des Wahlergebnisses.in die Landesregierung 7 Mitglieder, anstatt Miener Motrgenzeilunff. In Kärnten enisielen auf die bürgerliche E'.uhel.sliste 24 Mandate (9 EhrisKichso.M',. 10 Lawdbnnd, -6. Großdeutsche), ans; die Sozi>aldemokvaten 15, ans die Slowenen 2 und aus' die Nationalisozialnsten 1 Mandat. Hier verlieren die Sozialdemokraten die Stelle des Landeshauptniannes. Der bnrgenländisch>? Landtag wird in Hinkunst aus 13 Christlichsoziaien, 12 Sozialdemokraten und 7 Landbündlern bestehen. Die Sozi>al«denlokraten wurden hier von der ersten Stelle von den Christlichsozialen verdrängt, die nunmehr auch zwei Bundesrät>? entsenden werden. In Vorarlberg erhielten die Christlichsozi-alen 21 Mandate nnd damit die Zweidrittelmasorität im Landtag. Der Wahltag. Der Wahltag ist in Wien im allgemeinen ruhig verlausen. Die Mählbeteilig!un.g war außerordentlich stark. Neben den b>.'ideu großen Parteien, den Sozialdemokraten und den Christlichsoziialen, konnte sich bei den Wahlen in den Gemeinderat nur eine einzige Partei behaupten, die Jüdische W a h l g e m e i n s ch a f t, der es gelang, den Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes als Vertreter der Wiener Judenschast in das Rathaus zu senden. Wer Zeuge der großen Begeisterung war, mit welcher die jüdische Wählerschiast in die Versammlungen der Jüdischen Wahitgemeinschast in den Wochen vor den: Wahltag strömten, wird es unbegreiflich finden müssen, daß es insbesondere im Jnde.nbezirk, der Leopoldstadt, bloß ein Mandat zu erringen gelang, daß in der -Brigittenau «ine verhältnismäßig geringe Zahl von Wählern für die Jüdische Wahlgemeinschaft stimmte und daß es nicht gelungen ist, der Judenschaft eine Vertretung im Nationalrat zu sichern. Aber wer durch die Straßen ging nnd beobachten konnte, wie trotz der äußeren Ruhe ein ungeheurer Terror die Agitation der Jüdischen Wahlgemeinschaft knebelte, wird es begreiflich finden, daß das Resultat weit hinter den berechtigten Hoffnungen zurückblieb. Es ist nicht an der Zeit, sich zu empören, und wir wollen aus die Akte der Einschüchterung der jüdischen Wählerschaft in der Brigittenau und in Teilen der Leopoldstadt nicht zurückkommen, weil es uns viel wichtiger erscheint, die Judenheit zn erziehen, und weil es an sich tief bedauerlich ist, daß freie Wähler, welche ungezählte Versammlungen der Jüdischen Wahlgemeinschaft füllten und den Rednern zufubelten, am 'entscheidenden Tage selbst schwach genug waren, sich cinschachtern zu lassen. Aber auf einen unerhörten Fall der W a h'ltorruption, der den Ausfall der Wahl in der Leopoldstadt gewiß zuungunsten der Jüdischen Wahlgeimoinschast stark beeinflußt hat, müssen wir doch zurnckkomme-n. Es wurden nämlich Flugzettel verteilt, welche die Unterschrift trugen „Das Jüdische Wahrkomitee", und in denen mitgeteilt wurde, die Jüdische Wahlgemeinschaft habe nach der bisherigen Abstimmung keine Aussicht auf Erfolg. Die Anhänger der Jüdischen Wählst e m e i n s ch a s t mögen daher sozialdemokratisch wählen. Es ist begreiflich, daß sich viele Wähler durch dieses imwürdige Manöver der Sozialdemokraten beeinflussen ließen. 38. Oktober 1923 _ _ Selk 8 Le."-stverständlich wurde auch der K-au'.p,g.'ijt der Agitatoren der Jüdischen Wahlgemeinschaft durch diese bösartige Machinatio gelähmt. Sie erkannten ihre ehrlichen Mittel der Propaganda als zwecklos, wo diese giftige und überaus wirksam« Lüge am Werke war. 1 ■ Die jüdischen Gruppen, welche sich zur Jüdischen Wahlgememschast vereinigten und treu zueinander halten, werden es nicht zu bereuen haben, daß sie durch den bewährten Doktor Plaschkes im Wiener Gemeinderat vertreten sind. Jetzt aber heißt es, sofort an die Arbeit gehen und das Werk der Aufklärung und Erziehung in dar österreichischen Judenheit sor tsetzen. ' Ae russische und die rnmönlsche Gesandtschaft. Die russische Sowjetdelegation in Wien hat bereit? das ihr vertragsmäßig übergebene frühere russische Botschaftspalais in der Reisnerstraße 47 bezogen. In das durch diese Uebersiedluug frei gewordene Palais in der Belved erega.sse 34, wo die Sowjetdelegation bisher -amtierte, zieht Mittwoch die rumänische Gesandtschaft mit Konsulat und Paßstelle, die in den letzten Wochen interimistisch ain Schmidtplatz in der Wohnung des rumänischen Honorarkonsuls untergebracht war. Das ursprüngliche Lokal der rumänischen Legation in-der Brucknerstraße wurde alz Privatwohn u ng des neuen rumänischen Gesandten Dr. Mitil i u e u adaptiert. Ungarn. Ae Behandlungen mtt der Tschecho-Slowaket. Budapest, 22. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bnr.) Morgen beginnen hier die Verhandlungen über die zwischen Ungarn nnd der Tschecho-Slowakei schwebenden Fragen. Die tschecho-flowakische Delegation, die vom Ministerialrat Doktor V a l l n e r geführt wird, ist bereits in Budapest eing etroffen. Au der Spitze der ungarischen Delegation stehc Gesandter Wodian er. Polen. ßrWnng der polnische« Asenbahntarise. Warschau, 22. Oktober. (P. T.-A.) Die polnische R«^ rung hat beschlossen, ab 1. Nove-miber die Eisenbahntarise für Personen und Güter um 200 Prozent zu erhöhen. Rnmernr rlansnr und AubenpolM. Warschau, 22. Oktober. . (Tel. der „Wr. Morgen» zeitung".) In der letzten Sitzung -der Außenkom- Mission des Sejm, in welcher die Debatte über das Expose des Außenministers S e y d a fortgesetzt wurde, brachte der Deputierte Perl den bekannten Brief Poincares über den Numerus clausus in Polen zur Sprache und wies-charauf hin, daß die Aufrollung der Numerus clausus-Fraqe und die Art, wie diese von der Regierung ^handelt werde, Polen im Auslande wie bisher 6 und verfügen über die absolute Mehrheit in der Landesregierung. Am besten u. billigsten «S kaufen Waren im MüSchiffmann MWWAWWMWWWMMW II., TabörstraBe 48 Telenhon 47-1-79 Bit gros En tfeta i ■ÜBW —gSM’KM.W Jüdische Kinder.*) Bon Z. Segalowicz. Der Knabe bei der Weichsel. Hast du dir seine schwarzen Augen gut angesehen? Wie rasch ihre Lider zucken, wie sorglos die Augensterne lachen? Hast du die weißen Zähne bemerkt, luenu er den Mund zu einem lustigen, langen Lachen öffnet? .Hast du gesehen, wie ernst sein Gesicht wird, wenn sein Blick einem Vogel folgt, der hastig vorüberschwebt? Wie ein Jagdhund reckt er den langen, sonngebräunten Hals und blickt in die Ferne. O, er weiß, wo der Vogel sein Nest hat — nur Zeit haben, dann ist es bald gefunden. Ein dunkles Gesicht hat der Knabe, braune Hände itnU braune Füße, die stets unbeschuht sind, und seine Kappe hat keinen Schirm. Ten ganzen Tag ist er anif dem Wasser hin und her, hin nnd her mit dem kleinen Boot. Und kommt eine *) Mir bringen unter diesem Titel ztvei SkiWn des bekannten jüdischen Schriftstellers Z. Segalowicz, der erst Vox kurzer Zeit sein 20jähriges Schriststellerjubiläum feierte. Segalowicz, der im Jahre 1884 geboren ist, blickt auf ein reiches literarisches Schaffen zurück. Bis jetzt sind vienzchn Werke aus seiner Feder erschienen, darunter drei Gedichtbände, zwei Romane <„Romantische Iuhren" und „Die wilde Zilke", von denen besonders das zuletzt genannte Romanbuch den Namen.des Autors weit bekannt gemacht hat), ferner eine Anzahl von Novellen und Skizzenüüchern, u. a. ,Milden« Pawes" und „Krimer Recht". Durch eine Aufführung der Wrlnaer Truppe, welche vor mehreren Monaten in Wien gastierte, ist dem Wiener Publikum auch das dramatische Fragment des Dichters „Die Wand" bekannt geworden. Das neueste Werk Segalowicz', ein Roman, „Seligs I nh r e n". erscheint demnächst im „Lodzer Tagblatt". Segalowicz, dessen auf die minutiöse Wiedergabe von Empsindunasrmäncen gerichtete dichterische Art aus 'den jetzt veröfsentlicht-en kleinen Skizzen und einer bereits früher in unserem Blatte erschienenen kleinen Geschichte, „Benjamin, der Glaser", deutlich evkenübar ist. befindet sich zurzeit aus der Durchreise nach London in Wien. Dank den Bemühungen einer Gruppe von Freunden der jüdischen Literatur wird der Dichter am Donnerstag den 36. d. im Festsaal des „Bayrischen Hof" eine Vorlesung aus seinen Werken halten, bei der er auch Ungedvucktes zum Vortrag bringen wird. Dem Wiener jüdischen Publikum wird dadurch die Bekanntschaft, mit einem der populärste^ Schriftsteller der gegenwärtigen jüdischen Dicktergerieraiian vermittelt werdspfreie Minute, da keiner über die Weichsel gesetzt zu werden braucht, da hupst er über den Zaun des nahen Gartens, und richtet dort eine Verheerung unter den Pflaumen und Aepfeln an; oder er wirst Steinchen übers Wassers . . . O, wer kann so gut froschhüpfen wie er? Wer schwimmt so flink und wer kann länger als er unter Wasser bleiben? Hast du dir seine schwarzen Augen gut angesehen? Wie sie lachen, wie hastig sie zwinkern? Hast du die weißen Zähne bemerkt? Du meinst, es sei ein Zigeunerjunge? Nein, nein! Ein Judenknabe lacht hier und treibt seine Possen: Sein Arba-Kanfoth ist zerrissen, aber die Schanfäden sind ganz; die Mütze legt er nie ab, obwohl er tiefschwarze, glänzende Locken hat. Und ohne einen Segensfpruch ißt er keine gestohlene Pflaume! Das Ruder bewegt sich in seiner Hand wie der Bogen eines geübten Geigenspielers. Er weiß genau, wo das Wasser tief und wo es seicht ist; willst du hören, so kann er dir alle Melodien nachpseifen und kann das Quaken der Frösche, das Krähen junger Hähne und den Schrei ver Nachtvögel täuschend nachahmen. Aber tvillst du, daß die dunllen Wangen sich plötzlich rot färben, daß die schwarzen, orientalischen Augen sich schamhaft senken, dann erinnere ihn an die Geschichte mit den: Psepd! Es war am Freitag-Abend, das ganze Städtchen badete, der Knabe zeigte seine Kunststückchen: Er schlug Purzelbäume im Wasser, und blieb viele Minuten hart an der Oberfläche des Stromes. Da führt plötzlich ein Bauer sein Pferd in den Flrch, um es zu baden. Blitzschnell ischwingt sich der Junge splitternackt auf den Rücken des Pferdes. Das Pferd erschrickt, läuft aus dem Wasser und rennt durch das Städtchen — das war ein Bild-! Frauen und Kinder lachten und liefen in Scharen hinterdrein. Der Knabe hält das Pferd an der Mähne, totbleich vor Scham und Schreck ... Das Abenteuer lief glimpflich "ab. Das Pferd lief seinem Stall zn und beruhigte sich. Der Knabe aber versteckte sich in der Scheune des Bauern im Heu und blieb drei Tage lang unsichtbar. Und jetzt noch wird er rot, wenn man ihn an die Geschichte mit dem Vr«'d erinnert — auf dem Waller ist er mutiger . Das Dorfmädchen. Sie erzählt uns von einem Dorf mit einem einzigen Judenhaus, von einem Bach, der bei Nacht stärker rauscht als bei Tag. Sie erzählt von 'Feldern und Wäldern, in denen sie mit den Dorfkindern Erdbeeren gesammelt hat, von Wiesen, auf denen sie bis zum Abeüd im frischen Heu gespielt; am Abend haben die Bauern die Pferde vor die Heuwagen gespannt und die Kinder hoch hinauf gesetzt, ganz hoch hinauf ... Der Wagen nähert sich dem Dorf, die; Kinder singen und scherzen und finden jeden Augenblick Blumen im frisch gemähten Gras. Der HeMva>gen erglüht im letzten Sonnenleuchten. Die Kinderköpfchen tauchen in die Glut nnd ihre Aeuglein zwinkern . . . Plötzlich erklingt eine Kirchenglocke. Die Kinder heberr ihre kleinen Händchen und bekreuzigen sich. Sie aber preßt ihre beiden Händchen fest an die Brust . . , beinahe hätte sie es den anderen nachgetan. Aber sie weiß, daß das verboten ist . Wo das Dorf beginnt, dort steht ihr kleines Hans; die Mutter läuft heraus und hebt ihr Töchterlein vom Wagen. Sie erkennt ihr Kind sofort — es ist das einzige nnter allen, das ein schwarzes Köpfchen hat. . . Sie erzählt uns von einem Dorf mit einein einzigen Judenhaus, von fröhlichen Burschen, mit denen sie hinter dem Dorf spazieren ging und Wildenten suchte. Die großen sind immer entwischt, aber, die kleinen Entlein wurden stets ihre Beute. Auf Bäume ist sie geklettert. Als einmal die andereil Kinder auf dem Gras im Walde lagen, da ist sie ans einen Baum hinauf, hat sich in den Zweigen versteckt und begonnen, wie ein Kuckuck zu rufen. Die anderen Kinder haben zngehört und sich gewundert, daß der Vogel unaufhörlich ruft. Da hat sie laut aufgelacht und das Echo ihres' Lachens hat im Walde so unheimlich geklungen, daß all- Kitt'der auseinanderstöben und ihre Krüge im Walde ließen. Sie singt uns oft Dorfweisen vor und oft tanzt sie die Tänze der Dorfmädchen. Ihr Haar löst sich, ihre Brüste fliegen,. . . Mft einem Male aber halt sie inne und schaut uns alle an — Wo -bin ich? Wie komme ich her? Und wir alle erscheinet ihr fremd, fremd unsere Stadt, fremd unsere Bergnügungcü. Sie will zurück ins Dorf zum Bach, der bei dem einpa-.",- .^"^ub.inse rauscht > '