Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1685 (23.10.1923)
- Date
- 1923-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fefette 7 Men, Dienstag Wiener Morgenzeituns. 23. Oktober 1923 Nr. .168» Me antisemitische MaM in Jeutschland. unsammlungen. Die Sonderbündler haben alle Autos requiriert. In München-Gladbacb zogen etwa 800 Sonderbündler zum Rathaus und verhandelten mit dem BürgerrApister. Derselbe wurde ohne weiteres beiseite geschoben und mr seiner Stelle ein früherer Gewerkschaftssekretär zum Bürgermeister ernannt. Die Zeitungen in Gladbach konnten heute nicht er» scheinen Bon München-Gladbach ziehen die Sonderbündler truppcnweise in andere rheinische Industriegebiete. Trier, 82. Oktober. (Wolff.) Heute vormittags, kurz nach 11 Uhr, haben Separatisten versucht, die öffentlichen Gebäude zu besetzen. Die von den Behörden getroffenen Vorkehrungen verhinderten ein Eindringen der Sorrderbündler. Koblenz, L2. Oktober. (Wolfs.) Mehrere himdert SonderbünÄlcr zogen heute vormittags zum Polizeipräsidium und vor das Rathaus. Die Polizei zerstreute die Menge, wobei drei Personen verletzt wurden. Ein Sonderbündler, der geschossen hatte, wurde von der Menge derprügelt. Das Rathaus ist iw den Händen der deutschen Behörden. Zensur und Belagerungszustand in Aachen. Paris, 22. Oktober. (Hadas.) Wie das „Journal" aus Aachen meldet, habe der Führer der republikanischen Bewegung im Rheinland, Deck-ers, in einem Interview das Verbot des Erscheinens von Zeitungen bis zur Organisation der Zensur sowie die .wahrscheinliche Erklärmng des Belagerungszustandes in Aussicht gestellt. Deckers habe ferner General R u g n o h die Neutralität gegenüber dorr belgischen Truppen zugesichert, und erklärt, die Separatisten feien unabhängig von den Alliierten. Sie seien und würden Deutsche bleiben, die jede Auuerion aAchnen. Deckers sprach, wie das Blatt weiter meldet, heute bei den Besatzungsbehörden vor. Er legte den Plan der Ausdehnung der Bewegung aus Düren, die Eifel, Koblenz. Duisburg, Düsseldorf und nach der Besetzung der belgischen und der englischen Zone auf die französische Zone dar. Die Republikaner wollen mit den Nachbarn des Rhemlondes in Frieden und Freundschaft 'eben und die Kviegsschäden wieder gutmachen. Die Flagge der neuen Republik ist grün-weiß-rot. Thüringen unter Polizeiaufsicht. Weimar, 22. Oktober. (Tel.-Korrip.) Der thüringische Minister des Innern gibt bekannt, .daß angesichts der gespannten Politischen Lage in Bayern eine besondere polizeiliche Sicherung der südthüringischen Grenzen durchgeführt worden ist. Alarmbereitschaft in Berlin. Berlin, 22. Oktober. (Tel.-Komp.) In der Bevölkerung wächst die Erregung über das enorme Anziehen der Preise, die heute wieder um das Doppelte und Dreifache gestiegen sind. Zu Ausschreitungen ist es bisher nicht glommen, doch ist die Schupo in Alarmbereitschaft.- Lebensmittelkrawalle. Berlin, 22. Oktober. (Woiff.) Henrc nachmirmgs 'am es vor vielen Bäckereien und Lebensmittelgeschäften zu Ansammlungen, die in einzelnen Fällen Plünderungen zur Folge hatten. Besonders starke Zusammenrottungen fanden vor.der Markthalle m oer Ackerstraße statt. Mehrere junge Bursche zertrümmerten Fensterscheibelk und raubten, was sie nur rauben konnten. Infolge des. Gedränge mußte die Markthalle geräumt werden. Die Küstriner Putschisten. Kottbus, 22. Oktober. (Wolff.) Heute vormittags begann hier der Prozeß gegen die Majore a. D. Buchrücker und Harzer und zwölf Mitschuldige, die wegen. Beteiligung an dem K ü st r i n e r Aufruhr angeklagt find. Für die ganze Dauer der Verhandlung wurde die Oeffentlichkeit a u s g e s ch l o s se n. Der Preiswahnsinn. Berlin, 22. Oktober. Der Preistaumel nimmt auf allen: Gebieren ungehemmt seinen Fortgang. Ab morgen kostet ein einfache Straßenbahnfahri 200 Millionen, ein Laib Brot fünf Milliarden. Für ein Paar Stiefelsohlen werden bereits 10,5 Milliarden bezahlt. Tie Münchner Gidesformel. München, 22. Oktober. (Südd. Korr.-Bur.) Wie die übrigen Truppen des bayrischen ReichswehvkoMngents wurden die Truppenteile, der Münchner Garnison heute vormittags auf folgende Formel verpflichtet: „Auf Gvrmd des mir eiben Vovgelofenen Aufrufes der bayrischen Siaatsregierurvg bekenne ich, daß ich von der bayrischen I taatörcaie rung als Tre uhände rin des deutschen Volkes bis zur Wiederherstellung des E i n v e r n e h m e n s z w-i s ch e n Bayern urtb Reich in Pflicht genommen bin und erneuere mein«: Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber meinen Vorgesetzten." Die Verpflichtung nahm der Stadtkommattdant lGeneral v Ban atz entgegen. Auf eine Ansprache des Land»: Kommandanten (Äeneralleutlian-t p. Lossow spielte die Musikkapelle das Deutschlandlied. Hierauf erfolgte sin Vorbeimarsch der Truppen vor dem LandeMommandan-ten. Lossow verspricht ♦.... Müll wen, 22. Oktober. (Südd. Korr.-Bur.) Zur Verpflichtung der Truppen in München «wird noch bekannt, zaß itait) Verlesung des Aufrufes der Regierung Generalleutnant v. Lossow den um ihn versammelten Offizieren erklärte, daß er sich verbürge, doK die An-. Der Herausgeber der „Weisen von Zion". Wie bekannt, säzwebt seit längerer Zeit eine Beleidigungsklage der Familie Rathenau gegen den Herausgeber der „Weisen von Zion", Müller von Hausen, weil derselbe in denl gektannten Pamphlet die Behauptung ausgestellt hat, daß die am Fries des jetzt m. ein Reichsmuseum nmgewcmdelten Rathenau- Hauses im Grunewald angebrachten Köpfe „abgeschlttttene gekrönte Häupter" darstellen. In der letzten Verhandlung hatte Müller v. Hausen in aller Form seine Behauptungen z u r ü ck ge n o m m en und nach einer Vereinbarung vor Gericht ein Entschuldigungsschreiben an Frau Geheimrat Rathenau, der'Mutter des ermordeten Ministers, gerichtet. Nun hat es sich Miller v. Hausen überlegt lyrb hat die Entschuldigung z u r ü ck g e n o m m e n. Demnach wird die Klage in den nächsten Tagen vor dem Schöffengericht Berlin verhandelt werden. Ludendorffs antisemitisches „Wovld"- In^ .n'view vor dem Münchner Berufungsgericht. Die erste Münchner Strafkammer verhandelte dop. einigen Tagen als Berufungsinstanz in der Be- - leidigungsklage Ludendorffs gegen den Redakteur des ' Berliner Organs des Zentralvereins detltscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Alfred Wiener, der : bekanntlich an die Wiedergabe eines im New-Horker „World" erschienen Interviews mit Ludendorff eine Bemerkung knüpfte, durch tvelche sich Ludendorff be- ' leidigt fühlte. Das Gericht hatte seinerzeit Dr. Wiener . zu 150.000 Mark Geldstrafe verurteilt. In der jetzigen Verhandlung behauptete Ludendorfs, daß das „Wvrld"-Interview, das scharfe a n t i s e m i t i s ch e A c u ß e r u n g e n enthält, erfunden sei. Der Vertreter -teressen von der Reichswehr und von Bayern überhaupt g e h) ahrt bleibe n. Eine bayrische lveiß-blane Separation würde niemals eintveten. Der deutsche Gedanke wcriw von ihm stets hochgehalten. Er stelle sich doll und ganz hinter die bayrische Regierung. „Haltet Vas Reich." München, 22. Oktober. (Südd. Korr.-Bur.) In einem mit ^Haltet das Reich" überschriebenen Aufruf der 'Deutschen Volkspartei in Bayern werden die Reichsregiernng, der bayrische Generalstaatskommissär und das gesamte Ministerium aufgefordert, den drohenden Zusanrmenbruch des Reiches zu verhüten. Der Aufruf schließt mit den Worten: „Stellt alles Trennende beiseite und schart . euch um uns. Haltet das Reich!" Maßnahme« Kahrs gegen auslSndische gvdr«. München, 22. Oktober. (I. C. B.) Bei einer größeren An^hl von Ostjuden in München wurden auf An-' ordnung des Generalstaatskommissärs v. Kahr Haussuchungen vorgenommen. Die die Haussuchungen .Lurchführend n Beamten behaupten, sie hätten größere Beträge in fremden Devisen gefunden und beschlagnahmt. Eine bedeutend.'. Anzahl von Juden, die jahrzehntel a n g in München leben, wurde ausgewiese n. Wahlen und Sanierung. La» Sadresnltat de» 21. SItober. Bis gestern spät abends lagen die amtlichen Wahlergebnisse Ms dem ganzen Bundesgebiet noch nicht vor, doch, wurde an verschiedenen Regierungsstellen versichert, daß der neue Nationalrat sich ungefähr aus 82 ChrMichsozialen, 16 Gwßdeu tischen und Landbüntzlern rmd 67 Sozialdemokraten zusammenisetzen werde. Eine Korrektur dieses Wahlergebnisses ist noch aus den Ziffern des Wahlkreisverbandes Steiermark möglich, doch würde sich die Verschiebung nur innerhalb der Mchcheiisparteien ergeben, so daß etwa die ChriMchsozialen 93 und die Großdeutschen samt den LandbüMern 15 Mandate erhalten würden. Im letzten Nationalrat betrug die Regierungsmehrheit 85 Christlichsoziale, 28 Großdeutsche und Landbimdler und einen Biirgerlich-Demokvaten, also insgesamt 114. Die sozialdemokratische Opposition zählte 69 Sitze. Die Spannung zwischen dem Rcgierungsblock und der Opposition hat sich also seit gestern von 4 6 auf 31 Sitze verringert. Um ms richtige Verhältnis zu kommen, hätte die Regierungsmä-jorität am 21. Oktober 102 Mandate erlangen müssen. Der Verlust der Regierungsparteien geht zur Gänze auf Rechnung der Großdeutschen und Land- MMer und der EgerninqPartei. Wohl haben die Christlichfozia'len einen große» Teil der Stimmen» und Man» dalsveAufte ihrer Majoriiätsgenossen wettgemacht und a w f deren K o st c u Rtandate erobert, doch dürste auch den Sozialdemokraten ans diesen Kreisen ein erheblicher Stiinmen- Urcb Mandatsgewinn erwachsen sein. Die Sozialdemotraten wenden um zwei Sitze weniger als im alten Hanse zahlen, haben sich aber, wenn nran den Mandatsäbban von, 188 auf 166 Sitze in Rechnung stellt, zieinlich gut gehalten. Die Großdomschen, deren Führer Frank, Kan dl und Naber auf der Strecke geblieben sind, sind über das Debaele arg verschnupft und namentlich Dr. Frank, siir den nur schwer ein Maudat aus der Rcststimmenliste abfallen wird, soll sich mit Nücktrittsgedarkken tragen. Ihm wivd auch von seinen HaWMnosjen die Hauptschuld an dem nnMMchen Wabl-- des Angeklagten lwantragte daraufhin die kanmtissavische Vernehmung des in Paris iveilenden „World"- Korrespondenten, der ausfagen sollte, daß das Interview tatsächlich.stattgeftltrden hat. Das Gericht gab dein Antrag Folge und vertagte die Verhandlung. (I. C. B.) Teutsch-völkisch gleich deutsch. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte gegen einen gewissen S t a e g em a n n die Beleidigungsklage erhoben, der in einem Aufsatze geschrieben hatte, der Zentralverein sei die „Kampforganisation des Iudentulns gegen alles, was deutsch ftihle." In der Verhandlung versuchte der Hetzantisemit Dr. Maurenbrecher, Herausgeber der „Deutfthen Zeitmtg", den Beweis für jene Behauptung zu erbringen, iltdem er ein Rundschreiben des Zentral- Vereins vorlas, aus dem hervorgeht, daß er gegen die deutsch-völkische Hetze kämpft. Das Gericht scheint die Identität vor: deutsch und deutsch-völkisch anzuerkennen, denn es sprach den Geklagten frei, da der Wahrheitsbeweis gelungen sei! Die HavdeN'AttentSter. Die Untersuchung in der Sache des Mai cos Kruse, der vor einigen Wochen unter dem Verdacht, ein Attentat gegen Maximilian Harden geplant zu habett, festgenommeu wurde und sich darauf m der Gefangenenzelle des Polizeipräsidiums erhängt hat, ergab, daß die Annahme, es haMe sich um die Tat eines Geistesverwirrten, nicht ganz unbegründet ist. Es wurde deshalb ein Verfahren gegen „Ullbekannte" eingeleitet, um zu ernütteln, ob hinter Kruse andere Kreise stehen, die ihn zu einem Attentat angestiftet hatten. Als besonders belastend wird die Tatsache angesehen, daß bei Kruse englische B a n knoten gefundeit wurden. praktizierte, um den Großdsutfchen ihre volle Mandatszahl trotz der Verringenmtz der Nation-alralsfitze zu erhalten, nützten nichts, da schließlich und endlich dm deuffchnationalen Parteim die Wähler in Hellen Hansen davonliefen. In Wien allein verloren die Großlde-utschen von etlichen 80.060 Stimmen, die sie noch im Jahre 1920 erhalten hatten, über 30.00g, während die Christjlichsoyialen einen Slimmenzuwachs von 17 Prozent und die Sozialdemokraten einen solchen von 26 Prozent aufweifen. Den deutfchnationalen antifemitffchen Parteien wird aber doch nichts, anderes übrig bleiben, als weiter ijt der Regierungsmehrheit mitzutun. Unter den Oktoibeogefallenen Grotzdeuffchen befinden sich der gewesene Optionsmmlster Dr. Waber, der auch auf den Krücken der Reslftimmenlisw nicht mehr in den Natiionalrat gelangen wird, da das einzige Wiener Reftstimmenmandat der Großdeutschen wohl für den Vizekanzler Frank reserviert bleiben muß, ferner der großdentfche Varteiobmann Ka n dl und die unseren Lesern 6^ kannten Dr. Zeidler und Dr. Ursin, so daß im^ neuen Hause Mängel an antisemitischen Schmährednern-fern "wurde, wenn nicht Dr. J erzabek, Mitglied -der SciPel-.Partei„ ni fünften Wahlkreis ein Mandat erreicht hätte. Von den Sozialdemokraten sind bisher unter anderen Dr. Adler, Fvitz Austerlitz und Heinrich Allina nicht wieder gewählt worden. Dr. Adler dürfte auf ein Reststimmenmandat verzichten und Austerlitz endgültig auf die Redaktion der „Arbeiterzeitung" beschränkt werden, während mit Hilfe der Neftstimmenliste die bisherigen Abgeordnelcu Allina, Zelenka und Schulz in den Mtionalwt gelangen dürften. Die Wahlbeteiligung war inr ganzen Bundesgebiet ganz enornr und dürfte durchschnittlich 90 Prozent nberfchritren. in Wien dürft« sie nr einzelnen Wahlbezirken mehr als 95 Prozent erreicht haben. Infolgedessen schnellte die Wahlziffcr in Wien auch überall ans 18.000 und darüber hinauf. Diese starte Wahöbeteiligung ist eine der .Haiu>pturfachen für tue Mandatsverluste der kleinen Parteien und wohl, auch eine Erklärung für den ungünstigen Ausgang der Wahlen für die jüdische Lifte. Nach den bisher vorliegenden amtlichen Angaben wurden in den Nationalrat getvählt: In Wien 27 Sozialdemokraten, 17 Christlichsoziale, 1 Grohdeutscher. In Niederöfterreich: 2y Christlichsoziälc, 1t Sozialdemokvaten, 3 Großdeutsche. Inr Mahlkreisverband Ob e r ö st e r r e i ch/ Z n I $> öurg, Tirol nnd Vorarlberg: 27 Ghristlichsazia'^ 10 Sozialdemokraten und l Großdeutschr und Landbündler. Für 'den Wvhllveisverband S t e i e x m a x k, K ä r n c n, Burgenland liegt ein amtliches Endergebnis noch nicht vor, doch lassen die Teilresultate aus diesen Ländern bereits erkennen, daß auch hier die Großdentfchen -und L.andbün'dler Stimmen und Mandate verloren haben. In Steiermark erhielten die ChrWchsozialen 11 M a n r ä: cs die Sozialdemokraten 7 Mandate. Sechs ReWmineninaip.atc tverden den 'beiden großen Par-teien und eventuell,den Landbündlern nnd den Großde^rtfchen noch je ein Mandat -bringe-.:. In Kärnten entfielen auf die Sozialdenrokraten 1, ans die in einer Einheitsliste vereinigten Christlichsyzialen, Land'- bündler und Großdeutschen je Kivei Maudate. In Steiermark dürfte der bisherige großdoulfche Mgeovdlmte Doktor H a mpel dnrchgefallen sein, während Minister a. D. K r a s > moglichertvvife ein ReMmmenmandat cchält. Im B u r g e n l a n S) erlangten die ChvMichsoyialr:! die Sozialdemokratev ie dver- und die BauentbüM>--- . MavdwL ausgang beigemesicn, hat er doch die neue Wahlordnung selbst ansgeavbeitet. Alle Künsteleien, die er in das Gesetz hinein¬