Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1683 (21.10.1923)
- Date
- 1923-10-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1683 Wien, Sonntag S1. Oktober 1923 Seite 8 Wiener Morgenzeitung. M batzrische Regierung macht die Amee selbständig! ahndenden Verbreitung derartiger falscher, beunruhigender Gerüchte beteiligt sind. Im übrigen hat die Polizeidirektion für den Wahltag alle für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung notwendigen Vorkehrungen in umfassendem Ausmaße getroffen. __ Sie zahl der Wahlberechtigten in Wien. , Das für die Wahlen in den Nationalrat, den Gemeinderat und in die Bezirksvertretungen angelegte Wählerverzeichnis enthält 1,140.323-Wahlberechtigte, von -denen 517.397 männliche und 622.926 weibliche Wähler sind. Sie verteilen sich auf die einzelnen Gemeindebezirke wie folgt: Wähl erzähl männliche weibliche zusammen Innere Stadt .... . 10.050 13.461 23.511 Leopoldstadt . . 39.927 44.455 84.382 Landstraße . . 40.147 49.434 89.581 Wieden.- » . 14.891 19.900 34.791 - Margareten . . . . . 26.547 32.423 58.970 Mariah 1 lf . . . . 15.269 19.580 34.848 Neubau.. . . 17.578 22.305 39.878 Iosefstadt .. . 12.943 17-. 163 30.106 Alsergrund . . . 24.277 31.960 56.237 Favoriten. . 39.875 43.907 83.782 Simmering...... . 13.597 14.405 28.002 Meidling ...... . 28.662 34.006 62.668 Hietzing .. . 35.662 45.647 81.209 Rudolfshetm . . , . . 22.916 27.018 49.934 Fünfhaus . . . 45.771 19.321 35.092 Ottakring '. . 45.364 52.525 97.889 Hernals.. . 26.010 30.989 56.999 Währing. . -23.475 31.419 64.894 Döbling ....... . 14.356 18.764 33.120 Brigittenau. . . 25.837 27.081 53.818 Floridsdorf. . . 24.248 26.363 50.611 Zusammen. . 617.397 622.926 1,140.323 Zur Entgegennahme der Stimmzettel sind 1464 Ortswahlbehörden und außerdem in jedem Bezirk eine besondere Ortswahlbehärde für die mit Wahlkartell wählenden Wahlberechtigten' bestellt worden. Insgesamt sind bei diesen Ortswahlbehörden 10.262 Personen tätig, die die verschiedenen wahlwerbenden Parteien als ihre Vertrauensmänner entfcnbct haben. Der Magistrat hat j-eder Ortswahlbehörde aus dem Stande der städtischen Angestellten einen Schriftführer und für j-e zwei Ortswahlbehörden auch einen Ordner beigcgeben. Im Durchschnitt entfallen auf eine Ortswahlbehärde 800 Wahlberechtigte. Erforderlich sind 3000 Wahlzellen und gegen 1500 Wahlurnen. Für die Ermittlung der Wahlresultate in die drei zu wählenden Körperschaften werden sieben Kreiswahlbehörden und 21 Bezirks wahlbehörden tätig sein. In diesen Wablbehördeiamtier'u Zusammen 651 Personen. * Mandatare, Vertrauensmänner und Mitglieder -es Bezirkes Leopoldstadt, die his nun keine Diensteinteilung für den Wahltag erhalten haben, werden dringend ausgefordert, sich im Zentral-Wahllokal, 2. Bezirk, Große Mohrengasse 3 a (Cafe Stadt Wien), einzusinden. Die Reichsregierung seht den bayrischen Militärkommandanten ab. Berlin, 20. Oktober. Der Reichswehrminister hat den Generalleutnant v. Lossow (den bayrischen Wehrkreiskommandanten) vom Dienste enthoben und seine Verabschiedung eingeleitet. Mit der vorläufigen Führung der 7. Division des Reichsheeres ist der nächstälteste bayrische Offizier Generalmajor Kreß von Kr essenslein beauftragt worden. Der Reichspräsident hat die bayrische Regierung aufgefordert, ihm Vorschläge für die Besetzung der Stelle des bayrischen Landeskommandanten gemäß dem Wehrgesetz zu machen. Die Münchner Regierung behält ihn weiter im Dienst. München, 20. Oktober. Die Korrespondenz Hoffmann meldet: In den Abendstunden sind in München wichtige Entscheidungen gefallen. Die bayrische S t a a t s r e g i e r u n g hat einen Aufruf erlassen, worin mitgeteilt wird, daß sie im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung in Bayern und zur Wahrung der bayrischen Belange bis zur Wiederherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reiche den bayrischen Teil der Reichswehr ihrerseits als Treuhänder des deutschen Volkes in Pflicht genommen, den Generalleutnant v. Lossow als bayrischen Landes- .kommandanten eingesetzt und mit der Weite rf ü h r u n g der bayrischen Division betraut habe. ' Kahr rst unangenehm berührt. Münche«, 20. Oktober. Eeneralstaatskommissär Doktor v. Kahr erklärte Vertretern der Presse, er könne nicht verhehlen, daß dlie Vorgänge in den letzten zwei Tagen u n e rf r e u l i ch. bedauerlich und u n e r b ö r t (?) gewesen seien und daß man sich durch das Vorgehen der Berliner Regierung recht unangenehm berührt fühle. Die bayrische Regierung sei infolge der nun cingetretenen Entlassung des biencrallentnants v. Lossow zu dem einzig möglichen Entschluß gekommen, v. Lossow zum Landeskommandanten zn ernennen und ihn zu beauftragen, die bayrische Reichswehr für den bayrischen Staat zu verpflichten. Kahr bedauerte, daß es zu der nun von Bayern getroffenen Entscheidung kommen mußte, aber die Schuld daran trage ausschließlich die Reichsregiernng und jene Herren, die mit d'em Feuer gespielt haben. Bayern Schuhe! muß -der Staat sein, der berufen ist, ’m Gegensatz zum Marxismus das N a t i o n a l e i m V o l k u n b R e i ch (?) zu vertreten und dafür zu kämpfen. Es handelt sich letzten Endes um den großen Kamps zwischen marxistischer, internationaler und deutscher Einstellung und der nationalen und christlichen Weltanschauung. Bayern, der „Treuhänder" Deutschlands. München, 20. Oktober. In den Abendstunden wurden in der Stadt zwei Ausrufe des bayrischen Gesanrtministeriums und des Generalstaatskommissärs angeschlagen. In dem Ausruf des bayrischen Ministeriums an das bayrische Volk heißt es unter anderem: Die bayrische Staatsregierung kann die Maßnahme des Reichswehvministers Gehler, den General Lossow abzusetzen, unmöglich hinnehmen und hat daher im Interesse der Ausrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung in Bayern und zur Wahrung der bayrischen Interessen bis zur Wiederherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reich den bayrischen Teil der Reichswehr als Treuhänder des deutschen Volkes in Wicht genommen und Generalleutnant von Lossow als bayrischen Landeskomnt«nbauten eingesetzt und mit der Wetterführung i der bayrischen Division beauftragt. In dem Aufruf des bayrischen Generalstaatskomm-issärs heißt es, der Reichswehrmimster Habe versucht, den bayrischen Landeskommandanten Generalleutnant von' Lossow zur Abdankung zu zwingen. Die Verwahrung -der bayrischen Staatsregierung habe Reichswehrminister Geßler mit der sofortigen Dienstentlassung des Generalleutnants Lossow beantwortet. Die bayrische Staats, regiernng und der Generalstaatskommissär wüßten sich eins mit allen Deutschgesinnten, wenn sie eine solche Maßnahme ablehnen. Bayern betrachte es als seine Pflicht, in denc gegebenen Augenblick eine Hochburg (?) des bedrängten Deutschtums zu sein. Die bayrische Staatsregierung habt deshalb im Einverständnis mit dem Generalstaatskomnnssär regiernng und der Generalstaatskommissär lvüßten sich | scheu Teiles der Reichswehr betraut. Beratung des Reichskabinetts. Berlin, 20. Oktober. Im Verlauf der h e u t i g; n Sitzung des Reichskabinetts in Berlin wurden bei der Besprechung der innerpolitischen Lage die Maßnahmen erwogen, die infolge der H a Itung Bayerns für das Reich notwendig geworden sind. Wie das „Berliner Tageblatt" betont, handle es sich bei dem Konflikt zwischen Bayern und dem Reich um keine politischen Meinnngsverschiedenheiten, sondern vielmehr um einen reinen Bruch der Disziplin und einen Verstoß gegen die Autorität des Reiches, die in keinem Lande der Welt von einer Negierung stillschweigend geduldet werden könnten. rßMWWgWWWMWWWWMWnWWWWWSMWWMWWMI JEDER WKHIE «EM für den Einkauf von Stoffen für die Herbst* und Wintersaison: Damen- und Herrenwäsche, Betl¬ und Hauswäsche. Stückwaren. Teppichen, Vorhängen etc, nur das bekannt verlässliche u.hilIige Schiffmann ——«mbim II., Taborstraße 48 Telenhon 47-1-79 En gros En detail Mummt eines MenfcheMWals. Urtel Acostas Abschiedsbrief an die Menschheit. Je dräuender sich dis Bergs von Romanen, Nodellen, Dramen auf dem Büchertisch türmen, umso sorglicher suche man nach Sammlungen von Briefen, Tagebuchnotizen, Lebensbeschreibungen. Ein Band Beethoven- Briefe, Grillparzers Selbstbiographie, Hebbels Tagebücher wiegen ganze Bibliotheken der schütten Literatur auf. Urtel AcostaS Letzter Brief an die Menschheit, sein: ebenso berühmtes wie ungelesenes „Exemplar: humanae vitae" („Dokument eines Mensch e n sch ick salS"), liegt in neuer deutscher uSbertragung vor*) und man möchte das Büchlein jedem Zeitgenossen in die Hand drücken. Mit der Anweisung: „Sammle dich, befreie dich aus der Verstrickung dar Alltagseitelkeiven, besinne dich, daß du ein Mensch bist und lese dieses Geständnis eines, der im Begriffe stand, das eitle WeltHsatev zu verlassen und zur Pistole griff, als diese Schrift vollendet war". Die Schlußwort« sumes Abschied-briefes „mr Alle" laute,»: „Da habt ihr die wahre Geschichte meines Lebsns und welche Rolle ich in meinem so nichtigen und unstetett Leben gespielt habe, legte ich euch dar. Jetzt urteilt gerecht, ihr Menschenkinder und fällt den Spruch ohne Leibenschaft, frei, der Wahrheit entsprechend: denn das ist vor allelm eines Mannes würdig, der wahrhaft ein Mann ist. Findet ihr aber etwas, das euch zum Mitleid hinveißt, so erkennt und beklagt das elende Los der Manschen, dessen ja auch ihr teilhast seid.. I * llriel Aeosta lebte als So>hn eines Maranen in! Wohlhabenheit und Ansehen. Im 26. Lebensjahr erlangte er in Portugal das angenehme Amt des Schatzmeisters an einer Stiftskirche. Da las er die Bücher des Moses und wandte sich von der katholische Kirche ab, weil -- wie er das so einfach und großartig ausdrückt —' Stoofta, „Dokumente eines Ästenfchenschicksals", von Oskar Jancke/Berlag'„Die Kuppel'', in der Lehre des Moses und der hebräischen Propheten! „das von Gott Lstenbcrrte weniger Schwierigkeiten bot". Ein ganzer Mann, stark und opferfreudig, ließ er das wohlige Behagen des einträglichen Amte? fahren, wunderte heimlich mit seiner Mutter und den geliebter Brüdern, denen er seine seelische Wandlung anvertraut hatte, nach Amsterdam aus, kehrte ins Judentum zurück, ließ an sich und den Brüdern das Symbol der jüdischen Blutsgenteinschaft, die Beschnei düng, vollziehen und ward Mitglied der Amsterdamer Judengemslnb«. Dort geriet der Unglückliche in die Schlingen verbohrter, fanatischer Pharisäer. Er hatte sich nicht zum Judentum zurückgekätnpft, um ihr böswilliges Treiben, das er als Befleckung der reinen mosaisch«» Lehre erkannte, gewähren zu lassen. Er sah ihre Gewinnsucht, ihr gottloses Streben nach fetten Pfründen. „Da es weder Gott gefällig noch männlich war, sich vor Menschen zu beugen, die nicht einmal richterliche Würde besaßen, so beschloß ich, im Gegenteil alles zu ertragen und auf »teti.net? Meinung zu beharren." Da wurde er exkommuniziert. Die eigenen Blutsverwandten dursten ihn nicht grüßen. Aeosta ging nun daran, in einem Buche seine gerechte Sache Zu verfechten. Die Zeit dieser Arbeit war ein Martyrium. „Die Kinder meiner Gegner, von den Rabbinern und ihren Eltern angewiesen, liefenhansenweise auf den' Straßen zusammen und bewarfen mich mit Schmutz. Manchmal kamen sie auch vor mein Haus, warfen mit Steinen und liehen nichts unversucht, mich in der Arbeit zu stören." Er mußte die Arbeit an seinem grundlegenden Buch unterbrechen und in. einer Gegenschrift auf eine leidenschaftliche Schmähschrift Moses gegen die Amster-l damer Eiferer verteidigen, alles darlegen, worin sie von' der jüdischen Lehre abwichen. Nun wußtet sie ihn nach echt pharisäischer Mechow klein zu kriegen: Sie erhoben Klage beim städtischen Magistrat, daß- Uriel'Aeosta alt seinen Schriften auch die christliche. Religion' untergrabe. Ins Gefängnis geworfen, wurde der edle Kämpfer schwach, willigte ein, daß seine Schriften eingezogen werden, widerrief und > zahlte eine Geldbuße. Mit eineim Freimut, der an Rousseau gemahnte, gesteht er seine sündhafte Feigheit ein. Fünfzehn Jahre hatte er getrennt von seiner! Familie leben müssen. ES hungerte ihn nach der friedlichen Häuslichkeit, nach dem Familientisch — da entschloß er sich, wie eir bitter gesteiht, „mit dsn Wölfen zu heule Aber die Sippe, die nicht von Aeostas Art war, benahtzr sich schmählich. Die lieben Verwandten unterließen nichts, was sich, wie er resümiert, „irgendwie zur Zerstörung und Vernichtung meiner Ehre, meines Vermögens und infolgedessen meines Lebens tun ließ". Und draußen im Amsterdamer Pharisäertum zündelte der Haß von neuem auf. Dazu kam, nach berühmten- Mustern, die zielbewußte Arbeit von Agents provocateur-. Zwei „ortsfremde" Christen fragten ihn um Rat, ob sie Juden werden sollten. Er konnte diesen Schritt nicht befürworten. „Sie könnten ja nicht wissenunteö welches Joch sie ihren Nacken beugten".... Die sat bcren> Kumpane verrieten seine Aeußerung gegen oute Belohnung an die Pharisäer und diese forderten, er müsset sich ihrem Ur teils spruch fügen, wolle er nicht neuerdings exkommuniziert werden. Erschütternd ist seine Anklage gegen diese Richter. Man weiß — zumindest aus* Gutzkows Drama — welche demütigende Strafe, verbunden mit öffentlicher Auspeitschung mtd Fußtritten der ganzen Gemeinde, ihm zugedacht war. Sieben Jahrck wehrt sich der Schwergeprüfte, solche Erniedrigung zu erdulden, aber er hatte ja gegen zwei Parteien zu kämpfen.. Gegen dieses Volk und gegen seine Verwandten. Der Sippe vor allem gelang es, ihn nnterzukriegen. „Wenn ich krank war, war ich einsam krank. Traf tnich Unangenehmes, so fanden sie, daß es ihnen sehr erwünscht gekommen sei." Dann kamen sie mit jener süßen Miene der Liebe, de? Mitleids und der. Menschenfreundschast, die abgefeimte, gottlose Frömmler ihren' Sklaven anerziehen, und sagten ihm: Unterwirf dich, denn wir all« sind dir väterlich gesinnt. Fürchte nichts, füge dich und wir werden alles schlichten, ohne d c wehe zu tun. Aber die ersten, die ihm wehe taten, als ec sich mit nacktem Rücken au die Wand des Tempels stellen *) Urtel neu übertragen Aachen. 1V23. 2283