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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-20 · Heft 1682 (20.10.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1682 (20.10.1923)
Date
1923-10-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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gSeHc ’4 " v . Men, SarKstätz Vrohnngen eines sozialdemolrattschen Mails« Wen. Irr einer soziawemokratischen Wählevvcrsanmüil-ng im ZeMralkeller in der Leopoldstädt hielt der dem Judentum abtrünnig gewordene Sozialdemokrat Dr. Trr- Kitsch eine Wahlrede, in der er sich in einer für die jüdischen SopÄdomokraien besonders charakteristischen Weift mit der Mischen Frage beschäftigte. Herr Treblisch, der sich natürlich , schämt«, „wir Juden" zu sagen und inimer mir in du zweiten i Person sprach, suchte der kleinen Schar seiner jüdischen Zu- > Hörer zu beweisen, daß es gemeinsame, die Juden einigende Interessen nicht gebe, höchstens Andachten und andere „kl«r ikailc" Ueberreste einer veralteten Tradition. Der Versuch der .Zionisten, eine jüdische Einheit zu konstruieren, gehe lediglich von k l e r >i k a l e n Beweggründen aus. Hingegen besteh? zwischen dem das Hakentkre-uzlevinm finanzierenden Industrie l l e n v « r b a d und der „sogenannten" Indischen Wahlgemeinschaft eine von gemeinsamen Interessen diktierte Verständigung! Zmn Beweis für den KlerrkÄiismus der Zionisten nrnßte die „Wiener M o r genz ei ln ng" herhalten, ans welcher der originelle Herr TvMtsch eün Gedicht von Ludwig August Frankl vorlas, das neulich in unserer „Fugendbeil-age" zu lesen war. Im übrigen ist der jüdische Renegar Trebitsch gnädig genug, den Zionismus als hohes menschliches Ideal anzu-erkennen, aber der Zionismus der heutigen Zionisten sei verfälscht und werde darum von den Sozialdemokraten aufs heftigste bekänipft werden. Dobl sei die österreichische Sozialdemokratie gut deutsch, aber matt müsse zugestehen, daß es ein jüdisches Volk gibt, dein „noch" jene Juden angehören, die noch nicht lange in Wien sind und „rwch" im Bannkreise alter Traditionen stehen/ Aber diese Juden zwinge die Sozialdemokratie nicht, ihre Nationalität äbzustreifen (sie beschimpft und vechöhnl sie bloß und verweigert ihnen das Heimatsrecht!), dorn für;ene sei Platz in der jüdischen sozialdemokratischen Partei P o a l e - Z i o n — das ist jenes Grüppchen, welches infolge «vialen Alitgli-ederschwundes in die österreichische, nird wie Herr Trebitsch sagt, gm deutsche Sozialdemokratie ausgeganaen ist. Weiter erging sich Herr Trebitsch in Drohungen gegen die jüdischen Arbeiter und Angestellten, falls diese es tvagen sollten. Misch zu wählen. Die Sozialdemokraten würden mit den „jüdischen Verrätern" (!) ebenso verfahren wie mit den' Ostara-Leuten, denn zwischen einem solchen Verrat und dem M ord -i n Spillern bestehe kein Unterschied! Aus diese ganz ungchsuerl-iche Terrordrohung, deren tmr em AbfallSjude fähig ist, gibt es nur eine Antwort: die jüdischen Arboiter und Angestellten, denen ihr JuLmtum noch etwas gilt und die Ehre im Leibe haben, müssen durch die Abgabe des Stimmzettels für die Jüdische Wahlgemeinschaft bewerfen, daß sie den sozWöernokratLschen Terror versuch mit Entrüstung ablchnen uiÄ> daß fis die 'eige Zumutung zlrrückweifen, einen: sie demütigenden Tik:a: zu gehorchen, das sie zu sozialdemokratische „HruS- '"uden" degradieren tvrll! Juden für sich errrzufangen. Zuerst versuchten sie es mit Versprechungen, dann mit Drohungen und schließlich mit GewaUakten. All dies nützte nichts, und so haben sie de-nar Wieder zu einem Plakat gegriffen, das die Jüdische Wahlgemeinschaft in den Augen der jüdischen Bewohnerschaft verdächtigen soll. Der soziaildcmokratische Anschlag ist in den Farben blau-weiß gehalten und behauptet nichts weniger, ÄS daß die Einheitsfront von Stricker bis Kunschak und von Jerzaüek dis Schwarz-Hiller reiche. Der Text dieses Plakats bringt noch ähnliche vertrottelte Wendungen, die eine verfehlte Spekulation ans den doch nicht so gering emzuschützenden Mischen Intellekt darstellen. Die Devlemudung der Kandidaten der Jüdischer: Wahlgomeinschast, ja das Nennen ihrer Namen in einem Zuge mit,Knnschak und Jerzabek, ist nur kongenial jener absurden Idee der Herren Pick und Kaiser, der roten Führer der malkontenten Kultusgerne'mdebeamten, d« ihrem Pamphlet gegen die JWüische Wahlgvmöinschaft Zettel beilegen ließen, in denen aüfgesordert wird, konfessionslos zu werden. (Dadurch wird dm 5dnltusbeamtrn doch klar vor Augen geführt, in welche Gesellschaft sie geraten sind.) Das smzig Tvastrviche cm diesen StunMinniigkeiten her WoWawegung ist nur der Umstand, daß Sonntag abends die Idiotie der durch die Angst um Mandatsvavliust aus dem sMschen Gleichgewicht gebrachten saziaDemoirrMchen Agitatoren hoffentlich ihr Ende nehmen wird. Mögen sie die Verkündigung des Sieges der Jüdischen Wahilgemsmschaft und Veriliust eines NationolvatZmandatS im vierten Wiener Wahlkreis an den jüdischen Block mit Fassung ertragen und nicht de» Rest ihres bisherigen BerMcheS verlieren. SozialdemokMche SeMandlünzMuttler. Tic Sozialdemokraten haben im Verlauf dieser Wahlpropaaonda bewiesen, daß Programm und Taktik Mi grund- :>cnd!;cl>?nc Dinge sind. Daß man Freiheit, Gleichheit, Brüo-n-iichke:: predigen und antisemitisch hetzen kann, daS beweisen ihre antisemitischen HetzPakate M Geuüg:. welche die Erinnerungen an das schmutzantisemU'sche D-:?bla:: „Kikeriki" austeben lassen und sowohl die sozialoemokratische Presse als die Vevsammlungsredner ziehen d'e Anlässe bei den Haaren herbei, um ihren mit Antisemir^snrns gewürzten Marxismus den arischen Ge- -w?scn schmackhafter zu machen, währerrd man andererseits im jüdischen WÄ)Iermrlieiu die Jüdische Wahlgemeinschaft als Verbündete Se^ipels vernadert! Tie internationale Sozialdenrokratie österreichischer Präc>,nr kenn: nur eine Menschenaber kerne Judenf r a ge. Aber das hindert sie nicht, sich mit unflätigen und ine jüdischen KandiHaten beschimpft r^er. Austuftn an dre „j üd i- ' chen Wähler" zn wenden und ein Paar jüdische Mitläufer Mt:: cnnwi kläglichen Appel! auf die „jüdischen Glanb es g r n :, s <. n" l>i»zu!asftn, an d'eftkben Glaubensgenossen, dene.it aus dem Judentum ausgetretenen Man« da.-: Werber, das Judentum als ,Flerikalis m us" dar;u stellen bemüht sind. Von einem jüdischen Volk haben die Her":!., die sich trotz ihres Internationalismus als Vorkämpfer d?r brutschen Sache gaoärden, sehr kuriose Vorstellungen oder st? tun wenigstens so. Im übrigen entfalten sie eine lebhaft Vrod.raa.-.^ -i,t di: P c n f cf f i o n? I ofi g lt i4, die m:u:- auch bei dem Judentum nicht Halt niacht, das eben „/elerikalismus" ist. Also, Antisemiten, .KonfesfionÄose und . "-^.n.ürttsgeno-ssen" in einem Atem! Anlaß genug für die Zttd.'t'. die 7r''-tische Aahlgemeinschaft zu rerraten und ihre Vert'crung jüdischen Renegaten anzuverlrmum! 8me neue Büberei der SozialdeMkrateu. Ter jüdische Wähler in Wien ist jetzt die umworbenst Persönlichkeit. Von den Christlichsozialen wird er mit Wacehandschnhen angsfatzi. Er ist zum ,Herrn Juden" avanoie-rt, ren'. der Bu-ndeska-ntzler höchst eigenhändig Briese schreibt. Die bürgerliche Aübeitspartei läßt den leibhaftigen Grafen Czer- "in airstnarschie-ren, um die Inden für die Mnzl-Liste zu gewinnen und bietet noch dazu den .Herrn Bernhard Hofb a n e r auf, der als Jude ftirre Glaübensgenossvn warnen zu ntüssen glaubt, sich von ihren Mitbürgern a>bzusoirbern, denn oamit würden sie nur den Antisemirisrnns fördern. Am unemmdttchsi«! sind natürkick die SoriÄdcmokr-r-:-'.:, um die Sie bewaffuete Wahlagttation. Gestern nachts kam es wieder an zahlreichen Stellen der Stadt gu Zusammenstößen von sozialdemokratischen und christlichsozialen Plakatarrklübem. In der Gumpendorserstraße wurden zwei Personen verletzt,- eine davon durch Stiche. Die Christlichsozialen flüchteiten dann in das HauS des Katholischen Gesrllenvereins und dort kam es zu einer wilden Schießerei, bei welcher nur zuMigerweise niemand verletzt wurde. Fünf Personen wurden verhaftet. Die Polizei ist damit beschäftigt, festzustellen, wer geschossen hart. — Auch im zweiten Bezirk kam es an zwei Stellen zu ziemlichen Skandalen. Arboite-rovdner rauften in der Hollandstraße mit gegnerischen Plakatierern, und in der Franz Hochedlinger-Gasft, wo die Sozialdemokraten in einem jüdischen Agitationslokal Wahlzettel verteitten, in tvelchen sie die Juden davor warnten, in die Jüdische Wahlgemeinschaft einzuireten, kam es zu wüsten Raufs.zenen. Ebenso werden Schlägereien aus Hernals, Währing und Gersthof gvnveldei. Diese kleine Auslese einer Nacht und der Umstand, daß diese Szenen in Wien während des Wahlkampfes bereits zur Gewohnheit geworden sind, zeigt, welche Formen die Wahlagitation in Wien arigenonunen hat. Die Polizeidirektion, die bekamttlich in einen: Erlasse an die Polizeikommissariate strenge Maßnahmen gegen den Mißbrauch von Schußwaffen aufgetcagen hat, wies heute die Kommissariate und den Zentralmspektor der Sicherheitswache an, diese Weisungen mit unna chsichtlicher Strenge durchzuführen. Um Ausschreitungen zu begegnen, wurde eine bedeutende Verstärktcng des Patrouillen die nstes durch die Sicherheitswache zu F u ß, aber auch durch Reiter, insbesondere während der Nachtstunden, angeordnet. Die Polizeiorgane sind beauftragt, gegen Personen, die von der Schießwaffe Gebrauch machen, im Rahmen der Strafprozeßordnung mil| der Haft und Einli eferung an das Gericht vorzugehen.! Alloholausschank am Wahltag. Da angeblich die Genossenschast der Gastwirte die Anssorderung erläßt, das Moholverbot nach Tunlichkeit einzuhalten, macht der ivtagistrat die Gastwirte sowie alle anderen geistigen Getränke zum Ausschanke bringenden Gewerbetreibenden aüfurerksam, daß durch das Bundesgejetz über die Wablordnuna iür den Nationalrat der Ansickank van 80. Oktober im ~r"" Nt. I« geistigen Getränken am Wahltage sowie am Tagv vorher, also am SamStäg und Sonnlatz, allgemein derbsten und mit Geldstrafe bis zu einav Million Kronpn oder mit Arrest bis zu vierzehn Tagen bestvafit tvird. Die Einhaltung dieses BsrhoteS muß daher unbedingt und nicht nur ,-nach Tunlichkeit" gefordert werden. Hiervon wurde übrigens die Genossenschast der Gast, wirte bereits ausdrücklich in Kenntnis gesetzt. Eine Sperre d« Gasthäuser ist nicht vorgeschrieben. Stimmzettel der jlldlschm Wahl« gemelnschaft. Stimmzettel sind in folgenden Lokalen zu habenr 1. Bezirk: Cast Atlashof. Wiestngerstraße 11. — Cast dr Franv^ Schottenring 3. Cafe Residenz, Franz JosefS-Kai. 2. Bezirk: Anitta Müller, Untere Augartenstraße 98. — Gasthaus Baron, Große Schiffgasse 19. — Machsike Hadath, SchiffamtS« gasse 30. — Cast Salztorbrücke, Hollandstraße 4. — Jüdische: Nationalrat, Taborstraße 20». — Cast Blau, Rotensterngaffe 3.7, — Cafö Reif, Taborstraße 49. — Cast Reichshof, Prater» straße 60. — Cafö Piffl (Neuhauser), FranzenSbrückensttaße 1. — Cast, Wolfgang SchmLlzlgaffe 10. — Cast Winkler,' Stuwerstraße 1. — Gasthaus „Zum Radfahrer", Ausstellung»- straße 86. - VolkSbibliothek Zion, Glockengaffe S0. S. Bezirk: Zenttaler Cast Ilion, LSwengaffe 39. — Restauraitot, Littmann, Rabetzkysttaße 21. — I. A. B. Makkabäa, Reisner« straße 23. — Jüdische SchlofferwerkstÄte, Apostelgaffe 89. -7 Taübstummeninstttut, Juchgasse 82. — Tempelverei«, Erdberg« straße 18. 4. Bezirk: Norbert Hochstimm, Schikanedergaffe 11. — Bkau-Delh Heim, Margaretenstraße 7. 8. Bezirk: , Ignaz Kurz, Bogelsanggaffe 41. 8. Bezirk: Menorah, Amerliugsttaße 19, Hofstiege. — Cast West» minster, Mariahttferstraße 57. — Cast Raimnndhof, Stroh» mayergaffe 15. 7. Bezirk: Restauration Reiß, Mariahttferstraße 124. — Restauration Zitahof, Mariahttferstraße 88». —> Cast Neubm, WestLahnsttaße 60. — Cast Mariahilf, Mariahttferstraße. — Cast Brillantengrund, Lerchenfelderstraße 99. 8. Bezirk: Vereinsheim, Bennoplatz 1. — CafL SchlSffelhvf, Alse» straße IS. 8. Bezirk: Lokal l r Cast Metropol, Beragaffe 33. — Lokal II: Mab fallt, Liechtensteinstraße 20. — Lokal III: Cast „zum toten Löwen", Roten Löwengasse 7. — Lokal Ivr Jvrta-Bude, Glasergaffe 4». — Lokal V r Sekretariat, Müllnergaffe 31. — Auskünfte beim Wahlleiter OberrechnungSrat W e i« e r, Serviten» gaffe 13, Tür 19 und Berggaffe 93, Wahlgemeinschaft. 10. Bezirk: Zionistische BezirkSsektiov, Favorttenstraße 130. 12, 1L, 15. Bezirk: DerbandSheim, Herklotzgaffe 21. 13. Bezirk: Cast Frenzl, Hütteldorferftraße 117, Ecke Reinlgaf^. 16. Bezirk: Cast DubinSky, Thallastraße 22. 17. Bezirk: Turnverein Makkäbi, RStzergaffe 9/11. 18. Bezirk: Währinger Brauhaus, Gentzgaffe 62. — Gerfihofer Winzer Haus vormals Wolf, Gerstboferfttaße. 19. Bezirk: AdvokaturSkanzlei Dr. Jakob Kohn. Döblinger Haupi» »36. — Restauratton Zögernttz (Kegelbahn), Döblinger ^straße (am Wahltag). 2V. Bezirk: Karl Mißl-Straße 1. - Karl Meißl-Straße 5. - Denisgasse 33. - Allerheiligenplah 17. Die Agitation-lokale sind dmch Aufschriften rrmttNch gemacht! _• Sesterreich. »ns LeckungrverhWnis der österreichische» Mone. Bundeskanzler Dr. Seipel hat sich unlängst in einer Vevsanmrluntz in Floridsvorf mit den Unglücksprvpheze'mngen Dr. Baue rS beschäftigt. „Dr. Otto Bauer war,"' wie der Kanzler richtig bemevktc, „ein schlechter Prophet. Als wir das neue NotenbanPgefttz machten, wurde bestimmt, wie iveit der geplante Banlnotenuntlauf gedeckt werden nmßte. Die Sachverständigen.sagten, in: ersten Jahre würde es etwa bis 25 Pryzent rnoglich sein. Heute ünn ich Ihnen sagen, daß die Deckung unsereS gesamten Bankn 0tenve rhaltnisscs scher -i u nähern!/ 25 Prozent beträgt. Ne Mimte«. Am! i. d. fand Lei der Salzburger Landesregierun,, eine Besprechung über die Vereinheitlichung des^ Straßenrechtes rmd der Straßenpolizei in allen Bundesländern statt, an der Vertreter sämtlicher Bundesländer sowie der Bundesregierung teilnahmen. Es wurde u. a. auch die Abschaffung der Straßenwauten in Erwägung gezogen, die allerdings an die Voraussetzung geknüpft ist, daß es gelingt, einen ausreichenden E rsatz für die Mauteingänge zu finden. Die diesbezüglichen Verhandlungen werden zwischen den und mit her Vundesrecnerung fortgesetzt^ iaääauai

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