Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1680 (18.10.1923)
- Date
- 1923-10-18
- Page
- Seite 3 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9h. 1680 Men, Do«nerS-1ä§ Wiener Moraenzeituny. Okbober 1923 in SGeÄ willen zurückzichen. PoMA ist mir für künstlerisch Unbegabte — so heißt sein Glaubensbekenntnis. Oberflächlich betrachtet lehnt derüberzeugte Geschäftswann aus gerade entgegengesetzten Gründen die Teilnahme an der Politik ab. Sicht man aber ein bißchen näher hin» dann haben die Motive der beiden doch eine merkwürdige Familienähnlichkeit. Der Geschäftsmann nimmt natürlich nicht an den mangelnden ästhetischen Werten des ParteileLens Anstoß, aber er ist doch auch der Ansicht, daß politische Umgestaltungen für ihn unwesentlich sind. Die Politik kann feine Geschäfte, sein Gewinnen oder Verlieren, seinen Nutzen oder Schaden nicht beeinflussen. Don der Politik werden seine Kinder nicht satt, pflegt der Eifrige zu sagen. Er hat auch ganz einfach leine Zeit, sich politische Fragen zuvecht zu legen, und das viel zitierte Wort vom „kleinen Pogrom, der der großen Vermögensabgabe vortzuzichen ist", ist aus diesem Geist geboren. Man schiebt alle mit der politischen Entscheidung zusammenhängenden Fragen von sich ab. Sie sind unwesentlich, gleichgültig, sie kosten nur Zeit, die man besser^ verwenden könnte. Daß diese KurUichtigen sich damit zu ,-Bürgern zweiter Klasse" erniedrigen, werden sie wahrscheinlich erst einsehen, wenn sie die Wirkungen ihrer Gleichgültigkeit zu fühlen bekommen. Sofern sie Juden sind — und unter diesen ist die absolute Indifferenz leider nur zu oft zu finden — konnten sie die Wirkungen sogar „am eigenen Leibe" verspüren. Die begeistertsten Unpolitischen sind aber doch die Frauen. „Politik ist Männersache" — gehört zum eisernen Bestand an Redensarten so mancher Wien Hausfrau. Dabei sind es keineswegs immer die alten Frauen, die, an den Grundsätzen 'vergangener Zeiten festhaltend, die Beteiligung am politischen Leben ablehnen. Es sind auch meistens nicht die Berufstätigen, die dem politischen Leben mit grundsätzlicher Gleichgültigkeit gegenüberstehen. Aber das Leben der'Dame ist von so vielen Interessen erfüllt. Man bcscheidet sich freiwillig mit den berühmten vier „K", ja man verzichtet sogar gelegentlich noch aus Kirche und Küche, hat man doch auch noch mit den beiden veMei'benden K, obendrein mit gesellschaftlichen und ,Mepräsentations"-Pflichten, mit Kunstibvtrieb, Tanz, Sport, Flirt und wie alle die andere» Notwendigkeiten einer mondänen Frau heißen, genug zu schaffen. Für Fragen des Gemeinwohles bleibt da wirklich keine Zeit mehr. Außerdem haben manche Damen die sonderbare Vorstellung, Politik sei nur etwas fürs „Volk". Ander« finden gar, sie „macht alt". Uiü> das ist natürlich nicht viel weniger als ein unwiderrilsliches Todesurteil. Auch viele Hausfrauen entziehen sich der Wahlpflicht, die nicht weit genug sehen, um zu begreifen, daß die Entscheidung der Wahl nicht nur ,/die Männer", die anderen, nicht nur irgend jemanden weit weit draußen betrisst, soi^dern ganz tief ins tägliche Leben jedes einzelnen eingrefft und daß niemand von ihrer Wirkung verschont bleibt. Denn das ist eine Tatsache, die sich die Unpolitischen nicht Kar machen: Auch Nichtwählen bedeutet eine Verantwortung, weil es dem natürlichen Feind (und das müssen für jeden Juden ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit alle demagogischen Parteien sein) eine Chance mehr gewährt. Es ist eine Verantwortung und eine Pflicht. Mc'he den politisch Gleichgültigen, die sich jhr entziehen wollten. Sie könnten allzu unsanft zu fühlen bekommen, daß politische Unterlassungssündru so schwer wiegen wie politische Begehungssünden. K. M. Sie Mische WMgemeinfchaft int Wahlkreis Fnnen-West. Im Restaurant H u b m a n n hielten die jüdischen Wähler vom Neubau eine außerordentlich gut besuch'e Wählcrvevsantmlung ab, in der Dr. Desider F r i e d m a n n als erster Redner das Wort ergriff. Er führte die Erfolge an, die durch die R a l l i i e r u n g a l l e r j ü d i s ch e n Kräfte in anderen Ländern erreicht worden sind. Die Organisierung des Widerstandes ist zum Teil selbst schon ein Schutznüttel. Gegenüber der sozialdemokratischen Liste, auf der aus Parteigeldern erhaltene Beamte kandidieren, sind die Kandidaten der Jüdischen Wahlgemeinsch-aft Menschen, die durch diese Kandidatur ein persönliches Opfer bringen. Dennoch wagen es die Sozialdemokraten, unseren führenden Männern andere als ideelle Motive zuzmnuten, um die jüdische Liste auch auf diese unreine Weise anzugreisen. So wie man früher nur mit dem Taufschein als Jude etwas bei den Behörden erreichen konnte, muß man heute die Zugehörigkeit zu einer sozialdemokratischen Organisation bei den kommunalen Behörden Nachweisen, um überhaupt ängehärt zu werden. Die P o l i t i -![_cu 119 der Verwaltung macht eine Kontrolle durch jüdische Abgeordnete unbedingt nötig. . Nach einer. Rede des Kultusvorstchers Markus Fischer sprach Redakteur Philipp Hoff mann. Das veraltete Schlagwort der Demokratie dient heute überall in der Welt nur zur Verbergung reaktionärer Tendenzen. Ter Kamps gegen den klerikalen Geist ist ein längst überholtes Schlagwort und ein wesentliches Programm hat die Demokratische Partei überhaupt nicht. Die österreichische Sozialdemokratie ist eine militarisierte, imperialistische Ziele verfolgende Partei, die sich zu all dem auch noch zur Beschimpfung und Entrechtung der wehrlosen Minorität der Juden hergegeben hat. Das sozialistische Ideal ist bei den Vertretern der Jüdischen Wahligemeinschaft mindestens so gut aufgehoben, wie bei den Sozialdemokraten. Redner warnt di« Sozialde-mokratie vor der verfehlten Taktik der antisemitischen Hetze, durch die die Sozialdemokraten den Hakenkreuzlem Zutreiiberdienste leisten. Baurat Dr. Defris weist nach, daß die Zachl-enspekulationen der »/Arbeiterzeitung" gänzlich in der Luft hängen und eine böswillige Irreführung der Mischen Wähler darstellen. >»»» »»»» > wmwnj'Ttt Donnerstag den 18. Oktober 1923, Va8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstrasse der Jüdischen Wahlgemeinschaft Minner der Wiener Judenschaft werden sprechen: Hofrat Professor Dr. Ehrmann Dr. Friedmann» Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Ornsteinv Präsident der Union deutschöst. Juden Oberbaurat Ingenieur Stricker Gemeinderat Dr. Schwarz-Hlller Univ.-Prof. Dr. Königstein Gemeinderat Dr. Plaschkes IBIBBE39) Me Parteienvereinbarung Wer die Stimmzettel. Nach einem gestern von den drei großen Parteien getroffenen Uebereinkommen werden die Mitglieder der Sprengel-, Bezirks, und Kreiswahlbehörden in Wien angewiesen werden, eine Prüfung der Größenverhältniss-e der von den Parteien ausgegebenen Stimmzettel nicht vorzwnehmen. Dadurch wird den Kommissionen eine große und meist zwecklose Arbeit erspart, die überdies nur zu Härten führen könnte. Es wäre unbillig, Stimmzettel fiir ungültig zu erklären, die von den Parteien selbst ausgegeben worden sind und um einige Millimeter von den vorgeschriebenen Maßen abweichen, wie das durch ein Verschneiden in den Druckereien leicht geschehen kamt. In KM der gestrigen Ausschußsitzung der Gastwirtegenossenschaft teilte Vorsteher Holzmann mit, daß das Alkoholverbot am Samstag, dem Vortage der Wahl, und am Wahltage, Sonntag den 21. d., a u f r e ch t b l e i b t. Die Genossenschaftsmitglieder werden daher aufmerksam gemacht, die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Der kommende Sonntag ist Wahltag. Gewählt wird von 7 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags. Das Lokal, in dem die Waihl stattfindet, wird in jedem Hausflur -bekannt gegeben we.rden. Der Wähler wird auf leine andere Weise verständigt. Die Wahlberechtigten erhalten keine amtliche Legitimation. Zur Stintmeuabgabe ist jedermann berechtigt, der Wahlrecht hat uttb in die Wählerliste ausgenommen ist. Zur Vornahme der Wahl bedarf man zunächst des Stimmzettels der Jüdischen Wahlgemeinschaft, den alle jüdischen Wähler und Wählerinnen erhalten. Auf den: Stimmzettel darf keinerlei Vermerk angebracht werden, ebensowenig die Änt-evschvift des Wählers. Vor der Wahlkommissionmutz sich der Wähler oder die Wählerin legitimieren. Zn biefent Zwecke muß jeder Dokumente vorweisen. Als solche Identitätsnachweise gelten: Geburtsschein oder Heimatischein, Trauungsschein, Staatsbürgerschaftsurknnden, Pässe, militärische Dokumente, Anstellungsdekrete, Schulzeugnisse, amtliche Legitimationen,. Gewerbeschein, Lizenzurkunden, Diplome, auch Eisenbahn- oder Straßenbahnpevmanenhkarten. Ein solches Dokument ist unbedingt zur Wahl mitzunehmen! - Lasset euch von gegnerischen Agitatoren kein« Stimmzettel aufnötigen! Achtet auf die Stimmzettel der „Jüdischen Wahlgemeinschaft!" M Seipel-Plalat. Die ChristlichseAialen geben heute, knapp vor den Wahlen, die bisher den Juden gegenüber gezeigte Taktik aus. Sie bereiten ein Plakat vor, das auch der verwöhntesten antijüdischen Geschmacksrichtung dient und erfolgreich mit den sozialdemokratischen Erzeugnissen konkurriert. Das Dhema von -dem Arbeiter, den der jüdische Ausbeuter bedrängt, wird da abgewandelt. Biel Gehirn ist da nicht ausgewendet, aber für die Tschelmtze langt's schon. Spzialdemokrattsche ArithmeK. Die sozialdemokratische Agitation verlegt sich jetzt hauptsächlich dara f, den kleineren Parteien mit dsrt Vorspiegelung die Wähler abzufischen, ihre Wahbewer? bung habe keine Aussicht, weil die Wal)'zahl diesmal besonders hoch sein werde. Neulich wurde den Kommunisten in der „A<rbeiterzeitnng" Vorbehalten, daß siel mit ihren Kandidaturen lediglich die Geschäfte der Reak-s tirm besorgen, und nunmehr habrn die sozialdemokratischen Agitatoren ihr besonderes Herz für die j üd i sch es Wählerschaft entdeckt, der sie durch Rechd.exempek die Aussicht auf eine eigene Vertretung im National rat wegeskamotieren wollen. Sie führen die Wahlziffern des! Jahres 1920 an und manipulieren dann solange imitz diesen heute längst überholten Zahl»:, bis sie — Ge-i schwindigkeit ist keine Hexerei — das Mandat der Jüdi< schon Wahlgemeinschaft im vierten Wahlkreis weggerechnet haben. Bange machsn gilt nicht. Im Wahlkreis Nordost! wird die Zahl der jüdischen Wähler an Mq 50.000 heranreichsn. Zur Erlangung eines Mandates! im ersten Ermittlungsverfahren sind, hoch gerechnVch 17.000 Stimmen erforderlich. Diese Stimme, tzcchl haben bei den letzten Wahlen die Zionisten und die demokratische Gruppe a lerdings nicht ganz eroe cht. Aber/ diesmal wurde .schon von Has aus durch die Gründung! der Jüdischen Wahlgemeinschaft dafür vorgesorgt, daß! alle jüdischen Gruppen mindestens soviel! Stimmen aufbrin^en werden, als zur Eri ringung eines Mandates im Wahlkreis Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdo rf ers forderlich ist. Die im jüdischen Wahlölock vrreinigten Gruppen verfügen — und das mögen sich diel Sozialdemokraten gesagt sein lassen — in ihrmMi-gliederlisten allein über eine Anzahl von Wählern, weiliches die voraussichtliche Wahlzahl übersteigt. Für die Jüdische Wahlgemeinschaft werden selbstverstand lich nicht nur die Z i o n i st e n und die übrigen N a ti on a ljuden, sondern auch die demokratische Partei/ die Orthodoxen, aber auch alle ja e Juden zur Wähl gehen, denen seither das Verhalten der Sozialdemokratie in den V-:rtre'mngskör"ern und ihre strupel-s lose Wählantation die Augen geöf'net hat. Die Jüdische Wahlgemeinschaft ka n sogar dam'k zuversichtlich rechnen, daß, über die zur Erlangung eines! Mmdates im Wahlkre's Nordost erforderliche Stimmenzahl hinaus der vierte Wie-.er Wahlkre's eine soj große Anzahl von Reststimmen ergeben wird, daß zusammen mit den Reststimmen der übrigen Wieneä Wahlkreise soviele Stimmen erübrigt werden, daß n och! we itere jüdische NationalratSmandatc gesichert sind. _ M „Bekenntnis" Endlich hat sich auch der „demokratisch-bürgerliche" Graf Czernin herbeigelassen, in den Reichshallen vor die geehrten Wähler zu treten. Der Herr Graf kam natürlich auch auf die Judenfrage zu sprechen und versuchte nach dem Muster der sonst von ihm so stark bekämpften Sozialdemokraten, den Antisemitismus der G r o ß d e u t s ch e n in Zweifel zu ziehen. Herr Czernin wünscht mehr antisemitische Konsequenz bei den Großdeutschen: ihm scheint es nicht genug zu sein, daß sie in Presse und Oeffentlichkeit das Judentum begeifern, das Halcukreuzlertum großziehen, daß sie Justiz und Verwaltung gefährden, daß ihr Waber das Judentum mit seinem Nassenschwindel heimgesucht 'hat und durch ihr Treiben zahlreiche Juden um ihr österreichisches Bürgerrecht gebracht wurden. Herr Czernin findet, es sei „kein A n t i s e nt i t i nt n s", die kleinen Juden zu verfolgen und die großen zu feiern, wobei er auf Herrn Franks Teilnahme am Diner für den getauften Dollarkönig Otto Kahn anspielt. , Was Herrn Czernin und sein Parte! anlangt, so ist bei ihr wohl Antisemitismus gleichfalls vorhanden, an Ehrlichkeit steht sie jedoch noch hinter den Großdeutschen zurück. Denn es ist unehrlich, wenn der christlichsoziale Hospitant Czernin ein paar Juden als „Kandidaten" vorsteckt, um jüdische Stimme:: zu ködern, Herr Czernin, der in Wort und Schrift das Judentum verdächtigt und herabgesetzt hat und Herrn Professor Hoffmeister zu seinen Parteigenossen zählt, der die niederträchtige Beschimpfung des Judentums durch die Hochschule für Bodenkultur öffentlich gutheißt. Herr Czernin hat in jener Versammlung noch erklärt: „Wir sind keine Judenpartei — wie wenig wir es sind, betveist die gegen uns gerichtete jüdische fürden Et»kauf von Stoffen für die Herbst- und Wintersaison: Damen- und Herrenwäsche, Betf¬ und Hauswäsche, Strickwaren, Teppichen, Vorhängen etc nur das bekannt verlässliche u. billige Ita-Drii IlüFSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detair 7184345461 8594