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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-14 · Heft 1676 (14.10.1923) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1676 (14.10.1923)
Date
1923-10-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Wien, Sonntag Sette 8 Telbftmord eines Londoner Rothschilds. London, 18. Oktober. Nach ZeuHenausfagen im Laalft der IveHen des gestern erfolgten Selbstmordes des Barons Nathaniel Charles Rothschild, eines Sohnes des ersten i LordS Rothschild, Präsidenten der Dersicherungsgesellschaft | .Allianz"/ geführten Untersuchrmg hat der Selbstmörder, der an Nauraschmie litt, sich im Badezimmer eingeschlossen und - die Halsadern durchschnitten. Weitere Nachl richten schien. _ Londoner zettnngsschacher. Vertrustung auch in England. Cm großes Zoittmgsgeschäst ist nrmnrehr, wie man uns »us London berichtet, endgültig pkpcsekt geworden. Sir Edward! H-ukion Verlauste seine vier täglich erscheinenden Zeitungen: „Daily Sketch", „Evening Standard", beide in London, und die in Manchester erscheinende „Daily Dis-; Patch" und „Evening Chroniqne". Ms Zugabe verkau-fte er eine ganze Anzahl von Wochenblättern und and'rc i periodische Zoitschristen, insgesamt vierzig verschiedene Ausj gaben, die er bisher besessen hat. Die Käufer d.-eses umfang-! reichen Teiles der englischen öffentlichen Meinung find ^ord; Ruthermer« und Lord Beaverbrook. Der Preis i für alle diese Blätter beträgt 6.600.000 Pfund Sterling.! Dieser Aenungsschacher ist wohl der großzügigste. der jemals in der Weilt durchgesührt wurde. Die beiden Lords - emtgt-en sich dahin, daß B ea üe r b r o o l di«e in London eri scheinenden Zeitungen und Zeitschvifton übernimmt, wäheeud j Lord Ruthermere die in der Provinz herausgegcdenen; Zeitungen behalt. ' Durch diesen neuen AnEauf von Zeittiugen und Zeitschriften sind die beiden edlen Lords die größten und c-m{infe; reichsten Zeitungsvsrleger geworden, da sie schon die Besitzer einerganzen. Anzahl von Tagesblättern, Wochentun MonatSschvvften in London und in der Provinz sind. Es ist nicht überflüssig, daraus hinzuweisen, daß dieser Zeitnngsschacher auch für die zionistische P olitik von ungünsttgem Einfluß werden kann. Der bisherige Besitzer der zum Verkauf gellangten Zeitungem, Edward H u l.1 o n, ist wohl auch kein besonderer Judensreund und hat die zionistische Politik in Palästina durchaus nicht gefördert. Aber er ist kein m feuer Gegner des Zionismus und hat sich bemüht, in seinen Blättern i« der Juden frage im allgemeinen und in der Frage des Zionismus im besonderen kühle Neutralität ' zu bewahren. Anders liegen die Dinge bezüglich der neuen Besitzer Lord Ruthermere nach B.'averbrook. die als offene Gegner des Zionismus und als Judenfeinde bekannt sind. Diese ihre Gesinnung spiegelt sich in ihren Blättern „Daily Expreß", „Daily Mail". „Evening Netvs" und „Daily Mirror" täglich wieder. Durch den Erwerb der vier großen Zeitungen Edward Hultons könnte die offene antizionistifche Beeinflussung der englischen öffentlichen Meinung nur noch an Macht gewinnen. Lie Wische Rot in der fc!;::. 30.000 Kinder in Hungersuct. Aus New - Aork meldet I. C. B.: Einige in Rußland tveilende amerikanische Senatoren und Deputierte haben an den Vorsitzenden des amerikanischen Joint Distvibuliion Eommittees ein aus Moskau datiertes Telegramm gerichtet, in dem es den Kerzen, den Saal, ein Halbdunkel also, wie ans einem alten Gemälde. Und aus diesem Halbdunkel treten bei ihrem Rundgange — denn jeder einzelne ist in Bewegung — charakteristische Typen in den Lichtkreis: Patriarchencrscheinungen mit langen, weißen Bärten und Ringellocken zu beiden Seiten des Gesichtes. Sie tragen den bis fast zur Erde reichenden Kaftan aus gröberem Stoff, während andere ein unter den Knien schon abschließendes, schwarzseidenes Gewand angelegt haben. Viele von ihnen mit einem Halstuch, das die Anhängerschaft an den Zadik bekundet, aber alle mit Vollbärten, wie es sich für einen Fromme» gehört. Wieder andere binden sich über den langschößigen Rock nur einen schwarzseidenen Gürtel, und einige haben zu ihrer hellen Straßenkleidung bloß einen schwarzen, * runden Plüschhut aufgesetzt. Man unterhält, begrüßt sich, ruft einander zu, winkt, gestikuliert — aber dazwischen viele, die der lauten Umgebung schon völlig entrückt sind. Indem sie so — die Hände in fortwährend«, wie waschender Bewegung — langsam das Almemor umkreisen, murmeln ihre Lippen halblaute Gebete der Vorfahren, ihre Augen haben den innerlichen Blick, sie sehen nicht mehr die anderen, bleiben auch in ihrer Gefühls- und Gedankenwelt, selbst wenn sie von den aufgeregten .Kindern heftig angerannt werden — nur unwillkürlich wird ihre Stimme lauter, das Gebet aber ohne Unmut im Gesicht weiter gesprochen. Manche sitzen abseits an den Tischen, still für sich, „lernen" in den Folianten, die Hand im Barte wählend, die Lippen die Worte lautlos formend. Einer von ihnen steht auf, holt sich die Kerze pom Almemor, tropft Stearin aus den Tisch und klebt das Licht fest — dann firiV Wiener Morgenzeitung. 14. Oktober 1923 heißt, daß die Einstellung der amerikanischen Hilfsarbeit gegenwärtig so viel bedeuten würde, daß 30.0 0 0 Kinder dem Hunger auSgesetzt würden. Nachdem die amerikanische Hilfsorganisation „Ä r a" ihre Arbeit in Rußland eingestellt hat, sei man dort um so mehr auf die Hilfe des Joint angewiesen. Die K i n d e r h i l sc sei auch ln Ankunft eine dringende Notwendigkeit. Me die amerttmisch-Wlschen HNfsgelder in der Bukowina verwendet werde«. Die Bereiniguua „Sasah Jvriah" sür die Bukow i n a schreibt uns: Gelegentlich der Anwesenheit des Generalsekretärs des amerikanisch-jüdischen „Reliaft-Komitees, Zuckermann, wurde uns van seiner Seite versichert, daß ihm sowohl die hebräisclren als auch die jiddischen Institutionen gleich warm am Herzen liegen und er sich beider annehmen werde. Leider hat Herr Zuckermann sein Versprechen nicht eingeihalten, sondern im Gegenteil digesammelten Beträge in der Höhe von' mehreren Millionen einzig und allein j i dd i s ch i st i s ch c n Parteien überliefert. Alle Eingaben und Proteste der hebräischen Knltiirinstirntionen sind bis heute unbeantwortet geblieben. Diese Ungerechtigkeit ist um so krasser, als bis zum Eingängen jener Gelder in der Bukowina nur hebräische Kultnrinstitulionen vorhanden waren, z. B. Kindergärten, das hebräische Pädagogium zur Heranbildung von hebräischen Lehrern, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, hebräische Volksschule, hebräische Kurse für Erwachsene und Kinder nsw. Erst mit dem Einlangen der großen Geldsummen von Amerika haben die Jiddischisrcu in der Bukowina drei Kindergärten errichtet, wobei sie in Ermanglung eigener Kindergärtnerinnen die APoiventinneu des hebräischen Pädagogiunrs durch höhere Honorare herangezogen haben. Trotz der eifrigsten Agitation ist j die Zahl der diese Kindergärten frequentierenden K'nder nicht i über zehn hinansael-w.men, während die Zahl der die j bebräischen Schnlinstiintionen besuchenden Kinder und Erwach-; senen sich auf über >000 belänst. Hetteor.zchobeu muß «.-.uh wer- ' den, daß zumindest .',0 Prozent der die hebräisehen Schulen b-ci suchenden Kinder den ärmsten Ständen ün.gehören und; das; infolge der seil drei Jahren unterbliebenen Foin'nntcrstützunger^)ie B - s p e i s n n g der Kinder a n fg e a e b e n ivevden mußte, Wod-irw die Ernährung der cbn.-hin unterernährten Kind.'r Schud'n leidet. WG wollen d'nch d'e wa.hrtzeitvgemäße Schllderi.ua der oäen an ge führten Zustände die > Anfmertsauckeit der maßgebenden Führer unsere ' au eritauis Heu j Brüder ans die.se Taiftche lenken, U;eii wir in Erfahrung brachs ten, daß die Jiddisch ist er. ihre Kulti'.rliga als die einig jüdische j Knlturinstittltion ansaegeben und die Existenz des hebräischem Landesschnl.vevban.de? „Sasah Ivriah^ vollständig mit Stillschweigen übergangen haben. Für die „Safah Jvriah": Der Präsident: Tr. Josef Vierer. N«. MB ... 11111.111 BOJKO WIEN Orig. Pariser Modelle in Kostümen, Staunen* und Abendkleidern, Mänteln und Pelxen. I., KÄRNTNERSTRASSE NR. 94 Eingang Maysedergasae 2, ★ Sie ZsterreichWe Tegelflngwochs. Bis zum gestrigen Tag" war der Wasch borg bei S t o ck e r a u den meisten nicht an seinen Hängen geborenen und lebenden Zeitgenossen genau so unbekannt, tvie etwa das Innere von Afrika oder die Gegenden am Südpol. Jetzt ist diese Bodenerhebung, die weder vulkanisch ist, noch einen Gletscher oder ein berühmt teures Hotel trägt, noch auch sonst irgendwie merkwürdig ist, plötzlich berühmt geworden, weil sie zur Veranstaltung der ersten ö st c r r e i chi s ch e n Segelslugwoche verwendet wird. Dem Umstand also, daß „rührige" Leute, deren Lebensaufgabe sanft darin besteht, Bälle zu arrangieren, die den Wiener Damen reichlich Gelegenheit geben, oben und unten möglichst ausgezogen, au erscheinen, plötzlich ihre besondere Vorliebe für de:: Flugsport entdeckt haben, verdanken eine Menge Ocsterreicher eine nicht zu unterschätzende Erweiterung der Kenntnis der Geographie unseres Vaterlandes. Ohne die Segelflngwoche wäre wohl der Waschberg für die größere Masse des österveichö scheu Volkes ewig eine Terra incognita geblieben. Gestern wurde auf dem Waschberge „feierlich eröffnet". Die Segelflugwoche nämlich. Ein paar aus Leinwand aufgestellte .Hangars, einige aus Brettern zusammengenagelta Buschenschenken deuten darauf hin, daß etwas los ist. Gestern war außer ein paar' Reden allerdings nichts los. Es war alles in Ordnung, nur ein Mitwirkender an der ganzen Veranstaltung wollte nicht mit tun: Der Wind. Gerade auf den aber kommt es bei der ganzen Segelftiegerei an. Die Veranstalter haben daher um ein paar Waggon- „Austvind" telegraphiert. Vielleicht wird also die staunende Zuschauermenge, die in Sonderzügen und Automobilen zum Waschberg strömen soll, heute die Sensation erleben, einen motorlosen Flug von einigen hundert Metern zu sehen. Die an der Veranstaltung unmittelbar Beteiligten sind für den Segelflug außerordentlich begeistert. Man sieht den Fliegern wirklich reine Spvrtsreude und ehrlichen Enthusiasmus für eine Sache an, die im Grunde genommen doch nichts ist, als ein Znrückgehen auf die ersten Flugversuche Lilienthals. Dem, heute, in der Zeit, wo es Flugzeuge gibt, die herrlich und sicher stundenlang fliegen, zweihundert Kilo- Meter in der Stunde zurücklegen, kommt dem motorlosen: Flug wohl wenig praktische Bedeutung zu. Es ist gerade so, als wenn heute die' „Renner-Buben^ mit ihren aviattschen Kunststücken den lenkbaren Zeppelinballon verdrängen wollten. Der einzige praktische Wert, den diese Segelflugversuche haben, ist das Studiumder Luftströmungen, ihre richtige Ausnützting und die Verwendung der gemachten Erstrhrungen sür die Konstruktion der günstigsten Flugzeugtype. Trotzdem aber ist die Veranstaltung recht interessant, und die Flieger^ die sich zur Kcnkurrenz genannt haben, lassen schöne Leisticnreu erwarten. Bon den deutschen Rhönfliegern sollest B o t,sch, Martens Und S t a m e r mit ihren Apparaten kommen. Außerdem werden noch eine ganze Anzahl österreichischer Segelflugzeuge — im ganzen konkurrieren sechzehn Apparate — an der Veranstaltung teilnehmen. Wenn das Wetter ein Einsehen hat, der Waschberg weniger kotig ist, und die erwarteten Zuschauermasseu kommen, dann wird die österrcichis.he Segelflugwoche eine gelungene Veranstaltung sein. Im Interesse aller Sportbegeisterten wollen wir es hoffen und wünschen. . . _ g—d. ZvoMerte Ausländsbriefe. Die Diebstähle aus dem Südbahnhof. i:,i Lai letzten Monaten ereigneten sich zahlreiche Dieb» stähle vvu A u s l a n d sür i esen, besonders am Postamte S ü >d b a h n h o f, ohne daß man den Tätern auf die Spur kommen konnte. Vor wenigen Wochen kam eS sogar vor, daß aus diesem Post amte ein ganzer P o st üe u t e l .mit sogenannten „Aitterira"-Briesen spurlos verschwand. Bei einer Kontrolle stellte ein Postbeamter Radierungen in den Durchlaufbüchern d.'«r zu expedierenden Briese fest und erstattete bei der Postdirektion die Anzeige. Die polizeilichen Erhebungen m-täfertflfMe njffl. Mit, WWerMW»,! nflPIIP IV.MM7MlUiMt»:AWM-M w 3ci|t((fe; ix Mofergaffelt Sei.Stelle il von 5665 er weiter, braucht die alten Augen mit den entzündeten Rändern jetzt nicht mehr anzustrc::gen. Da drängt sich einer plötzlich durch das Getoiihl, tritt vor das Pult, legt den Hut ab, zieht über den Kopf m,'l> dem schwarzen Käppchen den wollenen Talleth (Gebetsmautel), verhüllt das Gesicht, und beginnt mit fortwährender Verneigung in hebräischer Sprache zu beten. Leise, in singcndemt Tonfall, hat er begonnen, aber nach und nach tverden die Bewegungen heftiger, erregter, die StimMe steigert sich, wird laut, schreiend — der Bester ist in völliger Ekstase, hebt die Hände, schlägt sie schallend zusammen. Man achtet aüs ihn — oder scheint auch nicht auf ihn zu achten —, aber bei, manchen Stellen stimmen die'übrigen plötzlich in das Gebet mit ein, eitie schwermütige Melodie ist entstandeik, die alle nntsingen. Dann verebbt der Chor, doch das Eiuzelgebet geht weiter, klingt jetzt wie Aechzen und Stöhnen. Nnd!nun tritt noch ein anderer hinzu, entflammt von dieser Inbrunst, und betet ebenfalls, ohite das Gesicht jedoch zu verhüllen. Auch er bald in Ekstase, daß sich die Finger um' Len Pfosten krampfen, der ganze Körper bebt, die Augen überirdischen Glanz bekommen. Und so verharrt er noch lange, während der andere mit dtrmpjem Gtkrgeln zu Ende gekommen ist, den Gebetsmantel ablegt — ein altes Männchen, erhitzt und erschöpft bis zum Zusammenbrechen, das nun still abseits geht. Immer wieder dieselben Szenen: Ain Pult die lauten Beter, die sich an die Brust schlagen, die Fäusie wild emporreckcn oder donnernd ans' das Pult [jvicii. Hinter ihnen 'die große Zahl der au.'eren, den Chor j:1 ■' an rauchend und plauderud. lind e' schreiten, (-jebete murntelnd hinauf zum Throne Adonais, oder abseits, still für sich, in heilige Schriften vertieft.- Eine Pause tritt ein, dann flammen plötzlich die anderen Lampen ans, der Saal ist nun hell geworden. Aus dem Thoraschrein werden die heiligen Rollen genommen — sie sind eingehüllt und mit silbernen Verzierungen geschmückt. Ein paar Auterivählte dürfen sie tragen. Zuerst der Borbeter, den Mantel über Kopf und Schultern, aber das Gesicht frei. In der ansgestreckten Hand hält er ein Buch, aus dem er heilige Verkündigung liest — so schreitet er dllhin, und drei, vier andere, jeder eine Thvrarolle mit beiden Armen untschlungen, folgen ihm. Eine Runde durch den Raum — und so ehrerbietig man auch Platz macht, alle' drängen sofort wieder heran, strecken begierig die Hand aus, berühren die Nolle, führen die Finger an den Mund und küssen sie inbrünstig. Vor dem leeren Schrein blieb nur ein brennet,dcö Licht, nun sind die Träger dort wieder angelangt, die (Stimme des Führers klingt feierlich durch den Raum, mau fällt ein, der Chor der Beter schivillt an zu fast jauchzender Melodie und verklingt. Siebenmal bewegt sich die Gruppe der Thoraträger durch den Saal, dann beginnt die Verlesung aus der Rolle, aber, während dies sonst nur durch Erivachsene geschieht, dürfen heute auch Knaben die Segcndsprüche über die Thora sprechen. Ein großes Glück, ein unvergeßlicher Augenblick für die aUserwählte Run tuerdeil die Rollen wieder verschlossen --- vorüber der feierliche Teil deS Feste?, destee Crvy.-: <; £«c .'Vestliern"gd."i .er/'*' * - ' ll'loet. i

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