Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1676 (14.10.1923)
- Date
- 1923-10-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-rr. nmj Wvm, MmMtg_ Tagesbericht. Budapester DRotoI. Ms Horth y auf weißem Roß zum ersten Male au der Spitze seiner Terrorgarde in Budapest einzog, da hieß es, daß er vor allem gekommen sei, das sündhafte, schuldbeladene Budapest, das kranke Herz Ungarns, von den Müden zu reinigen und ihm die reine, unverMschte, christlichnationale Moral einzuflößen. Auf dieses Kommando hin und mit Hilft des wildesten Wahlterrors hat damals die politische Leibgarde Horthys vom Budapester Gememderat Besitz ergriffen, und seitdem wütet in der Hauptstadt des neuen Ungarn die neue Budapester Moral. Und in der Tat trägt diese Moral die Marke Horthh un!d ist unverfälschter, christlicher Nationalismus. Ich lese die ungarischen Matter eines einzigen Tages und ich bin überwältigt von der Wucht dieser Budapester Moral. Hier einige dieser Moralitätsblüten: Einer der erfolgreichsten Nutznießer des christlichen Kurses in Budapest ist der Gemeinderat und politische Faiseur Dr. B a r a n s zk y. Bor einigen Tagen erst macht? er durch seine Teilnahme an einem Offert um die Zirkuspacht .von sich reden. Daß er mit von der Korruptionspartie war, wurde chm nicht weiter verübelt. Höchstens, daß er es mit seinen anderen Genossen zu einem Skandal kommen, ließ. Aber jetzt'ist Dr. Baranszky etwas Furchtbares passiert. Man kam ihm darauf, daß er von galizischen und anderen Juden schweres Geld nahm, wofür er ihnen die Verleihung des Heimatrechtes in Budapest versprach und es chnen in mehreren Fällen auch tatsächlich durchsetzte. Da fand sich ein brotneidiger Konkurrent im Heimatsrechtausschuß und enthüllte die furchtbare Tatsache, daß die aus Galizien stammenden Brüder Israel, David und Nathan Rubel sowie Abraham Ziemel die Protektionskinder des lautesten christlichnationalen Gemeinderates Dr. Baranszky sind. Die vier Juden und mehrere andere sind die Opfer dieses Brotneides geworden.. Vergeblich rief Dr. Baranszky, warum denn immer nur jüdische Advokaten fett verdienen sollten und nicht auch christliche? Er hatte damit nur erreicht, daß jetzt eine Revision aller bisherigen jüdischen Gesuche angeordnet würde, um festzustellen, wer sich äußer Dr. Baranszky noch gegen die christliche Ethik vergangen habe. In'den .Kreisen der christlichnationalen Geschäftspolitiker herrscht Zittern und Zähnellappern, denn allzu groß ist die Zahl der auf M-- wege geratenen,. gutbesoldeten Hauschristen reich gewordener Juden. Dieses Bewußtsein beruhigt aber auch gleichzeitig die „Gezeichneten", weil sie wissen, daß, wenn dieser Beschluß ernst durchgeführt würde, es keinen christlichnationalen Politiker geben könne, der nicht zu den moralisch Toten geworfen werden müßte. Sejt zwei Jahren zieht sich die Gerichtsaffäre eines antisemitischen Plakates hin, das. unter dem Titel „Bäte^ l a n ds v errate r" eine Anzahl christlicher Oppositioneller beschuldigte, im Dienste und im Solide des Judentums zu stehen. Ucberdies war dieses Plakat das Schulbeispiel eines zur Verübung von Verbrechen und zur Ermordung von Juden aufreizenden Aufrufes. Der Abgeordnete Dr. N u p p e r t, gegen den sich auch die Verleumdung gerichtet hat, strengte einen Berleumdungsprozeß an. Der Verfasser des Aufrufes meldete sich und' wurde bloß wegen Verleumdung zu einer Geldstrafe von 3000 Kronen verurteilt. Vor einigen Tagen beschäftigte sich die königliche Tafel als Appellsenat mit dem Falle und bestätigte das Urteil der ersten Instanz. Da kam die Ueberraschung. Der Angeklagte, berief sich zu seiner Verantwortung darauf, daß das Plakat seinerzeit von der Staatsanwaltschaft als Zensurbehörde vorher gelesen und' zur Affichkerung zugelassen worden war. Der Vorsitzende wies diese SSfette* Morgenzettrmg. Behauptung als unmöglich und undenkbar zurück. Aber» der Angeklagte bestand darauf, daß das Gericht sich aus dem Akt von der Wahrheit seiner Behauptung überzeuge. Und tatsächlich prangt auf dem Plakat die Bewilligungsklausel der Königlich ungarischen Staatsanwaltschaft, mit welcher die Verleumdung und die Aufreizung zum Judenmord durch Maueranschläge gutgeheißen und betvrlligt wurde. Das ist jetzt Budapester Moral. Der vor mehr als Jahresfrist verstorbene ungarische Dichter Josef Kiß war Mitglied der Kisfaludh-Gesellschast. Es ist dies eine Gesellschaft ungarischer literarischer Größen, cvls deren Zierde der jüdische Dichter einst gegolten hat. Jetzt wurde sein Nachfolger gewählt und dieser hatte nach altem Brauch in einem Vortrag die Bedeutung seines Vorgängers zu würdigen. Ich will es ohne weiteres zugesteheu, daß der junge, dichtende Theologe Alexander Zik nicht ganz unrecht hatte, als er davon sprach, daß Josef Kiß sich niemals zu einem wahren, ungarischen Dichter habe emporschwingen können, weil er Jude war, der von JVienJ, JVildpmlmarkt 2, K. ' %Jflocl6les jRabes. Kostumcs.Jflantcaux. tTeagQtvns et Zfourrures ZTe* l e fbn C5373, H Kl Üilifgebrachte Stoffe werden zur ^Verarbeitung angenommen seinem alten Boden, von seinen alten Traditionen abgeglitten ist, ohne einen neuen, festen Boden unter den Füßen zu finden. Er war der irrende Ahasver auf dieser Erde,, der an einer neuen Tür klopfte, nachdem die alte, ursprüngliche Eingangstür sich hinter ihm geschlossen hatte. Als Jude schrieb er über Jesus, über den reformierten Geistlichen, über die blonde Theiß, Und dennoch ^war er der Dichter der jüdischen Generation: lEr war Jude, aber »nicht mehr in seiner Seele, er war Mag yare, aber noch nicht in seiner Seele. Diese Charakteristik trifft sicherlich in großem Maße zu. Aber man darf nicht übersehen, daß. aus dieser Würdigung des neuen Mitgliedes der Kisfaludy-Gesellschaft eine tiefe Mißachtung des Juden und jüdischen Dichters spricht, der vor dem Einzug der ipeißterroristischen Garde auch in der ungarischen Literatur von Juden und Christen als der erste, der größte-magyarische Dichter gefeiert worden war. Diese Rede war ein unschöner, undankbarer Fußtritt eines jungen Anfängers, der dem Juden Josef Kiß den Sprachreichtum seiner eigenen Dichtung zu danken hat. - Ter katholische Priester rächt sich an dem jüdischen Sänger, den er für unwürdig hält, von all dem zu singen und zu schreiben, was das magyarische Herz höher schlagen macht. Auch das ist ein Symptom der jetzigen Budapester Moral. J^koü Kraus z. 14. Oktober 1923 Seite S Jacken. Mittel «sw. in feinster Ausführung Telephon 17«0>85 Me«. 8. Rer.. ftifeffffiMetMtc 51 stxplofio» einer Warschauer Pulvermagazins. Mn verbrechischer Anschlag. Aus Warschau wird gemeldet: Gestern gegen 9 Uhr vormittags ist das Pulvermagazin der Festungswerke der städtischen Bannmeile in die Luft geflogen. Bis zur Mittagsstunde sind an Opfern 28 Tote, 48 Schwerverletzte und 110 Leichtverletzte srstgestellt worden. Die sofort eingeleitete Untersuchung hat ergeben,daß eine verbrecherische Tat vorliegt. Die Explosion auf der Warschauer Zitadelle war derart stark, daß sie in einem Umkreise von 60 Kilometer um Warschau verspürt wurde. Der Materialschäden geht in die Hunderte von Millionen Mark. Durch die Explosion wurde eine Reihe von Gebäuden in der Nähe der Zitadelle teils gänzlich zerstört, teils stark beschädigt. Die Gesamtzahl der in den Warschauer Spitälern untergebrachten Verletzten betragt 395. Der Ort der Katastrophe bietet ein entsetzliches Bild. An Stelle des ehemaligen Pulvermagazins befindet sich eine Schlucht von 80 Meter Tiefe. Die Untersuchung wird von den Militärbehörden geführt. Mehrere Personen, darunter der Kommandant des PulvermagaAns und sein Stellvertreter, wurden verhaftet. Lrauersitzung des Sejm. Die heutige Sitzung des Sejm wurde zum Zeichen der Trauer anläßlich der Explosionskatastrophe nach kurzer Dauer geschlossen und auf Dienstag vertagt. Sejmmarschall R a t a j hat den Familien der Verunglückten das tiefite Beileid der Rogiern ng ausgesprochen. Bandtteustberkall ans einen Menbahnzug in Pole». Jüdische Passagiere beraubt und verletzt. Aus Warschau wird uns gemeldet: Auf der Eisenbahnlinie nach S u ch a c z o w wurden in einem Zuge jüdische Passagiere von Banditen überfallen, die von ihnen Geld forderten. Bei der nächsten Haltestelle wandten sich die terrorisierten Juden an den Schaffner mit der Forderung, die Identität der Banditen festzustellen. Als der Schaffner die auf dem Bahnhofe anwesende Polizei um Intervention ersuchte, lehnte sie ein Einschreiten ab. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, mißhandelten die Banditen abermals die jüdischen Passagiere und raubten sie völlig aus. Einips jüdische Passagiere wurden auch verletzt. Irr oberschleffsche Streik flaut ab. Kattowih, 13. Oktober. Die Streiklage in Polnisch-Oberschlesien hat sich wesentlich gebessert. Vierzig' Prozent der Eisenbahner sind bereits wieder zur Arbeit zurückgekehrt, so daß der Eisenbahnverkehr teilweise wieder ausgenommen worden ist. Post, Telegraph und Telephon arbeiten wieder normal. Rax Rordanr Vermögen bleibt konstrzkert. Aus Paris wird gemeldet: Die Witwe Max Nord aus hat nach dessen Ableben die Versuche erneuet, von der französischen Regierung die Freigabe des Vermögens Nordaus zu erhalten, welches bekanntlich während des Krieges konfisziert wurde. Frau Nordau hat ihr Ansuchen durch den dänischen Geschäftsträger vertreten lasten, da sie dänische Staatsbürgerin ist. Die französische Regierung hat jedoch ihr Ansuchen wieder abschlägig beschieden, indem sie sich darauf beruft, daß Nordau ein „feindlicher Ausländer" gewesen und daß daher dessen Vermögen dem französischen Staate verfallen sei. «Reiche Auswahl neuester Pelsmodteile In sämtl. Pelzarten - Pariser u.Wlener Geschmack vereint - erzeugt nur In eigenen Werkstätten, unter pers« * Leitung des bestranommlarten Inhabers der Firma PratarstraBe 9-11 PchhausWersberg»»«»«!, Nie WMÄlm in Berlin. Die Grenadierstraße — einst die „Verlorene Straßes, weil sie zwischen großen Gärten verlief — ist heute eine, Welt für sich. Ju ihrem Anfang noch abgefärbt von dem Treiben in der Münz- und der Neuen Schönhauser Straße, nimmt sie dann Ghettocharakter an — lieft man die Schilder au den Wohnungstüren in diesen Häusern, findet man die wunderlichsten Namen. Es gibt in dieser Straße einen „Talmud-Thora-Vereiu", ' die beiden Synagogen „Friedensgemeinde" und „Schamre Sabbat" und auch — wie in Galizien, Polen und dem Heiligen Lande — israelitische Lehr- und Bethäuscr. So erklärt es sich, daß zu Festzeiten und am Sabbat diese Straße auch von den vielen nach dem Kriege aus dem Osten eingewanderten Fremden besucht wird, die hier für ihr religiöses Empfinden Stätten suchen, die denen der Heimat gleichen. Biel Arme und kümmerliche Menschen, bedrückte Existenzen, deren Festgewand der Kaftan und das schwarze Käppchen unter dem Hute sind. Ein schöner Oktobertag im Verdämmern mit letztem Souuenglanz im Spiegel der Turmfeuster, der Dag deS „Schlußsestes" und des Beginnes der „Gesetzesfreude". Wenn Israel Feste feiert, sind dieft nicht nur Mahner an die Feste in der Natur, sondern vor allem Denksteine der Erinnerung an den Gott der Geschichte des Volkes. Der achte Tag des Laubhüttensestes — des Dankfestes für den göttlichen Schutz während der Wüstenwanderung, zugleich aber auch das Erntedankfest — gilt dem Schluß der Über ein Jahr verteilten Vorlesung aus den Thorarollen, der letzte Abschnitt aus dem letzten Kapitel des fünften Buches Males wird verkündet, att'ch danach aber der erste Abschnitt aus dem ersten Buche verlesen. Ende und Anfang — ein Jahr, lang hat man wieder das Gesetz des Herrn gehört, nun beginnt ein neues Jahr der Verkündung — große Freude herrscht darüber. An diesem Fest sollen auch die Kinder und die Jugend teilnehmen, man beschenkt sie mit Fähnchen und Süßigkeiten, nimmt sie mit in den Tempel . .. Die Grenadierstraße wimmelt also an diesem Abend von festlich gekleideten Menschen, freudig erregten Kindern. Andere sitzen auf den Stühlen vor den Haustüren oder belagern die Fenster — das Beschlußfest, an dem man wohl schon vorher teilgenommen hat, geht zu Ende, man wartet nun mif den Beginn des Festes der .Gesetzesfreude in den Synagogen. In einem der Nethäuser vereinigen sich auch die Chasidim, die „Frommen", Mitglieder einer jüdischen Sekte, deren Prophet Israel Baal Schem etwa im Jahre 1740 in Modschibosch in Podolien geboren wurde. Der erste „Wunderrabbi", als Heiliger verehrt, weil er sich Gottes Statthalter auf Erden nannte. Nur durch ihn allein — verkündete er — konnte man wirklich mit Jehova verkehren, wer an ihn, den Zadik (Heiligen) glaubte, sich ihm fügte und nach seinen Aussprüchen lebte, stand über den Anhängern! des Talmuds, durste auch die Freuden des irdischen Daseins auskosten. Ein Heiliger also nach dem Geschmack der unteren Volksschichten jenes Landes, scharemveise liefen ihm daher die Anhänger zu. Als er starb, teilten sich drei seiner Enkel in seine Würde, viele kleine Gemeinschaften entstanden nun in Polen, Galizien und Ungarn unter der Leitung neuer Zadiks. Der Eingang zu der Bersammluiigsstätte, hinten im Hose, wird ü"evg brwacht, um pv-.'ubc Element: von der Straße fernzuhalten. Ein einfacher Raum, Holztische mit Bänken an den Seiten, auch hohe Bücherständer mit schweren Folianten — Schriften der Weisheit in hebräischer Sprache. In der Mitte des Raumes das Almemor, eine Erhöhung für den Borbeter bei Gottesdiensten, über ddn Tischen, unter Glas und Rahmen, Sprüche der Ermahnung aus dem Gesetz. Zwischen den vergitterten Fenstern der Thoraschrein mit silbersch immernd-em Vorhang und den beiden Löwen Judas, daueben ein Betpult mit brennenden Kerzen. An der Tür ein Wasserhahn mit Ausguß und einem angeketteten Gefäß. Jeder Ankommende läßt sich, um von aller Entweihung seines Körpers rein zu werden, das Wasser über die Hände laufen, begießt sie wohl auch aus dem Gefäß, und trocknet sie dann an dem riesigen Rollhandtuch ad. Man kommt mit brennender Pfeife, Zigarren oder Zigarek ten, und raucht weiter — auf der Brüstung brennt ein: Ok - dächtniskerze für einen Verstorbenen, aber mau zündet sich auch an ihr die Zigarette an. Lautes Stimmengewirr erfüllt den Raum, der voll, aber nur von Männern ist, denn die Frauen sin') trennt durch eine Bretterwand, die oben Milchglasscuster hat. Zuweilen wird eines dieser Fenster geöffnet, daun sich: man in ein kleines Abteil mit Bänken, auf denen die Frauen mit ihren Töchterchen und die jungen Mädchen sitzen. Stil-i und ergeben oder voll gespannter Neugier blicken sie durch die Oeffnuug in den großen Raunr, in dem der Tabaksqnalm so dick geworden ist, daß der elektrische Ventilator au der Decke in Tätigkeit gesetzt werden muß. Das Ganze ein Bild von höchstem malerischem Reiz: Nur eine einzige Lav.'.pe au der D-e:ke b.k"ch'k, außer