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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-10 · Heft 1672 (10.10.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1672 (10.10.1923)
Date
1923-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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lu. Lictooer nea '.tuicit, Mitmuch Heute MUwich» II. OiMMi 1 Uhr rtctt&ä, in Jen Wi##» 1. Bezirk, Sorolheergasfe Heute Aotze ZugeMersammlmg: »Ne Wische Zugeud «ach dem W Koagreß^ Sre»«err Herr Dr. Otto AbekeS, Herr Ing. Fedor Ackermann, zweiter OLmmm des jüdischen TouristenverbaudeS, Vertreter des jüdischen JugendverbandeS, Jugendreferent des Zionistischen LandeSkomiteeS, Chaluzreferent des Zionistischen Landeskomitees. Numerus ölansirs-Parteien ausgeliesert. Die jü-ischen Wähler und Wählerinnen werden am 21. Oktober in ganz Wien, in, welchem Bezirk immer sie wohnen, nur die Liste der Jüdischen Wahlgemeinschaft wählen! Maffenversammkmg ia der FoseMdt. Vor einem großen Auditorium im 8. Bezirk sprach gestern Dr. Fried mann, der Vizepräsident der Ku'ltusgemoinde. Er hält die Jüdische Wahlgemeinschast für ein Kompromiß, das durch den Zwang der Verhältnisse zusammengeschmiedet wurde. Der Antisemitismus in Oesterreich hat in der letzten Zeit einen Freibrief erhalten. Nicht genug, daß es einen verwaliungZtechnischen Numerus clausus an der Wiener Universität gibt, das Organ des Bundeskanzlers frischt sogar das Ritualmordmärchen des Mittelalters auf. Unter dem Druck des Antisemitismus erkannten wir, daß wir unsere Sache selbst führen müssen. Wir haben Kraft, Stotz und Mut, uns nicht durch andere vertreten zu lasten. Denn nur der Schwache braucht einen fremden Sachwalter. Die großen Parteien versuchten, durch die Parole für oder gegen Genf die Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung von ihren Sünden abzulenken. Herr Seipel, der Führer einer antisemitischen Partei, wollte die Judenfrage bei dem Wahlkampf ausgeschaltet wissen. Aber Großdeutsche und Sozialdemokraten vechiuderten dies, ilckem sie beide den Christlichsozialen vovwarfen, daß sie den Antisemitismus nicht ernst nehmen Seitdem der gute G e i st des Viktor A d l e r von der „Arbeiterzeitung gewichen ist, unterscheidet das Organ der freiheMchen Sozialdemokratie sehr deutlich zwischen Juden und Nichtjudon. Wenn wir einmal auch unsererseits zu der Sanietungssrage Stellung nehmen wollen, müssen wir feststellen, daß wir selbstverständlich für die Sanierung sind. Aber gleichzeitig muß die Kritik gegen .das Genfer Saniernngswerk einsetzen. Es ist die Schuld aller drei großen Parteien, daß eine Situation geschaffen wurde, in welcher die unmöglich schweren Bedingungen von Genf Oesterreich ausgedrungen worden sind. Die S o z i a ldemokraten haben schuld daran, weil sie im Jahre 1919 und 1920 die Verwaltung sabotierten durch ihre Sozialrsierungsversuche, welche eine ungeheure Kapitalsflucht provozierten. Die Chrrstlichsozialen sind schuld, weil sie die Vermögensabgabe zugunsten der Bauern sabotierten. Die Großdentschen sind schuld, weil sie im Jahre 1921 gegen den Lanaer Vertrag Sturm liefen. Es ist eine unerhörte Undankbar k e i t gegenüber Schober, daß Herr Dr. Seipel sich heute aus den alleinigen Retter Oesterreichs hinausspielt. Der Genfer Vertrag hat nach Abzug der Schulden einen Kredit von.530 Millionen und eine unerhört scharfe Kontrolle gebracht. Durch die Stabilisierung der Krone ist der Wiederaufbau bei weitem nicht durchgeführt. Der Haushalt wurde vielleicht saniert, die Volkswirtschaft nicht. Wir sind -gewillt, alle Opfer zu tragen, die von uns gerechtevweise gefordert werden können, aber nicht mehr. Das wird aber durch den Antisemitismus in der Vertvaltung erreicht, wo nach „sorgenvoller Erwägung aller Umstände" ein Steuerträger mit dem Namen Franz wesentlich anders als einer mit dem Namen Isaak behandelt wird. Herrn Seipel aber, der im Dezember vorigen Jahres einer Deputation der Knltusgemeinde gesagt hatte, daß der Antisemitismus in Oesterreich unvermeidlich sei und im allgemeinen nicht so viel schade, machen die ,^Judenölätter": „Neue Freie Presse", „Neues Wiener Tagblatt" und „Neues Wiener Journal" >be.i diesen Wahlen die Mauer. Nach den Ausführungen des Sekretärs Fleischer, des Sprechers der Gewerbetreibenden Ludwig Haller, schilderte Gemeinderat Dr. Pollak-Parnau die Art, wie Stadtrat Breitner durch eine. Kopfsteuer die Milliarden der Gemeinde herbei schasse. Umvevsitätspvosessor Dr. KÜnigstetten führte aus, daß, als vor vierzehn Tagen die Bildung der Jüdischen Wahlgemeinschaft bekannt wurde, ein allgemeiner Jubel unter den Wiener Inden erschallte. Die einzelnen Parteien innerhalb der Wahlgemeinschaft waren n iemals Feinde, und so war es möglich, die Brücke zueinander zu schlagen. Die Juden dürfen nicht a n di e Wand gedrückt gehen, sie müssen stolz und selbstbewußt sein. Der 21. Oktober soll ein epochaler Tag sein, er soll eine aufrechte Inden heit finden, das seine eigenen Vertreter in das Parlament schickt. Für Juden, die nicht jüftifch wählen, habe ich keine Wiener Morgenzeitung._ ethische Kätegorie übrig, und hakte es für einen moralischen Defekt, Nicht jüdisch zu stimmen. (Applaus.) Nachden Ausführungen des.Herrn Otto Lang, der den Schutz der Mischen. Werte forderte, schloß Präsident Dr, Bernhardt die Versammlung. Sie Sremiu^Lemolratell". Die Partei des Lrdenkulturrektors. Das Grüppchen jüdischer und nichtjüdischer Mandatsstreber, welches Herr Czernin zu einer wahlwerbenden „Partei" aufzupulvern sucht, macht bisher ebenso krampfhafte wie vergebliche Versuche, in der Oeffentlichkeit irgendwelche Beachtung zu finden. Das Plakat dieser Gesellschaft, welches eine einen Palmenzweig haltende Hand zeigt, ist, obgleich eS erst' nach dem jüdischen Sukkot-Feste aufgetaucht ist, die Zielscheibe von allerhand Witz«: geworden, und man muß dabei nicht gerade an den Frieden von Brest- Litowsk denken, der Herrn Czernin nicht nur Gelegeicheid gegeben hat, seine fragwürdigen diplomatischen Fähigkeiten zu betätigen, sondern auch seinen Antisemitismus, wovon man sich in Czernins Memoiren überzeugen kam:. Nichb besser geht es diesem Czernin-Grüppchen mit seinen Wählerversammlungen, zu welchen man auf alle mögliche Weise ein paar jüdische Wähler einzufangen sucht. Vor einiger: Tagen ließ die Gesellschaft ar: der Börse vorsichtig abgefaßte urw nur den: Kundigen als Einladungen zu einer Wählerversammlung der Czernin-Gruppe kenntliche Flugzetteln verteilen, welche zu einer Besprechung ins Cafe Müller einluden. Dort hielten die Herren Klang mtfr Melkus ihre Werbereden, wurden aber von einigen in die Debatte eingreifenden jüdischen Wählern darauf aufnrerksam gemacht, daß der jüdischen Bevölkerung nicht gut zugemutet werden könne, für eine Parte: zu stimmmen, welche von offenen oder versteckten dlntisemiten, wie Czernin, Bauer und Hoffmeister repräsentiert wird. Herr Melkus — mehr Christ als Arier — scheint zu glauben, die Juden müßten den Herren extra dankbar sein, weil sie sich erschlossen haben, um jüdische Stimmen zu werben, und erklärte, die Juden sollen zufrieden sein, daß es noch so liberale Christen '-gäbe wie ihn. Der in dieser, Versammlung anwesende Kandidat der Czernin-Leute, Gremialrat Oppenheim, war sehr überrascht, als er hörte, in welche Gesellschaft er da hinein geraten sei und erklärte ausdrücklich, er werde es sich angesichts dieser Umstände noch überlegen, ob er für diese Partei kandidieren wolle. Wie es mit dem „Freisinn" der Czernin-Gesellschaft aussieht, geht aus den Aeußerungen ihres verflossene» Kandidaten, des jetzigen Rektors der Hochschule für Bodenkultur, Hoffmeister; hervor, die er vorgestern in einem Montagblatt von sich gegeben hat, und mit denen er dis unverschämte antisemitische Flegelei seines Professorenkollegiums zu rechtfertigen sucht. Nach Hoffmeisters Ueberzeugung könne diesen Erlaß „jeder deutschfühlende Jude, welcher der deutschen Kulturgenieinschaft angehört", unterschreiben, denn der Erlaß drücke aus, daß der Numerus' clausus abgeleynt werden müsse, weil man die rassige Herkunft nicht feststellen könne, daß gewisse „Auswüchse" des Judentums, die wirtschaftlich und ethisch schädigend wirken können, als bestehend anerkannt werden — daß sie Vorhand«: seien, beweise ein Artikel des „Neuen Wiener Tagblattes" gegen Bela Kun, Rosa Luxemburg und Kürt Eisner —, und schließlich müsse, da der deutsche Charakter der Hochschule zu wahren sei, bei der Verleihung von akademischen Würden nicht nur die wissenschaftliche Befähigung, sondern auch die „charakteriologische Würdigkeit" berücksichtig: werden, das heißt, man könne nur Deutsche oder wenigstens Freunde des Deutschtums zu akademischen Lehrern berufen. Herr Hoffmeister beruft sich aus einen Beschluß des im' Jänner abgehaltenen allgemeinen Hoch sch ultages und ans die dort erhobenen Forderungen der akademischhakcnkreuzlerischen Radaumacher, an deren .Wohlwollen es ihm besonders gelegen zu sein scheint. Die Art, in welcher dieser der „Bürgcrlich-idemokratischcr: Arbeitspartei" ungehörige derzeitige Rektor der Hochschule fiir Bodenkultur das schmutzige, antisemitische Pamphlet dieser Anstalt verteidigt, charakterisiert am besten den Freisinn, welcher in den Kreisen der Czernin-Leute zu finden ist. Sie zeigt aber auch, wie niedrig man dort jüdisches Ehrgefühl einschätzt. Eine antisemitische Gemeilcheit, welche das Judentum mit ordinären Panschalverleumdnngen bedenkt — gegen das kulturwidrige Treiben der akademischen Hakenkrenzlcr, welches einen einzigen „Auswuchs" an: deutschen Volkskörper bildet, haben diese Professoren bisher noch kein Wort des Tadels gefunden —, auf solche Weise rechtfertigen zu wollen, wie es Herr Hoffmeist er tut, blieb einen: Genossei: Czernins Vorbehalten. Die jüdische Wählerschaft wird sich das wohl merken und darauf die richtige Antwort geben. Hcrr Melkus als antisemitischer Hetzer. , Samstag abeilds fand in: Restaurant „zur schönen Sklavin" in der Venediger Au eine von den bürgerlichen Demokraten einberufene Versammlung statt, in welcher Herr Obers'inanzrat Melkus eine ausgewachsene antisemitische <Lchimpfrede losließ, die vor: versteckten und offenen Herabsetzungen des Judentunls wimmelte. Herr Melkus begann mit Angriffe:: gegen die „Wiener Morgenzeitung", mit welcher er nicht zusriedci: ist, weil sie seine Person kritisiert habe. Er schimpfte weiters auf die „v e r w a n z t e n und v e r I aust e n" Ostjuden, und erzählte, eine Versammlung seiner mmm mmm für den Einkauf von Stoffen für die Herbst- und tllornn Wintersaison: Damen- und Herrenwäsche, Bettwdl&lr und Hauswäsche, Strickwaren, Teppichen, Vortyniia hängen etc, nur das bekannt verlässliche u. billige >ve:re ör Es kursieren Gerüchte, dass ich für eine antisemitische Partei in der Weise agitiert hätte, dass ich die von mir verkauften Fleisch- und Wurstmengen in Wahlaufrufen antisemitischer Parteien verpackt hätte. Ich erkläre hiemit ausdrücklich, dass ich jeden, der diese infame Lüge verbreitet, gerichtlich belangen werde. Gabriel Fischer orthodoxe Wurstfabrik und Fleischverschleiss 5 io36o Wien, II. Grosse Schiffgasse 11 I Parte: in Ottakring sei würdig verlaufen, während sich die Juden im Cafe Wögerer sehr schlecht benommen hätten. Schließlich verstieg er sich zu der Bemerkung, wenn dis Juden nicht chn und feine Person wählen, dam: würde die antisemitische Einheitsfront zur Tatsache werden! Wie man sieht, , ist Herr Melküs derrichtige Kandidat für die jüdische Wählerschaft, welche sich von dessen Parte: nunmehr ein richtiges Bild machen wird. Sestemich. MuMonserzeugung unter fraaMchem Druck? London, 9. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie die letzte Nummer der „Foreign Assairs" meldet, fallen die Munitionsfabriken von Enzesselb und Hirtenbcrg auf Drängen Frankreichs Munition für verschiedene Staaten erzeugen. Für die Bezahlung haftet die französische Regierung. Budapest, 9. Oklobe". (Tel. der -.Wr. Morgenzeitung".) Laut Mitteilungen der erwachenden Blätter „Szozat" und „A Nep" hat Ministerpräsident Graf B e t h l c n während der Anleiheverhandlungen in Genf der kleinen Entente gegenüber die Zusage gegeben, Horthy sobald als möglich von seinem Posten zu entfernen und durch einen friedliebenden Politiker zu ersetzen. Bethlen hätte weiter erklärt, daß er Horthy nicht für den geeigneten Menschen halte, der Ungarn aus der Krise herauszuhelfen vermag. Budapest, 9. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitnng".) Im Verlause des ungarischen Katholikentages lhat auch die katholische Sittlichkertsgarde, die unter den: Namen Zrinyi-Garde darüber lvacht, daß die Bndapester Moral keinen Schaden erleidet, ihren Rechenschaftsbericht erstattet. Man muß zugeben, daß diese Sittlichkeitsschutzgarde nicht umsonst ihre großen Subventio-. nen erhält. Sie tvar, wie sie >in ihrem Bericht nachweist, brav und fleißig und auf ihrer Arbeit richte der Segen sittlichen Tuns. Sie weist mit Stolz darauf hin, daß sie im Berichtsjahre in 2000 Fällen zum Zwecke der 'Säuberung der Schaufenster von sittenverderbenden Schaustücken eingeschritten ist, daß es ihr gelungen ist, s e ch s Druckwerke konfiszieren zu lassen, daß sie ferner Auftrittsverbote gegen die Tänzeriniren Anitta Berber und Adoree Villany erwirkte und daß sie schließlich in sieben Fällen auch die Streichung von anstößigen Stellen i n T h e a t e r st ü ck e n, die die Polizeizensur bereits passiert hatten, durchsetzen konnte. Man sieht also, daß die Bndapester Mora'litätsgarde gründliche Arbeit leistet; wenn die Bndapester Moral trotz alledem noch keinen allzu hohen Aufschwung genominen hat, so ist es wahrlich nicht die Schuld der fromrnen Zrinyi-Gardisten, Zusammentritt des Parlaments. Ein Expose Dr. Benesch'. Prag, 9. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) W:D in politische!: Kreisen verlautet, wird das Abgeordnetenhaus wahrscheinlich iwch am 30. d. zusammenireietl, um die lausenden Angelegenheiten zu erledigen. Außenminister Dr. Bencsch wird diese Sitzung zur Abgabe eines Exposes benützen, in dem die gesamte außenvolltische Lage und seine Berufung i» den Völkerbund behandelt werden wird. II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail

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