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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-10 · Heft 1672 (10.10.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1672 (10.10.1923)
Date
1923-10-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Cfette 8 Wien, Mittwoch 3st der Staat ein Srgnnismns? Von Dr.- Robert Weiß. ' Was ist der Staat? Täglich toirtft er in unser Leben ein, fördert und stört es, aber die wenigsten versuchen, sein Wesen gedanklich zu umspannen und begrmgett sich mit der Erfahrungstatsache, er ist. Die breite Volksmasse empfindet seit jehex den Staat als etwas Fremdes, ja Feindliches. Sie hat sich nie als Staatsteil gefühlt. Nur wenige Steuerzahler sind sich des sozialen Prozesses, in den sie eintvoten, - bewußt, nur wenige Eisenbahner erkennen, daß sie Verwalter ihres eigenen GemelnschaftAgutes sind. Diese Staatsfre-mdheit der Diasse hat ihre historische Ursache und die Sozialwissenschastler haben sie schon längst erklärt. Franz Oppenheimer sornuilierkmes folgendermaßen: „Der Staat ist eine MsellschafWche Einrichtung, die von einer siegreichen Menschengruppe einer besiegten Merifchengiruppe aufgezlv-nngen wurde, mit dem einzigen Zwecke, hie Herrschaft der, ersten über 'die letzw zu regeln und gegen innere Mu-W-nde und äußere Angriffe zu sichern. Die Herrschaft 'hatte keine andere Endabsicht, als die ökonomische Ausbeutung der Bcisiegtien durch die Sieger." Die Sozialisten stehen demgemäß dem Staate, dem Machtin-strumenjt der herrschenden Schichten, feindlich gegenüber. Auch die rei-chsdeutsche. und die österreichische Sozialdemokratie lehnte in der Vorkriegszeit - den Staat ab. Heute hat sich eine Revision dieser.Haltung allenthalben vollzogen, di« Rutschen und österreichischen Sozialisten beschränken ihre Staatsfeindlichkeit auf die Monarchie und bejahen den republikanischen Staat, obwohl ja, wenn man die Oppenheimersche Definition annimmt, sich ja nur die Herrschafts for m, nicht aber der HsvoschastsInhalt, dtzr Herrschasis z w e ck geändert hat. Die frühere Staatsfeindlichkeit der Sozialdemokratie und ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter löste eine theoretische Reaktion aus. Von den verschiedensten Seiten auS wuÄe die natürliche Notwendigkeit eines Staates zu beweisen versucht. Zuletzt behandelte der Berliner Biologe Oskar Hertwig dieses Thema in seinem Buch« „Der Staat als Organismus". (Gustav Fischer, Jena.) Die wissenschaftlichen Mitstreiter des Sozialismus hatten den Fehler begangen, den historisch gewordenen Staat, den Staat von heute, mit dem Staat aller, auch der kommenden Zeiten zu identifizieren und stellten demgemäß das Postulat auf, an die Stelle des Staates die organisierte Arbeitsgesellschaft zu setzen. Die wissenschaftlichen Verteidiger des bürgerlichen Staates verfielen in ein ähnliches gedankliches Versehen: sie suchten die ewige NoÄvendigkeit einer territorial gegliederten Menschheitsorganisation nachzuweisen und glaubten damit den heutigen Staat in allen semen EvscheiMngsfosmen als naturgegeben gerechtfertigt zu haben. Hertwig nimmt nun eine sehr unhaltbare Mittelstellung ein: ex ist sich der -Unzulänglichkeit des heutigen Staates durchaus bewußt, er weiß, daß er noch immer allzusehr Machtinstrument der Nutznießer einer Gesellschaftsordnung ist, die 'dem Prinzip der ungehemmten wirtschaftlichen und politischen Konkurrenz unbedenklich alle Ärbenswerte opfert. Er will in den naturgegebenen Organismus „Staat" einen höheren Sinn verlegen, auch er will ihn als Organlsationsform einer arbeitende n Volksgemeinschaft. Aber er übersieht, daß, unt dieses Ziel zu erreichen, Voraussetzungen gegeben sein müssen, die nur im harten Kampfe gegen die übermächtigen Gewalten des wivtschastlich-politilschen Eigennutzes zu schaffen sind. Betrachtet mau den Staat in der noch immer üblichenmaterialistisch-natuvwissenschaftljchen Blickrichtung, daun ist Wohl ein Vergleich nrit einem Organismus möglich und als Leitprinzip für ein kritisches Studium von Wert, nicht aber darf daun der Staat als Organismus angesehen werden, zu den Organismen gerechnet werben. Denn der Staat als solcher lebt nicht. Es existieren nur feine Individuen, seine Staatsangehörigen. Anne Wffen deZ naturwissenschaftlichen Organismus gehört aber, haß alle Einzelgellen ihre Selbständigkeit eingebüßt häben und eine körperliche Ganzheit bilden. .Hertwig erkennt dies, hält aber diese Scheide li me nicht konsequent durch. Er spricht*) davon, daß die Staaten das Wesen von Organismen angenommen hätten, obwohl er in: Wesentlichen nur Wirtschaftserfcheinungen mechanistischer Art, wie den liebergang zur Maschinenarbeit, die Berbotlkommnnng der Verkehrsmittel und die Ausbildung des modernen Geldu.,nd Kreditwesens auführen kann. Der Vergleich der Verkehrsmittel mit den Blutgefäßen und der Telegraphendrähte mit den Nerven des tierischen Organismus ist ein anschauliches Bild, aber auch nicht mehr; im übrigen ist dieser Vergleich nicht neu, bereits Schasste hat ihn versucht. Auf keinen Fall wird dadurch ein Beweis erbracht, daß der Staat einem Organismus gleichzusetzen sei, geschweige zu den selbständigen Lebewosm gezählt werden müßte. Um so auisfallen.der ist die These des ziemlich unvermittelt kommenden vorletzten Kapitels: „Aus alt dem läßt sich nur das eil',: Ergebnis ziehen, daß int staatlichen Organismus die Religion fast ausgehört hat, zu den Positiven Kräften zu gehören, die Religion, welche ihm in früheren Zeiten nicht nur die kräftigste Stütze für seine Einrichtung, sondern auch das am meisten einigende Baud aller seiner Glieder gewesen ist." Hier erscheinen ferne Läsun^möglichkeiteu zmn Problem dieses Buches- -das trotz aller Versuche, „idealistisch" zu erscheinen, in seinem Be- Weismateriall sich fast vollständig an das g Dem bave hält. ' . *j Seite Wiener Morgen,ettuns. 10. Oktober 1923 m 137V Heute Mittwoch. 2. Bez., Praterstraße 68, Cafe ReichDhof. Redner: Dr. Körner, Dr. Schwarz-Hill er, Ingenieur R. Stricker und Äkretär Fleischer. 2. Bez., Große Sperlgafse 37, Röstaunyft ,,Golden,er Stern", halb 8 Uhp abends. Redner: Dr. Artur Freund, Avon Schwertfinger und Dr. Eugen Felix. 2. Bez., He.inesiraße 2, Cafe Nizza, halb 8 Uhr abends. Redner: David Nebenzahl, Dr. Israel - SBal.dmann und Dr. Eugen Felix. 7. Bez., Hermanngasse 34-38, Saal der Bezirks- Vertretung, halb 8 Uhr abends. Redner: Ober- Vcmvat Ing. Robert Stricker, Markus Fischer, Sekretär Siegfried Fleischer, Dr. Jmmerglück und Dr. S.'Defris. 9. Bez., Schwarzspanierfiraße 16, Restaurant Hutter. Redner: Gemeinderat Dr. Pollak- P a r n a u, Dr. S ch a l i t, Dr. Jakob W einer und A. Schw« rtfinger. 10. Bez., Favoriten st ratze 87, Rosensäle, halb 8 Uhr abends. Redner: Gorneinldera-t Dr. P l a s ch k e s, Sekretär Fleischer und Dr. Löwen herz. Donnerstag den 11. Oktober. 2. Bez., Stuwerstraße 1,. Cafe Winkler, haW 8 Uhr cifsrifö. Redner: Lübl Taubes, Dr. Gelder und Dr. F e 1 i x. 2. Bez., Rotensterngasse 13, Cafe Blau, halb 8 Uhr abends. Redner: Dr. Felix und Gemeindevat Dr. Plaschkes. 2. Bez., Holland st ratze. 2, Cafe Salz torbrücke, -halb 8 Uhr Muds. Redner:,Dr. Körner, Gemeinderat Dr. S ch w a rz-H i ller, A. Sch we r tfi nger. 2. Bez., S ch i f.f a m t s g a s f e 20, M a ch s i k e H a d a t h. Redner: Dr. Waldmann, A. Pinkas und Rebe n z a h I,. 2. Bez.. Taborstraße 49, Cafe Reif, halb 8 Uhr abends. Redner: Gemeiuderat Dr. P la s chke s, Doktor Lem be r g e r uiü> Oberbaurat Stricker. 3. Bez., Radetzky ft raße 21, Restaurant Littmann, halb 8 Uhr abends. Redrrer: Gemeiuderat Dr. P l a s chke s, Dr. Tesider Friedmann, Dr. Jakob Ornst ein und Hofrat Dr. R i e s e n f e I b. 5. Bez.,, Margarete »platze Terassenrestaurant, halb 8 Uhr abends. Redner: Ing. Freund« I i ch, Dr.. L ö w e n h e r z und Sekretär Fleischer. 6. Bez., K ö n i g s e g g a s je 10, Saal des V e rba ndsh e i m s, halb 8 Uhr abends. Redner: Dr. Jakob Engel, Obevbaurat Stricker, Baurat Dr. S. D c f r i s, Se kretär S. Fleischer und Markus Fischer. 9. Bez., Roßauerläude 27, Cafe Elisabeth- Promenade, halb 8 Uhr abends. Redner: Gemeinderat Dr. P ollak-Parnau, Dr. Waldm a n n und Sekretär Fleischer. Samstag den 13. Oktober. 7. Bez., M a r i a h i l f e r ft raße 124, Restaurant R e ih, halb 8 Uhr abends. Redner: Gemeinderat Dr. P l a s chke s, Dr. A. Jmmerglück, Dr. Ing. Defris 9. Ävz., Berggasse 38, Cafe Metropol, 6 Uh» abends, Frauen Versammlung. Redner: Ge« msiuderat Dr. Pollak - Parnau, . Dr. L ö w e n« Herz und Frau Erna Pattak. 13. Bez., A.m Platz ö, PeMrarft „Weißer Engel"« Redner: Dr. Löwenherz, Gemeinderat Dr. Ehr. ' l i ch, Sekretär Fleischer und O. G o l d s ch m i d t Sonntag den 14. Oktober. 1. Bez., Rothgasse, Olympia-Saal. Rednev Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller, Gemeinvera' Dr. P o l l a k P.a r n a u, Gemeinderat Dr. P l a s ch Itl, Dr. Dosider Friedmann und Dr. Schwarz, mann. 2. Bez., AusstellungSstraßc. 86, Restauration Gabriel ,^um Radfahrer", 10 Uhr vormittags Redmr: Dr. Artur Freund, Oberbaurat Ing Stricker und Dr. Israel Wald mann. 9. Bez., Porzellangasse 17, Heimat-Kino. 10 Uhr vormittags. Redner: Hofrat Univ.«Prof Dr. Ehr mann, Dr. D. Friedmäun, Umv.. Prof. Dr. Königstein, Gemeinderat Dr. P o l l a k. Parnau, Dr. Schalit, Oberbaurat Jugemem Stricker und Gemeinderat Dr. S ch w a r z. Hille r. ' Montag den 15. Oktober. 19. Btz., . Döblinger Hauptstraße, Kasin» Zögernitz, -halb 8 Uhr äbmws. Redner: Ober, bauvat Ing. Stricker, Dr. I. H. Körner uni Dr. I. K o h n. Dienstag den 16. Oktober. 10., Bez., Favoritenstraße 71, Eichensälc, halt 8 Uhr abends. Redner: A. S ch w e r t f i n g e r- Dr. Arnold Ascher und Dr. W a l d m a n n. 16. Bez., Neulerche nfelderstraße 14, Restauraw „Plaue Flasche", halb 8 Uhr abends. Redner^ Obevbaurat Ing. Stricker, Gemeiuderat Doktor S ch w a r z - H i l l e r, Leopold S i tz m a n u unt . Sekretär Fl eis cher. Mittwoch den 17. Oktober. 2, Bez., Hei nestraße 25, Cafe Kais er F. [:'i halb 8 Uhr abends. Redner: Genniuderat Dr. S ch w a r z - H i I te r, \ Dr. S ch m c *: l e r und Gemeinderat Dr. P laf chke s. » . Das Agi tationslokal ' der' Jüdis chen Wahlgemeinschaft für den links der Unteren Augartenstratze gelegenen Teil der Leopolds stadt befi nde t sich im Hause, 2. Bez., Untere Augartenstratze 35. Gesinnungsgenosse«, die in diesem W a h l s p r e n g e l tv o h n e«, werden e rsucht, si ch do r t in der Zeit von 9 Uhr früh bis 9 Uhr ablends einzufinden. * Die Telephonnummer des ZentralwahlloLuws der Jüdischen Wahlge mein schaft lautet: 75-0-10 (1. Bez., Wiesiingerstraße 11). unb Markus F ische r. S5ttr MM Mhkn! Der „dürcierliche Freisinn" soll gerettet werden. Man weiß zwar nicht, was das für ein Gebilde ist. Frt den Wählerversammluitgen sagt ein Kandidat nach dem anderen sein Sprüchlein her: Sanierung, Bekänrpfnng des KlassenkatuPfeSv Das ist alles mtS ■ den Wahlreden, der Chr'rstl'ichsozialen abgeschriebeu. Darüber hinaus schweigt die Geschichie. Die Judenfrage konunt nicht vor, npd wenn ein Neugieriger auch hierüber Bescheid lvissen will, dailn wird lhnr geantwortet, daß die Jüdischnationalen das Hakenkrettztunr fördern. Eine prinzipielle Stellungnahme >zu diesen: brenueiwen Problem urtterlassen diese bürgerliche:: Arbeitsparteiler, ihre jüdischen Redner, weil sie. sich nicht zu erkennen geben wollen, die arischen, weil sie im Herzen mit den Hafenkretrzleru übereiustommen. Siehe Hof m e i st e r! Dieser Partei der Eiertäuzer geht es nun verdientermaßen schlecht. In den Versammlungen herrscht gähnende Leere, und wenn , sich ja einmal ein Fvemder hinein verirrt, so ergreift er schleunigst die Flucht. Die Polizei kann da nichts tun, Also kommt die „Neue Freie Presse" mit den: Rettungötuch. Auf der Suche nach einer Formel, durch die der bürgerliche Freisinn seine Wahtaussichwu 51t vergrößern, vermöchte, Verfällt sie „naturgemäß" auf die I ü disch e Wah l g e m e i nschaft. Weshalb naturgemäß? Weil sich diese Karikatur des Freisimrs bei den uichtfüdischen Wahlgettreiuschaften . .Jerzabekscher oder Frankscher Färbung stärkster Nichtbeachtung erfreut und darun: naturgemäß auf die jüdischen Wähler spitzt. Die Be n e d i k 1 s ch e F 0 r mol lautet nun, daß die Jüdische Wahlgemeinschast „in beit Bezirke::, in kuen ihre Kandidaten eigentlich bloß als Zähltandidaten in Betracht kommen, ihren Wahlvorschlag zurückzieht und das; sie dadurch die Chancen der sreihMichen Kandidaten erhöht". Das ist gut a-usgesonneu. Erstens könnten die Juden auf.diese W e i s c um b i c Re st st: m m e n betrogen w s rde n, zweitens könnten die Freisinnigen von der sicherlich schr hohen Stimmruzahl der jüdischen Jüdischen Wa'hlgemeinschaft prssitieren. Aus dieser Formel wird nichts. Pie jüdische Wählerschaft gibt sich nicht zur Krücke für deu ProthesenfreisiM her. Auch nicht, wenn das Beispiel der taktischen Kooperation 'zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten in Wie::, zwischen RZchtsnationalen und Kommunisten in Betzlin herbeige schleppt wird. Dort handelt es sich ja nur um taktische Dinge, chloa um Abstmnuuugen, nicht aber um Wahlen, bei denen der wahre Ausdruck der politischen Anschauungen, Forderungen und Stimmungen zutage gebracht werden soll. Ein Wahlabkommen zwischen diesen genannteu Parteien wäre ettvas so Abstruses, daß tatsächlich nur ein Juden'blatt von der Art der „Neuen Freiest Presse" eine solche Vertauschung Vorschlägen kann. Die Wut über den Zusammenschluß der Juden, der — man bettle nur — ohny die „Neue Freie Presse" zustande gekommen ist, raubt iht jedes, politische Verständnis.' Not, sagt Benedikt, schafft seltsam« Bettgenossen. Das ist wahr, und wir 'haben es sehr oft gesehen, daß die grvßdeutsch e u Aütlfemiten bei der „Neuen Freien Presse" und die „Neue Freie Presse "bei ihnen untergekrochen ist. Nicht die Jüdische Wahlgemeinschast ist in Not, sondern die A'rbeitsparte: und neben ihr die Partei der „klugen und mäßigen" Großdeuffchen. Kejue jüdische Stimme darf.am Wahltag verloren gehe n.-Es> darf keine.Verlockung, und hörte sie sich noch so schön an, am Wahltag gelingen. Wir haben ein Anrecht auf eine tveit höhere Mandatszahl, und wenn sich zu der Tücke des Wahlgesetzes noch die Tücke der liberal Menden Feigheit gesellen sollte, dann würde das Judentum webrlos, omf Gnudr Ausfe fam 2283

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