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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-10 · Heft 1672 (10.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1672 (10.10.1923)
Date
1923-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wenn es im antisemitischen Lager Deutschlands -loch so etwas wie Logik gäbe, so müßte der'deutschnationale Abgeordnete, der am Montag im Reichstag die politischen Anschauungen seiner Fraktion auseinandersetzte, mit Schimpf und Schande dimittiert werden. Die Partei, für die er sprach, ist die Partei des radikalen Antisemitismus, den sie aus den „Geheim-' nissen der Weisen von Zion" begründet. Es ist eine sehr schreiblustige Partei, deren Angehörige tagaus tagein die Fälschungen aus dem Talmud urw dem Schulchan ■ Aruch von einander abschmieren und deren antijüdische Literatur in einem großen Teil der Welt sich zu politischen Parteiprogrammen verdichtet hat. Herr Fovd hat viel Belehrung von ihnen empfangen, die polnischen Nationaldemokraten, die Horthysten, die französischen Royalisten, die rumänischen Cuzisten — wer zählt die Völker! —, sie alle holten ihr, sagen wir, geistiges Rüstzeug, aus der deutschen Waffenkammer. Die Juden streben nach der .Herrschaft über die Welt, sie saugen die Völker aus, sie nützen die Notlage der produzierenden Schichten fiir ihren Geldsack. Und da kommt nun so ein Deutschnationaler, ein Abgeordneter, also ein - Vertrauensträger des Volkes, und entwurzelt mit einer einigen Rede den ganzen kunstvollen Bau. Er hat gegen Stresemann polemisiert. Er verteidigt die „Männer der 'Wirtschaft" gegen den Parlamentarismus. Das ist von dieser. Seite aus in Ordnung. Die Männer der Wirtschaft, das sind die Männer, die an dem. Ruhrkrieg, an dem Hungerödem der deutschen Bergarbeiter sich die Taschen gefüllt haben, die jetzt mit dem Feind verhandeln, von ihm die zwangsweise Abstellung des Achtstundentages und die Erteilung von Vorschüssen zux Wiederaufnahme der Arbejt verlangen. Was der Fraüzöse beidesaAehttlei Es sind die Männer, die im Krieg Belgien, Holland, die Schweiz und die französischen Kohlenbecken annektieren wollten, die das Volk mit dem Belagerungszustand zum Durchhalten brachten, die der deutschen Republik das Loben vergällen, die Erzberger und Rathenau haben abschießen lassen, um die Erfüllungspolitik zu zerstören. Wenn ein Deutschnationaler ihnen das Wort redet, so ist das nur recht und billig. Denn er ist ja Fleisch von ihren: Fleisch und er ist oben zu dem Behufs Neichstagsmitglied, um sie zu verteidigen. Daß er aber mehr tut, als wofür man ihn dort hingestellt hat, das ist nicht notwendig. Aber wess' das Herz voll ist, dess' geht der Mind über. Was ein gut gedrillter Antisemit ist, ist zugleich ein Gegner der Demokratie, der sozialen Versöhnung, der Freiheit, und wie all diese jüdischen Schwntdeleien heißen. Er geht als guter Hoflakai bis zur bürgerlichen SeWstentäußerung. Diktatur? — einverstanden, aber nur in der Hand der Militärbefeh'lshaber. So wie Kahr das macht, ist es richtig. Es besteht, sagt der Abgeordnete, natürlich ein Junker, die Gefahr, daß die Regierung wegen Mangel einer festen Währung kein Brot bekommt. Dadurch entsteht die Gefahr, daß das deutsche Volk bei vollen Scheunen verhungert. Man muß nochmals sagen, daß es ein Junker ist, der mit Gott für König und Vaterland diese Enthüllungen vormmmt. Seine Partei lebt doch davon, daß die Juden die Autorität untergraben, daß die Juden immerfort über Aufreizung^ und Unzufriedenheit Nachdenken. .Und. da hört man plötzlich von den vollen Scheunen. Wer besitzt sie? Etwa die Juden? Und tver profitiert bei der Brotverteuerung durch beit Marksturz? Etwa die Juden? Uitd wer treibt das deutsche Volk in den neuen Krieg? Dieser deutschnationale Abgeordnete, der mit der Einstellung des passiven Widerstandes in: Ruhrland nicht zufrieden ist, meint mit Ludendorff, Hitler, Kahr, Roßbach, Erhardt, man müßte einen aktiven Widerstand leisten, die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich und Belgien abbrechen und einen vertragslosen Zustand Herstellen. Das Kriegsrisiko rechnen die Deutschnationalen ein. Sie, oder vielmehr ihre Auftraggeber, haben es bereits in die Rechnung einkalkuliert. An Krieg ist noch rmhr zu verdienen als an passiven: Widerstand. Der Krieg frißt Kohle und Eisen, das hat beides Herr Stinnes; der Krieg frißt Brot, und die vollen Scheunen gehören den gut deutschen Landwirten und Junkern. Der Krieg frißt Blut; das haben die Massen noch in Menge. Sie müffen in den Schützengraben. Die Jndustriekönige bleiben in ihren Villen, die Lndendorffs sitzen im Hauptquartier. Kn Ultimatum an Stresemann. — Berlin, 9. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgen«ze'ttung".) Die Sensation des heutigen Tages bildet die in politischen Kreisen verschiedentlich kommentierte Tatsache, daß die von Stinne§ geführte Jndustriellengruppe im Ruhrgebiet an den Reichskanzler ein Schreiben in ultimativer Form gerichtet habe, in welchem eine A n z a h l v o n Forder u n gen aufgestellt sind. So wird ' insbesondere die Verlängerung der Arbeitszeit auf acht Stunden für den unterirdischen Bergbau und auf zehn Stunden für alle übrigen Arbeiten verlangt, ferner sollen die Industriellen ermächtigt werden, mit den Besatzungsmächten die Verhandlungen weiterzuführen. Die Industriellen haben auf diesen Brief Antwort bis heute mittags gefordert. Die Reichsregierung.ist VarauMn heute vormittags zu einer Sitzung znfammengetveten, um zu'dieser Forderung Stellung zu nehmen. Stinnes hat aber in seinem Reiche nicht erst ans die Antwort der Regierung gewartet. Nach einen: Wolff-Bericht aus Esten wurde auf den Zechen des R u h r g e b. i e t e s eine Bekanntmachung der rheinisch-westfalischen Grubenbesitzer angeschlagen, durch die kurzerhand von heute an die vor Kriegsausbruch gültigen Sch ich tzei Leu, das heißt die ächteinhalbstündige Arbeitsze-it unter Tag, bei. Beibehaltung der beize i tigen Lohxingisühxt Wird. Di« Grubenbesitzer begründen diese^SchriO imt'derNoWeDtzkeft Äeigevung der deutschen Ausfuhr, die nur erzielt werden könne, wenn „durch äußerste Anspannung aller Kräfte auf. billigstem Wege möglichst große Kohlenmengen gefördert" werden. Die Schichtverlangerung werde Lei entsprechender Leistungssteigerung eine Errnäßigung der Kohlenpreise um sechs Goldmark für die Tonne ermöglichen. Demgegenüber erläßt der Verband der Bergarbeiter Deutschlands einen Aufruf, worin er gegen diese Vorgangsweise Einspruch erhebt und seine Mitglieder auffordert, sich an die gesetzlichen Bestimmungen und Tarifverträge zu halten. Das ist die amtliche Antwort? Berlin, 9. Oktober. (Wolff.) Wie den Zeitungen von zuständiger preußischer Seite mitgeteilt worden ist, sind die Staatsgruben in: Ruhrgebiet angewiesen worden, d i e alte Arbeitszeit Leizubehalten. Berlin, 9. Oktober. Nach einem Estener Telegramm der „Vossischen Zeitung" ist die Aufforderung 'des Reichsarbeitsmimstermms, mit der Verlängerung der Arbeitszeit zuzuwarten, bis neue Verhandlungen stattgeftmden haben, von allen Zechen im besetzten Gebiet befolgt wovden. Das Ermächtigungsgesetz im Reichstag. Berlin, 9. Oktober. Der Reichstag beriet 'heute das Ermächtigungsgesetz in Verbindung mit einem aus Vereinfachung des Verwaltungsapparates abzielendeu Anträge 'des Demokraten Schiffer, der ebeirso wie die Redner des Zentrums und der Deutschen Volkspartei dem Ermächtigungsgesetze zustimmte, wahrend ein kommunistischer Redlder gegen 'das Ermächtigungsgesetz polemisierte. Mg. Müller-Franken (Sozialdemokrat) begründete einen sozialdemokratischen Antrag znm Ermächtigungsgesetz, wonach die aus Grund des Gesetzes getroffenen Maßnahmen bis spätestens 1. Iänner 1925 gelten sollen und die Erwevbslosensürsorge aus denr Gesetze hemusgelasten werden soll. Er forderte, angesichts des Generalangriffes der Unternehmer im Ruhrbergbaue eine schleunigste gesetzliche Festlegung des Arheiterschutzes und wünschte eine Erklärung d e r R e g i e r üng über die Verhandlungen >der rheinischen Jndüstvie mit den Franzosen. Der bayrische Gesandte Pregex wiederholte unter stürmischen Beifallskundgebungen der Deutschnationalei: und Deutschvölkischen die schon im Reichstag abgegebene Erklärung, daß die bayrische Regierung den: E rmächligungsge setz nicht zu stimmen könne. Das -Haus trat sodann in die z w e i t e L e s u n g des Ermächtigungsgesetzes ein. Die Kommunisten beantragten dazu, die Regierung möge das Verfahren wegen Korivp l o t t s gegen dvr innere Math äußere Sicherheit des Rei- Abschaffung des Achtstundentages. ches und wegen Hochverrats gegen die rheinischen Schwerindnstriellen einleiten, die mit General Degoutte die. bekannten Verhandlungen geführt haben. Nachdem ein deutschvölkischer Abgeordneter sich gegen das Ermächtigungsgesetz ausgesprochen hatte, stellte Reichsmrnister des Innern Soll mann das Ersuchen, das Ermächtigungsgesetz wegen seiner großen Dringlichkeit nicht an den Ausschuß zu überweisen und erklärte, von Diktatur könne nicht die Rede sein. Reichskanzler und. Minister fühlten sich nicht als Diktatoren, sondern als Beauftragte des Staates. Üeber die Besprechungen zwischen den deutschen Industriellen und General Degoutte erklärte Sollmann im Aufträge der ReichZrsgievung: Die Herren Klockner, Bögler und Stinnes haben tut Aufträge des Bergbaulichen Vereins und in Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen mit General Degoutte verhandelt. Ihre Absicht, vor diesen Verhandlungen mit dem Reichskanzler zu sprechen, kam nicht zur Ausführung, da letzterer infolge der Regierungskrise sie nicht empfangen konnte. (?) Nach ihrer Rückkehr von den Verhandlungen berichteten die Herren dem Reichskanzler unverzüglich das Ergebnis. Die Reichsvegiernng konnte bisher zu den aufgeworfenen schwerwiegenden Fragen auch aus dem Grunde keine Stellung. nehmen,' da die diplomatischen Vertreter des Reiches in Paris und Brüstel Anweisung erhalten haben, eine Meinungsäußerung der dortigen Regierungen über die mit der Arbeitsaufnahme am R^in und an der Die dr itte Ms Üng M Gesetzes aber infolge des Einspruches der Kommunisten und der Deutschnationalen! erst auf morgen festgesetzt. Eine Anfrage dev Reichsregierung in Paris und Brüssel über die Wiederaufnahme der Ruhrarbeit. Berlin, 9. Oktober. Wie die Blätter erfahren, hat die Reichs regierung ihre Geschäftsträger in Paris und Brüssel angewiesen, an die französische med die belgische Regierung die Anfrage zu richten, ob sie mit der deutschen Regierung in Verhandlungen über die Wiederaufnahme der Arbeit im Ruhrgebiet eintreten wolle::. Zu den ihr unterbreiteten Wiinschen der Gruppen von Industriellen, die mit General Degoutte in Besprechungen eingetreten sind, will.die deutsche Regierung erst nach Eingang der Antworten! aus Paris und Brüstel Stellung nehnren. Die Düsseldorfer Verhandlungen Stinnes*. Berlin, 9. Oktober. Wie das „8 Uhr-Abendblatt" aus Paris meldet, glaubt die „Information" melden zu können, daß die Verhandlungen in Düsseldorf günstige Fortschritte machen und eine Einigung in mehreren Punkten bereits 'erreicht sei. Dieft Einigung sei als endgültig zu betrachten, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Bedingungen zur Wiederausnähme der Arbeit, sondern auch auf die Lieferungsbedingungen für die Kohle. Die Kohlenlieserungen sollen in: Rahnien und auf den Grundlagen, die von dev .Reparationskommistion festgelegt worden sind, sofort wieder beginnen. Es sei danach anzunehmen, daß die Reparationskommission in kürzester Zeit ihre Tätigkeit wieder ausnehmen werde. Der Stinnessche Handlanger. Berlin, 9. Oktober. Wie die Blätter Mitteilen., hat bei Generaldirektor der Stinnes-Werke Minoux bei Stinnes um seine Enthebung von sämtlichen Posten, die er in der Stinnes-Jndustrie bekleidet, nachgesncht. Nach Angaben gewisser Blätter sei dies auf Differenzen zurückzusühren, die Minoux in politischen Fragen »mit Stinnes gehabt habe. Im Gegensatz, dazu bemerkt das „Berliner Tageblatt", daß Minoux im Einverständnis mit Stinnes aus der Industrie, schied, nn: sich voll und ganz der Politik zu widmen. Eine Bombe in der Berliner Produktenbörse. Berlin, 9. Oktober. Wie die ,Oörseuzeitnng" erfährt, ist vor einigen Tagen in der Berliner Produktenbörse eine B o m b e gefunden worden, deren Zündschnur a b g eb r a n n r war, o h n e daß der im übrigen ziemlich schivache Explosionsstoff zur Entladung" gebracht wurde. Ob es sich um den Versuch eines Attentats auf die Börse gehandelt hat. iit noch nicht festgestellt.

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