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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-07 · Heft 1669 (7.10.1923) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1669 (7.10.1923)
Date
1923-10-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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PBKPHHÜ! gette 8 Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitung. 7. Oktober 1923 Nr. 166S Ne UmtrieK der russischen Pogromhelden in Amerika. (Von unserem New-Aorker Korrespondenten.) Infolge Umbaues der Geschäftsräume Großer Großer Mäntel \ Kostüme \ Kleider ■ ' Blusen | zu tief herabgesetzten Preise» S nach Original Pariser Modellen » im ttonfeltionsfjotts! Leopold Ascher L Bruder | Vü.Mariahttfersttaße Sv : Glück halbe ich keim.) Man kommt also auf ganz seltsame Ideen, und ein kluger Mann, der die Gesetze wohl kannte und der die Weisheit errungen hatte, einzufehen, .daß die Gesetze bei Kroger Ausnützung am besten die zu schützen wissen, die sie umgehen, also ihr eigenes Gegengift enthalten — der kaufte sich einen dicken Briefumschlag — tat darein seine Devisen, siegelte den Umschlag zu, petschierte ihn, nachdem er hinaufgaschrieben hatte: ,Mein letzter Wille," und hinterlegte ihn bei Gericht — den Depotschein aber bewahrte er sorgfältig auf. Da lag nun sein Schatz sicher und unangreifbar für jedermann, wohlvevwcchrt in der Stahlkammer des Gerichts. — Und in ruhigen Zeiten wollte er schmunzelnd seinen „letzten Willen" sich wieder geben lassen. Soweit war ja aües gut — aber nun beging unser Freund einen großen Fehler, den vor ihm schon so unzählige begangen haben und den wir alle ihm nachmachen werden -<r starb! Der Pfarrer sprach an seinem Grabe tröstende Worte: »Wie der Mensch dahingeht — und nichts mitnehmen to»»\ — ttttb wnÄich war dieser Gedanke tröstend und beruhigend für die Neffen und Nichten, die herbeigeoilt waren. Ader doch beunruhigte es sie, daß im Haus und Bureau sich nichts gefunden hatte, das auf die großen hinterlassenen Schätze deutet«. Nm «in Depotschein des Amtsgerichtes Berlin-Mitte lag da — vielleicht, daß im Testament ein Hinweis enthalten war — wenn es auch inopportun schien und gar nicht vereinbar war mit der Art des Heimgegangenen, das Gericht -um Mitwisser der wertvollsten Familiengeheimnisse zu machen. Der Tag der Testamentseröffnung kam — und der Richter konstatierte, daß die Siegel unverletzt seien — und eröffnte das Picket. Er war aber baß erstaunt, als sich kein einziges Wort des Erblasservorfand, wähl aber eine stattliche Fülle von Pfundnoten und Dollarscheinen, auch etliche Guldenscheine waren dabei. Die Erben aber blickten freudig überrascht auf den Schatz und hätten gern zugegrisfen. Der Richter aber, der die Gesetze wohl kannte, sprach: „Mit Nichten! Ich habe, was in dem Umschlag enthalten und was als -er letzte Wille bezeichnet ist, laut und deutlich vorzulesen." Und er begann zu lesen:' „Hundred pounds . . denn er war ein wohlgebildeter Mann, nur seine Aussprache des Englischen war nicht erstklassig und verriet, daß er ein humanistisches Gymnasium durchgemacht hatte. Und er las stundenlang. Und als er fertig war — und aufatmend die Erben sich näherten, sprach er: „Nein, wada liegt, ist der letzte Wille des Verstorbenen und Sie bekommen nur eine beglaubigte Abschrift, die Originale aber bleiben bei den Akten! Auch muß der Devisenkommissär benachrichtigt werden und außerdem hat der Selige seinerzeit den Wert des Nachlasies zu gering angegeben — die Berechnung über Stempelnachzahlung, Stempelstrafe und weitere Gebühren geht Ihnen zu." So kommt es, wenn man gar zu klug ist. Und die Moral von der Geschichte ist: Cs ist jetzt nicht die richtige Zeit, zu sterben! Schon allein deswegen, weil die Beerdigungskosten zu teuer sind — unerschwinglich beinahe für den gewöhnlichen Sterblichen. Es sollen, wie aus zuverläsiiger Quelle berichtet wird, deswegen auch schon Erwägungen schweben, ob nicht behördlich verfügt werden soll, daß die Toten letzter Klasse nicht mehr nach Weißenfee hinausgefahren werden sollen, sondern sich zu Fuß dahin zu begeben haben — eine Verfügung, die genau so praktisch und durchführbar ist wie eine große Anzahl anderer Verordnungen. WaS aber jenen Rechtsfall anbetrifft, den ich wiedergegeben habe, so brütet jetzt eine erträgliche Anzahl von Juristen darüber, und ich bin bereit, ein ausführliches Gutachten, das meine persönliche Ansicht enthält, Interessenten privatim mitzuteilen, natürlich nur gegen Zahlung des wertbeständigen gesetzlichen Vorschusses. Herbstarbeit i» de« Kolonien des Mische» Rationalfonds. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Jerusalem, Sükkot. Di« Regenzeit naht — die Zeit ernatter Arbeit in bet Landwirtschaft. Diesmal sind die Perspektiven für die neue Arbeit b e s s e r als in dürr v-evgangenen Jahren. Durch Fahre hindurch wurde der Fehler begangen, die belwMgten Groß ist dir Zahl derjenigen Einwanderer aus dem Osten Europas, denen die Landung in Amerika aus irgend einem formalen Grund verweigert wird, obgleich sie nichts anderes nach den De reini gten Staaten trieb, als hier in schwerer Arbeit ein Leben der Freiheit und Sicherheit fristen zu können. Biele von diesen Zurückgewiesenen könnten sehr wertvolle Mitglieder unseres Landes werden. Hingegen werden in jüngster Zeit die berüchtigtesten Führer der alten zaristischen P o g r o nr v e rll n st a l t u n g e n innner häufiger hereingelassen und genießen hier das Asylrecht, offenbar weil gewisse Kreise sie als in Amerika „erwünschte Elemente" betrachten und behandeln. Diese Pogrom Helden mißbrauchen jedoch das amerikanische Asylrecht in einer so brutalen Weise, daß die ösf.ntliche Aufmerksamkeit sich ihnen immer und mehr zuwendet und sich die Frage vorlegt, ob diese Menschen, di« nur von der Lüge und von der Verbreitung d«s Hasses und der Zwietracht leben, nicht etwa Emissäre L'vgend eines europäischen Bundes sind, di« den Antisemitismus auch nach Amerika verpflanzen wölben. Da ist zum Beispiel der notorische Fälscher und blutrünstigste Pogromhetzer, General Tscherep-Spiridowitsch, der den naiven Amerikanern tagtäglich in irgend einem Blatt die ungeheuerlichsten Lügen auftischt, um die Amerikaner gegen die Juden aufzuhetzen. In einem seiner letzten Artikel erzählt er das Märchen, daß Lenin überhaupt nicht Lenin, sondern ein vom alten Lenin adoptierter Jude sei. Die Frau Lenin sei eine Jüdin und im Hause dieses gefürchteten Bolschewiken wird natürlich nicht anders als jüdisch gesprochen. Die Kinder von Lenin — nebenbei gesagt hat Lenin gar keine Kinder — sind selbstverständlich ganz gewöhnliche Judenjungien. Besonders stgr? arbeitet die Phantasie dieses monarchistischen Generals, wenn er sich mit Rothschild beschäftigt. Daß Rothschild heute der Kaiser der Welt ist, ist für diesen Hohlkopf nur selbstverständlich. Aber neu ist. die etymologische Leistung des Pogromisten-Geurrals. Ec behauptet nämlich, daß die Kommunisten und Sozialdemokraten die rote Farbe nur deshalb für ihre Partei gewählt haben, um auf diese Weise dem Rothschild zu huldigen. Denn Rothschild ist Gelder für die Landwirtschaft zu spät, das heißt, nach Beginn der Herbstarbeit. flüsiig zu machen. In diesem Jahre hat sich, dank dem Beschlüsse des Kongresses, 30 Prozent der bewilligten Gelder für die Landwirtschaft sofort bereitzustellen, die Lage gebessert. Es wurden bereits 3000 Pfund für den Ankauf von Milchkühen, 1000 Pfund für den Ankauf von Arbeitstieren aus Veü Geldern des Keren Hajefsod flüsiig gemacht. Dank günftigen Bedingungen auf dem Biehmarkte wurden von den Wirtschaften des Nationalfonds, denen der Betrag von 5000 Pfund bewilligt wurde, Milchkühe zu guten Bedingungen eingekanft, außerdem 1000 Pfund zum Anlauf.von Milchkühen nach Holland überwiesen. Es steht also zu hoffen, daß die bestehenden Wirtschaften mit der erforderlichen Zahl von Arbeitstieren und mit der nötigen Menge von Futtermitteln das neue Jahr beginnen werden. Dies für die bestehenden Wirtschaften. Werden wir auch imstande sein, im neuen Jahr« neue Siedlungen zu schassen? Di« Antwort liegt natürlich in 'den Händen der Spender des Nationalfonds und des Keren Hajessod. Der Nationalfouds wird bald in eine schwierig« Lag« kommen, denn die ihm für den Landkauf zur Verfügung stehenden Mittel gestatten derzeit noch reicht größer« Käufe, und der seinerzeit angetanste Bcden wird in kurzer Zeit, jedenfalls noch in diesem Jahr«, voll besiedelt fein. Die neuen Siedlungen, welche in diesem Jahr« angelegt werden sollen, werden entweder noch jetzt im Herbst, oder — falls de.r Keren Hajessod nicht zur richtigen Zeit die Mittel bereitftellen kann — erst zu Pessach begonnen werden. Das letzterbedeutet natürlich den Verlust eines vollen Jahres. In Aussicht gencmmen sind in diesem Jahr« drei neue Familie nsredlungen (Mascha w« owdim). Von diesen wiiA ein.', für die gesetzestreuen Juden in Aussicht genommen — sie dürste vermutlich in der Näh« von Tiberias angelegt werden. Ein weiterer Mofchaw soll in der Nähe von B a l f o u r i a, ein dritter in U n t e r g a l i l ä a geschaffen werden. Hand in Haub mit der Schaffung von Familiensiedlungßn soll auch die kooperativ« Ausiedlung in der Fornr de.r KW uz ot fortgeführt werden. Die neuen Moschawe owdim sollen heuer gegen 80 Familien aufnehinen, die Kwuzot an 100 neue Siedler. Der Kongreß hat auch die Mittel bewilligi für die Ansiedlung von Arbeitern rings um die .bestehenden Kolo-- . men. In vielen Kolonien, in Sichron Jakob zum Beispiel und in den judäischen Kolonien, befinden sich organisierte Gruppen von Arbeitern, welche als Taglöhner bei einzelnen Kolonisten oder bei Stvaßenarbeiten und Bauten beschäftiget sind. Diesen soll durch ein kleines Anlohrn die Möglichkeit natürlich nicht nur der Kaiser der Welt, sondern auch den größte Bolschewik. Niederträchtig ist die versbrcktß Verdächtigung Spiridowitsch', mlt der er den Tod Har« dings mit dem Judentum in Zusammenhang zu bringen versucht. Er sagt unter anderem: „Als ich die Rede des Präsidenten Harbins über die Notwendigkeit des Wiedererwachens des reinen, unverfälschten, christlichen Gedankens las, da rief ich sofort: Jetzt ist der Arme verloren, die Juden werden sich seiner bemächtigend Lloyd George und der ehemalige Präsident Wilson sind natürlich lauter besoldete Judenvnechte, di«! unbewußt von den Juden dazu mißbraucht werden, di« Welt den Juden zu unterjochen. Deshalb fordert div edle Seelo des zaristischen Henkers d-ie Amerikaner auf, sich der Juden zu entledige», „denn sonst bekommen wir im Jahre 1924 einen neuen Weltkrieg." Diese Stelle verrät di« Abh 'ngigkeit des arbeitslosen Generals von! Henry Ford, der gleichfalls immer darauf herumreitet» daß die Juden für das Jahr 1924 einen neuen Weltkrieg vorbereiten. j Neben Tscherep-Spiridowitsch arbeitet der gleichfalls in Amerika gelandete Leutnant Boris Brasol, der sich! als . Staatsanwalt im Beilis-Prozeß so unrühmlich bekannt gemacht hat. Er war es auch, dev das „Protokoll der Weisen von Zion" nach Amerika eingeschleppt hat und seitdem davon ganz ausgezeichnet lebt. Dieser Mensch arbeitet mit noch gröberen Mitteln als fedns Gesinnungsgenosse. Er fälscht auch die Geschichte der Pogrome des Nachkrieges und will die Amerikaner glauden machen, daß die Pogrome von den Juden selbst in Szene gesetzt wurden, um die links'radikale Richtung in Rußland zu rechtfertigen. Dies', beiden Exponenten der altrussischen Pogrompolitik unterhalten in Amerika ganze Agitation^ zentren, fabrizieren die unglaublichsten, angeblich authentischen, in der Tat jedoch nur ihrer Phantasie ent* sprungenen Geschichtsquellen, die sie dann von hier, ins alle Welt, besonders aber nach Mitteleuropa, und zwar nach Polen, Rumänien und Rußland versenden, wo sie als einwandfreies, historisches Material der-! wendet werd:n. gegeben werden, ein gewisses Inventar anzufchaffen, Gemüse und Tabak zu bauen, sich Kenntnisse in der Landwirtschaft und in der Führung eines Betriebes anzueignen — Kenntnisse die dann bei der späteren definitiven Anstodlnng von hohe«! Werte sein werden. Ein: viel schwierigere Frage ist die der Anfiedlung von Arbeitern um die Städte. Es ist vor dem Kongreß von seiten der städtischen Arbeiter der Ruf erhoben worden, ihnen zn Siedlungen im Bereiche 'der Städte zu verhelfen. T--r Kongreß hat wohl die Mittel hierzu bewilligt, aber nur als außerordentliches Budget, und es ist di« Frage, ob die Mittel für diese Siedlungen da fein werden. Daß sie notwendig sind, wenn wir in der Stadt eine Arbeiterschaft haben wollen, die mit ihrem Lose halbwegs zufrieden ist, daran zweifelt niemand. Derzeit ist in Tiberias auf Initiative der dortigen Arbeiter Boden im Umfange von 100 Dunam gelkauft worden, ans dem eine städtisch $ Siedlung angelegt werden soll. Auch in Jaffa, wo die Bewegung für eine „Schchunat owdim" besonders starl ist, werden Vorbereitungen für den. Bodenkauf getroffen. Einen großen Raum nimmt in den Diskussionen der landwirtschaftlichen Arbeiterschaft di« Frage her Ausbildnng der knnft'gen Siedler fein. Wo sollen die landi wirtschaftlichen Arbeiter sich di« Keunlmisie erwerben, die für eim erfolgreiche Kolonisation unumgänglich sind? Heute besteht nur e:ne Möglichkeit: die landwirtschaftlich« Schule der Alliance beschäftigt neben ihren Schülern ottva 50 Arbeiter und dient dadurch auch diesen zur Schule. Das genügt natürlich nicht. Einen Weg, jüdisch« Arbeiter in größerer Zahl in den alten Kolonien zu beschäftigen, hat man nicht gefunden. Di« arabische Konkurrenz scheint unüberwindlich. Wenn der jüdische Arbeiter ein Opfer bringt und seine Lohnanfprüche herabfetzt, so setzt der Araber sein« Forderungen noch mehr herab — «oder sie werden ihm herabgcsetzr — und die Spannung zwischen dem Lohn des jüdischen und des arabischen Arbeiters bleibt. In den Kreisen der landwirt'chaftlichen Arbeiterschaft hofft man, daß di« oben crwähn.en Anleihen au Arbeitcrgruppen in ' den Kolonien eine Hilfe bedeuten werden, indem sie den i Arbeitern eine Sicherung gegen Arbeitslosigkeit — durch j Beschäftigung in der '.lgenen Wirtschaft — und mehr Seßi haft:gkeit geben werden, so daß daun auch die alten Kolo- I nien mit ibrcr langen Erfahrung den künftigen Siedlern! eine Schule sein können. In den ga l M ischen Kolonien! inacht sich übrigens in letzter Zeit, im Zusammenhang mit! der Einführung des Tabakbaues und der Notwendigkeit einer Beschäftigung vieler Arbeiter bei dies«in, die Tendenz geltend, jüdischen Arbeitern Zutritt zu den Kollm'. - zu geben. Me ftpfl. SiiolitSt, Mistteßer MsWiiiig! ILMpdi 7 lVerWMni: TeleOii 51-.1-6H Zairale: IX. fo[«pfc 11, A.Aelle II m 5665

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