Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1669 (7.10.1923)
- Date
- 1923-10-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m. 1669 Wien, Sonnkag Wiener MorgenzeitnnG 7. Oktvber 19S3 Seit» 6 Keinen Kadisch wird man sagen... Bon kirchlichen Trauungen, bei denen außer dem Geistlichen, dem Meßner und der teilnehmenden Hausbesorgerin der Brauteltern nicht ein waschechter Arier anwesend ist, hat man schon oft genug gehört und die notwendig sich ergebenden Zwischenfälle entsprechend belächelt. Die verlogenen Gesichter der Ellern, das Umherirren des Brautpaares in den Bräuchen der fremden Religion, die kleinen Entgleisungen — das alles wirkt unwiderstehlich komisch und der jüdisch« Zuschauer mag ruhigen Herzens den Reiz der Situation genießen. Schaurig und erschütternd a-ber ist die Beerdigung des Juden auf dem Christenfriedhof. Warum der Mann fich — vor langen Jahren — taufen ließ, weiß eigentlich niemand zu sagen. Seine Bekannten und Altersgesährten zucken die Achseln — wahrscheinlich den Kindern zuliebe meinen sie. Als die Töchter anfingen, heranzuwachsen, war der alt« Glauiben nicht mehr vornehm genug. Man wünschte, in,/besseren Kreisen" Ausnahme zu finden und die ganze Familie trat zum Christentum ülber. Es hat nicht viel genützt. Auch der ausgepickte Christenglauben verhalf nicht zur Ausnahme in di« besagten exklusiven Zirkel, wenn er auch tüchtig dazu beitrug, die Familie ihren Freunden und Verwandten zu entfremden. Aber zur Bestattung haben sie fich doch eingafunden. Vieles, Unverzeihliches lag zwischen dem Abtrünnigen und den Getreuen. An diesem Tage wollten sie nicht daran denken. Sie kamen, dem Toten den letzten Gruß nachzusenden. Sie kamen, die beiden alten Brüder, feie jahrzehntelang den Jüngsten gemieden, fernen Namen im Familienkreise nicht genannt hatten, die Schwester, die dereinst Mutterstelle an ihm vertreten hatte und sich nun an zwei Stöcken doch noch zn seinem Grabe schleppen wollte, die Verwandten und die Freunde aus alter Zeit. Es mochte so manchen einen harten Kampf gekostet haben. Aber dieses Sterben war so furchtbar plötzlich gekommen, daß vor der Erschütterung über das jähe Ende, über das Scheiden aus der Fülle des Lebens kein anderes Gefühl Stand hielt. Ein Trauergast nach dem anderen trat zn der Witwe und ließ sich von den letzten Lebenslagen des Verstorbenen erzählen. Sie berichtet mit stockender Stimme, scheu blickt sie zur Seite, wenn sie die treuen, ernsten Gesichter vor sich sicht. Ihre Augen weichen den Augen der anderen aus. In chren Schmerz mischt sich Verlegenheit »nd Befangenheit. Sie sucht nach den richtigen Worten, nach Worten, die ihren Dank ausdvücken und alles, was geschchen war, doch nicht berühren sollten. Ueberdies hat die Frau, wenigstens sicht es so aus, noch Angst vor der bevorstehenden Zeremonie, bei der sie vielleicht fürchtet, fich nicht richtig zu betragen. Auch die Tochter teilt anscheinend diese Besorgnisse und möchte sich offenbar am liebsten sowohl vor den zahlreichen jüdischen als auch vor der Handvoll katholischen Teilnehmenden verkriechen. Das Erscheinen des Geistlichen verschlimmert die Situation. Auch er selbst fühlt sich offenbar nicht ganz behaglich. Er spricht vom unerforschlichen Ratschluß Gottes — ein Rabbiner hätte vermutlich dasselbe gesagt. Mer er hatte es anders gesagt, hält«, der Jude zu Juden sprechend, wärmere Worte, milderen Trost gefunden. Und während die Witwe schluchzend hinter dem Sarg zum Grabe schreitet, mag chr zum Bewußtsein kommen, wie tief der Schnitt gegangen, den sie um kleiner Aenßerlichkeiten willen Wenn früher einmal — in der guten alten Zeit, die kaum ein Jahrzehnt zurückliegt — Musiffeste veranstaltet wurden, so hatte dies seine besonderen Gründe: Die Auswahl des Programmes, die Wiederkehr eines Gedenktages, etwa auch die Besonderheit der Oertlichkeit oder das Niveau der Mitwirkenden erzeugten eine festlich« Atmosphäre, di« auch die Zuhörer gefangen nahm. Heutzutage wird ein Musikfcft nach dem anderen aus konjunkturpolvtifchen Gründen angesetzt, die Ausnahme wird zur Regel, das Fest z-nm Alltag. Mozart und Mahler „ziehen", darum her mit den Mozart- und Mahler- Festen? Das jüngste Mozart-Fest bot in seiner «bunten Reihe von Symphonien und Divertimenti, von Klavier- und Kammermusik wenig Festliches, freilich zelebrierte Bruno Walter, der wohl beglaubigte uitfb gläubige Mozart-Priester, das Fest, bei dem Meister Rose mit dem Vortrage dreier Sonaten und Selma Kurz mit dem süßen Schmelz und dem tveichen Piano ibres Arieugesanges Assistenz leisteten. In der Jupiterfymphonie schien sich richtiges Festwetter einzustellen, doch da kam die Schlnßfuge, die beinahe aus den Fugen geriet. Auch int „Requiem" war das Symphonieorchester nicht aus voller Höhe, und die wackeren Solisten — die Damen Merz-Tunn e r und G u n d - L a u t e r b u r g, die Herren Gallos und M a y e r — wollten nicht recht aus sich heraus. Bruno Walter nötigte den Philharmonischen C h o r mit beschwörenden G'.stcn aus seiner Reserve, und so gab es auch einige wenige künstlerische .Höhepunkte neben manchen Tiefpunkten, während doch ein Musikfest eine einzige Kette von Höchstpunkten sein sollie. Darum fort wt den ewigen Musikifesten und lieber ein festliches Musizieren ohne Ansage, wie es Gustav Mahler erst but hat und wie eS in den Furtwängler-Konzerten heimisch ist. Mit einer an Ehüfnrcht grenzenden Aufmerksamkeit lauscht hier das Publikum der Ton-Welt, die unter seinem despotisch . herrschenden Taktstock ersteht. Doch bei aller Ehrfurcht vor JVienJ. JViMpretmarkt £ *JTl&cleles flobes, Kos tumesJftantecuiJC» feagorons et srourrures iTelefon C&73. ZMitgebrachte Stoffe werden N zur Verarbeitung angenommen Y so leichtherzig getan. Stünde ein jüdischer Priester an diesem Grab, ihr Herz krampst« sich im selben wilden Schmerz zusammen. Mer sie hätte die Stütze ihrer VolkSgenoffen, die Hilfe der Familie, den Trost des Geborgenseins im uralter: heiligen Brauch ihres Volkes. Sie wäre mit ihrem Leid in der Heimat. Nun ist sie in der Fremde. Verlegen und befangen, scheu, als täten sie schweres Unrecht, folgen die Verwandten heute dem Sarg. Morgen werden sie wieder den Abstand -wichen sich und die Abtrünnigen legen, den sie bisher eingehalten. Morgen ist sie allein, allein mit den fremden, gleichgültigen Menschen, die chr Wesen und chre Art nicht verstehen können, allein mit dem fremden Glauben, in dem sie keinen Trost zu finden vermag. Was hilft der leichte Sinn des „modernen" Menschen in dieser Leere, in die sie nun gestoßen wird. Abweisers blerben alle die Frauen, trotz der Güte und Liebe, die sie hergeführt. Könnte sie sich an die Brust der alten Schwägerin werfen . . . Aber die vermeidet jedes überflüssige Wort. Sie grollt ihr wohl, hat ja auch nichts vom modernen Geist in sich ausgenommen. Vielleicht denkt sie an des Vaters Be« stattmvg mit allen Ehren, die dio kleine Jüdengememde zu vergeben hatte, und vergleicht damit die letzie Erdenfahrt des Bruders, die Bestattung im Zeichen der Verlegenheit. Und während die Witwe mit zögerndem Schritt den Heimweg antritt, preßt ihr wilde Reue das Herz zusammen. K. M. Serltaer Brief. Von Sammh Gronemann. I. Bo« Rassentheorie und Dollar. — Dom RelaiivstatSprirrzip und dem humanistisch gMldet«^ Richter. Die isocephal« Rassentheovie in ihrer Anwendung auf taubstumme Juden und hochgezüchtete Halliyftiesen unter Berücksichtigung der dynamischen Energienmenge bei weniger sensorisch als motorisch gerichteten Individuen . . . aber ich denke, ich überspringe einige Zwischenglieder, und spreche gleich vom Dollar; denn aus dieses Thema lenkt sich in diesem Derkin, dreser Stadt der Milliardäre, unabänderlich in kürzester Zei jede Unterhaltung. Und wenn man noch so zielsicher mit Marti» Buber anfängt oder mit dem Grafen Keyserling — binne, kurzem ist man bei Effekten und Devisen angelangt, und n dem AugeMick wird das Geschräch allgemein. ES ist schwer, vielleicht unmöglich, sich dieser Masten suggestion zu entziehen. Irgend ettvas, ein« vielleicht «ich gleich erkennbare Affoziation, lenkt die Gedanken auf die Kurs« tabellen zurück, auf jene langen Reihen mit den unendliH vielen Nullen. Wie viel Arboitssttmden täglich nur durch dai Schreiben von Nullen i-n allen Bureaus, Aemtevn, Schalter» ausgefüllt werden, ist gar nicht auszudenken. Nullen, Nullen^ Nullen, wohin man sicht — Nullen; sie bilden eine ungeheuerliche Armee, gegen die die Paar andern Ziffern vor eigener Bedeutung gar nicht auflommen. Es ist, als ob di» Nullen bei uns regieren. i Man kann, sage ich, sich der Suggestion nicht erwehren? Da stand man etwa am Versöhnungstag im Tempel, glaubt» sich befteit vom Alltag und allem Irdischen und las innig mtü entrückt di« Worte nach: ,Jn Deinen Augen, o Herr, sintaufend Jahre wie ein Tag," und schon setzt es unter de» Schwelle des Bewußtseins in blasphenvischer Gegenstvophe «im ,/Und tausend Millionen sind wie ein Pfund!" Und: „Wie mag jetzt der Dollar stehen?" flüsterte der nie ermüdende bös» Trieb. — Kaum, daß zwischendurch noch der Gedanke auf* blitzte, wie relativ alles ist, selbst die Relativitätstheorie all neu« Entdeckung. Enthält jener Satz des Moses-Gebetes doch schon ihre Quintessenz. Dieser Versöhnungstag wurde ein Tag des Gerichts für viele, nicht nur vom Stamme Jakobs. Denn das Feuer des Herrn fuhr herab und — der Dollar sank an der Berliner Börse klastertief. Und als nach dem — bei dem — vor dem Anbeißen der Kurszettel studiert wurde, gab es Heulen und Zähneklappern. Zwar einerseits — wer freut sich nicht, wenn die Mark sich bessert — wenn «Mich der Aufstieg sich ankündigt — aber andererseits: man sitzt doch auf seinen Devisen und man hat seine Leinwand oder sein Leder teuer erkauft. Zwei Seelen — ach! Es ist ein seltsames Dilemma, das sich in der Brust des guten Bürgers und Patrioten und ebenso guten Kaufmannes abspielt. Einerseits — anderevsetts — alles ist relativ. Es kommt auf den Standpunkt an. Aber, wie mir der arme Zündhölzchenverkäufer gegenüber der Börse versicherte, bei dem ich am nächsten Tage einen Hundermillionenschein wechselte, es sielen die Kassenscheine nunmehr viel spärlicher in seinen zerbeulten Hut. Das große, finanziell«, wirtschaftliche und politische Problem Deutschlands lautet: „Wie erreicht man «s, daß die Mark steigt und der Dollar nicht fällt." Der Dollar gibt noch ander« Problem« auf. Da gibt es den gefürchteten Herr« Devisenwmmistär; der darf als« Devisen aufsammeln, und wer sie nicht abliefert und bei wem sie dann gefunden werden, über den kommt der Zorn des Herr» Devisenkommissärs. Und natürlich ist man guter Patriot, guter Bürger, der alle Gesetze und Verordnungen treulich befolgt — aber dennoch — wo läßt man seine Devisen? Iw Safe? — und wenn die Safes gesperrt werden? — In Hause? — man hört so viel von Einbrechern. Die einfachste Lösung ist schon, man liefert sie wirklich ab. Aber auf diesen einfachen Ausweg kommen die wenigsten. (Bemerkung für dm Herr» Devifenkommissär: Ich persönlich habe dies« ©otgett nicht, zum Soden, Müutel «sw. in feinster s Ausführung Telephon 17*0*85 Wien,». Bez., SofefftSdterstraße 81 Furtwängler müßt: man ihm einmal zurufen: ,Mehr Ehrfurcht vor dem anvertranten Kunstwerk"! Wie übel hat er letzthin Bruckners ^Romantischer Symphonie" mttgespielt! Natürlich hielten die Instrumente unter seiner Führung musterhafte Ordnung und alle Orchesterfarben waren neu auf den Glanz hergerichtet. Dazu gab es eigenwillige Tempoverschleppungen und -Beschleunigungen, gewitterschwüle Spannungen und elektrische Entladungen, Beethovensche Kontraste wetteiferten mit Lisztscher Bravour. Nur war dies nicht die fromme, gläubige Romantik des guten oberösterreichischen Schulmeisters, der sich in diesem überaus interessanten SPiegelhervbW nicht wiedererkannt hätte. Wie vor kaum zwei Jahren errang auch diesmal Pfitzners romantische Kantate „Von deutscher Seele" im Geselischastskonzert in der säst gleichen Besetzung wie damals unter Fnrtwänglers Leitung einen Achtungserfolg. Der Dirigent verstand es wieder ganz ausgezeichnet, die Romantik Pfitzners urtb der Eichendorffschen Lyrik zum Leben zu erwecken und Chor, Orchester und Solisten — die Damen Merz- Tunner und Miller, die Herren Gallos und Mayr — mußten unter feiner suggestiven Führung mitgehen und das Letzte und Beste hergeben, ob sie wollten oder nicht, lllnsere Ansicht über die Musik des weltfremden Idealisten und zettfremden Romantikers hat sich fett der Erstaufführung nicht geändert. Die ganz« Diktion und die Konstruktion, welche die Kantate zusammenhält, scheint uns gezwungen, diese Mffchung von Arien und Chören, von Chorälen und in ihrer Länge und Massigkett ermüdenden Jnstrumentalsätzen absonderlich, nur durch energische Kürzungen könnte dieses an poetischen Feinhotten und an Klangschönheit reiche Werk dem Konzertbetrieb erhalten bleiben, was wir ihm schon um seiner wundervollen, Schumann nachträumenden Lyrik willen wünschen, in der sich Pfitzners musikalische. Potenz deutlich rundgibt. Mit größtem künstlerischen Erfolge, leider auch mit einem vollen materiellen Mißerfolge, hat der Berliner Domchor in Wien konzertiert. Kaum hundert Personen rauschten am ersten Abend dem ganz vortrefflichen Klangkörper, der in reicher Dynamik Me Chorwerke von Palestvina bis Bach mit musterhafter Präzision sang und m einem ungemein schwierigen zehn-stimmigen Chorwerke von A. Lotti die feinsten Fäden des kunstvollen Stimmgewebes blofflegte. Die hohen Stimmen werden nicht von Frauen, sondern von Knaben gesungen, wodurch der Bortrag eine gewisse Unfinnlichbvtt erhält, die den herben Reiz des altniederländischen Klanges «och erhöht. Die mitwirkende Sängerin Pauline Dobert, mit ihrer schone«, ergiebigen Altstimme, war de?» Sängern ebenbürtig. Ein Liederabend HanS D uh a n bewies neuerdings sei» imposantes technisches Können und die starke geistige Potenz, die seiner schönen Stimme eigen ist. Lauterer Adel und hohe Dornehmhett Ent ans seinem geistvollen Dortrage, keine Spur von Sentiment Banalität und billigen Effekten. Wäre er nicht der Duban, io mim« man sich und ihm primitivere Sinnlichkeit und w-l'lich hellere Donfarben wünschen. Der ritterliche Sänger ist wohl mch^ gekränkt, wenn man ihm den Negertenor Roland Hayes gegenüberstellt. Die kleine, ferne Stimme Rolands, der tapfer und unentwegt di« harten deutschen Silben memoriert, ist des süßesten, zartesten Ausdruckes fähig, ist das richtige Instrument für Masscnets Liebesgesäusel. Sein hartes Forte und seine gutturale Tonbehandlung sind freilich primittve Atavismen, gegen die auch die beste italienische Schulung — die «r übrigens dnrchgemacht hat — nicht ankämpfen kann. Interessanter noch als das technische Phänomen ist das psychologische, ist die Eroberung der europäischen Tonkimst durch den Angehörigen eines dunklen Erdteiles im Wege der Einfühlung. Wie schön singt er doch Schumann und Schubert, und doch ist es nicht unsere uns vertraute Äiedromantrk, sondern ein bezauberndes Märchen aus einer uns fernen Tropenlandschaft, von fremden Ländern nnid Völkern. Erwin Felder Reiche Auswahl neuester ^eiimodeile In sümtl. „ ättko7~~ n ii* Pelzarten -Pariser u. Wiener Gasch mack vereint - II rWWW ü II erzeugt nur in eigenen Werkstätten, unter pers* MrlRHU II tB aILUKL2IUKLII II fi» " ' utnn 0 ß Leitung des bestrenommlerten Inhabers der Firma ” ~ II« Ui. TMIij, t“y «--»««VW» 9