Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1666 (4.10.1923)
- Date
- 1923-10-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980747--16321-3003224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mm Ti - ',»>1!,« J‘äi «JiÄSSSf Wtn, DövnerSkag Wiener Morgenzeiiung. Der Nationalsozialismus spekuliert auf niedrige Instinkte. Sagt der frühere bayrische Ministerpräsident. München, 3. Oktober. Der vormalige bayrische Ministerpräsident Graf Lerchen selb wandte sich in einer Red,; in Aschaffenbuvg gegen eine übertriebene Kritik am Parlamentarismus und lehnte dom Standpunkte des freien Bürgers die Regierungsform der Diktatur-ab. Er warnte weiters vor dem Nationalsozialismus, der auf niedrige Instinkte spekuliere. Hitler, das politische Kind. London, 3. Oktober. In einer Unterredung mit dem Vertreter der „Daily Mall" erklärte Hitler, die Frage, ob Monarchie oder nicht, sei gegenwärtig nicht aktuell. Die Hauptursache der Voltserregung gegen die Rsrchsvegrevuny sei -das Aufgeben des passiven Verstandes. (?) Die Regierung hätte die Pflicht gehabt, jedes Bergwerk, jede Fabrik und jeden Hochofen zerstören zu lassen. Dann würde sich Po in ca re einen tödlichen Weg geheilt haben, so wie es Napoleon habe erleben müssen, als er vor dem brennenden Moskau stand. Die Franzosen entwaffnen die Schutzpolizei im Ruhrgebiet. Berlin, 3. Oktober. Mirbachs Telegraphenagentur meldet aus Düsseldorf: Wir verlautet, haben die B esatzungsbehörden die Entwaffnung und Auflösung der gesamten Schutztruppen von Düsseldorf sowie der des Ruhrgebietes beschlossen. Toderdrohange« gegen Berliner Mische Familie». Aus Berlin meldet I. C. B.: Zahlreiche im Berliner Westen wohnende jüdische Familien erhielten in den letzten Tagen mit Totenköpfen, Dolchen usw. versehene Drohbriefe folgenden Inhalts: ,Hüben raus! Wir wissen genau, wo Ihr Geld liegt. Morgen über 14 Tage sind Sie eine Leiche. Sehen Sie sich vor unserer blutigenRache vor. Wir wollen Blut, wenn Sie nicht binnen vier Wochen die Wohnung raumen. Wird diese Sache laut, so sind Sie sowie Ihre Kinder Leichen. Eine weitere Mahnung erfolgt nicht." Die Briefe tragen die Unterschrift: „Der Hetzbunfr." Die Berliner Kriminalpolizei hat intensive Nachforschungen zur Feststellung der Urheber dieser Briefe angestellt. Die Rot der Mischen Gemeinden in Sentschlaad. wie es die Kooperative für öffentliche Arbeiten plant, einen großen Steinbrucheröffnen, so.würde daS eine reiche Arbeits- Möglichkeit bedeuten. JnJaffa-Tel-Awiw ist die Situation nicht > besser. Bei einer kürzlich stattgehabten Zählung meldeten - sich 107 2 Arbeitslose. Durch ein Anlehett der Hypothekenbank deS'. Keren Hajeffod ist es kürzlich ermöglicht worden, in der" Nordau-Stadt einige Dutzend Häuser zu bauen. Jetzt hofft man, daß der Bau zweier-Straßen zwischen Tel-Atvitv und Jaffa und zwischen Tel- Awiw und Jr-Ganim' Arbeitsmöglichkeiten schaffen wird. Große Hoffnungen werden natürlich an die öffentlichen Arbeiten geknüpft, welche die Stadt Tel-Awiw trriit dem Erlös ihrer gutplaeierten Anleihe durchführen wird. In Haifa hat sich die ArbeitSsituation in den letzten Wochen etwas gebessert. Immerhin gibt es noch 100 bis 200 ganz ^Arbeitslose und zirka 400 Halbarbeitslose. Eine größere Arbeitsmöglichkeit dürfte die Straße geben, welche von dem neuen jüdischen Viertel Hadar Hakarmel aus den Karmel angelegt wird. Dieser Straßenbau, dessen Durchführung der Kooperative für öffentliche Arbeiten übertragen wurde, hat ökonomische und national^ Bedeutung zugleich. Die öffentliche Straße auf den Karmel ist für Gütertrairsporte zu stell. Für die Benützung der privaten Straße des französischen Klosters muß ein Schllling pro Fahrt gezahlt werden.- Die neue Straße, die mit einem Aufwand von 12,000 bis 15.000 Pfund in einer Länge von fürch Kilometer angelegt wird, führt ganz und gar durch jüdischen Grund. Den erforderlichen Betrag stellt der Keren H a j e s s o d bei. ES ist der Mühe wert, einmal zu sagen, wie alle diese Arbeiten zustande kommen. Zuerst ist die Arbeits- Wgkeit. Unter ihrem Druck findet die Arbeiterorganisation und ihre Organe ArbeitsmöMch ketten. Dann kommen die ' bangen Verhandlungen und hauptsächlich die Suche nach dem Kredit. Sehr häufig ist es die Arbeiterorganisation selbst, wktlche den Bauherren den Kredit vermittelt. Ohne die Mitwirkung deS Keren Hajessod sind alle diese Arbeiten undenkbar. So ist eS die jüdische Einwanderung einerseits, jüdischnationalv Fonds andererseits, welche das Land entwickeln. Vergebens freilich wird der europäische Leser sich fragen, was die Regierung dazu tut, um den jüdischen Arbeitern Beschäftigung zu geben. Zwar wird auch sie in der nächsten Zeit größere Arbeiten, durchführen (Anlage von Friedhöfen für gefallene Soldaten, Bau eines großen Bahngebäudes in Haifa), aber es ist wenig Hoffnung vorhanden, daß diese Arbeit Juden übergeben wird, ja eS heißt sogar, daß der Bau der Friede Höfe einem AuÄländer (ägyptischen Italiener) übertragen worden sei. . . ( 1 Aus Berlin meldet I. C. B.: Die katastrophale Geldentwertung in Deutschland übt auch auf daS jüdische Gemaindeleben in Deutschland seine Wirkung aus. Die Budgets sämtlicher großen jüdischen Gemeinden in Deutschland wurden dadurch in einen chaotischen Zustand versetzt. Die Reichsregierung hat nun auf Grund des Finanzausgleichsgesetzes erhebliche Zuschüsse an die größeren Gemeinden 'bewilligt, dank deren die Gemeinde« anftalten sowie das Gemeindeperfonal auf dem bestehenden Niveau gehalten werden konnten. Die weitere Existenz der Gemeindeinstitutionen hangt völlig davon ab, ob die Reichsregierung auch in den nächsten Monaten die Zuschüsse gewähren wird. In Zürich ist ein jüdisches Komitee in Bildung begriffen, welches eine Hilfsorganisation für die notleidende deutsche Judenschaft und die bedrohten jüdischen Institutionen in Deutschland schaffen will. Brief au« Palästina. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Während die palästinensische Presse die Frage diskutiert, wie der Auswanderung aus dem Lande gesteuert werden könnte, und ob man ein Recht habe, die Auswanderung zu verurteilen oder nicht, erhebt sich natürlich die Frage: Wie ist der Arbeitsmarkt beschaffen? Wie nieste Arbeitslose gibt es? Die Antwort lautet: Die Lage des Arbeitsmarktes ist schillecht, die Zahl der vollständig Arbeitslosen ist wohl nicht sehr groß, aber ein großer Tell der städtischen Arbeiter arbeitet nicht mehr als zwei büs drei Tage in der Woche, und nirgends zeigt sich noch die konkrete Hoffnung auf große Arbeiten, welche die Lage erleichtern würden. In Jerusakkiem haben die großen Bauarbeiten aufgehört, die neuen Stadtvierteln Talpioth und Beth Ke rem sind fast fertig, die Arbeiten, die jetzt unternommen werden, tragen den Charakter von Notstandsarbeiten, welche unter dem Drucke der Arbeitslosigkeit durchgeführt werden. Auf den von der Pallestine Land Development Company erworbenen Grundstücken in der Nähe des Bezalel (sog. Antimos) wird eine Straße angelegt, deren Bau 120 Mann beschäftigt. Ein Straßenbau durch das Viertel Talpioth beschäftigt 40 Arbeiter. Das ist natürlich sehr wenig im Verhältnis zu der Zahl vori Arbeitern, welche durch die Fertigstellung von großen Arbeiten arbeitslos werden. Dabei ist immer in Betracht zu ziehen, daß, objektiv gesprochen, Arveitsmöglichkeiten vorhanden sind, die nur infolge Mangel san Kredit nicht ausgenützt werden. Als ein Beweis für viellemöge gelten, daß in Jerusalem, wo in Stein gebaut wird, ein großer Tell der Bausteine durch« geliefert wird. Die Araber müssen auf Borg liefern i-q-fab chre Steine sind entsprechend schlecht. Wir find nicht boebeo-^t. am mit öhnerr zu konkurrieren. ftfatnfrpi wir. Sr. Benesch in Wien. Der tschechy-sl-owakifche Minister des Aeußevn Doktor Benesch ist auf der Rückreise von Genf nach Prag gestern in W i e n zu kurzem Aufenthalt emgetvoffen. Der Bundesmmiste-r für Aeuheres Dr. Grünberger hat Doktor Benesch m der tschecho-slcwakischen Gesandtschaft einen Besuch ahgesiattet, worauf sich Dr. Benesch in das Bundeskanzleramt auf dem Ballhansplatz begab, -wo er €|me längere Unterredung mit dem Bundeskanzler Dr. Seipel hatte. In dem Gespräch wurden besonders die eben in Genf abgeschlossene Tagung des Völkerbundes sowie damit im Zusammenhang stehende Fragen der europäischen Politik behandelt. Dr. Benesch hat in den ersten Nachmill^stundm seine Reise nach Prag fovtgefetzt. Achecho-Slowakei. Ser Bttgarbeiterstreik. Mährisch-Ostrau» 3. Oktober. Heute vormittags fänden in der Dergschule in Mährifch-Ostrau neue Verhandlungen zwischen den Bergarbeitern und den GruöenbWern des hiesigen Reviers statt. Ministerialrat Dr. Pfeifer machte ei. en Vermittlungsvorschlag, demzufolge die Löhne uw 13 Prozent herabgesetzt werden sollen. Die Arbeitgeber bekundrgten chre Bereitwilligkeit, sich mit der Lohnhevab'etzung um 13 Prozent zufrieden zu g-ben. doch würden sin den Kollektivvertrag unter diesen Godingungen nur bis März 19 2 4 schließen. In diesem Stadium wi'üen die Verhandlungen um halb 2 UIHr nachmittags unterbrochen; fie werden in Prag fortgeführt werden. Heute nachmittags fand eine Sitzung des Revierstreikausschusses statt in der darüber verhandelt wurde, auf welche Weise es mö^i'ck wäre, Kohle für die Kokereien zu beschassen, denen ein vollkommenes Erlöschen s.roht. Polen. vor einer Regsernngskrise. Warschau, 3. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die christlichen Demokraten haben nach ihrem Konflikt im Kabinett in Angelegenheit der Auslandsreise des Fmanzpnnisters Kucharski mit den Unken Parteien Verhandlungen eingeleiitet, um von -ihnen Garantien für eine gemeinschaftliche Be-haMung der finanziellen Sanierung zu erzielen. Innerhalb der 'WitoS-Gruppe ist es zu. einer neuerlichen Spaltung gekommen. .' Abg. B ry l und zehn Mitglieder deS WwoS-KUchs beabsichtigen, auS fam fffKfc*» 4. Oktober 1928 Nr. Mtz ---;-N $ llub auszutreten und sich der Opposition anMschließm, Sei > ie für die gegenwärtige Regierung Jfehte Verantwortung ragen wollen. Der stete Fall der polnischen MarE hat auf die SejmkreW einen deprimierenden Eindruck gemacht. Es wird angenommen, daß es schon in den nächsten Tagen zum Sturz der gegenwärtigen Regierung kommen wird. Jugoslawien. Auslassung von drei Ministerien. Graz» 9. Oktober. Die „T a g e S p o st" meldet a«S Belgrad, der Ministerrat habe in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, die Ministerien für A g r a r r efo rm, für sozial e F ü r s o r g e und fiir die K o n st i t u a n t e aufzulassen. _ Rumänien. Schnlsperre gegen Mische Kinder. Bukarest, 1. Oktober. (I. C. B.) „Tineretul Sozialist" publiziert folgendes Zirkular des Hermann st ädter Schulinspektorats an die Direktionen sämtlicher rumänischer Mittelschulen des Kreises: „Schulinspektorat des 4, Schulkreises, Strada Saguna 8, Nr. 5260— 1923. Laut Verordnung des Herrn Unterrichtsministers, Nr. 91.989—23, fordern wir Sie auf, in die unter Ihrer Leitung stehende Schule jüdische Schüler unter keinen Umständen aufzunehmen. Hermannstadt, 31. August 1923. Bratu, Oberinspektor." Verhaftung von 4000 Mische» Flüchtlingen. Paris, 2. Oktober. (I. C. B.) Die Exekutive der Jüdischen Welchilsskonferenz in Paris erhielt die Nachricht, daß 4000 Wische Flüchtlinge aus der Ukraine am Jom Kippur in Beßarabien verhaftet worden sind. Hunderte Flüchtlinge werden nun täglich über den Dn-jestr in die Ukraine gewaltsam abgeschoben. Die Jüdische WelthWkonferenz hat sich in einem dringenden Memorandum an fren Völkerbund gewandt, in welchem der Völkerbund ansgefordert wird, bei der rumänischen Regierung zugunsten dieser Flüchtlinge zu intervenieren. Im Berliner Bureau des Vereinigten Komitees für jüdische Auswanderung ist die Nachricht eingetroffen, daß di» Intervention gewisse Aussichten auf Erfolg .hat. Der amerikanische Konsul ist da>mit einverstanden, daß bi? zürn 22. Oktober die Pässe der ausgewiesenen Flüchtlinge, die erst im November an die Reihe kommen, vidiert .werden sollen, so daß die Flüchtlinge rechtzeitig den runwnischen Boden verlassen können. Ungarn. Sie Legalisierung der zionistischen Srganisutlon. Aus London wird uns geschrieben: Vor kurzem hat der Generalsekretär der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation, Israel Cohen, in Angelegenheit der Legalisierung der ungarischen Zionistischen Organisation, welche bekanntlich die ungarische Regierung nicht zulassen will, in Budapest interveniert. Hiezu schreiben die „Times": Herr Erchen hat dem -ungarischen Außen ministerium ein Memorandum des Präsidenten der Zionistischen Exekutive überreicht, in dem hingewiesen wird, daß das vom Völkerbund ratifizierte Palästina-Man« d a t die Zionistische Organisation als Jewish Agency anerkannt 'habe. Ms solche habe sich das Recht, die Mitarbeit sämtlicher Juden, die am Wiederaufbau Palästinas teilzunehmen ge-willt sind, sicherzustellem Ungarn sei als Mitglied des Völkerbundes verpflichtet, die Durchführung des Palästina-Ma-ndates zu unterstützen und sämtliche Schwierigkeiten, die der Tätigkeit der Zi-o- Mslischen Organisation entgegengestellt 'werden, zu beseitigen. Auf Grund dieses Memorandums hat der ungarische Innenministcr das Versprechen gegeben, die Verweigerung der Legalisier u n g der Zionistischen Organisation in Ungarn zu revidieren. Rundschau. Konstantinopel wieder türkisch. , Konstantinopel, 2. Oktober. Die alliierten u"d ein türkischer General haben -ein Protokoll, betreffend die Uebergabe des Munitionsdepots an die ottomauischen Behörden, unterzeichnet. Die letzten Truppenabteilungen der Alliierten und die Generale haben sich bereits eingeschifft. Die türkischen Truppen werden Samstag in die Stadt einziehen. UM, Inschriften an die Redattion sowie unverlangt einlangenden Manuskripten wolle man stets Rückporto beilegen» da sonst eine Aeanlwortung» beziehungsweise Rücksendung nicht ersolgen kann. .