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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-04 · Heft 1666 (4.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1666 (4.10.1923)
Date
1923-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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znzsnroniinerKnrao Wien: Zum Abholen in de: Expedition, II„Tahorstr. 1-3, oder in einer VerschleiwteUe monatl. K 28.000 MR Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschech o-SIowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. Fr a nk r., Belgien: Monatl. Frei. 8 HP N*ob*«hlun*«n bei PreiierhShunjjen Vorbehalt« Wiener Vechicim -Slowakal' tschech. K 1*— Italien: Monatl. 10 Lire* Rumänien Mon. 90Lei Bulgarien Men.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fkce. 3 Redaktion u. Administration Wien. lI.,Taborstrassel—S Telephone: 44*0-38,48*3-19, ab 6 Uhr ebda,19-483,25-2831 Tel-Adr.: ,Morgeaa«tnng*( Wien Oesterreichisch es Portsparkassen-Konto Nr. 150.693 8lt. 1666 Wien. Lounerstag. 4. Atober 1926 6. Jahrgang Sitte Regierungslrije. — Der Streit um das kmachttgungsgesetz U Iösung des Reichstages? Berlin, 3, Oktober. (Tel. d: ,Mr. Morgenzettung".) Die Einstellung des Passiven Widerstandes hat die Konzon-- trationsttgierung Stresemann ganz plötzlich irr eine Krise versetzt, deren Auswirkungen zur Stunde sich noch gar nicht ubevschen -lassen. Als unmittelbare Folge des Ausgebens des Widerstandes hat St re s eman n ein, besonderes Ermächtigungsgesetz verlangt, das der Regierung weitgehende Vollmachten ans finanziellem, wirtschaftlichem und sozialen Geriete einränmejr soll, um der immer größer werdenden Schwierigkeiten Herr werden zu könney. Die Bestimmungen dieses Gesetzes haben bei den einzelnen Parteien vielfach Verwirrung hervorgernfen, so daß keine Parte', bisher dem Vorschlag Stresemann rückhaltslos zugestimmt hat.Dadurch ist Stresemann in eine um so schwnrigere Lage geraten, als die D e u i sche V ol k s- Partei gerade diesen Moment der Verwirrung.zu einem Vorstoß gegen Stresemann benutzt, indem fie die E i nb e z i e h u n g h e r Ä e u t s chnei i o n a l e n, der Ex i r e m na t i on a li st e n, die' A uhängerder Fortführung des Widerstandes sind, verlangten.' •.... . v / . Meichzeitig wuchqn Hov^tzWLMiMchckn VvAsParter gegen den Reichswirffchastsmimster Dv. Raumer und den ReichsEährMysmmffter Dr. Ä u t h e r sowie gegen den ReichsfirvaiHM^tqr Dr. Hilfferdi«g hsstige AngrPe gerichtet, um deren Demission zn erveichen. Doktor Raumer hat .diesem Beickmyen sosvrt Rechnung getragen. In dieser schwierigen Situation ist fe Reichskabinett spat nachts zu einer Sitzung gusammengetveien: Diese Beratung, die bis 4 Uhr früh dauerte, endete mit einem Kompromißvorschlag, dem auch die sozialdemokratischen Mit-, glieder des Kabinetts be-stimmte«. Die endgültige Entscheidung wurde jedoch den Frakt r o u e « ü V e r t r a g e n, die heute zur Beschlußfassung zusammentreten. Die sozialdemokratische Fraktionhat den Kompromrßvoivschlag in wesentttchm Punkten abgelehnt. Bor allen Dingen ist sine Au fh e b ungdesAchtstundentages'von. den SoziachemMrsesb strikte verweigert wovden. Fernerhaben die Sozialdemokraten abgklchnt, den.ReichssiMNtzminiPer.H.ilfferding aus dem Kabinett zurückznziehen. Gegenwärtig wird noch vm letzter Bersuch beim Rei chskanzler gemacht, um die Meinungsderschiedenheiten auszugleichen. Doch gilt .es als so gut wie ausgeschlösiett, daß eine 'Einigung zustande kommt,, so daß man mit der Wahrscheinlichkeit rechnet, den Reichstag autzuAft«, um, unabhängig von den Parteien, gewisse Maßnahmen diktatorisch durchsetzen zu können. , . Die sozialdemokratische . Reichstags« s r a k t i o n hat in ihrer Nachmittagssitzung die Ausdehnung des vom Reichskanzler vorgeschlagenen , Ermächti-. gnngSgvseyes ' auf das sozialP.vkitis.He Gebiet ab ge lehnt. Sie hat sich ferner mit der im Reichskabinett gefundenen Formulierung fürdie vom Kanzler in seiner programmatischen Erklärung vorzutragendon Absichten bezüglich des Arbeitszeitgesetzes n ich t e i n v e rstaud e n erklärt, ist jedoch bereit, in neue Verhandlungen über diese Fragen Mt den Koalition5 Örteren emzutreten. Auch die im Laufe des Nachmittags geführten Besprechungen der Parteiführer mit Mm -^Reichskanzler waren negativ. Die demoIra'tischL.Fra.ktchon bemüht sich fortgesetzt- «nr -' BarmU.ii.it ntz'L'vbr* . s ch l ä g e. Sie macht unter anderem den 'Vorschlag', daß neben dem Ermächtigungsgesetz glerchzeitig auch' das seit.' langem 'vorbereitete Arbeitszeitgesetz mit ErnbMehung der Bergarbeiter verabschiedet werde. Daher ist die Entwicklung der parlamentarischen Krise bis abends um leinett Schritt weiter gekommen. Die um 7 Uhr begonnene Sitzung des Kabinetts verlies resultatlos. In der Sitzung wurde durch den Gewerkschaftsführer Leitbart dekänntgegeben, daß die Zugeständnisse der GeweÄschaste» für ein Kompromiß noch geringer seien als die der sozialdemokratischen ParlamentsfraktiM. Es handle sich immer noch um die Frage der Stellung des A r - e i t S-, zeitgesetzes zum Ermächtigungsgesetz. Der Zenirumsfuhver Marx bemühte sich, eine Einigung anzubahnen. Das Kabinett tritt um 10 Uhr neuerdingszusammen, doch rechnet man damit, daß es auch diesmal zu k e i n.e m E n tfchluß kommen wevde. . Das Eingreifen der Gewerkschaften wird in bürgen« . lichen Kreisen nicht gerade als Erleichterung der Situation angesehen. Im übvigen ist die Stimmung sehr pesM. mist-ifch. l'? Neuerliche ALsagung der ReichstagsfitzUng. ‘ Diese vollkommene Ungeklärtheit der'Situation hat es ^Mvk sich-gebracht, daß spat abends -die Sitzung dos Reistages, m der Stresemann wichtige programmatische Erklärungen abgeben soll, abermals verschoben werden.' mußte.. ■ . . 'l Stresemann demissioniert I Berlin, 3. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Das ReichskaLinett hat in seiner um 10 Uhr nachts begonnenen Sitzung die Gesamtdemission der Regierung beschlossen und Stresemann beauftragt, dem Reichspräsidenten das Dewissionsgesuch noch im Laufe der Nacht zu übergeben. Lebensmittelplünderer. Berlin, 3. Oktober. Der ,/Lokalanzeiger" berichtet auS. Merseburg: In den letzten Tagen sind mtt verschiedenen Zügen aus Leipzig des öfteren große Banden an- . gekommen, die . sich am Hellen Tage ohne. Scheu über die Felder, hermachten. Die Landjäger, die emgreifttt wollten) waren machtlos. Bei Räpitz und btt K l ein- Liebenau griff größeres Aufgebot von Schutzmannschaft das Raubgesindel an. Es kam zn Schießereien. Zahlreiche Personen wurden verhaftet. Die Schupo 'in Merseburg hat jetzt im ganzen Bezirk feste Posten eingerichtet und außerdem ein U e b e r f a l l k o m m a n d o gebildet, -das jederzeit alarmbereit steht. Auf dem Nepper 8 d o rfer Gebiet breitet sich eine nahezu 1000 Man nstarkeBan de über die Kartoffelfelder aus und begann Kartoffel zu lesen. Der Gutsinspektor alarmierte die 'Polrzeil Zwei Aufgebote zu je 30 Schutzpolizisten zu - Pferde 'und' zu Rad umzingelten die Felder und nahmen. 600 Personen fest. Ein Teil der Bande griff die Beamten an, konnte aber schließlich gefesselt werden. Die 600 Verhafteten wurden in die Kaserne von Jauer transportiert,' wo' die Personalien ausgenommen wurden- - Es würden ihnen etwa 200 Zentner Kartoffeln abgenom« men. 40,4 mrMonenfacher Index. Berlin, 3. Oktober. Die ReichsindeWiffer für dix LeEenKhaltungskoften beläuft sich für -den 1. Oktober das 4 0,4 m i l l i o n e n f a ch e der Vorkriegszeit^ Die Steigerung gegenüber der Vorwoche betragt 44L Prozent. Brot — 30 Millionen. - Berlin, 3. Oktober, Das markenfreie Brot kostet N Berlin vom. 4. d. ab 30 Millionen Mark. Schüler und Lehrer. —y. SS l c n, 4. Oktob«. Das ProfessorenkoNegium der Wiener Hochschule k6r Bodenkultur behält den deutschen Charakter im Auge. Untentwegt. Und um dies zu dokumentieren, hat eS einen Beschluß afftchiert, der „die Bekämpfung der sittlich und wirtschaftlich unverkennbar schädigenden Auswüchse des Judentums aus die kulturelle Entwicklung der Menschheit" als notwendig erklärt, wenngleich die Einführung des Numerus clausus hierfür kein durchführbares Mittel darstellt. Die Herren beherrschen zwar nicht die deutsche Sprache, wohl aber die Antisemttenftbel, und leiten aus ihrer Unentwegtheit das Recht ab,, bei Bestellung von Professoren und Dozenten auf die Wertung der wissenschaftlichen Verdienste und aus die moralische Eignung der Anwärter zu geistigen Führern der deutschen Studentenschaft stregstens Bedacyt zu nehmen. Unentwegt. Gezeichnet Fischer. Selten noch hat eine Aeußerung einer akademischen' Behörde ein solches Aufsehen in der Oefsentlichkeit hervorgerufen. Man beachte es wohl, daß hier eine schimpfung gegen eine Gemeinschaft ausgesprochen wird, die sich an dem Ort, wo die hohe Behörde reden darf, nicht zur Wehr setzen kann. Nicht daß wir dieje Beschimpfung höher einschätzen als etwa die Texte der Hakenkreuzplakate. Der Ehre des Judentums geschieht noch kein Abbruch, wenn einige Sachverständige für Dünger und Gemiisebau der Meinung sind, sie müßten die sittlich und wirtschaftlich unverkennbaren Auswüchse, bekämpfen. Aber daß sie es wagen dürfen, in amtlicher. Stellung durch öffentlichen Anschlag eine Diffamierung des gesamten Judentums zu versuchen, das ist eine weithin sichtbare Marke für den Tiefstand der politischen Moral in Oesterreich, utch^M die Kor-, ruptivn, mtt der hierzulande schwierige Fragen 'behandelt und besudelt werden. Dieses Wagnis der Professoren beweist aber auch, wie viel das Judentum an polittscher und sozialer Geltung verloren hat, seit es nicht mehr von der Tribüne des Parlaments durch seine eigenen Vertreter zur OeffeMrchkett sprechen konnte. Dieser Mangel hat es zu einem sehr großen Teil verschuldet, daß die deutschvölkischen Kehrichtpolitiker unwidersprochen ihre Infamien austoben und das- Lebet: vergiften können. Wenn die Rektoren von Diener bis Fischer und Hoffmeister gegen das Judentum hetzen, so machen sie sich eben nur den Umstand zunutze, daß ihnen niemand entgegentritt und daß insbesondere kein Sprecher des Judentums dem Ausland reinen Wein einschenkt und ihm berichtet, was man in Oesterreich unter Sanierung versteht. Diese Professoren sind ein Produkt ihrer Erziehung. Sie stammen aus der Jntellektuellen-Genera-. tion, die in den Jahren Wolfs und Schönerers an den deütscl>en Hochschulen Oesterreichs ausgebildet wurde. In dieser'Zeit wurden die GruMagen für die Entwicklung des deutschen Stammes in Oesterreich geschaffen, für jene Entwicklung, die zunächst zum Weltkrieg und dann zum Verfall fiihrte. Es ist eine absteigende Linie, die sich in der letzten Zeit mit rasender Schnelligkeit abrollt und an deren vorläufigem Ende das Hakenkreuz steht. Die Politiker und Professoren haben dieses Zeichen der Zeit sehr rasch akzeptiert und . sie gehorchen gerne dem Gebot der von Raserei erfaßten Jugend, die sie heute gegen Slawen, .morgen gegen Juden treibt. Sie gehorchen ihr so weit, daß zum Beispiel in diesem Jahre kein Mitglied der Wiener theologischen Fakultät Rektor werden kann, weil dies den Völkischen nicht genehm ist. Dieser Terrorismus konnte sich ungestört bis zu seiner heutigen Vollendung entwickeln. Die Negierung, die aus Ehristlichsozialen und Großdeutschen besteht, hat es nicht übers Herz gebracht, dem--wüsten Treiben mit ernsten Maßregeln Einhalt zu tun. Sie steht unter dem Diktat ^des «Äaatsanwalts-Ministers Frank, der seinen Rassesreunden nichts zuleide tun läßt. Die Folgen sind dann die Schießereien der bis an die Zähne bewaffneten Sturmtruppler, die frechen Plakate und die Beschlüsse der Professoren. Und daun läßt Herr Seipel in Warschau erzählen, daß es in Oesterreich eigentlich gar keine Judenfrage gibt. - Das, was die Bodenkultur-Professoren getan haben, hat wieder vielen tausenden jüdischer Bürger in diesem. Staat die Augen geöffnet. Sie können wieder einen lehrreichen Blick auf das Meer von Haß tun, das uns umbrandet, und es wird ihnen offenbar, daß man ihnen in diesem Staate mir die Stelle des kuschenden Steru.-rzahsers anweisen will. Di- Aufrichtung des Staate iü-nur» mit jüdischer Mrtarbett mäglick -- darum will der Bundeskanzler die Sanierung auf das bodenständige christlich-deutsche Volk beschränkt wissen.' Das Wissenschaftliche Leben ist nur durch jüdische Opfer, durch MscheS Geld, durch jüdische Pehirn-. tätigkeit auS dem TodeSschlaf gerissen worden darum . wollen die Professorev die Auswüchft' deS ZMMms bekämpfen. Die Juden nehmen dies alles zur Kenntnis. Sie werden erkennen lassen, wie sie sich zu einer Politik stellen, die sich willig dem Hakenkreuz beugt und die lebten, Endes in dem Nowosat ihren vornehmsten Repraseittantvn findet. Wie die Lehrer, so die Schüler» wie die Schüler, so die Lehrer. Nur weiter foi

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