Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1665 (3.10.1923)
- Date
- 1923-10-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«Me 2 ggfcn> MMvo'ch _ Wiener Vknrsrnzeiknns. 3. Oktober 1923 ■ N«. MS ttcit, mck so zeigten ihnen die Ereignisse in Nordamerika, welchen Weg sie in der Behandlung der Kolonien einzuschlagen haben. Nur so ist es möglich geworden, daß die großen britischen Gemeinschaften in allen Weltteilen den Druck des Mutterlandes weniger stark empfinden und in den großen Völker kctznpsen für die Sache Englands tatkräftig eingetreten sind. Die Entwicklung des letzten Jahrhunderts hatte zwar das Herrschaftsverhältnis des Mutterlandes in den Kolonien gelockert, nicht aber die Bande der Rassen-- und Reichs gemeinschast. Die Früchte seiner staatsmännischen Weisheit erntet England in diesen Tagen, wenn die ehemaligen Kolonien ihre führenden Männer in die Metropole des Weltreiches entsenden, um die gemeinsamen Probleme einer Lösung zuzuführen. Gar mannigfaltig sind die Probleme der Konferenz. Schon die geographische Lage bedingt diese Mannigfaltigkeit. Dieser Umstand bringt es aber auch mit sich, daß manche der Fragen, die ein Dominium stärker interessieren, für das andere ohne Bedeutung sind. Die Frage der Flottenbasis in Singwpore, die für Indien und Australien von vitaler Bedeutung sein kann, bedeutet sehr wenig für Kanada. Die Frage der Reparationen und der Pazifizierung Europas, die Hauptfrage des Mutterlandes, bedeutet verhältnismäßig wenig für Neu-Seelamd. Diese Probleme werden alle unter gemeinsamen Gesichtspunkten betrachtet werden. Nur so wird man einer richtigen Lösung näher kommen. Eine der wichtigeren Fragen ist das Problem des Völkerbundes; ein Problem, das alle näher angeht, aber o-ie Einstellung der Dominien zu ihm ist nicht die gleiche. Werden a^lte so tatkräftig die Liga unterstützen, wie es der wackere Vertreter Südafrikas, General Smuts, zu tun pflegt? Und wie soll die Einstellung des Reiches zur neuen Türkei sein, eine Frage, die für Großbritannien nicht so leicht wie für andere zu beantworten ist, in Hinblick auf die Millionen' Mohammedaner in allen Teilen der britischen Welt. Aegypten und die endgüli/ige Stellung Englands in diesem Lande ist für dH Länder, die an der Sicherung des Suezkanals interessiert sind, von großer Bedeutung. Zn gleicher Zeit werden die Konferenz der Ministerpräsidenten und die ökonomische Reichskonferenz tagen. Auch hier sind die Probleme vielfach und von weittragender Bedeutung. Ist doch der Handel eine der treibenden Kräfte des Reiches. Damit hängen noch tausend andere Fragen, wia das Schutzmarkenwesen, Kabel, Radiotelegraphie, Schifffahrtswesen usw., zusammen. Die Konferenz wird auch versuchen, einen innige- «n Kontakt der Dominien mit dem Mutterland« herzustellen. . Die Entfernung zwischen den einzelnen Ländern macht ein öfteres Zusammentreten der Konferenz unmöglich. Es ist daher angeregt worden, daß außer dem High Commrssioner, der heute mehr die Kompetenzen eines Konsuls LesH!k, akch ein Vertreter per ReLierustg e.mer jede« Kolonie Ät' Loüöan residieren soll, damit eine Verständigung über die schwebenden Fragen auf einfacherem Wege erreicht werde. Die Hauptfrage aber ist und bleibt das Verhältnis zum Mutterlande. Man ist sich in England darüber klar geworden, daß die Frage noch lange nicht endgültig gelöst werden kann. Vieles ist erst im Werden begriffen. England möchte die zentrale Instanz bleiben, und es wird von den Ergebnissen der Konferenz abhängen, wie weit dies gelingen wird. Die Koloniaterfahrung und Tradition der englischen Staatsmänner versprechen schon heute gute Resultate. Ein Expose Lovd Cuezons. Außenminister Lord C u r z o n -wird in der Freitagsitzung der Reschskonsevenz die Anschauungen Großbritanniens über die R u h r b e s e tz u n g sowie über die Art des Zusammenwirkens zwischen Frankreich und England auseinandersehen, das sich ergeben könnte. Dir spanische MiMrdittatm. Madrid, 2. Oktober. Das Direktorium hat an die Arbeitgeber einen Appell gerichtet, worin es erklärt, es werd" jeden Angriff gegen die gesetzmäßigen Rech re der Arbeitgeber verhindern; diese werden jedoch aufgesovdert, die gerechten und billigen B est r e b n n g e n der Arbeiter i n k e i n e r Weisezu behindern. Madrid, 2. Oktober. Das Regierungsorgan veröffentlicht eine Berordnug, durch die fast alle Gemeinderatr Spaniens aufgelöst und durch Vertreter der Steuerzahler aus Industrie und Handel ersetzt werden. Gestern wurde der Prozeß gegen die Mörder des ehemaligen Ministerpräsidenten Dato eröffnet. Der .Hauptangeklagte Matheu erklärte, er hätte bei seiner Verhaftung ein falsches Geständnis abgelegt, um dem wahren Schuldigen Casanella die Flucht zu 'ermöglichen. Casanella befinde sich gegenwärtig in Rußland. Die..Abrüstung". Italien erfindet neue Unterseeboote. Aus Rom wird gemeldet: „Giornale d'Italia" berichtet aus Genua ohne Angabe näherer Daten, daß es nach längerem Studium gelungen sei, Typen von Unterseebooten zu entwerfen, die alle anderen Gattungen an Schnelligkei-t und Kraft- . lcistung übertreffen, wodurch Italien unbedingt die U e b e r l e g e n h e r t in der gesamten Unterseetvaffe. gesichert erscheine. Stresemam» und die Partei«». Berlin, 2. Oktober. (Wolfs.) In der heute vormittags abgchailtenen Besprechung , der Führer der Koalitions- Parteien mit dem Reichskanzler, an der auch der Führer der bayrischen B o l k L p a r -t e. i tellnahin, entwickelte der Reichskanzler die Grundßüge seiner heute tijt Reichstag zu haltenden Rode. Bei der großen Tragweite der a>uif außen- und innerpolitischem Gebiet zu fassenden Beschlüsse legten die Fraktionssühver Wert daraus, zunächst mit ihren Fraktionen zu beraten. ES wurde vereinbart, daß das Ergebnis dieser Beratungen dem Reichskanzler bis 7 Uhr abends zur Kenntnis gebracht werdet Alle Fraktionen hinter Stresemann. Berlin, 2. Oktober. Ueber den Verlauf der Fraktion s s i tz u n g e n im Reichstag wird aus paralaurentorischen Kreisen berichtet: In der Fraktionssitzung der Deutschen Volkspartei war Reichskanzler Dr. Stresemann selbst anwesend. Er legte der Fraktion sein Programm dar. Die Fraktion stellte sich durchaus hintcrdie Politik des Kanzlers. Auch das Zentrum beschloß, dem Programm des Reichskanzlers zuzustimmen und lehnte auch eine Erweiterung des Kabinetts nach rechts nicht ab. Sfo; demokratische Fraktion erklärte, dvß sie an einer Personenfrage, ni cht interessiert sei, daß sie für das vom Kabinett beabsichtigte Ermächtigungsgesetz stimmen würde, aber nicht in einem Kabinett mit den Deutschnationalen zusammen verbleiben wolle. In letzterem Sinne entschieden sich auch die Sszialde.mokraten, die in bezug aus das Ermächtigungsgesetz insoferpe eine zustimmende Haltung einnchmen, als dieses sich auf die Wähvungs- und Finanzpolitik bezieht. Auch halten sie daran ft st, daß ihre Minister im Kabinett verbleiben. Die Sitzung des Reichstages auf unbestimmte Zeit verschoben. Berlin, 2. Oktober. Reichstagspräsident L o e b e teilte um 8 Uhr abendS mit, daß die Sitzung des Reichsta g e s für heute abgesagt werden müsse und daß ein w e i t « r e r T e r min noch nicht .bestimmt werden könne. Demission des Reichswirtschaftsministers. Berlin, 2. Oktober. Wie das Wolfffche Bureau aus parlamentarischen Kreisen erfährt, hat Rei, chswirts.chäfc'# f > seine Demission gegeben. KWin Mrückerobert. Berlin, 2. Oktober. (Amtlich.). Das Küstriner Abenteuer hat cht schnelles E n§"e gefunden. Ein Einsetzen der nach KÄstrin horangezogenen militärischen Verstärkungen war nur in geringem Umfang nötig. Die Aufständischen, insgesamt etwa 400 Mann unter einem Dutzend Sefterreich. Rem Handelsyerhandlungeu mit Ungarn. Dem Budapester „8 Uhr-Blatt" zufolge werden die Verhandlungen wegen des Abschlusses eines neuen ungar'sch-österreichischen Warenaustauschübereinkommens zwischen den beiden Regierungen Mit 1 e Oktober beginnen. Die ungarische Reg'erung sucht vor allem die AuSfuhrmWichkeiten für landwirtschaftliche Produkte sicherzustellen, während österreichischerseits angestrM wird, den österreichischen Jndustrieprodukten in weiterem Ausmaße als bisher den ungarischen Markt zu Eröffnen. Abschluß einer Meiftbegiinstigunssablormnenr mit gapa«. In einem gestern vom Minister sür.Aeußeres Doktor Grünberger und dem japanischen Gesandten Kumataro Honda Unterzeichneten Notenwechsel haben die beiden Regierungen die gegenseitigeGewährung der Meist'beg unftigu ng für .Handel, Zölle und Verkehr vereinbart. DaS Abkommen gilt zunächst für sechs Monate und lauft dann weiter bis drei Monate nach Kündigung. Wiener Gemeinderat. (Ätzung am 2. Oktobers In der gestrigen Sitzung, des Gemeiiidcrateö-wurden nach den Referaten Professor Tändlers die Anträge auf Erhöhung-^deS Handgeldes für dre Pfleglinge det Wiener Bersorgungshäuser auf 10.000 Kronen, ferner die Unterstützung für arme Wiener Nitz dem Betrage von 90.000 Kronen, ft&t die Inbetriebsetzung des dritten städtischen Watsenhauses m der Äalltelgäffe, welche etnen Zuschußkredit von 295 Millionen erfordert, angenommen. Eine größere und lebhafte Debatte.entfesselte der Atltrag Speise rs auf Kündigung der geistlichen Schwestern in zwei städtischen WarftMuserN. und in dey» städtischen Kindergärten, den dre Ehristlichsttziaftii autS schärfste bekämpften. Die Majorität stimmt gber dem Anträge zu, nachdem der Referent ,n seinem Schlußworte alle Emwande gegen den Antrag zurückaetmesen kwtt» laotische Lage. Rädelsführer, sind gefangen genommen und fenft» «waffnet worden. Bei der Milderung der Umgebung von Küstrin wurde eine Bande von etwa 30 Mann auSgq» hoben. Boi dom Fenergeifecht am gestrigen Abend hatten die Aufständischen einen Toten und einige Schwer» und Leichtverwundete. Die Truppen haben keine Verluste zu 'beklagen. Die nach Küstrin herangezogenen auswärtigen Truppenteile werden heute in ihre Standorte gurückkehven. Las Verbot des Mer-Matter. München, 2. Oktober. (Südd. Korr.-Bnr.) Nach den „Münchner Neuesten Nachrichten" ist der Befehl des Generallreichskommiffärs betreffend Vas Verbot, des „Völkischen Beobachters", der 'bisher weiter erschienen ist, General v. Lossow in München z gestellt worden. Dieser hat »den Befehl an den Generalstaatskommissär Dr. v. Kahr wertevgegeben. Sie bayrischen Sozialdemokraten. München, 2. Oktober. (Südd. Korr.-Bur.) Dir „Münchner Post" erklärt znm Streikverbot 'Kahrs unter anderem: Selbst wenn man sich aus den Standpunkt stellen würde, daß der bayrische Ausnahmszustand neben dem Ansnahmsgustand des Reiches zu Recht besteht, dürfte vm Bayern aus das Koalitionsvecht, mithin das Streikvecht der Arbeiter, nicht angetastet werden. Die Arbeiter haben vorerst keine Veranlassung, nervös zu werden. Der Bezirks- und Ortsvorstand München der Sozial» demokratischen Partei erläßt an die Ortsgruppen Südbaherns und Schwabens den Beschluß, wonach die Sicherheitsabteilungen der Sozialdemokratischen Partei auf Grund der Verordnung des Genevalstaatskommiffärs als ansgelöst zu 'betrachten seien. Den bisherigen Fichrern und Mannschaften dieser Abteilungen wird der Dan!' der Partei ausgesprochen und bemerkt, daß man nur der Gewalt ge'wichen sei; die Partei verlange aber die strengste Durchführung der AuflösungSanweffung. Der Leuernngswirbel. Berlin, 2, Oktober. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung^ meldet: Im vergangenen Monat hat sich eine bisher noch nicht erlebte Steigerung der Lebenshaltungskosten vollzogen. Die Erhöhung des LabensauswandeK im August um 1509,4 Prozent gegenüber Juli wurde im September weit überholt. Der L-ebenshaltungsindex der Industrie- und Handelszeitung" als Monatsdurchschnittsziffer für, September stieg um 2682,1 Prozent gegenüber der Augststzisfer. Die.Meßziffer der Ernähvnngskosten erHhte sich vor 694.722 im August aus das 19,694.109fache des Ausgangspunktes, das heißt um 2734,8 Prozent, die der Bekleidungskosten von 1,126.858 aus 26,702.536, was eine Steigerung um 2269,7 Prozent beldeutet. Brot — 84 Million!«. Berlin» 2. Oktober. Das markenfreie Bro kostet in Berlin vom 3. d. an 24 Millionen Mark. Als die Post „Borschuß aufdie Bezugsregelung" zur Beratung gelangte, kam es neuerlich zu einer großen Kontroverse zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten, als der Christlichsoziale Rummelhardt letzteren wieder parteipolitische Verwaltung vorwarf. Unter stürmischem Beifall seiner Parteigenossen verwies Stadtrat Speiser darauf, wie gerade die Christlichsozialein:' die Rechte der Arbeiter, welche sich nicht dem christlichsozialeu Parteigefüge unterwerfen wollten, verkürzt haben. Der Verlauf der Sitzung stand überhaupt unter dem Zeichen der kommenden Wahlen. Die Christlichsozialen versuchten, große Zuversicht auf einen Sieg zur Schau zu tragen, indem sie auf die große Abrechnung am' 21. Oktober hinwiesen, was die Sozialdemokraten natürlich mit schallender Heiterkeit au'fnahmen. Schließlich wurden alle Beratungsgegenstände nach den Anträgen der Majorität angenommen und die Sitzung in vorgerückter Stunde geschlossen. Ungarn. Keine RekonstmMo« der Kabinetts Bethlen. Budapest, 2. Oktober. (Del. der „Wr. Morgsnze-itung") Das der Regierung nahestehenlde „8 Uhr-Blatt" meldet, daß alle Kombinationen über eine Rekonstruktion des Kabinetts unrichtig sind. Bethlen 'behält di>e Regierung in ihrer heutige« Form weiter. Die Demission des Finanzmimsters Kal!ah wttvdie von Bethlen nicht angenommen, da Bethlen Wert darauf legt, daß Kallay bis zum Abschluß der mit der An. leihe verbunden-'! Vechandlimgen das Finanzporteseuille behält. Zugoslawien. Der Handelsverttag mit Polen. Graz, 2. Oktober. Die ,Tagespost" meldet aus Bel» grab: Gestern wurde m der Skupfchtina der Handellsvertrag mit Peilen einstimmig angenommen. Außenminister R i n.c i e betonte in seiner Rede, daß fcfte Annahme des UertvMs ohne''Weisvl aüch eine pMffche BedeaMng habe. Die ZüsaNtwenaMst der kleinen Entente und VolenS