Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1665 (3.10.1923)
- Date
- 1923-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oktober. ■ Die Premierminister der englischen Dominien haben sich vorgestern in London zur britischen Reichskonferenz versammelt. Eine Auszählung der Vertreter dieses Maatenbundes zeigt die ungeheure Kraft und Größe des Imperiums, das nach dem Kriege einen ungeqhntLN Zuwachs an moralischer, materieller und dem? gemäß', auch. politischer Macht, erhalten hat. England, Jrlarw, Australien, Neuseeland, Südafrika, Kanadg, Indien, Süd-Rhodesien — daß es möglich ist, Repräsentanten dieses Komplexes zusammenzubringen, eine Erwägung vielfach widersprechender Interessen anzustellen, ist ein starker Beweis für die Staatskunst und die unermüdliche Geduld, mit der dieses Reich aufgebaut wurde und erhalten wird. (Ueber das Programm dieser Konferenz berichtet unser Londoner Mitarbeiter an, anderer Stelle.) Die Beratungen wurden von dem Premierminister Baldwin mit einem politischen Expose eingeleüet, in welchem er den gegenwärtigen Stand der -Nachkriegsverhältnisse zeichnete und sich hauptsächlich .mit der Entwicklung Europas befaßte.- Der Grundig seiner Ausführungen ist das Festhalten an der Entente, insbesondere also an dem Biindnis mit Frankreich. Die Aufrechterhaltung dieses Verhältnisses ist eine unbedingte Voraussetzung für eine Gesundung Europas, und sie hat sich auch, freilich in einem sehr Negativen Sinn, bewährt. Bestände dieses Bündnis nich^ so Härte der Zerfall des Kontinents ein noch 'raschere- Tempo eingeschlagen. Die Kataftrophen- PEtAer, die heute in. Europa so zahlreich wachsen und sich in.Brandstiftung nicht genug tun können, beklagen dies allerdings. J>hre Theorie geht dahin, daß das Werk von Versailles und den anderen Friedensortennicht rasch genug in Trümmer 'geschlagen werden kann, um dann einen Aufbau zu versuchen. Aber da dieser allzu revolutionäre Gedanke schließlich und endlich mit dem Leben von Millionen Menschen spielt, ist es besser, der Entwicklung zu vertrauen, die das bereits Geschaffene, auch wenn es noch so unzulänglich ist, korrigieren kann, wenn sie nicht durch jähe Explosionen gehemmt wird. In dieser Beziehung ist sehr bedeutsam, daß Baldwin des Völkerbundes gedachte. Aus seiner Rede wird es deutlich, daß nur diese so viel verlästerte Institution in der letzten Zeit einen italienisch-griechischen Krieg verhindert hat. Die Gefahr des Weltbrandes, der sich leicht von neuem hätte entzünden können, wurde durch den Rat des Völkerbundes gebannt, der sich somit als Instrument des Friedens bewährte. Die Liga der Nationen ist, heute noch so wie zur Zeit ihrer Bildung ein Torso, und viel Unglück ist dadurch verursacht worden, daß ihr zwei so große Nationen wie die deutsche und die russische und die nordamerikamsche Union nicht angchören. Es ist ein Beweis für den gesunden Kern der Bölkerbundsidee, daß durch das Zusammenwirken aller diesem Kreis zugehörigen Kräfte die Sanierung Oesterreichs eingeleitet werden konnte. Der Grundgedanke dieses Werkes, die Mitarbeit auch aller österreichischen Faktoren zu wecken und zur wirtschaftsPoMschen Produktivität zu führen, ist freilich arg beschädigt worden, aber nicht durch den Völkerbund, sondern durch die auf Haß und Fremdenfeindschaft gegründete christlichsozialgroßdeutsche Koalition, deren Unfähigkeit alles in Grund und Boden ruiniert, was ihr an guten Impulsen zuströntt und die noch durch die politische Sterilität der deutschöfterreichischen Sozialdemokratie unterstützt wird. Der englische Premierminister erwähnte das österreichische Be.ispiel als Beweis für den. Wert der internationalen Kooperation, die sich allerdings nicht voll auswirken kann, solange nicht der Begriff der Gewalt aus dem politischen Bewußtsein der Menschheit verschwindet. Der Frieden, der den großen Krieg beenden sollte, ist nur Stückwerk geblieben. Aber selbst dieses Produkt ist vom Chauvinismus und der Rachsucht angenagt und deshalb dauert das Fieber der Rüstungen fort. Der Frieden ist nicht guten Willens und reinen Herzens geschlossen worden, und er trägt in fast allen Bestimmungen noch den Charakter des Krieges. Das Zusammenleben der Völker ist dadurch aufs neue vergiftet Wochen und eine Remedur ist, so weit das Auge reicht, kaum in den Umrissen angedeutet. Die großen Maaten ebenso wie die kleinen sind in Waffen und unterhalten mit Aufwendung ungeheuerlicher Mittel AMeen und Flotten und es gehört zu dem Wesen solcher Institutionen, daß sie ihre Existenzberechtigung Lu. iche Art Nachweisen wollen. Das ist mit ein Charakteristikum der heutigen Lage und auch.der eng- Am schwarzen Brett der Hochschule für Bodenkultur ist seit dem 15. September folgende' Bekanntmachung des ProftssdrenkolleglMnS' angeschWen'r ' , Z, 1037. ' . .ifJ , Das Profestorenkolleginm der Hochschule für Bodenkultur ist auf Grund der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen und nkangels. eifles Forums zur Feststeüüug der rasschen Herkunft Ar Wahrnsbewerher zu der Anschauung gelangt, daß die Einführung des Nitrite r^u s clausus für Angehörige^der jüdischen Raste d e r z e i t kein durchführbaresMitiel zu det, a u ch nach Auffassung 'des P to^efsorenkolle-- grum^, notwendigen Bekampfung der sittlich und wirtschaft l i ch nutzerkenn bar s ch a d i g e n d e n Ä n s w u ch s e d,<t s Jud entn m s auf die kulturelle Entwicklung der Menjchhe.it wate.. - r - > Das ProfessorenkollDnin wird aber im Sinne der Beschlüsse des Hochschnltages vom 21. Jauner 1923 nach wie vor hie Gefahr der Schädigung des dentfchen Charakters der Hochschule Bo den k«lt«t; nnen tw egt 1 m A ng^ - v eL halten und auch bei Bestellung von Professoren und Dozenten wie bei Verletzung tcktdemischet Würden auf die Wertung der Wissenschastllchon Verdienste nnd auf die moralische CtSnnnder Auwar^eir zn i; geistigen Führern der deutschen ^Stadeuteuschaft str e n g-! st e n S B e d a ch t nehmen. 15. September W3. ... RektorrMi scher w. p. Eins derart niedrige BeschstDstmg einer natippalen oder konfessionellen Gemeinschaft istwohl noch kaum jemals von einer mit Amtscharakter bekleideten Stelle in so brutaler Form geschehen. Es^istkäum 'glaublich, -aß sich das östrrreichische Judentum mit didser Beleidigung so ruhig abfinden kann und es wird zunächst Pflicht der Regierung, sein, . dieses Profefsovenkollegium. über Anstand und Sitte zu belehren. Auf diesex Morderung, unbeschadet aller sonstigen Erwägungen^ rnüß' Las.gesamte Judentum bestehen. Dreses sonderbare Professoremollegium i stellt sich "mit seinem Beschluß auf den Standpunkt des deutschen Hochfchultages, der gegen das Judentum die böswilligst e n B e s ch u l d i g u n g e n erhoben 'hat, um für seine ' Forderung nach Einführung des Nunrerus clausus auch einen sittlichen Vorwand zu gewinnen, während es doch in Wirklichkeit nackter Brotneid ist, der die häkenkreuzlerische Studentenschaft und die unsichtbar bleibendeU Drahtzieher der nationalantifemitischen Bewegung in den Professoren kollegien dazu veranlaßt, immer und immer wieder die Forderung nach dem A u s s ch l u ß d e r I u d e n vom Hochschulstudium und vond-rrackatzemischen Karriere zu erheben., Daß'.das Pröfessorenkollegium der Hochschule für Bodenkultur' der Einführung des Numerus elaufüs für Angehörige der südifchen Rasse nicht beipflichtete, mag darin seinen Grund haben, daß an dieser Hochschule die Zahl der j ü d i s ch e n H ö re r kaum drei Prozent, also nicht einmal den Prozentsatz der jüdischen zur übrigen Bevölkerung - Oesterreichs erreicht. Gegen die' Ostjuden sperrt sich die Hochschule für . Bodenkultur schon seit einigen Jahrem ab ünd> verweigert ihnen ausnahnrslas die Aufnahme. Der Numerus clausus würde sich also nur gegen österreichische Bundesbürger richten. Das Professörenköllegium' geht aber einen Schritt weiter und verspricht, bei - der Verlühung akademischer Würden den vom deutschen Hochschultag ausgestellten Forderungen gerecht zu werden. Daß sich das.Professorenlische Premierminister mußte mit Bedauern fcststellen, 'daß auch im-englffchen' Weltreiche. die .Austpendüngen fiir Heeresrüstunßen heute' jene des. Jahres ' 1914. bei weitem übersteigen.'Diese KrästevergwMng, die durchaus unproduktiv' wirkt,, ist dazu.noch immer nicht an ihrem EM -angelängt/Büstet ein Wat, so rlisten. sofort auch die anderen, und ‘fo veMchtet sich der Fehlerkreis, der die Wohlfahrt ganzer Nationen! wje'in einer ' Brettsäge zerschneidet. Es ist leider^^ nicht 'zch yofien,. daß die britische Reichskönferenz an diesem ZuftaiÄ etwas Wesentliches wird andern können^!' . ' , '.! . ' kollegium über die „rassische Herkimst" Gedanken nracht, erscheint,, weniger verwunderlich gehören . ihm doch auch Lehrer jüdischer Abkunft an, die in wissenschaftlicher und moralischer Beziehung der Hochschule gewiß nur zur Ehre gereichen. Im Professorenkollegium sitzt auch der neue Rektor Prof. Hoffmeister, der noch bei den letzten Nationalratswahlen als Listen führ er der Bürgerlichen Arbeitspartei kandidierte und sich also auch um jüdische Stimmen bewarb. Damals hat er kein Wort gesprochen von den schädigenden Auswüchsen des Judentums auf die kulturelle Entwicklung der Menschheit. ' * , Vielleicht ist es aber gut, daß gerade nr dev Zeit der Mahlbewegung dieser Erlaß erschienen ist, der fo recht iv die' Geistesverfassrmg stihrender Männer des angeblichen Freisinns hineinleuchtet. Denn wiederum bewerben sich unter der Devise der Freiheit und des Fortschritts Männer dioser Couleur \m jüdische Stimmen. Wenn etwas den jüdischen Wählern die Notwendigkeit vor Augen führe:» kann, daß sie nur bewußte Juden als Männer ihres Vertrauens in die Bertretungskörper entsenden dürfen, so ist es der Erlaß des Rektors Fischer. Man hat den österreichischen Juden lange genug am Narrenseil geführt und ihm gesagt, nicht ihm, sondern dem Qstjuden gelte der Kampf. Er wird nun eines besseren belehrt: den Ostjuden schlägt man u.nd Pen Westjuden meint man. Für lendenlahme Jnierpellativnen, für Petttivnen und ähnliches, die in den Archiven keine HegieMAg beantwortet, bedanken wir uns. Wir brauchen nicht zu bitten und nicht zu -betteln.'Die Rechte des österreichischen Judentums sind in der Bundesverstlstung und in den Friedens- Verträgen niedergelegt, und wenn bewußte jüdische Vertreter im Nationalrat sitzen, so werden sic von dieser Tribüne airs die Srgnatarmächie des Swatsvertrages von St.-Germarn darauf aufmerksam machen, daß der jüdischen Minderheit dieses Maates unter den Air gen der auch den Mächten Verantwortlichen Regierung Gewalt und Schmach angetan wird. Die Profesioren der Hochschule für Bodenkultur werden es sich dann sagen lasten nrüssen, daß sie nicht Angestellte des hakenkreuzlerischen Hochschulausschustes sind, vor dessen Diktat sie nicht nur Opfer des Intellekts, sondern auch des Anstandes bringen. Sie werden auch aus jüdischen Geldern bezahlt, und wenn heute in diesem Staate die akademische Lehrtätigkeit noch nicht infolge eines allgemeinen Debakels zum Stillstand gskonrmen ist, so ist dies nicht zuletzt jenem patriotischen Judentum und jenen Juden im Auslande zu danken, die mit Rat und Tat und offener Brieftasche Oesterreich in feiner ärgsterr Not zu Hilfe gekommen sind, unbekünrmert dämm, ob ihr Geld auch Leuten zugute kommt, die die Vermessenheit besitzen, von unveAennbar schädigenden Auswüchsen des Judentums zu schwätzen. Das muß aber auch von der Parlamentstribüne immer und immer wieder allen, die cs mcht hören wollen, gesagt werden, und die parlamentarischen Situationen werden es mit sich bringen, daß matt es auch einer widerborstigen Regilemng fühlbar machen kann, daß über die Rechte der jüdischen Bundesbürger nieinand in diesem Staate ungeahndet zur Tagesordnung. übergehen kann. Darum ist es notwendig, daß keine jüdische Stimnre verloren geht und 'daß in diesem Wahlkampfe das gesantte Judentums Oesterveichs sich döllhg geeint hinter die Kandidaten der jüdischen Wahlgemeinschaft stellt. Daint wird der Erfolg nicht ausbleiben^ dann wird nran auch Erlässe wie den Rektors Fischer kaum zu verzeichnen haben, weil dann auch die österreichische Regiemng gezwungen sein wird, Re ch t u n d Ge se tz u n d d ie^Be stimmu n g e n d e s F r i e d e n s v e r t r a g e s - selbst gegen die Rektoren de r.Ho chs ch ulen zu wahren. M briMe MichskonfereM (Bon unsereiil Loudoilcr Korrestondenteu.) ^Ant 1. Oktober ist in London die Konferenz aller Domi-' wen der britischen Krone znsanunenqetreten. Wer sich näher mit , dem Problem des britischen Reiches beiässen konnte, ntnßte wabrnebmcn. wie die Kolonien schrittweise mit ibrenr Wächstuin die Selbständinkeit erlanaten. Was in anderen Kolonien-geschah, der end-tültige Bruch als Zeichen vollständiger Unabhängigkeit, wurde dank der Umsicht der britischen Staatsmänner vermieden. Die englischen Policüer babe».t die zienilich seltene.Gewolncheit. aus Erfahrung »u. ler-