Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1662 (30.9.1923)
- Date
- 1923-09-30
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.u fi ■ 2'' 1 i ij*■• , v*,■ . « "~T~-, ..: v, , Vene 10 Neue Wiener Men, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 30. Septeinber 1923 Nr. 16» )r .? i > , . . Wiener Bühn c. Nächste Premiere Freitag: Karel Capeks utopistisches Kollektivdrama ,.W. U. R." in der deutschen Uebersetzung von Otto Pick. Das Drama wird von Direktor Engen Rodert inszeniert. Re n a i s sa nce b üh ne. Die Erstausführung des englischen Dramas „C a r n e v a l", die ursprünglich für Dienstag angesetzt war. mußte wegen der passiven Res sienz auf Mittwoch den 3. Oktober verschoben werden. Die für Dienstag gelösten Karten behalten ihre Gültigkeit. Carl-Theater. Infolge der passiven Resistenz mußte die für heute angesetzte Nachmittagsvorstellung „D i e Bajadere" abgesagt werden. Die Abendvorstellung von „Madame Pompadour" beginnt um 7 Uhr. Apollo-Theater. Heute, nachmittags 3 Uhr: ..Frühlingsluft", Operette von Josef Strauß. Abends 7 Uhr: „Die törichte Iungfrau" in der Premiereniesetzung. Neue hebriiische Lehrbücher. Jakob Robinsohn: J'diath amejnu. Demographie und Natiologle. Dieses im Berlage „A j a n o t h" (Berlin) «erschienene Buch verfolgt den Zweck, dem Zögling der hebräischen Schule eine znsammenfasscndc Kenntnis über „die Inden der Gegenwart" zu vermitteln. Es ist das erste Buch duser Art und verdient größere Beachtung. In knapper, wissenschaftlicher Darstellung wird der Schüler in die heutige Struktur unseres Volkes cingeführt und über Statistik, wirtschaftliche Lage, Wanderung, Kultur und Sanität belehrt. Dies im „Demographie" genannten ersten Teil des Buches; im zweiten, „Natiologie" benannten, informiert der Verfasser über den jüdischen Stamm (Rasse), die Sprachen der Juden, Religion, Streben nach nationaler Autonomie, die nationale Bewegung (Zionismus inbegriffen) und zuletzt über den Antisemitismus. Wir vermissen in den: Buch einen Abschnitt über die soziale Bewegung im Judentum. Die anr Schlüsse angeführte Literatur zu sedem Kapitel gibt wißbegierigen Schülern die Ällöglichkeit, über das ihn interessierende Gebiet Gründlicheres zu erfahren. Wir unsererseits können das Buch als gelungen bezeichnen. * M. A. Diesen: Torath halaschon. (Verlag M.norah, Dien.) Ein neues Lehrbuch der hebräischen Grammatik. Es ist leider allgemein die Meinung verbreitet, daß die Kenntnis der Grammatik und fp^iell des „Nikud" etwas 'Nebensächliches sei. Dies ist völlig irrig. Für unsere bislang, nicht gesprochene Nationalsprache war die Grammatik unentbehrlich, sie ist es aber auch in noch erhöhtem Maße in der jetzigen Periode unseres nationalen Lebens, wo sich das Hebräische allmählich zur lebendigen Sprache weiter entwickelt. Grobe sprachliche und stilistische Schnitzer sind in Leben und Literatur leider alltäglich, eine Anarchie herrscht hier vor, die wohl in keiner anderen Sprache ihresgleichen hat. Selbst i» Palästina — und vielleicht dort noch mehr als im Galus — ist die Lage nicht besser, und das gesprochene . Hebräisch hat noch immer nicht den echten Klang einer originellen Sprache. Wir schreiben diesen Umstand der fürchterlicher. Verwahrlosung bei der Aussprache der Vokale und des Schwa zu — weil für die meisten vor uns der Nikud eine Terra incognita ist. Eine rühmliche Ausnahme hievon macht die sephardische Judenheit, und im Munde dieses Teiles unseres Volkes hat unsere Sprache den herrlichen Klang, den eben ein: bodenständige Sprache hat. Einen wesentlichen Teil der Schuld müssen wir aber diesbezüglich den Grammatikern zuschreiben, die es bis nun nicht verstanden haben, ein« klare, zusammensassende Darstellung deS „Nikud" und auch der übrigen Teile der Grannnatik zu geben. Wer diesbezüglich Bescheid haben wollte, mußte sich ihn bei Nichtjuden, speziell bei Gesenius, holen. Für diese sedoch war Hebräisch eine tote Sprache, und es gehörte viel Neberwindung dazu, sich an sie heranzumachen. Eine gründliche Besserung in dieser Hinsicht erwarten wir ans vom hebräischen Lehrer — wenn er diesbezüglich seine Pflicht erfaßt haben wird, was heute aber noch nicht immer der Fall ist. Denn beim Unterricht „iwrit-h b'iwrith" ist es der Klang der Sprache im Munde des Lehrers, der auf das Ohr des Schülers wiE. Das Buch von Miefen kann mit Freude begrüßt werden. Es ist die erste moderne hebräische Grammatik, die in lapidarer Kürze und Sachlichkeit den Stoff darstellt, und es will scheinen, daß man nicht mehr genötigt sein wird, Gesenius ausznsuchen. Dos Buch hat einen bedeutenden Vorzug vor Gesenius. indem es die Weiterbildung unserer Sprachfovmen in der n a chbiblischen Literatur verwertet, was ja für einen Jungjuden selbstverständlich ist. Der Stil des Buches ist sehr gedrängt, aber glänzend; sein Studium ist nicht leicht, aber wirkliches Können kommt auch sonst nicht leicht. Es ist unserer Empfindung nach vor allen: ein Buch für den Lehrer und den Erwachsenen. Dem Verfasser schuldet man für seine Leistung Dank, dem Buche ist weiteste Verbreitung zu wünschen. sJ: A. Urmowski: Scheiurim b'toldoth hasisrut haiwrith hach'dascha. Der Verlag Achiafaf wollte mit diesem Buche ein Lehrbuch der neuhebräischen Literatur bieten. Der Verfasser nennt es „Vorträge" aus diesem Gebiete. Es beginnt mit der „Berliner Haskalah" und endet mit Mendele. Es ist sthr anziehend, essahartig geschrieben und gibt anschauliche Darstellungen der in Betracht kommenden Dichter und Schriftsteller. Ein Vorzug des Buches ist seine innere Wärme und die gerechte und objektive Beurteilung. Doch hätten bei dieser Art der Darstellung die Beispiele aus den Schöpfungen der Darg stellten etwas reichlicher sein Nmren. Dr.. Chaim Tartakower. Abormementsgebühren für Polen und Deutschland! Ab 1. Oktober r Deutschland . . .. österr. K. 28.000 Polen.poln. Mark 100.000 Aus drm Sumpfe der Großstadt. Dem Bräutigam der Julie S. fiel kurz vor der Hochzeit die große Gemülsdepression des Mädcheus auf und es schien ihm gewiß, daß sie ihnc ein Geheimnis verberge. Da alle seine Bemühungen, dieses Geheimnis zu ergründen, scheiterten, machte er ein h y p n o t i s $ c s Experiment. Im Zustande der Hypnose teilte die Braut mit, daß sie Mutter eines Kindes sei. das sich aus dem Lande in Pflege befindet. Der Vater des Kindes sei ihr Stiefvater Adolf Hobl e r, der sie schon seit ihrem achten L e b e n s j a h r e gefährlich bedroht, mißbraucht und vergewaltigt hat. Ter Bräutigam erstattete ^die Anzeige. In geheimer Verhandlung war gestern der 45jährige Heizer Adolf Hobler wegen des Verbrechens nach § 126 nnd 127 vor dem Einzelrichter Hofrat Tr. Schneeweiß angeklagt. Als Verteidiger fungierte Doktor Maximilian Täuber, der Milderungsgründc vorbrachte. Der Angeklagte war geständig. Er wurde zu 18 Monate n s ch w e r c n Kerkers verurteil:. Ballswirt. Wahrend der Verhandlung erblindet. Von einen: tragischen Geschick wurde dieser Tage der dem Strafgericht 2 zugereiste erste Staatsanwalt H«-rat Dr. Wunderer ereilt. Mitten in einer Verhandlung, während der Vorsitzende den Angeklagen vrrhörte. schwand dem Staatsanwalt plötzlich <ie Sehkraft. Er war völlig erblindet. Der bedauernswerte Mann wurde sofort aus dem Saale geführt und im Automobil nach Hause gebracht. Der behandelnde Arzt führt die plötzliche Erblindung auf ein nervöses Leiden zurück. Bisher ist im Zustand-.' des Staatsanwaltes keine Besserung eingetreten. Der zertrümmerte Dcnkmalsenlwurf. Am Montag findet vor dom Strafbezirksgericht 1 hie Verhandlung gegen den Architekten Otto Aufhauser statt, der im Frühjahr das im Künstlerhaus ausgestellte Modell für das Denkmal der Anslandsyrlfc von Prof. Lichtblau zertrümmerte. Um diesen Entwurf, der bekanntlich mit dem ersten Preise ausgezeichnet worden war, entbrannte damals in der Oeffentlichkert ein heftiger Kampf, dessen Nachspiel die Verhandlung gegen Aufhaujer ist. Borsen-Komntisstonsgeschaft und WechseSsHabe M ß G t D & Co. Wien, I., Hohenstaufengasse 11 E Eine Kundgebung des Reichspräsidenten und der Reichsregierung hat an: 26. September 1923 dem deutschen Volke die Einstellung des passiven Widerstandes notifiziert. Der Wirtschaftskampf wurde ans zwingenden wirtschaftspolitischen Motiven abgebrochen. Der passive Widerstand war „noncooperation" vor allem ans wirtschaftlichem Gebiete. Die Einstellung der Produktion erfolgte im Einvernehmen mit der Reichsregierung, die hierbei die Verpflichtung auf sich nahm, für den Lebensunterhalt der Ruhrbevölkerung zu sorgen, insoweit er aus produktiver Tätigkeit keine Deckung mehr fand. Dies war die Finanzierung des Abwehrkampfes, des passiven Widerstandes, so, wie sie bisher durchgeführt wurde und wie sie nunmehr durch die Entwicklung der Wirtschafts¬ und finanzpolitischen Verhältnisse unmöglichch geworden ist. Gestempelte Krone — 0.0079 V genUaie«. Auszahlung Men --- 8.00783/* Centimes. In Zürich notierte 29./9. 2L./9. die österreichische Krone . . o © 00 0.0079 die österr. gestempelte Krone .... 0.00797, 0.00797, die tschechische Krone . . . . . . . 16.80 16.85 die Mark. 0.000003 Holland . . . . . 220.25 220.75 New-Pork. . . . . 560.— 561.50 London . . , . . 25.47 25.55 Paris. . . . . 34.35 34.45 Mailand . . .. . . . . 25.61 25.80 Belgrad. 6.50 Bukarest ........ 2.60 Sofia . 5.37 Budapest. 0.03 Warschau. . . . . 0.0016 0.0017 Deutschlands Wirtschaftslage nach der Kapitulotlon. Bon Dr. Jacques Adler, Leipzig. Zuschriften an die Redaktion sowie «»verlang! einlangenden Manuskripten wolle man stets Rückporto beilegen» -a sonst eine Beantwortung» beziehungsweise Rücksendung nicht ersolgen kan«. Sw bestand, kurz gesagt, darin, daß das wichtigste schwerindu strielle Revier Deutschlands seine eigene Produktiv, eingestellt hatte, zum reinen Konsumfaktor ge w o r d e n war und von den übrigen Rcichsteilen ohne Gegen leistmlg, ohne Austausch versorgt werden mußte. Diese abnorm: Beziehung in der Viuilenwirtschaft eines modernen Groß, staates war wohl als gewaltsame Kraftanstrcnguug, all Kampfmaßregel für einige Monate möglich, aber undurch führbar auf längere, auf unabsehbare Zeit hinaus. Bon der Politischen Bedeutung des neuesten Schritten 'der deutschen Reichsregierung soll hier nun nicht weiter di» Rede sein. Zur wirtschaftlichen Situation ist zu bemerken, das mit dem Abbruch des passiven Widerstandes selbstverständlick noch kein sofortiger Wegfall des außerordentlichen Finanzanfwandes gekommen ist. Die Wiederherstellung geregelte, Produktions- und Konsumverhältnisse im besetzten Gebiet Wirt noch ein gewisses unumgängliches Minimum an Zeit, Anstrem gungen und Kosten erfordern, da man die weitere Entwicklung nicht ohneweitcrs sich selbst überlassen kann. Gerade dies ist ein sehr heikler Punkt, der noch keinerlei Voraussage g e st a t t e t. Die Kostenfrage ist hier mit einem sehr großen Fragezeichen zu versehen, neben all den politischer: Fragezeichen, die hier nach wie vor bestehen. Setzen wir nun den günstigsten Fall, neunten wir an daß der Finanzanfwand des Reiches für Rhein und Ruhr schnellstens abgebaut werden kann, so bedeutet dies durchaus noch keine Entlastung des deutschen Steuerzahlers, denn das dort freiwerdende Geld wird an anderen Stellen aufs Dringlichste benötigt. Selbst gänzlicher Wegfall der Finanzierung des Passiven Widerstandes würde noch keines- Wegs völligen Abschluß der inflatorischen Rechnung des Finanzbedarfes mit sich bringen. Die Tatsache lebhafter Noten- Produktion zum Ausgleich des Budgets bleibt auch weiter bestehen nnd gibt Anlaß zur beschleunigten Durchführung von Sanierungsmaßnahmen, deren Sinn schließlich nur der sein kann, das Budget durch Einsparung auf das unbedingt Not. wendige znsammenzuziehen, dieses dann verbleibende Minimum aber restlos steuerlich, also durch Entnahme aus dem Einkommen und dem Kapitalsfonds der Privatwirtschaft, zu decken. Eine derartige Stenermaßregel wird der einleitende Schritt zur Gründung der neuen Währungsbank sein. Die hypothekarische Teilbelastung des Grundbesitzes, die als Deckung der neu zu emittierenden Geldscheine, der „Neumark", fungiere» soll, ist dem Wesen nach nichts anderes als eine Anwendung des überlieferten Steuergedankens auf neuen Wegen. Bevor man Näheres über die geplante deutsche Währungsreform sagt, ist es vielleicht besser, zunächst einmal ihre praktische Aus- Wirkung abzuwarten. Die Einführung des neuen wertbeständigen Zahlungsmittels kann jedenfalls nur dann gelingen, wenn di« beabsichtigte Einschränkung des Reichsfinanzbedarfes auf die im Statut der Währungsbank bezeichnet^ Maximalsumme zustande kommt. Die Schwierigkeiten, die sich hierbei noch ergeben werden, find unverkennbar groß. Vorläufig rechtst man wertbeständig, aber oh rrr wertbeständiges Zahlungsmittel. Man fakturiert in Goldmar! und effektuiert in Papiermark. Hieraus ergeben sich die unangenehmsten Diskrepanzen. Das letzte Septemberdrittel brachte bekanntlich ein gewisses Zurückebben des Berliner Dollarkurfes und dementsprechend stellte sich automatisch auch die Goldmark ein. Wie weit aber äußerte sich der Umschwung der Kursbewegung nun auf dem inneren Markte, der für die Lebenshaltung der Bevölkerung, für die Gestaltung der politischen Verhältnisse und Stimmungen maßgebend ist. Die Großhandelspreise stellten sich zwar in weiterer oder engerer Anpassung, je nach dem Anteil von Importwaren an den Gestehungskosten, auf die Dollarkurve ein, aber die Lebenshaltungskosten stiegen im Durchschnitt der dritten Septemberwoche um weitere 141 Prozent, und die Bevölkerung, die den Umschwung des Dollars mit gewissen Hoffnungen begrüßte, erlebte eine bittere Enttäuschung. Die Depression-, die dem Wertverfall der Mark entsprach kann sich daher leicht zu einer Verzweiflungsstimmung steigern, die überhaupt nicht mehr nach dem Dollarbarometer fragt, zumal, da der Winter naht. Die Kohlenversorgung der Bevölkerung läßt bisher noch sehr viel zu wünschen übrig. Ebenso fehlt es an Kartoffelvovräten. Der' Einkauf von Herbst- und Winterkleidung erfolgt äußerst zögernd und ängstlich. Die Industrie aller Bedarfsartikel ergeht sich in lebhaften Klage,:, wie dies auf der soeben stattgefundenen Frankfurter Herbstmesse deutlich bekundet wurde. Betriebseinschränkung und Kurzarbeit sind daher an der Tagesordnung. Natürlich ergeben sich hieraus weitere Verluste an Kaufkraft, denn sind schon Vollarbeiterlöhne unzulänglich, dann Kurzarbeiterlöhne erst recht. Sinkt nun hier die Kaufkraft, so mindert sich auch wieder der tatsächliche Konsum und damit die Beschäftignngsmöglichkeit der Produktion. Die sozialen SpannungsMomente haben sich daher in den letzten Tagen wesentlich verschärft. Im industriellen Sachsen sieht man mit großer Sorge auf diese Entwicklung, die bereits in Dresden nnd Zittau zu gewaltsamen Entladungen geführt hat. Unruhe, Ungeduld, Unsicherheit rütteln an den Meuchen. Trotz und Abstuuipfung wechseln jäh. Auch der Mutige füblt den Boden unter den Füßen warsten. Die polnische Getreideanrsnhr. Schon die Ernte des Jahres 1922 brachte Polen einen Getreide-Überschuß. In den «letzten Jahren nach dem (Kriege ist das Ausmaß der bebauten Bodenstäche in Polen immer näher au -das Vorkriegsausmaß herau-gerückt. Im Jahve TvA '•? ’{' 5 :r s; ä fl'-: der wi(bliest.?:: landwirt-