Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1662 (30.9.1923)
- Date
- 1923-09-30
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1662 Men, Wiener Morgenzeitung. 30. September 1983 SeW: 9 I «f Orig. Pariser Modelle Jl KLEIDER KOSTÜME MÄNTEL v zei^ Frifi Marburg 4 I I.,Opernring Nr. I g Wr. Pelzmoden -Werkstätte Heinrich Weintnger Bühne und Kunst. „König Richard II." im Burgtheater. Neuinszeniert und -einftudiert. Einem König nimmt man die Krone. Da wird er ein Körrig. — Wir haben den Inhalt vor: Shakespeares „Richard der Zweite" erzählt. Nur dieses eine krrappe Thema ist Gehandelt. Alse Möglichkeiten, die sich aus den Begegnungen van Menschen und Leidenschaften in diesem personenreichen Stück ergeben, sind gröblich vernachlässigt. Blaß sind die übrigen Figuren, schemenhaft, ohne Umriß, wie das Nebelbild der Landschaft, das bei der Aufführung im Bnrgthenter «lviederholt im Hintergrund der Bühne zu sehen ist. Blaß Richards Gegenspieler, der Herzog van Heresord (eine Charte Nuß für den Schauspieler), blaß der Königsnracher Nortihuntberlanld, ^mglanblich blaß die Könignr, fragwürdig die „Eharaltergestalten" der »Irerbeu alten Edelleute, der Herzoge von Lancaster und 8)ork, höchst fragwürdig die Exposition, aus welcher der Dichter den Faden der Tragödie spinnt. Mole Figuren — nur eine einzige Gestalt. Welch eine Gestalt! Kann man König werden'? — Auch Shakespeares „Richard der Zweite" ist natürlich im Purpur geboren. Mer die Freude am Königsmantel, am Goldglanz des Zepters, anr Genuß schrankenloser Macht, halten sein Königtum nieder, solange er am Thron rälvlt. In den Jahren seiner .Herrschaft ist er gefttverchsr Dandy, d'er Pracht u-nd Dust ergeben, ein hochbegabter Verschwender. Aber doch ein Wissender, der die ErgeLenheitsschwüre der Fürsten belächelt, das Gewürm der Schmeichler gewähren läßt, Rogievungsbürden prompt und schadenfroh abivälzt, und ob der Sorgen des ratlosen Sachwalters höchst amüsiert ist. O, er erkennt sie alle, soweit ihm seine königlichen Vergnügungen dazu Zeit lassen, er erkennt sie alle, auch während er in sein Unglück rennt. Da erkennt er sie erst recht — endlich, endlich auch sich schbst („ . . . so unterworfen menschlichenr Bedürfnis, wie könnt ihr sagen, daß ich König bin?"), wirst den Purpur ab und i st König. „Nehmt «meine Herrlichkeit und Würde hin, Die Leiden nicht, wovon ich Köng bin." Rav ul As lau spielt diesen König. Erstaunlich gereift, von erfreulichster geistiger Beweglichkeit durch alle Phasen seiner Rolle gefettet, treffen wir den Künstler nach manchen Mißerfolgen und Halbheiten aus «der -Höhe, völltvertig, wie er es früher >wohl nur «im „Coriolan" lvar. Und die Spielfeituug fördert iif)u aus das Glücklichste. Schon die stumine erste Minute, das Tuscheln. mit «den Hoffchranzeni vor der wechselseitigen HochverratsviMage der Herzoge von Heresord und Norfolk, das angeregte, lächelnde, überlegene Erwarten ihrer Erg«ebenhvitsphvasert ist interessant und bezeichnend, ein trefflicher, stinrmender Akkord. Die interessierte Lässigkeit, die überschäumende Frische in den ersten, die tragische Geste, das unbekümmerte Ausströmeirlassen königlicher Lcidensgefühle in beit folgenden Akten gleich eindrucksvoll. Ans hohem Niveau ist Aslau «rmt seim.m Richard angelangt. Dort, wo «der Weg zur «Misterschaft bcgirmt. . * Eine geschlossene, sorgfältigst gearbeitete Ausführung »- trotz «der Lvauvigen inneren Zustände des Burgtheaters. Das kann nicht genug anerkannt und bedankt werden. Außerordentlich der in seirrer Fassungslosigkeit kindisch lallende, greise Herzog von Jork De v r ien ts, der wesenhafte, erschütternd anklagende Herzog von Lancaster des älteren Herrn Reimers, voll Verdienst die Frauen Wohlgemuth und Mayer, die Herren Siebert, E i «d I rtz, Ar n d t, He >i n e, Schot t. Immer wieder Unzufriedenheit mit Herrn Höbling mrszudrücken, wird peinlich. Er ist diesmal vor: vortrefflicher Haltrrng — aber er poltert und er zerhackt die Sätze einfach unerträglich. Remigius G e y l i n g s Einkleidung ist nicht durchaus zu «billigen. Die bereits evtvähnten Nebebbilder kontrastieren peinlich von hart Vorgesetzten Kulissen. Würdig der Krönungssaal, zweckmäßig der Kampfplatz. Er liegt lveit riickwärts. — Dort hinten haben sich jüngst noch Primadonitenkämpfe und Direktorenkvisen abgespielt. Wenn dieser Abend gelang, trotz der inneren Wirren <k'.s Burgtheaters, Ions könnte geleistet Uu'rbcit, wenn sämtliche Streitäxte endlich «begra'ben fiüd! 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Der Gegen- Vormund Johannes Za«lvadil, der Zwei Vormünder der Familliiö Schimok unter die Erde gebracht hat nnd sich als den von Gott onsersehenen Lenker des Schicksals aller Schiinekischen betrachtet (wenn Pallenberg das Wort ,/Schimekisch-e" ausspricht, so klingt es so, wie eNva Wilhelm der Zweite „Meine Deutschen" gesagt haben mochte), bis er dann jäh entthront wird, hat Züge «NMrschlicher Tragik an sich. Zatvadil, der Mann mit dem fragwürdigen Beruf, der Parasit der vaterlos gewordenen Familie Schimek, der gelegentlich zum eigonen Vorteil auch bereit ist, die Schüneknichte zu verkuppeln, hat neben diefen Zügen noch ettvas Grundmenschliches an sich, den Trieb des kleinen, unbedeutenden Menschen, zu herrschen, Herrschaft fühlen zu lassen, an dem Wesen der Macht teilzuhäben und ans ihm Nutzen zu ziehen. Dichrr «tragikomische Wesensgr-undzug beMn-et -dir «in allen Gassen, in den Tiefen .und auf «den Höhe« dessen, was man Gesellschaft neun:, vorn sadistischen Macht-« bewußtsein des Spvitze-nmannes angefangen bis zu den Cäsarenwahltexzessen Wilhelms des Ztveiten. Diesen Begriff Zawadil bringt eigentlich Pallenbcrgs Darstellung dieser Figur am detUliWen zur Anschauung, nnd er tritt schon zutage, wenn fein Zawadil in der Tür erscheint. Tyrolt, einer «der wenigen Wiener Menschendarstelter von urwüchsiger, fchausp'ielevifcher Kraft, gibt weniger den Begriff Zawadil als die Lokaltype. Er böhmakelt tvicnerisch — Pallenberg dagegen spricht eine eigeme Sprache, die nur Llnklänge an das tschecheln hat nnd sonst sozusagen ails eine abstrakte Sprache, als etwas ftnseits vom Sprechen definiert werden könnt«c. Pallenberg ist hint«er die Rolle Zawadils gekommen, Tyrolt aber hat sie mit Behagen angezogen und bewegt sich darin wie in einer naturgewachsenen Haut. Sain Gängeln, sein Zwinkern der immer hakbgesch'lossenen Angen, sein Nebeichersprechen, all' das sind Facetten durchdringendster Typisiernngskunst, und in ihnen leuchtet oht freudiger Humor, der immer -und immer wieder mitreißt. Wenn Pallenberg als Zawadil seiner Macht entki'iSldet wird, dann bricht in chm etwas wie revolnt-ionäres Zucken aus; bei Tyrolt sieht man die Gewißheit, es werde sich doch noch ein Ausweg finden, die Gewißheir eines Menschen, dessen Leben von der' lfeborzeugeuig geleitet ist, daß er nicht nntergchen kann. Wi-eni.«r Lokaltyp. Throlts -herrliche Gestalt riß die Zithörer des dichtbesetzten Hauses lvieder wie stets zu frenetischem Beifall hin; mit dem Gast nnd Glanzpunkt dfeser Ausführung gingen in gut beschwingtem Tempo Frau Th all: er (die sehr viel stiuen Witz in ihrer Darstellung hat), Hedwig Kelle r, Herr Kutscher« und Herr Amon mit. S, S. ' _ Jarno im Lustspieltheater. Im Lustspicltheatcr (Direktion Josef Jarno) sind folgende Novitäten zur Aufführung angenommen: „Der Nachtportier vom Maxim" von Mirande und Geroule, „Die Kleine vom Variete" von Mfred AÄiller, „Die Komödiantin" von Zlrmond und Gerbidon, „Mama Eolibri" von Henri Bataille, „Robert Franck" von Sigurd Ibsen, „Die Kaffeemühle" voir Silvio Zambaldi, „Die orientalische Frage" von Emil und Arnold Golz, „Die Frau mit der Maske" von Rudolf Lothar, „Madame gastiert" von Felix Gaudera. „Blanchette" von Brieux Ferner wird eine Strindberg-Zyklns vorbereitet, der folgende Werke des Dichters umfassen soll: „Totentanz". „Vampyr", „Gespenstersonate", „Wetterleuchten". „Fräulein Julie", „Mit dem Feuer spielen", „Gläubiger". „Stärkere Multerliebe", „Vater". Gastspiolverträge wurden bereits abgeschlossen mit Leopoldine Konstantin, Erika Gläßner. Auch Hausi Niese wird im Lustspiefeheater airstreten. , , Rückkehr nach Zion. Der jüdische Mater Leonard D n rmaschkin aus Wilna Iveilt jetzt, auf einer Studienreise nach Frankreich und Italien begriffen, in Wien. Durniaschkin, ein Schüler Meisters Rljepin von der Petersburger Akademie, feukte die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf sich lufb wurde durch die Verleihung eines Orientstipendiums der zaristischen Regierung ausgezeichnet. Dieses ermöglichte ihm eine Studienreise nach Indien. Palästina, Aegypten und Marokko, wo er durch den Ansbruch des Weltkrieges zur Rückkehr nach Rußland gezwungen wnrde. Die russische Re-volntion vernichtete den Großteil seiner meist in Aufstellungen besindlichen Gemälde und untergrub die wirtschaftliche Lage des Künstlers. Ende 1917 in seine Heimatstadt Wilna zurückgekehrt, schuf ^er im Verlause von zwei Jahren das Koloss Ligen: älde „Rückkehr nach Zion", tve-lches Aufsehen erregte und in der Presse Rußlanos und Polens Anerkennung fand. Dieses Gemälde beäbsichtrgt nun Durmaschkin auch dem Wiener Publikum zugänglich zu machen und voranssichtlich wird es im Jüdischen Museum zur Ausstellung gelangen. Au« den Theatern. B n r g t h e a t e r. Morgen Montag (zu erhöhten Br eisen): „Cyrano von Bergerae" von Cdmond Rostand. Dienstag wird das Trauerspiel „Der Graf von Charoll a i §" von Richard Beer-Hofmann gegeben. Redau lens aal. Sudermanns Lustspiel ,D a 8 höhere Leben" bleibt bis einschließlich Mittwoch in der Premierenibssetzung auf dem Spielplan. Im Akademietheater ge-l)t morgen Montag das Lustspiel,F)e r gute König" von Auernheimer in Szene. Dienstag wird der Schwank ,F)er Bibliothekar" von G. v. Moser ausgvführt. In der Volk so per findet heute abends eine Reprise von Charpeütiers ,Lou.rfe" in der Premierenbesetzung statt, als Nachmittagsvorstellung wird „Der Troubadour" aufgeführt. Morgen Mt al§ Festvorftellung des Deutschen Hilfs- Vereines „Fidelio" unter Leitung des Direktors Weingartner in Szene. Deutsches Volkstheater. Glsgenwärtig wird ^"rdinand Wittenbauers akademische Komödie „Der In den Kammerspielen wird unter der Spiellellung des Dr. Schulbaur die dreiaktige Komödie Traufe CL..davgestell