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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-30 · Heft 1662 (30.9.1923) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1662 (30.9.1923)
Date
1923-09-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Sonntag Die Schlußsitzung de» Völkerbundes. Abrüstung und Neuwahlen. Genf, 28. September. (Funkfpruch.) In der heutigen VollversamnlÄmg des Völkerbundes ivirrde die Zulassung Abessiniens emstimmig genehmigt, womit sich die Zahl der Mitglieder des Völkerbundes auf 5 4 erhöht. Genf, 29. September. In der heutigen Bormittagssitzung der Völkrrbundversammlung 'berichtete Doktor B e n e s ch über das Thema: „H e r a b m i n d e r u u g der A b r ü st u n g e n", tvobei er insbesondere das von der tenlporäven gemischten Abrüstungskommission ausgc-- arbeitete und dann von der Abrüstungskomnnssion durchb?ratene Projekt eines Paktes über gegenseitige Hilfeleistung (Garantiepakt) entwickelte. Die Bersammlung beschloß, den Rat zu ersuchen, den Entwurf des Paktes den Regierungen zur Prüfung vorzulegen und sie zu bitten, ihre Ansichten über den Enttvurf mitzuteilen. Heute nachmittags fand di.' letzte Sitzung der vierten Bölkcrbundversammlung statt. An der Wahl der sechs nichtständigen Ratsmitglieder nahmen 46 Staaten teil. Die absolute Mehrheit betrug 24. Stnmnen erhielten: Uruguay 4V, Brasilien 34, Belgien 32, Schweden 31, Spanien 30, die Tfchecho- S l o w a k e i 30. Diese sechs Staaten werden nun j e einen Vertreter in den Rat entsenden. Hierauf hielt der Vorsitzende de la Torriente die Schlußansprachr, in welcher er insbesondere ausführte, daß die Versammlung das ganze Arbeitsprogramm erledigt habe. Dar Verbrechen von Fauina gesöhnt. Der großherzige Mussolini. Rom, 29. September. Nachdem gestern die griechische Regierung ihre Zahlnngswilligkeit erklärt hatte, hat ste an die Schweizer Bank die Mfforderung gerichtet, an Italien die Summe von 50 Millionen Lire auszuzahlen. Die Bank hat nach Bewilligung der Botschafierkonferenz einen Scheck über 50 Millionen Lire nach Rom gesendet, dessen Ankunft die Banca d'Jtalia sofort Mussolini mitteilte, worauf dieser 10 Millionen Lire zunächst für die griechischen und armenischen Flüchtling e zu überweisen befahl. Die Untersuchungskommisiiou in Janina setzt ihre Arbeiten fort. Die griechischen Behörden haben ihr gestern das Ergebnis ♦uer letzten Nachforschungen übergeben, bsS die Kommission nachprüfen wird. Außerdem wurden verschiedene Bandenführer verhört. Me es heißt, soll dadurch das erste Ergebnis der Untersuchung bestätigt worden sein. Ile Krise im Faszismus. Nom, 29. September. (Stefan:.) Ministerpräsident Mussolini hat nach dem Rücktritt des Generalsekretariats der faszistischen Partei auch die Demission sämtlicher Mitglieder des Vollzugsausschusses der Kartei verlangt. Die unruhige Wieder ein Erdbeben in Japan. Aus Tokio wird gemeldet: In Osaka und Kobe ist ein Erdstoß verspürt worden, der jedoch keinen Schaden angerichtet hat. fahren nicht recht zu. Und es wäre zu bedenken, ob es nicht an der Zeit sein möchte, die Idee einer Wissenschaft des Judentums, zumal im Zeichen einer „Erneuerung" desselben, zu revidieren. Ans die Jugend nannntlich würde die Anfrollung dieses Problems: eine prinzipielle Auseinandersetzung über die Wissenschaft des Judentums, über die Methoden der BehaMung und Formung seines Geistes- und Lebensinhaltes, wie ich denke, von wohltätigster Wirkung sein. Wenn die Geisteswissenschasten im allgemeinen gemäß der Artung ihrer Objekte eine besondere Abstufung ihrer Methoden nicht nur zulasten, sondern geradezu fordern, um wie viel dringender diejenige Geifteswissenschaft, die als Wissenschaft des Judentums Lehre und Leben zugleich sein müßte. Die Schrift Ernst Müllers wird ohne Zweifel dazu beitrageil, die Idee der Wistenschast im allgemeinen und die des Judentums irn besonderen aus ihrer zu sehr äußerlichen Sphäre herauszuführen und sie in die Liefere zu lenken, wo Erkenntnis nicht bloße abstrakte BegriMchkeit ist, nicht bloß theoretisierendes Denken, sondern gefühltes, betvegtes und bewegendes Leben: Einheit der es konstituierenden Grundelemente. Und noch eines wird diese Schrift bewirken: daß ein gewaltiges Stück edelster Ueberliesevung uns nahe, seelisch nahe gebracht wird, das „in unseren Ländern kaum dem Namen nach bekannt" ist, während es „für einen großen Teil des östlichen und vor allem des orientalischen Judentums ... die dritte große Urkunde" desselben bildet. So wunderlich, so wunderbar ist unsere Stellung zum geschichtlichen Erbgut unsers Volkes: Dem einen ist es ganz und gar beziehungslos und ohne allen Anlaß, irgend etwas Rechtes damit anzufangen. Dem anderen ist es ein Komplex religiöser Gebote und Bräuche, die er m strenger Form befolgt und übt. Und wieder einem anderen ist die Ueberlieferung eine Quelle, ein Urquell, aus dem er immer und immer wieder trinken möchte, weil ein Trank daraus seine innerste Kraft in Bewegung setzt und ihn den herrlich schöpferischen Reichtum schauen, fühlen läßt, worin er sich einig und verbünde:: weiß mit seinem Volk, in mcttschlickicn uvd undo^matitzh in göttlichen Dingen auch. Infolge Umbauender Geschäftsräume Großer Großer WM». E von - Mäntel \ Kostüme I Kleider | Blusen : zu tief herabgesetzten Preisen U » noch Original Pariser Modellen ■ im Koufektionshavs 1 Leopold Ascher L Bruder \ YD. MarlaWerWße 50 Tagesbericht. An Kreditinstitut für den Wischen Mittelstand in Me». Von Rechtsanwalt Dr. A. Schmerlar. Die Notlage des jüdischen Mittelstandes in dev Rriegs- und Nachkriegszeit hat sich in Wien in der letzten Zeit infolge des Wiedererwachens judenfein'dlicher Tendenzen einerseits und des durch Errichtung von! Kollektivunternehmungen auf die Ausschaltung der Konkurrenzwirtschaft hinarbeitenden Sozialismus andererseits noch verschttnnnert. Viele jüdische Familien des Mittelstandes bliäben durch den Verlust ihrer Angehörigen im Kriege ohne Ernährer.. Den Hinterbliebenen wurde, ungeachtet dessen, daß sie seit Jahrzehnten in Wien wohn^ ten, jegliche Staatsunterstützung, entzogen, weil sie wedeck den Nachweis der Zugehörigkeit zur deutschen Rasse erbringen, noch die jüdische Kopfsteuer, das ist die Taxe anläßlich der selten vorkommenden Zusicherung der!. Aufnahme in den Heimatverband» bezahlen konnten. Beim Abbau der Beamten und Angestellten in öffentlichen! und privaten Unternehmungen denkt man innerster RieM an jüdische, und man vergißt an jüdische Handwerker und, Unternehmer, wenn man beim Ausbau Arbeiten zu ver< geben hat. Auch diesmal versagte leider das Solidaritätsgefühl der Juden und machte sich nur beim amerikanischen! Judentum in Form von Wohltätigkeit geltend. Der jüdische Mittelstand aber will und muß den Selbsterhaltmrgs' kämpf mit ollen Kräften auf Grund der Selbsthilfe! führen,! Zu diesem Zwecke wurde über Initiative eines Pro-«! po-nvntenkomitees mit Herrn Oberrabbiner Dr. Chajesl an der Spitze vor einigen Monater die „Kreditkassa! für Kleingewerbe und Kleinhandel in Form! einer Genossenschaft in Wien (9. Bez., Berggasse 7) ins! Leben gerufen. Diese Genossenschaft hat den Zweck, den Geiverbebetrieb und die wirtschaftliche Lage ihrer Mitglieder zu fördern, und zwar a) durch Gewährung billiger Kredite ] als Mitglieder eingetragene Angehörige des Mittelstandes, insbesondere an Handwerker, Kleingewerbetreibende und Kleinhändler, zur Errichtung von Betriebsstätten und zuck . Beistellung von Betriebsmitteln, und b) durch Ankauf von! Maschinen und Rohstoffen für die Genossenschafter dadurch, daß die Genossenschaft auch berechtigt ist, verzinsliche Darlehen aufzunehmen. Ein Geschäftsanteil beträgt 100.000 Kronen. Jedes -Mitglied haftet für die Verbindlichkeit außer mit seinem Geschäftsanteil miteinem Betrage in der einfachen Höhe desselben. Die Durchführung dieser Aufgäbe, die in Anbetracht der gegenwärtigen Kreditverhälttttsse speziell für den jüdischen Mittelstand von eminenter wirtschaftlicheer Bedeutung ist, erheischt naturgemäß bedeutende Mittel sowie die werktätige Förderung seitens der fitesten Kreisck der jüdischen Bevölkerung. In der ersten Richtung ist das American Jointr Distribution Committee in New-Aork in dankenswerter Weise entgegen gekommen, indem es zu diesem Zwecke einen namhaften Betrag als rückzahlbares Darlehen gegen billige Zinsen bewilligte. Dieses Darlehen wird jedoch nur unter der Bedingung gewährt, beziehungsweise flüssig gemacht, daß die Kreditkassa unter der hiesigen Judenschaft den fünften Teil vorher durch Genossenschaftsanteile aufbringt. In der kurzen Zeit des Bestandes konnte die Kreditkassa über 700 Millionen Kronen als Darlehen in Beträgen von 1,5 bis 5 Millionen Kronen m ungefähr 200 Darlehettswerber gegen wechselmätzige Haftung zweier zahlungsfähiger Garanten bewilligen. Die Kreditnehmer gehören zun: überwiegenden Teil dem Kleinhandelsstande an; «S sind darunter aber auch viele Gewerbetreibende und Handwerker» sowie Angehörige freier Berufe, wie Aerzte, Anwälte usw. Daß die Kreditkassa einem dringenden Bedürfnis abgeh offen hat, beweist die große Zahl der einlaufenden Kvedi'.ansuchen, daß sie produktiv wirkt, geht schon daraus hervor, daß die Kreditnehmer ihre Darlehen in der klaglosesten Weise zurückzahlen. In: Vorstand der unter fachmännischer Leitung des Hervn M. Henisch stehenden und nach kaufmännischen Grundsätzen >geführten Kreditkassa sind alle bürgerlichen Parteien vertreten, und zwar durch Hervn Obevrabbiner Dr. C Hajes als Obmann, Herrn Börsenrat Ignaz Glück, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde als Obmannstellvertreter, sowie durch die Herren Dr. Siegfried Kantor, Jakob März, Ignaz Mehrer, Oskar Rosner, Ing. Stricker, und Feiwel Türkl. Als Aufstchtsrat fungiert unter anderen Herr Direktor' Epler. Es ist überflüssig, beizufügen,daß die genannten Personen des Vorstandes wie auch die des Aufsichtsrates in uneigennütziger und selbstloser Weise zum Wvhle des Kredittnstitutes arbeiten und ihm ihre reichen Erfahrungen angedeihen lassen. Die Kreditkassa ist in diese::: Stadium auf die Mit-« Hilfe der Judenheit in zweifacher Mchtung angewieffeni 1. auf die Zeichnung der A nteilv, da diese es ermöglichen, das vom American Joint Distributton Committee in New-Aork bewilligte Darlehen nach dem Bereinbarungsschlüssel zugezählt zu bekommen, und 2. auf die Einziehung, beziehungsweise Erteilung von richtigen und authenttschen Auskünften über die Kreditwürdigkeit und Bonität der Darlehenswerber, beziehungsweise Garanten. Hoffentlich werden diese Zeilen den gewünschten! Zweck erreichen, da es sich — wie gesagt — um ein m* eigennützig und selbstlos arbeitendes Institut im Inter-! esse und für den Wiederaufbau des jüdischen! Mittel stand es in Men handelt. Ser Rttualuwrdogent Dlliuger fctebigt in einer Bukowina« Stznagoge! Stanislaus Liillinger, der einstige Räöbinatskandid^ und spätere katholische Priester, der äls Mitarbeiter mti* semitischer Blätter gefälschte „Nachweise" für das Batchen des Ritualmordes Mckft-ote und, wie wir berichteten, kürzlich in einer RabbmerversETrckung i>tt Amerika entlarvt wurde, nachdem vr versucht hatte, als Rabbiner einer entlegenen jüdischen Gemeinde Amerikas seine schmutzige Vergangenheit vergessen zu machen, ist nunmchr in der Bukowina <mfgetaucht. In AmevLa «ist ihm der Boden zu heiß geworden, Das Verkommene Individuum -treibt mm seine Schamlosigkeit so wort, daß es ihm geglückt ist, ivähreäd der hohen Fe-icriage in der Synagoge von Costesti in der Bukowina zu predigen! Die Juden der Bukowina werden Wohl raschest dafür sorgen, daß Dillmger möglichst schnell in der Bevsenkung Vvrschwmttk. Vas Schicksal Nr „zufrsihgekommrneu" Wie wir meldeten, wurden vier Auswanderung?- dampfer, die in der Nacht auf den 1. September um' einige Sekunden zu früh in den Hew-Aorker Hafen einliefen, demzufolge der erschöpften Augustquote zugerechnet und zur Landung nicht zugelassen. Der Leiter des Einwanderungsamtes auf Ellis Island erklärte, daß die betreffenden Schiffahrtsgesellschaften die Einwanderer an ihren Aufnahmsort zurückbefördern müssen. Auf den Schiffen spielten sich die furchtbarsten Szenen ab, viele Auswanderer wollten ins Meer springen oder andere Verzweiflungsakte begehen. Angesichts dieses Zustandes richtete die jüdische Einwanderochilfsorganisation „H i as" ohne Rücksicht darauf, ob und wie viele Inden sich auf den Dampfern befinden, eine sehr scharfe und nachdrücklich gehaltene Eingabe an das Einwanderungsamt in Washington, in welcher auf die große Barberei und Unmenschlichkeit hingewiescn wurde, die in der Zurückweisung der Einwanderer bestehe, die aus dem formalen Grund erfolgen sollte, daß die Schiffe um einige Sekunden zu früh angelangt sind, wobei es noch strittig sei, ob sie wirklich zu früh gekommen sind. Diese Eingabe verfehlte ihre Wirkung nicht, denn das Einwanderungsamt beanftragte die Hafendirektion in Ellis Island, die Passagiere der vier zuvückgehaltenen Schiffe landen zu lassen und die auf denselben befindlichen Einwanderer in die Septemberquote aufzunehmen. Der Jubel, den diese Nachricht unter den Einwanderern ans den Schiffen hervorrief, ist unbeschreiblich. Das Einwanderungsamt begnügte sich, damit, den betreffenden Schiffahrtsgesellschaften eine Geldstrafe von ejner halben Million Dollar aufzuerlegen, die sofort erlegt werden mußte. Dieser Betrag wird zunächst als Depot behandelt und wird in dem Falle, daß die Schiffsgesellschaften nicht binnen sechzig Tagen den Nachweis ihrer Schuldlosigkeit erbringen sollten, vom Staate endgültig eingezogen werden. Wiener Morgenzelturrg. 30. SeptenGer 1923_Nr. 1668 ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■an PelzmMeiPelzjackenia Pelzhaus Wieselberg VIII. Joseistüdterstr. MT Telephon 17-0*88 "M, dl

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