Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1662 (30.9.1923)
- Date
- 1923-09-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 1× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
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Nr. 1662 Sßicit, Sonntag Wiener Morgenzeitung 30. September 1923 Seile 8 Palästina. Aue AnwanderungsstaWk. Jerusalem, 27. September. (I. C. B.) Laut dem palästinensischen Handelsbericht trafen 4391 Personen während des Juni in Palästina ein und 6144, einschließlich 183 Aus wandern de (darunter 106 Juden, 41 Christen und 36 Mohammedaner) verließen in dem gleichen Monat das Land. 416 Einwanderer (darunter 390 Juden, 24 Chri. sten, 2 Mohammedaner) haben die Absicht bekannt gegeben» nicht im Lande zu bleiben. In dem erwähnten Monat wurde an 6 7 8 Immigranten, unter ihnen 644 Juden, die Einwanderungserlaubnis erteilt. Von den jüdischen Einwanderern kamen 169 aus Polen Und 331 aus Rußland. Während dieser Zeit wurde an 22 Personen, die nur vorübergehend nach Palästina gekommen waren, -die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt erteilt. 11 Einwanderern, deren Dokumente nicht in Ordnung waren, wurde die Einwan derungserlaubnis verweigert. Sessentlicher Dienst und Versöhrmngstag. Das I. C. B. meldet aus 'Jerusalem den folgenden, geradezu unglaublichen Vorfall: Der jüdische Polizist Blum aus Safed wurde zu 14 Tagen Arrest verurteilt, weil er sich weigerte, am Jom-Kippur Dienst zu tun. (Es wäre wohl der stärkste Hohn, wenn ein Jude im öffentlichen Dienste Palästinas nicht einmal d i e Rechte finden sollte, die ihm in reaktionären europäischen Staaten zuerkannt werden! Dieser Einzelfall ist von prinzipieller Bedeutung, weshalb ein energisches Vorgehen der zionistischen Instanzen dringend nottut.) 307 Einwanderer an einem Tage. Dieser Tage rief in Haifa ein Schiff mit 307 Einwanderern «in. Eine so große Anzahl von Einwanld."rern an einem Tag ist seit längerer Zeit nicht >in Palästina eingetroffen. (I. C. B.) Rundschau. Die Frage der deutschen Wühruugsbauk. Berlin, 29. September. (Wolff.) Der finanzpolitische Ausschuß des vorläufigen Reichswirtschastsrrvtes beschäftigte sich mit dem Gesetz über die Währungsbank. Die Vorlage wurde angenommen und eine Entschließung gefaßt, die besagt, der Ausschuß stimme dem Gesetzentwurf zu trotz der Bedenken, die sich gegen die vorgeschlagene ZwischerÜösung vom Standpunkte rein währungspolitischer Grundsätze aus vorbriMN lassen. Es werde nötig sein, daß die Lebensdauer der WährungZbank beschränkt und diese so schnell wie möglich durch die Wiedereinführung einer wirklichen Goldwährung abgelöst werde. Der Ausschuß weist daraus hin, daß keine Währung sich wertbeständig erhalten lasse, wenn es nicht gelinge, das außerordentliche Minus der Volkswirtschaft durch eine starke Erhöhung der Produktion und durch Beseitigung des Leerlaufes in der Arbeit Deutschlands aus der Welt zu schaffen. Ifcl JVienJ. JVildpretmarkt 2, JJ] % Gxport njfl&dolcs Gn gros SR&hes, Kos turne s.Jflanleaux. tfeagorons et &ourrures STelefon GÖÖ73. Vorführung der neuesten ZModellkollektion $! Der ReichskommMr für die besetzten Gebiete von Frankreich abgelehnt. Paris, 28. September. Die französische und belgische Regierung haben die Ernennung des Reichsministers für die besetzten Gebiete, Fuchs, zum Reichskommissär für die Liquidierung des passiven Wider st andes^ im besetzten Gebiete nicht anerkannt. Die französische und die belgische Regierung lehnen es ab, mit Fuchs zu verhandeln, weil er seinerzeit aus dem besetzten Gebiete ausgcwiesen worden ist. Keine Aufhebung des Schutzgesetzes in Bayern. Berlin, 29. September. Zu der Münchner Meldung, daß die Vollzugsverordnungen für das Gesetz zum Schutze der Republik für Bayern außer Kraft gesetzt worden seien, ist zu bemerken, daß an hiesiger unterrichteter Stelle davon nichts bekannt ist. Berststrkte FUigkeN der Rechtsradikalen. Berlin, 29. September. (Tel.-Konrp.) Wie das „Berliner TagÄlatt" meldet, ist in -den letzten Tagen in einzelnen Teilen des Reiches, besonders in Oberschlesien, Pommern und den beiden Mecklenburg, eine verstärkte Tätigkeit rechtsradikaler Organis ationen zu beobachten. Vielfach handelt es sich dabei um Versuche, mit der Reichswehr in Verbindung zu treten. Der Militärkommandant des Wehrkreises Brandenburg erklärt in einem Erlaß die Sorge wegen der Zusammenrottungen in der Nähe Berlins für unbegründet. Gegen jeden Versuch einer Erschütterung der Staatsgewalt und der öffentlichen Ordnung wird unter Anwendung der den Befehlshabern ans Grund des Ausnahmezustandes zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschrrtten werden. Auch die Rheinländer putschlnstig. Köln, 29. September. Der ,Mlnischen Zeitung" wird aus Düsseldorf über den bevorstehenden rheinischen Tag der Sonderbündler geschrieben: Sonntag den 30. d. soll in Düsseldorf nicht nur die Rheinische Republik auSgerufen, sondern auch der Präsident dieser Republik auf den Schild gehoben werden. Dorten soll für den Posten eines Gesandten der Rheinischen Republik in Paris ausersehen sein. Alle Versuche der letzten Tage, abzubla.se« und die Oeffentlichkeit einzulullen, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß von langer Hand vorbereitete Beschlüsse der Sonderbündler für den rheinischen Tag vorliegen. Eine blutige SeparatiftenversammlunK. Berlin, 29. September. Airs dem Ruhvgebiet wird ge.-- meldet: In Hamborn endete eine Separatistenverfammlu'ng mit einer Niederlage der Sonderbündler. Bor dem Versammlungslokal kam es zu Menschenansammlungen. Von den belgischen Soldaten wurde in die Menge geschossen, sodaß eine Anzahl Verwundete und drei bis vier Tote aus dem Platze blieben. Die Aufhebung der Berordnungen Wer de» passiven Widerstand. Berlin, 29. September. (Del.-Komp.) Gegenüber der Havas-Meldung, die es für ungenügend erklärt, daß die Reichsregierung nur fünf Verordnungen -bezüglich der Einstellung des passiven Widerstandes außer Kraft gesetzt hat, 'während mehr als hundert erlassen worden feien, wird amtlich festgestellt, daß tatsächlich nur fünf Verordnungen mit Gesetzeskraft im Reichsgesetzblatt veröffentlicht wurden. Diese Verordnungen sind nu>n ebenfalls im Reichsgesetzblatt als aufgehoben erklärt worden. Berlin, 29. Septembqr. Der Reichsminister für Wiederaufbau hat gestern die Bekanntmachung vom 13. Jänner über die Einstellung de.r Reparationsleistungen im freien Verkehr an Frankreich und Belgien ausgehoben. . Ebenso haben der Reichs Po.st- und der Reichsverkehrsminister die von ihnen ergangenen Anordnungen, soweit sie den Abwehvkampf betrafen, aufgehoben! Paris, 29. September. Die Agqne Havas glauibt zu wissen, daß Ministerpräsident Poincare in seiner morgigen Rede die Bedingungen für die Feststellung der tatsächlichen Einstellung des passiven Widerstandes darlegen werde, die. jeglicher Verhandlung vorangehen müßte. Diese Bedingungen wären die Wiederherstellung des vor der Besetzung bestandemn normalen Regimes im Ruhrgebiet und im Rheinland unter fr an zö fisch -belgischerKontrolle und die Wiederaufnahme der Sa chlieserungen. Deutschland werde nach seinen Handlungen, nicht nach vagen Versprechungen, beurteilt 'wqrden. Plstuderungeu i« Freiberg. Dresden, 29. September. (Wolff.) Wie die Blätter aus Freiberg melden, durchzogen gestern jugendliche Erwerbslose die Stadt. Abends kam es wiederholt zu Plü nderungen von Lebensmittelgeschäften. Reichswehrabteilungen säuberten die Straßen. Es wurden mchrerc Verhaftungen vorgenommen. ZurSaHon! Reiche Auswahl neuester Pelzmodelle ln sämtl. 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Um so anerkennenswerter ist es, daß Ernst Müller im Vorwort zur Neuausgabe sich veranlaßt sicht, den. mancherlei Mißverständnissen zu wehren, als würde seine Schrift Tendenzen nach der einen oder anderen Seite" vertreten — die er aber mit näherem Namen zu ncmteit unterläßt —, entsprechend ferner konzilianten, aus Polemik so ganz und gar nicht eingestellten Art. ,Ze>nseits aller Parteigeistigkett" — so heißt es darin — ,/entstanden und auch den nationalen Geist tAt* in seinem rein menschlichen Wesensinhalt meinend", besteht ihre Einzige Tendenz" darin, in einer unserer Zeit zugänglichen und vielleicht auch geistig nützlichen Weise den Leiser mit der». „Erkenntnissen kabbalistischer Mystik einigermaßen Vevtraut zu machen." Deutlich genug reflektiert sich in diesen knappen. Worten der persüniliche und geistige Gvundzug im Wesen Ernst Müllers, der lieber noch die bloß objektive Vermittlung des Inhaltes betont, als daß e.r hier auch nur durchscheinen ließe sein subjektives Ergrisfenfein von jenem geheimnisvollen Buch, dem „Sohar", der „in der Folgezeit für das mystische Judentum gleich hohe Bedeutung erlangt hat wie. die Bibel für das gesamte mrd der Talmud für das religiousgesetzliche Judentum". Zur Methode der Darstellung, wie sie Ernst Müller ügen ist, möchte ich daher vorweguehmend sagen: hier ist eine glückliche Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Geistigkeit: die eine stört die andere nicht — und das halten wir für das Beste, was man ihnen leiden Nachsätzen kann. Wie hier der Zugang 'zum Verständnis des *) Ernst Müller: ,/Der Sohar und seine Lehre, Einleitung in die Gedankenwelt der Kabbala." Zweite erw'uUrte M3. fL m Mpziv. Sohar zunächst geschichtlich erschlossen wird — über dem Ursprung desselben webt ein ganzer Kranz bald dunkler, Mit Heller Sagen und Legenden —, mit welcher Zurückhaltnng im Uvteil, mit welchem wissenschaftlichen Takt in der kritischen Stellungnahme zur Art und zum Alter dieser Geistesschöpfung Ernst Müller sich schließlich für den positiven Wert derselben entscheidet — mit der Ueberlieserung und gegen das abspvechende Urteil rationalisierender, teils sogar vabbinifcher, besonders aber //liberaler" Gelehrsamkeit —, damit allein übt diese Schrift einen starken Reiz und Anreiz, der zu immer tieferer Wirkung sich steigert, wenn die historische Einführung in kaum merkbaren Uebergängen zur intensivsten Einfühlung wird in die Inhalte. Und die Textproiben, von Ernst. Müller übertragen» erhöhen ganz tveseMich den Wert der Schrift. Haben wir doch damit die° Möglichkett, die Darlegungen Ernst Müllers und die urtextlichm Stellen unmittelbar aus uns wirken zu lassen. Und geschieht es nur unbefangen genug, so muß inan wahrlich nicht Fachgelehrter sein, um das Absurde in der Behauptung, als würde man es mit einer „plumpen Fälschung" zu tun haben, von sich zu weisen: so bald nimmt uns ider Zug und Geist dieser Blätter gqfangen. Man lese etwa sogleich den Anfang des Urtextes: „Von der Entstehung des Sohar. Gebet des Clischu und Berufung des Meisters;" oder „Die Seele, die das Wort 'besitzt"; „Ausstieg und Umkehr"; „Die zehn DoPPelworte", und das auch dichterisch herrliche Stück „Das Buch in der Höhle": aus ihnen allen spricht eine Schlichtheit, Reinheit der Empfindung, strömt eine, stille Glut des Religiösen, die wir bei aller geheimnisvollen Tiefe, in die sie mündet — da sie in der Diktion an die Dortragsart des Talmud erinnert —, um so mehr nachompfinden können, als sich der Sohar — wenn auch nicht buchstäblich — als Kommentar der Bibel gibt und aus deren Urworte. sich immer wieder bezieht und rückbezieht. So wird denn sein Rang gemäß der an ihm festhaltenden Ueberliefermrg rmd psychologischen Bejahung derselben sich bestimmen lassen als „dritter, sichtbar-großer %wi8 WWW» KK. WWW m eigenartiger Beziehung zu den beiden anderen steht: >der Bibel und dem Talmud". Dieser Eigenart hervorstechendster Zug ist die Mystik des Sohar — seine Deutung des Weltuvsprungs, der Weltschöpsung, der Weltzusammenhängc, vornehmlich im Bilde des Zehn-Sephiroth-Baumes, des tiefsinnigen Symbols des Weltganzen. Wie immer man sich zu diesen Vorstellungen voll Schwung und Phantasie stellen mag, ihre Bedeutung verdichtet sich zu ernstestem Eindruck ttn überraschenden Aspekt ethisch-religiöser Zusammenhänge, in die wir uns unbegreiflich nahe gerückt sehen, sei es als einzelne, sei es als Voll und Volksgemeinschaft. zuletzt gar als unser ganzes Geschlecht umfassende Menschengemeinschaft. Diese in Wort und Bild -zuweilen spielerische Sym bolik versteht in Sachen des Religiösen, Ethischen so gar keinen Spaß; und in den himmelwärts entrückten mystischen Sphären fühlen wir uns dorr einem Zug lebendigster Wirklichkeit umhaucht. Ein Stück religiöser Problematik ergreift uns, vor der es kein Ausweichen zu geben scheint. Man lese eüva den Abschnitt „Der Bund Israels" mit Ernst Müllers Fragestellung: „Ist denn wirklich der Gottesbund auf Israel beschränkt? Erscheint dieses Volk allein zum Heil ausersehen?" — und denke durch, was hier über Erwählthett und Schicksal und was über Berantwortug des einzelnen für sein, für unser Moll im Lichte des Sohar, aber in fühlbarstem Bezug auf die unmittelbare Gegenwart gesagt wird. Und namentlich wie es gesagt wird. Auf die Methode Ernst Millers möchte ich besonderen Nachdruck legen und an das eingangs darüber Gesagte die Bemerkung knüpfen, daß wir es hier mit einer Betrachttmigsart 51t tun haben, die wie ein Ansatz und eine Verheißung wirkt, wie unter uns die Idee einer Wissenschaft des Judentums lebendig wieder tvirksam werden könnte. Uns sagt am Ende das bei so vielen abendländischen Gelehrten beliebte Verfahren: jedes geistige Objekt, und damit arrch jedes religiöse, zuerst und zuvörderst wissenschaftlich ganz zu zerpflücken, um -zuletzt doch hevanszufinden, sogar herauszufühlen, wie es dennoch wert und würdig sei, daß - MW M Sm Ä$e&: ) 41414