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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-28 · Heft 1660 (28.9.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1660 (28.9.1923)
Date
1923-09-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1660 Wien, Fvertag ttiucnct Morgenzeitung. ‘ib. Septemver 1WÜ Sette 8 Jndischnalionalen. Die Mieter erfahren es so von den Hausherren selbst, welchen Parteien sie ans-weichen müssen." Dazu haben wir narr zu sagen, -das; den Jüdischnationalen von diesem Zirkular nichts beikarmt ist r:nd daß sie mit ihm in keinerlei Zusanrmenhang stehen. Der „Arbeiterzeitung" geht es nur darum, die Jü'dischnativnalen mit den Christlichsozialen in einen Topf zu werfen, um die Wählerschaft auf solche Weise gegensie zu nwbilisieven. Dieses etwas skrupellose Vorgehen wird bei der jüdischen Wählerschaft seine Wirkung verfehlen; die „Arbeiterzeitung" wird sich also für ihre Kampagne nach anderen Methoden Umsehen müssen! Samstag, 28. September, 8 Uhr abds. im CafL Jeteer» 2. Bez.» Praterftratze WSHler-Bersammlmg " -------- Tagesordnung r Sie Wische Wahlergemeinschaft. Referentenr Die Kandidaten. Eine Wische WWerversammlmig in der Brigittenau. Gestern abends fand im Restaurant Sternbach in der Brigittenau die erste jüdische Wählerversammlung statt, die einen massenhaften Besuch aufwies. Nachdem der Leiter des jüdischen Wahlkomitees Herr Klumak die Versammlung eröffnet hatte, besprach Dr. Löwen herz die Bedeutung der eben Zustande gekommenen jüdischen Einheitsfront. Redner behandelte die jüdische Politik in Oesterreich in den letzten drei Jahren und unterzog die antisemitische Taktik der Regie rungspa rteien einer scharfen Kritik. Diese habe in der von Waber betriebenen Optionspraxis ihren schlagendsten Ausdruck gefunden. Auch die sozialdemokratische Politik in: Gemeinderat habe sich mit-der Ausweisung armer ausländischer Juden befleckt, mrd nur die jüdischen Mandatare waren es, die die Interessen der Juden vertreten haben. Die Sozialdemokraten, welche vorgeben, für das Recht aller einzutreten, tu« in der jüdischen Frage alles, um ja nicht verdächtigt zu werden, daß sie eine Judenschutztruppe seien. Dieses Bestreben zeigt sich wieder in ihrer Plakatpropaganda, und es ist unverantwortlich von ihnen, daß sie das Judentum auf Schritt und Tritt verhöhnen, um Lie antisemitischen Instinkte der NLasse« aufzuvoizen, und die Hakenkveuzler kopieren zu wollen scheinen. Die Christlichozialen heben beständig die Verdienste S e i p e l s um das G c n f e r S a n i e r u n g swerk hervor, aber man vergesse, daß das,,Judentum vielleicht im selben Maße für dessen Zustandekommen gewirkt habe wie die Regierung, und schon lange vor Seipel sei von jüdischer Seite dieser Weg gewiesen worden. Der Redner besprach hierauf die jüdischen Kandidaturen in der Brigittenau. Die Nennung der "Kandidaten, namentlich die des Ingenieurs Stricker, wurde mit stürmischen Beifallskundgebungen ausgenommen. Hierauf fetzte sich Dr. I. Wald mann ausführlich mit der Haltung der Sozialdemokraten auseinander und besprach deren Auffassung vom Wesen des jüdischen Nationalismus. Es sei nicht wahr, daß die Jüdischnationalen nationalistich seien, und Chauvinismus ist uns stets ein fremder Begriff, weil wir selbst in der Minderheit sind und immer in Abwehr stehen. Was wir wollen, ist nur das Recht, uns ungehindert zur eigenen Sache bekennen zu könne::. Wir wollen die Lasten des Judentums gern tragen, aber es ist allerdings leichter, an der Spitze von Arbeiterbataillonen zu stehen und das Iude ntnm zu verleugn cn, als die ganze Last des eigenen Bolkstruns zu tragen und für die jüdischen Rechte ein-zutreten. Renner hat eine Definition der Rasse gegeben, die sich mit jener der Hakeickreuzler deckt. Redner zieht sodann eine Parallele zwischen der Haltung der englischen Arbeiterpartei zürn Judentum, deren Führer Wedgwood eine Propagandareise für den Palästina- Ausbau nach Anrerika unternommen habe, und der Haltung der österreichischen Sozialdemokraten. Ein ehrlicher Sozialismus muß auch für die Rechte der Juden eintreteu und die Sozialdemokraten müßten selbst die Einheitsfront der Inden b e g r ü ß e n, weil sie auch jene Teile der jüdischen Bourgeoisie an sich zu ziehen geeignet sei, die sonst den Christlichsozialeu Wahlhilfe geleistet hätte. Und daß unsere Vertreter stets mit dem Fortschritt gehen, haben sie oft zu beweisen gewußt. * Die Ausführungen der beiden Redner wurde:: mit stürmischem Beifall ausgenommen. Ungarn. Mo Kahn als Fudenschüher? Das „Dorado" der Juden. Budapest, 27. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzttlnng".) Das Abendblatt der Erwachenden Magyaren, „A Nep", beschäftigt sich mit dem heute beendeten Be- _ Raglans. ANZÜGE in feinster Qualität zu billigsten Preisen bei Heinrich Weinberger. I.,Singerstrasse 6 suche des amerikanischen Bankiers Otto H. K a h n in Budapest und behauptet, Kahn hätte erklärt, sein Bankhaus würde nur dann zugunsten der ungarischen Anleihe eintreten, wenn die Lage der Juden in Ungarn eine annehmbare sein würde. Hiezu bemerkt das Blatt: „Wenn Ungarn infolge Ausbleibens der Auslandshilse finanziell zusammenbrechen sollte, würde kein einziger Jude in Ungarn am Leben bleiben und das Eldorado (sic!) der Juden in Ungarn würde a u f h ö r e n." Magahrische Rechtszustände. Aus Budapest wird gemeldet: Im Oktober 192.1 wurde eine Frau von den Bndapester Detektivs so geschlagen, daß sie lange krank war. Der Strafgerichtshoif verurteilte einen der Detektivs zu drei, den anderen zu sechs Monaten Gefängnis. Es handelte sich um eine Politische Angelegenheit. Polen. Gegen den Einfluß Pilsudskis. Warschau, 27. September. (Tel. d. ,/Wr. Morge::- zeitung") In letzter Zeit entfernt 'das Kriegsministeriun: , sämtliche Anhänger des gewesenen Slaatschefs P i lsudski aus der Armee. Eine ganze Reiche namhafter Offiziere des Generalstabes wurde entlassen oder in die militärische Hochschule abkommandient. Selbst das Hilfspersonal, welches seinerzeit in -den Legionen Pilsudskis gedient hat, wird entlassen. Allgemeiner Paßzwanz. Ans Warschauwird uns. gemeldet: Der Ministerrat hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, für sämtliche Personen, die in der RePMik weilen und -das 17. Lebensjahr vollendet haben, den Paß zwang einz-usühren. Für die Reisen ins Ausland ist die Erlangung einer B ew i l l i g u n g notwendig.) Ein Lemberger Pogromift freigesprochen. Aus Lemberg schreibt uns unser Berichterstatter: Wie Ihnen ihr Korrespondent bereits berichtete, kam vor dem hiesigen Schwurgericht der Prozeß gegen Wladislaw Ksionzek zur Durchführung, der während der Leinberger Exzesse gegen die Juden in: November 1918 in der Wohnung der Frau Sprinze Sonntag deren zwei Töchter und den Schwiegersohn e rmordet und den Mann sowie den Sohn der Frau Sonntag schwer verwundet hat. Ksionzek war dann geflohen; feine Frau bot der Frau Sonntag ein S ch w e i g e g e l d von 250.000 Mark, damit sie aussage, Ksionzek, der inzwischen bei seiner Rückkehr nach Polen festgenommen worden war, sei nicht der Mörder. Die Angehörigen Ksionzeks drohten Frau Sonntag, wenn sie belastend aussagen würde, mit Blutrache. Offenbar durch diese Drohungen eingcschüchtert, hat Frau Sonntag m dem Prozeß, der fünf Tage lang verhandelt wurde, unklar, zum Teil entlastend ausgesagt. Mehrere Zeugen erkannten in Ksionzek mit Sicherheit den Mörder, ein jüdischer Zeuge, ein Greis, beschwor, daß er Ksionzek wiedererkenne und gab auch an, er sei Zeuge gewesen, daß die Frau des Ksionzek der Frau Sonntag ein Schweigegeld gegeben habe. Trotz aller belastenden Momente, zu denen noch hinznkam, daß Ksionzek vor einem Jahre die Mordtat eingestanden hatte, wurde der Mörder von den Geschwornen f r e i g e s p r o ch e n. Truppen-Neudislosterungen. Aus Warschau wird berichtet: Wie „-Kurier Polski" meldet, hat das Kriogsm-inister'mm eine Verordnung erlasse-::, wonach in der ganzen Republik e-i-ue Transfe-riicrung von Tnlppenkö-rpern vorgeuomn:en werden soll. In: Sinne derselben soll die Posener Division nach Warschau verlegt worden. Der „Robotnik" behauptet, dak diese Verfügung aus rein politischen Gründen erlassen wurde, um in Warschau über „regierungste und ergebe-nie" Truppen verfügen zu?!'können, die eventuelle P at t f ch v e x s u ch e l!i tt I e r P a r t e -i e n vereiteln können. ' Eine amerikanische Pump reise General Hallers. Aus Warschau meldet mar: uns: Genera! Haller ist im Auftrag der N a t -i o n a l d e m o k r a t e n nach A in e r i k a abgereist, ■ um an der dortigen Tagung der poln'i'sch.'n Veteranen teilzunehnren. Die oppositionelle Presse meldet, daß Haller «in Amerika Gelder für die N a t i o n a l d e n: o k r a t i s ch e Partei sammeln wird. ' Litauen. FnsMW-lmtisemWsÄes Treiben. Kowno, 27. September. (Tel. d. „Wr. Morgeuzeitung".) In den letzten Tagen fai:d h: einige:: kleinen Städtchen ciue Reihe von N e b e r f ä l l e n ans Juden statt. Die litauischen Faszisten verbreiteten in Kowno und Umgebung Allfrnfe, in denen sie -die Bevölkerung zur Veranstaltung von Pogromen auffordern. Unter dem Eindrücke dieser Ausrufe wurden von Mitgliedern der Faszistenorgamsation jüdische Passanten ent hellichte:: Tage überfallen und geschlagen. Es ist seistgcstellt, daß diese Bewegung von diner Zentrale aus geleitet wird. Der Jüdische N a t i o n a l r a t hat in dieser Angelegenheit bei der Regierung -interveniert. Die Regierung erklärt, daß keü Grund vorhanden sei, Exzesse zu befürchten, da die Bchov -den alle Maßnahmen, getroffen haben, um die Ordn-nns aufrecht zu erhalten. Jeder neuerliche Versuch einer Bev anstaltung von Judenexzesien wird aufs schärfste untev drückt werden. Im Zusammenhang mit diesen Uebersällen wurdet in letzter Zeit die jüdischen Firmenschilder mit Farben beschmiert. Das jüdische Ministerm-m hat von der Regier rnng wirksame Gegenmaßnahmen verlangt. Dev Jwnew minister hat infolge dieser Intervention an sämtliche Behörden eine Verordnung erlassen, tu der erklärt -wird, daß solche Vorfälle geeignet sind, das junge litauische Staatswesen im Auslände zu diskreditieren. Die Behörden werden verpflichtet, gegen solche Vorfälle in schärfster Weist auszutreten und sollen für weitere derartige Geschehnisse di« Verantwortung tragen. Gegen die Behörden, in deren Amtsbereich sich solche Vorfälle ereignet haben, werden strenge Untersuchungen geführt. In Schänken wurdk ein höherer Beamter des dortigen Milizkom-mandos wegen Unterstützung dieser Vorfälle verhaftet. Dom Völkerbund. Gens, 27. September. Der Bölkevbundrat nahm henkt abends zu den beiden Gutachten des Internationalen ständigen Gerichtshofes im Haag in Angelegenheit de: deutscher: Minderheiten in Polen Stellung. Das erste Gutachten erklärt, der: Bölkerbnndrat zur Behandlung der Frage der deutschen Ansiedler in Polen für zuständig. Der Berichterstatter legte eine Resolution vor, wonach die polnische Negierung möglichst bald dem Rate ihre Ausfassung in der Angelegenheit bekanntgebe:: solle. (Einstimmig angenommen.) Bezüglich des zweiten Gutachtens, das gemäß Artikel 4 des Minderhcitsvertrages betreffend die Staatsangehörigkeit gegen die von P olen vertretene A u f f a s s u:: g entschieden hatte, beschloß der Rat, dem Haager Entscheid beizupflichten und der Polnischer: Regierung direkte Verhandlungen m -i t D e u t s ch I a n d zur Regelung der Angelegenheit zu empfehlen. Der Rat befaßte sich ferner mit der Frage der Festsetzung der polnisch-tschecho-slowakffchen Grenze bei Ja worin«. Tagesbericht. Mein Feind. Daß ich ihn haste,- ist durchaus nicht erstaunlich. Haffen hat iminer zu meinen schönsten Talenten gezählt. Das Merkwürdige ist nur, daß ich ihn durchaus nicht kenne, eigentlich nichts von ihm weiß als daß er ein junger, sehr eleganter Mann ist und daß meine Gefühle von ihm erwidert werden, voll und heiß erwidert werden. Ich treffe ihn jeden Morgen, wenn ich zum Einkauf gehe und er in sein Bureau (habe ihn zum Bankbeamten ernannt), eilt. Es war sozusagen ein Haß auf den ersten Blick und der ist viel verläßlicher als die Liebe gleichen Ursprunges. Der junge Mann ist ein Jude. Man sieht ihm das an, d. h. ich sehe es ihm an und das weiß er. Uebrigens würde ich es auch merken, wenn meine Augen es mir nicht verrieten. Denn mein Feind spricht wienerisch. Ach, wienerisch! Er erspart mir kein „Jessasmarand", wenn er ausgleitet und sein Zwicker ins Schwanken kommt und wenn er sich mit der Trafikantin beim Abholen 'der Zeitung gelegentlich über den Bauch der Welt unterhält, so müßte man glauben, Nestroy sei auferstanden und wandle unter uns. Bei der Bekundung dieser volkstümlichen Gesinnung schielt der Wackere immer nach rechts und links, ob seine Bodenständigkeit bemerkt werde. Ich kann nicht leugnen, daß ich mir seinen Haß redlich verdient habe, bei einer dieser Vorführungen nämlich. Denn ich will nicht in Abrede stellen, daß ich bei::: Anhören seiner weanerischen Rede gripste, so breit ich nur konnte. Seither haßt mich der echte Wiener. Uebrigens reicht die Bodenständigkeit nur bis zur Elektrischen. Kaum eingestiegen, verwandelt sich mein Feind in einen Angelsachsen. Cr sitzt auf seinem Platz, die Ellbogen an sich gedrückt, abweisend, reserviert — eine Mumie ist das Urbild geselliger Verbindlichkeit neben ihm. Ob er in: weiteren Verlauf des Tages vielleicht noch andere Nationen durchmacht, je nach der Situation ein Spanier, Russe, Chinese wird, kann ich nicht sagen, doch spricht er in der Straßenbahn mit reichsdentschem Einschlag: „Schaffner, hör':: Sie *mal . . Mein Feind gehört zu jene:: angenehmen Menschen, die alles wissen, alles kennen, alles schon gehört haben. Es gibt keinen Witz, den er einen: anderen zu Ende erzählen ließe, es gibt kein Geheimnis, das er nicht schon längst kennt, es gibt kein politisches Ereignis von gestern, das nicht seit mindestens achtundvierzig Stunden von ihn: schon durchdacht lvurde. Erzählt man ihn: von einer schöner: Tat, so fragt er, was sic getragen hat. Er bringt seine zynischen Aussprüche mit einer Selbstsicherheit vor, die einen merklichen Einschlag von Frechheit hat und bettelt dabei mit den Augen um Zustimmung und Beifall. Das heißt: er bettelt bei den Christen. Judenaugen weicht er aus. Wenn man sieht, wie er sich jedem Greisler und christlichsozialen Tischlerrneister anbiedert, wie er, der Gebildete, ihnen zu Willen politisiert, überfällt einem die Seekrankheit. Um die Wahrheit zu sagen, fand der junge Mann übrigens Gelegenheit, mir mein Grinsen heirnzuzahlen. Es war an einem jüdischen Feiertag. Ein alter Jude ging mit für.den Einkauf von Stoffen für die Herbst- und »» .. Wintersaison: Damen-und Herrenwäsche, BettwdlBÜ'dPI] und Hauswäsche, Strickwaren, Teppichen, Vorhängen etc. nur das bekannt verlässliche i>. billige II., Taborsiraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail B

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