Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1660 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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VM * Mm, Fvellag Wiener Morgenzeituns. "JoppeMtatür in Zeutschland. Ausnahmszustand im Reich als Antwort auf die bayrische Jittntur. - Sabotage der Landwirtschaft. - Kommunistische Agitation im Ruhrgtzbiet. - Frankreichs WaffenftUlstandsdedingungen. von unserem Korrespondenten. Berlin, 27. September. Bedingungen Fra-nkreichs würden noch erträglich sein, wenn die Kapitulation Deutschlands in Ruhe vor sich geht. Kapitulation Deutschlands ist bedingungslos. Noch im Laufe des heutigen Tages wird die formelle Aufhebung sämtlicher Verordnungen erfolgen, die zur Durchführung des Widerstandes von den verschiedenen Neichszentralstellen erlasset: worden sind. Frankreich aber wartet, denn die Zeit geht nrit ihn: und cs kann abwarten, ob nicht heule, da in Deutschland wie immer die politische Vernunft zu spät gekommen ist, sich die fernen französischen Ziele verwirklichen lassen, die der Zerreißung Deutschlands gelten. Und dieses Ende ist hgutc näher denn je. Bayern hat sich offen gegen, die Reichsregierung erhoben und die von Ihrem Korrespondenten noch gestern in später Nachtstunde gemeldete Uebertragnug der Diktatur in Bayern au den Regierungspräsidenten v. Kahr bedeutet den unverhüllten Kampf gegen die Reichseinheit. Wohl versichern amtliche Kundgebungen aus München, daß dort und im übrigen Bahern vollkommene Ruhe herrsche'. Aber die Errichtung einer Militärdiktatur in Bayern muß unbedingt die Vermutung auslösen, daß der bayrische Diktator trotz seiner-Versicherungen, zum Reiche halten zu wollen, die erste beste Gelegenheit ergreifen wird, um die -Separation Bayerns zusammen mit einer W i tv telsbachschen R e stan ra t i o n durchzufetzen. Damit wäre die Trennung des Reiches vollzogen. Unfehlbar muß re sich daraus ein Bürgerkrieg in de utschen Landen entwickeln. Tenn die Antwort, welche die Rcichsregierung auf den Schritt Bayerns gab, ist durchaus nicht geeignet, eine ruhige Entwicklung der Dinge zu fördern. Der Reichspräsident Ebert hat die Diktatur Kahrs mit der Verkündigung des Ansnahmszuftandes für das gesamte Reichsgebiet beantwortet. Die vollziehende Gowakt geht auf den R e i ch s w e h r m t n i }t e r Gcßler über, der also gewissermaßen Diktator des Nordens wird. Welch zweischneid:ges Schwert diese Diktaturen sind, ist schon aus der Vergangenheit ihrer beiden Träger zu erkennen. Kahr Wender sich wohl sehr energisch gegen di« N a tionalsozialisten s ch w a r z - w e i ß - r o t e r Couleur- und seine erste Amtshandlung war, d?ß er den nationalsozialistischen Betriebsrätekongreß in München sowie die angekündigten d i e r z c I) n H i t l e r - V er s a mm l u n a e n Verb o-' r e n hat. Aber Kahrs Vergangenheit äks bayrischer Ministerpräsident, seine Fronde gegen die Regierung Wirth weisen -darauf hin, daß er einer monarchistisch-separatistischen Restauration in Bauern durchaus nicht abgeneigt ist. Geßler ist auch kein Mann, dessen Tätigkeit das unbedingte Vertrauen einsiößen würde, daß er unter allen Umständen zur deutschen Republik in ihrer gegenwärtigen Form steht. Aus dem Konflikt Geßlexs mit den: sächsischen Ministerpräsidenten Zeigner ist bekannt, daß Geßler von sor-alistrscher Scne des Einverständnisses mit der fchwarzweiß-roten Reaktion beschuldigt wird. Mag der Reichswehrnnnister in vielen Fällen unter dein Druck der Verhältnisse auch mehr geschoben sein-, so scheint er doch nicht der Mann zu sein, welcher imstande wäre, einen Bürgerkrieg urn seinen fürchterlichen Folgen zu verhüten. Darauf deutet schon hin, daß Geßler die Unruhen in Sachsen — in Dresden, in Zittau und anderen Orten kommt es zeiLmeilig zu lokalen, durch die Not verursachten Ausschreitungen — dazu benützen will, um militärisch einzuschreiten. Verschärft wird die Situation durch die separatistische Bewegung im Rheinland, die nach den letzten Meldungen zu einem.Hauptschlag ausholt. Und gerade dort im Rheinlande kann ein ausfliegender Funke das Pulve'-saß zur Explosion dringen. Die Ruhrhilfe bleib: aus und bis zur Regelung der Verhältnisse im Ruhrgebiet und in dem durch die Ereignisse betroffenen. übrigen Rheinland muß noch geraume Zeit vergehen, weil sie Frankreich gern hinausschieben wird. Frankreich will nach Londoner und Pariser Meldungen zuerst einen Waffenstillstand im Rührgebiet sestsetzen, der eincr definitiven Regelung der Rührfragc vora-usgehen soll. Es stellt selbst für die Durchführung dieses Waffenstillstandes an der Rühr schwere K ontr ol lbedi ngung e n und Forderungen nach B e st e u e r u n g d e r K o h l e und des Exports von Erzen. Aber selbst die schweren Aber auch außerhalb Bayerns rührt sich die Sabotage. Die Aufhebung dcs passiven Widerstandes wird von der deutschen Landwirtschaft und ihrer Organisation, -dem Reichslandbund, von derselben deutscher: Landwirtschaft, welche die Ruhrinflation zu RiesengLvnnnen benützt hat, mit einem Protest beantwortet, der einer Drohung nrit Sabotage gleichkommt. Fm R n h r g e b i e t selbst nracht sich die kommu n: st i s ch e Bewegung die Situation zunutze. Irr allen Städten des Ruhrgebietes agitieren kommunistische Redner gegen das Aufgeben des passiven Widerstandes. Das ist der Aufmarsch von links. Die Aufmarschpläne von rechts sind nicht ganz durchsichtig. Die Hitler-Leute haben alle ihre Kräfte in München konzentriert und auch die ihnen, gesinnungsverwandten Führer aus O e sterrei ch und der Tschecho-Slowakei hinberufen. Proskriptionslisten wurden aufgestellt. Man spricht von militärischerBereitschaft der hakenkreuzlerischen Kampfformationen. Nur dürften wohl die Hiiler-Leute in der gegebenen Situation es schwer haben, eine:: Krieg nach zwei Fronten, den einen gegen Kahr und der: anderen gegen links zu sichren. Aber es ist nicht so sicher, daß die Front Kahr wirklich besteht. Denn Kahrs Ziele waren stets zu deutlich gegen Reich und Republik gerichtet, als daß sich nicht eine Bundesgenossenschaft mit Hitler ergeben könnte. Gegenwärtig steht die Situation so: Das Reich hat einen Diktator ernannt, der über dem in Bayern ernannten Diktator stehen soll. Kann eine solche Doppeldiktatur heute noch ohne Bürgerkrieg das Reich ganz erhalten? Das ist Deutschlands Schicksalssiage. Kahr soll die Macht an General Lossow übergeben. Berlin, 27. September. Wie der „Vorwärts" meldet, gehe durch die Verordnung des Reichspräsidenten die vollziehende Gewalt in Bayern von Dr. Kahr aus den dortigen Kommandanten der Reichswehr, Genera! v. Lossow, über. Die Reichsregierung werde an die bayrische Staatsregierung das Ersuchen richten, die bayrischeSonderverordnnng z u r ü ck z u z i e h e n. Sollte es zwischen dem Inhaber der vollziehenden Geivalt in Bayern, General v. Lossow, und dem bayrischen Gencralstaatskonunissär zu Kompetenzstreitigkeitei: kommen, gehe die Zuständigkeit Lossows vor, nach dem Grundsatz: Reich?recht bricht Landesrecht. Ruhe in München. München, 27. September. Nach dem Erlaß des B c rbote.s der heutigen 14 H i tle r-B e r sa n: ml u n g e n begaben sich Vertreter der Nationalsozialisten zun: Generalstaatskommissär Kahr, um das Verbot rückgängig zu machen. Ihre Bemühungen blieben erfolglos. Durch eine weitere Anordnung des Generalstaatskommissärs sind aile politischen Versammlungen sowie Versammlungen unter freiem Himmel verboten. . München, 27. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Abteilungen von Reichswehr und Landespolizei hallen zur Stunde (halb 12 Uhr nachts) die Versammlungslokale beseht. Die Ruhe wurde nirgends g e st ö r t, doch bleiben die militärischen Abteilungen weiter vor den Lokalen, um etwa für später geplante Versammlungen oder Aufmärsche zu verhindern. Ludendorfs ist — brav. München, 27. September. (General Ludendorss teilt den „Neuesten Münchner Nachrichten" mit, daß er nicht im entferntesten daran denke, eine Revolution in Bayern herbeizuführen. Alles, was ihm diesbezüglich in der Korrespondenz der Bayrischen Volkspartei unterschoben werde, sei eine glatte Erfindung und völlig grundlos. (?) 88. September 1923 Nr. 18« Bewaffnete Lebensmittelplünderer. Berlin, 27. September. Die Plünderungen a% den: Lande nehmen in Sachsen einen riesigen Umfang an. Allem in der Umgebung von Leipzig sind, nach offiziellen Mitteilungen des Landbundes, viel« tausend Zentner Kartoffeln gestohlen worden. Ganze Banden bis zur Stärke vor: 160 Mann ziehen teils am hellen.Tage, teils in der Nacht, mit Knüppeln bewaffnet auf das Land, wo.sie die Bauem :md die Polizei verjagen und dann plündern. Blutige Strahenexzesse in Aimaberg. Annaberg, 27. September. Infolge eines von den Rechtsradikalen am 22. d. auf dem Marktplatz veranstalteten militärischen Aufmarsches, der die Arbeiterschaft ungeheuer erregt hatte, ist es gestern nachts zu blutigen Zusammenstößen zwischen Rechtsradikalen und Arbeitern gekommen, wobei eine Person getö-te-t, fünf schwer und zwanzig' leicht verletzt worden sind. - Die deutsche Reichstagssitzung. Die Aussprach« verschoben. Berlin, 27. September (Wolfs.) Der Reichstag trat heute nachmittags.zu einer Plenarsitzung zusammen. . Präsident Loebe wies bei Eröffnung der Sitzung auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Aufgaben hin,und sprach die Hoffnung aus, daß eine starke, auf das Parlament gestützte Reichsgewalt alle Anstürme auf die Einheit der Republik zurückw eisen werde. Es folgte sodann eine G e schäft Sordnun g s« d e b a t t e. Der Deutschvölkische G r a e s e und der Kommunist Barth verlangten, daß der Reichskanzler veranlaßt werde, eingehend über die Lage zu berichten. Auch der Deutschnationale Schultz aus Blomberg verlangte sofort die große politische Aussprache. Der Sozialdemokrat M ü l l e r -- F r a nken erklärte, er halte eine baldige politische Aussprache für notwendig. Nach der gestrigen Rede des Reichskanzlers im auswärtigen Ausschuß habe sich gezeigt, daß das Land hinter der Regierung stehe. Der Reichstag lehnte schließlich einen deutschvölkischen und einen kommunistischen Antrag ab, wonach der Reichskanzler ersucht werden sollte, sofort über die Lage zu berichten, ebenso einen kommunistischen Antrag aus sofortige Beratung des kommunistischen Antrages aus Aufhebung des bayrischen Ausnahmszustandes. Nach Erledigung kleinerer Vorlagen vertagte sich der Reichstag aus morgen. Die Wahlen. 805» Wahlrechtrreklamatioven. Nunmehr liegt das Ergebnis der in den eimmfo» ztvcmzig Wiener Bezirken eilvgebrachten Reklamationen vor. Bis einschließlich Dienstag nachmittags langten 56.359 Reklamationen ein. Davon verlMWni 2446 die Ausscheidung nicht 'wahlberechtigter Personen aus den Wählerlisten. Es beträgt also die Gesamtzahl aller Reklamationen fünf Prozent der Wahlberechtigten, während sie in der Zeit vor dom Kriege bei den Wähler: doppelt so hoch war. Kn Wahltriü. Gesterr: nachts wurden feie Plakate der Sozialdemokraten mit Zetteln überklebt, welche an die „j ü d ischer: Wähler" gerichtet sind. Es heißt darauf, daß die Sozialdemokraten den Indien jetzt focre» Heimatre. cht versprechen und sie nach der Wahl wieder im Stiche lassen werden. Die Wählleitung der j ü d i s ch e n W a h lgemeinschast teilt uns mit, daß sic mit die sö m Wahtmanöver nichts zu tun hat. K« Wahlmanöver der „Arbeiter-zeitung Die gestrige „A r b e i t e r z e: t u n g" teilt mit, der Hausbesitzerveroin L'er Leopoldstadt verbreite ein Zirkular, in welchem die Hausbesitzer aufmerksam gemacht werden, daß sie bei folgenden drei Parteien des WM recht reklamieren sollen: Büvgerlich-domokrabische Partei, Ehvistlichsogiale Partei, Jüdisch nationale Partei. Die „Arbeiterzeit.ung" bemerkt dazu: „Das sind alsdie drei Parteien, die die Leopoldstädter Hausherren als die ihnen hörigen 'betrachten. In anderer: Bezirken gehört auch die Groß-deutsche dazu. Die Hausherren -habe:: sich gut ' gesichert: bei Czevnin, bei den Ehvistlichsozialen und bei den Der Nationalrat hat die Verlängerung -er Frist zue Einbringung von Reklamationen für -ie Eiulraguug in -ie Wählerlisten bis 2. Oktober beschlossen« Diese Frist muß ungesäumt benützt werden. Jeder Wahlberechtigte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1923 das 20. Lebensjahr erreicht haben); muß sich unoerzttgttch unter Mitnahme seiner Dokumente (Keimakschein, Geburtsschein, Meldeschein, Patz» Arbeitsbuch usw.) in einem der genannten Reklamationslolale elnsinde«. I. Bez.» Wiefingerftratze 11, 2. Dez., Taborstratze 1 („Wiener Morgenzeilung"), 2. Bez.» Taborstraße 20a, 2. Dez., Ziehusgasse SS» 2. Bez.» Prater» Slurverssratze 1 (Lass Winkler), S. Dez., Löwengasse SS (Lass Ilion), von 4 bis 7 Uhr nachmittags» 9. Bez.» Liechlensteinslratze 11» Zionistische Bezirkssektion» täglich von 8 bis 8 Ahr abends iür -en 9.» 18. und 19. Bezirk» 20. Bez.» Karl Meitztstraße 5, WM" Reklamation kostenlos! Wglich von 9 bis 18 khr «nd von 2 bis 8 Uhr. Sonntag von 9 bis IS Uhr. MW Die Wählt i st e n liegen im Lokale» 1. B e z.» W.i e s i n g e r st r a h e 11» täglich bis 0 Ahr abends zur Einsicht aus. Die.Wählerlisten können auch heule in -en Amlslokalen -er Bezirke (magistratische Bezirksämter) eingesehen weröetr. Äe«e Reklamationen können vor« Samstag den 29. überreicht werde«. Die Reklämattou-lrM eu-el aw Dietmlau den 2. Oktober