Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1660 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Wahlaufruf der jüdischen Wahlgemeinschaft, den wir heute veröffentlichen, faßt in knapper und darum um so prägnanterer Form die Postulate der jüdischen Politik zusammen, welche diesmal in breiter Einheitsfront vor die jüdische Wählerschaft tritt. Die Situation in Oesterreich ist gegenwärtig so weit gediehen, daß der Kampf um die jüdische Gleichberechtigung in den Vordergrund treten muß: Die Hakenkreuzhetze, von Ministern gefördert, das Schandtreiben des Numerus clausus, der Geist, welcher die Rechtsprechung zu unterwühlen droht —, all das spricht eine beredte Sprache. Es gibt Kreise, die bestrebt sind, der jüdischen ' Wählerschaft einzürcden, daß sie für die Seipel-Partei stimmen müsse, weil diese allein die Gewähr biete, daß das Genfer Sanierungswerk ungefährdet vollendet werden könne. Aber, man wird gut tun, daran zu erinnern, daß die Durchführung der Genfer Sanierungspolitik keineswegs ein Monopol der Ehristlichsozialen Partei darstellt, und wenn Herr Seipel sich darauf festgelegt hat, sich mit der Genfer Sanierungspolitik ausschließlich identifiziert zu sehen, so muß man ihn sehr nachdrücklich erinnern, welcher Anteil daran der jüdischen Arbeit zuföllt. Im antisemitischen Parteilager wird man an diese Dinge nicht gern erinnert. Die antisemitische Demagogie mit christlicher oder hakenkrenzlerischer Färbung hat sich zwei verschiedene Register zurechtgelegt, um je nach Bedarf gegen die Juden Hetzen zu können. Wenn von den Umständen gesprochen wird, welche Oesterreich die Sympathie und Hilfe des Auslandes errungen haben, dann klingt^ das -Lsed vom Gewerbeflerß und der arbeitsamen Tüchtigkeit fär österreichischen Bevölkerung, unter welcher man die „bodenständige" arische Bevölkerung verstehen will; ist jedoch von den Vertretern der jüdiscben produktiven Arbeit in Handel und Industrie, von der tausendfältigen und für den Staat unentbehrlichen jüdischen Tätigkeit die Rede, welche die uni Oesterreich gezogenen Barrieren sprengt, den Verkehr mit dem Auslände eingeleitet, und die Stadt Wien vor der Gefahr des Verdorrens behütet hat — auch die sozialdemokratische Wiener Kommunalpolitik wäre ohne diese Voraussetzungen undenkbar —, dann sind flugs die Schimpfargumente gegen jüdisches Spekulantentmn und jüdischen Händlergeist bei der Hand, weil die Hetze nicht einen Augenblick einschlasen darf. Der arische Kaufmann wird , von jenen, welche die Welt in Händler und Helden geteilt sehen,. als schöpferischer Mehrer des nationalen Gutes gepriesen, der jüdische mit allem Schimpf des krämerischen Händlertums bedacht. Mer was im allgemeinen in bezug auf die Wertschätzung der jüdischen Arbeit gilt, das läßt sich auch im einzelnen Nachweisen, und da Bundeskanzler Seipel und seine christlichsozialen und hakenkreuzlerischen Bettgenossen ein kurzes Gedächtnis haben, so wollen wir ihnen ein wenig nachhelfen. Der erste Mann, der den Weg zur Sanierungspolitik Praktisch eröffnet hat, war der Jude Wilhelm Rosenberg, dessen Kenntnisse und dessen Beziehungen zu den ausländischen Finanzkreisen die schwere Pionierarbeit vollbringen konnten, für das ob seiner Wirtschaft in Mißkredit geratene Oesterreich draußen um Vertrauen und Kredit zu werben, und cs war derselbe Dr. Rosenberg, welcher, freilich nur als „Berater" der Regierung — den Ruhm durfte der Jude nicht haben —, die österreichische Finanzpolitik den neuen Bedingungen angepaßt hat. Während so der Jude Rosenberg für den Staat jene sozusagen außenpolitische Arbeit besorgte, saß der Ostjude Schwarzwald im Mnanzministerium, um durch seine innere Währungspolitik einen Zusammenbruch der österreichischen Wirtschaft hintanzuhalten. Das letzte Wort über die von Schwarzwald verfochtenen Grundsätze, die manche Gegnerschaft auslösten, mag noch nicht gesprochen sein, aber schon die Tatsache allein, daß es ohne den Inden wieder einmal' lucht ging, zeigt, wie wenig die Regierungsweisheit der heimischen Politikaster in den Ministerstühlen der jüdischen Fähigkeit entraten kann, und während Rosenbergs tragisches Ende ihn vor weiteren Kränkungen bewahrt hat, nachdem er eines Tages kurzerhand als Berater zu fungieren aufgehört hatte, hat Herr Schwarzwald, der Jude aus dem Buchenlande, deni gestern in der Nationalbank der Nachruf gehalten wurde, erfahren müssen, daß auch die Taufe nicht vor dem Schicksal des Mohren zu bewahren vermag, der seine Schuldigkeit getan hat und gehen kann. Um jedoch die Trias zu komplottiEn. wäkt m .Stelle der sfeft&q An die Wische Wählerschaft Mens! Die Juden stehen in Oesterreich einer entschlossenen antisemitischen Bewegung gegenüber. Der Judenhaß wächst allerorten in bedrohlichem Maße. Unter dem Zeichen des Hakenkreuzes hat eine wilde Judenhetze begonnen. Ausnahmsgesetze, welche Erwerb und Existenz der Juden beschränken sollen, sind angekündigt, die Freizügigkeit der jüdischen Staatsbürger ist gefährdet, der Numerus clausus wurde von Hochschulbehörden proklamiert und den jüdischen Studenten wird selbst ein armseliges Stückchen Brot in der Mensa aeademiea verweigert. In Wort und Schrift werden wir schmählich verleumdet und beschimpft. Bei manchen V e r w a U tungsstellen zeigt sich gehässiger Geist gegen die jüdischen Bürge? und es steht zu besorgen, daß dieser Geist auch in unsere Rechtsprechung eindringen könnte. Männer, welche mit Hilft jüdischer Stimmen auf dem Programm der Gleichberechtigung in die öffentlichen Vertretungskörper entsendet wurden, haben dort versagt und das gleiche Recht der Juden ungenügend vertreten. In dieser Not haben die jüdischen Parteien Wiens angesichts der bevorstehenden Wahlen in Nationalrat und Gemeinderat sich zu einer „Jüdischen Wahl, gemeinschast" zusammengeschlossen, um aus ihren eigenen Reihen Männer in diese beiden Körperschaften zu entsenden, welche die staatsbürgerlichen Rechte der Juden mit Mut und Kraft zu verteidigen geloben. Im Augenblick höchster Gefahr wollen wir alles, was uns trennt, hintanfttzen, um zunächst den Rechtsboden zu schützen, auf welchem wir alle stehen. Wir sind treue Oesterreicher und wollen freudig Mitarbeiten an dem Wiederaufbau dieses Staates. Wir werden jedes Werk unterstütze«, das diesen Wiederaufbau zu fördern geeignet ist. Zur foziMn MrftWe weist M Keg daK JndenLuw/ welches lehrt, daß man sich btt Schwachen und Hilflosen annehmen müsse. In dem Bestreben zur Erhaltung aller Kulturgüter wissen wir uns eins mit den Besten aller Zeiten und Völker. Jüdische Wähler und Wählerinnen Wiens! Folget dem Ruse der „Iüdischen Wahlgemeinschast", schließt Euch zusammen und vereinigt Eure Stimm enaus die Li sie der „Jüdischen Wahlgemeinschaft"! Keine einzige jüdische Stimmedarsverloren ge he n!Jhrkämpst für Euer gutes staatsbürgerliches Recht, für Eure eigene Existenz undfürdieZukunstEur er Kinder! Union österreichischer Juden zionistische Srganisation in Sefterreich Dieser von den obgemimten Organisationen erlassene Ausruf trägt die Unterschriften der führenden Persöw lichkeiten aus allen Parteilagern der Wiener Judenschaft. Sektionschef Schüller, ohne welchen keine einzige handelspolitische Maßnahme erfolgen kann, mit dessen Namen alles das verknüpft ist, was österreichisches Handelsabkommen heißt, und dem jüngst Herr Seipel die undankbare Rolle zugcwiesen hat, einem jüdischen Interviewer in Warschau zu versichern, in Oesterreich gelbe es keine Judenfrage! Der Jude Schüller schien Herrn Seipel besonders beglaubigt, diese Versicherung — wir wollen hoffen, wider besseres Wissen — abzugeben, während der Bundeskanzler für seinen Teil das Schweigen für diplomatischer hielt. Die antisemitische politische Phalanx kennt in der Tat insoserne keine Judenfrage, als sie nichts dagegen hat, daß das Können jüdischer Persönlichkeiten und die wirtschaftliche Betriebsamkeit der jüdischen Masse ihr den Staat sanieren helfe; glaubt man aber das Werk unter Dach, dann spricht der Bundeskanzler mit deutlicher Betonung^von der „bodenständigen Bevölkerung", der „sein" Werl zugute kommen soll, was, in klare Worte gekleidet, die Ansage des wirtschaftlichen Kampfes gegen die Juden bedeutet, dann werden die Schleusen der antisemitischen Schlammflut geöffnet und die Hetze geht in allen Registern los. .Der Regierungsanüsemiiismus kennt keine Judenfrage: Er ist bereit, auch von Herrn Sieghart Wahlgelder zu nehmen, seine pogromistischen; Sturmtrupps von den auch-jüdischen Trabanten des Jndustriellenbnnd-Urban füttern zu lassen und die sogenannte „Judenpresse", die ein Winkelchen auch für die Mmnkryjuden der bürgerlich-demokratischen Chamäleonpolitik von Czernins Gnaden offen hält, darf ungehindert für Herrn Seipel die Pauke schlagen, der ihnen dafür den stehend getauften Herrn Weinberger aus Brünn als christlichsozialen Zählkandidaten präsentiert. Aber alle diese Praktiken werden es nicht vermögen, die ehrliche jüdische Wählerschaft über die ihr drohende Gefahr hiuwegzutäuschen, und sie wird. am 21. Oktober wie ew Mann kür die Milche GircheitSW» BalÄtvin für ein inniger BerhAtnir mit Frankreich. Northampton, 27. September. In einer im Overstone* Park-College gehaltenen Rede erklärte Premierminister B a l d w i n, die stärkste Hoffnung auf die Regelung der gegenwärtigen europäischen Lage beruhe auf innigen Beziehungen zwischen Frankreich und Großbritannien. Die Lösung aller Fragen würde sich unvergleichlich schwieriger gestalten, wenn irgendetwas die beiden trennen würde. An die Stelle einer Atmosphäre des Zwanges und des Mißtrauens, die zur Zeit bestanden ljabe, als das britische Ministerium ans Ruder kam, sei eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens getreten. Die Wichtigkeit einer Entente werde heute in Paris und London anerkannt. Die Besprechungen mit P o i n c a r e hätten zur Wiederherstellung der früheren guten Beziehungen b e i g e t r a g e n. Die Italiener wieder dar Korfu! Korfu, 27. September. (Havas.) Vier italienische Panzerschiffe und sieben Torpedobootzerstörer sind zurückgerehrt und 'haben Anker geworfen. Der Grund ihrer Rückkehr ist unbekannt. In der Stadt, in der Ruhe herrscht, macht sich eine gewisse Unsicherheit fühlbar, da es den Anschein hat, das; die ganze italienische Motte wieder zurückkehre. (Gestern war ess.- ziell die Räumung von Korps' gemeldet worden.) Ende des passiven Widerstandes. Berlin, 27. September. Int Reichsgesetzblatt erscheint eine f ü f o r t i n Kraft tretende Verordnung des Reichspräsidenten und der Reichsregierung über die Aushebung der aus Anlaß des Einbruches der Franzosen erlassenen Verordnungen. (Damit hat der passive Widerftanb m beSchm achgchörtH