Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1659 (27.9.1923)
- Date
- 1923-09-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Veite 4 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitrmg. 87. SelMmver 1988 Nr. 1889 Sie Zagessrdnung des denffchrn Aeichslogsr. Berlin, 20. September. (Wolff.) Der Aelwstenrat hat heute beschlossen, die politische Aussprache im R-eichstags- Plemttu erst am kommenden Dienstag beginnen, zu lassen. In den bis dahin stattfindcndeu Sitzungen Unrd sich der Reichstag u. a. mit der Abänderung des BanksKell-cs und mit dem W ä h r uugsgese t; beschäftigen. Erst - 17 Site Ü3?"! Berlin, 26. September. Bon heute an tritt eine neue Prclserhöllnng für nmrken freies Brot auf 17 M illiouen Mark ein. doch wird bereits angKnudigt. daß das Brotsich zn Beginn der kemn^nden Woche bereits auf 20'M ill i o n c n B'. a r k stellen wird. Achiundztvanzigmillionensacher Index. Dcrl'.n. 26. Seochulber.' Die R e i ch s i n d c x- Ziffer für die Lebenshaltungskosten stellt sich nach den Berechnungen des statistischen Reichsarntes für den 24. d. ans das Llchtundzwauz'.gmillionenfache der Vorkriegszeit. Die Steig crung gegenüber der Vorwoche (14,2 Millionen) beträgt somit 9 7 Prozent. MMMA. Berlin, 26. September. (Del.-Komp.) Angesichts der Lußerord'n.lichen Notlage weiter Bevölkermigskreise hat die preußische Regierung beschlossen, Volksausspeisungeu zu organisieren, ritte zur Durchführung dieser Aktion g.'eig'-'.eter. konnnunrlerr uu.d Privaten Organisationen und. technischen Mittel sollen zusammen mit den Hilfsni'irtclu des Staates in größtmöglichem Ausmaß herangezogen weiden. Ein Schritt -er Entente bevorstehend. Berlin, 26. September. Das „Berliner Tageblatt" erstihrt. daß n der Angelegenheit der Waffenfunde bei K o nt tu u u; [t.c u Schritte der Entente bei der Reichsregierun' bevorstebrn. Die interMierte M-litärkommission süßte sich beunruhigt durch die Mitteilung, daß legale A a ffc n kaufe der russischen Regierung in Deutschland erfolgen konnten; sie erblicke darin einen Bruch des V e r s a i l l e r V e r t r a g e s. Ir? NchtchuLschWschs krheitrt. Berlin, 26. September. (Wolfs.) Die Berliner politische Polizei hat in der vergangenen Nacht in einem Privathause eine Versammlung von politisch rechtsstehenden Personen ausgehoben. Die Versammlung eoar von dem ehemaligen Leiter des verbotenen Berliner Selbstschutzes cin&erufcn worden. Da der Verdacht bestand, daß es sich um eine Veranstaltung des verbotenen Berliner Selbstschutzes handle, wurden 19 Teilnehmer der Versammlung zum Polizeipräsidium gebracht. M MWrmiMs sch'ÄW RrWischr. Die sozialdemokratische Wochenschrift „Die Glocke" ntoldet, die s ch lefische Reichswehr habe sich unlängst geweigert, mit dem zuständigen Referenten im Breslauer Oberpränd-ium zu verkehren, weil dieser Pari f i st u n d I u d e fei. Ter betreffende Referent wurde danach aus seiner Stelle entfernt. — Woraus man nur schließen kann, welche verläßliche Stütze der republikanische G-eisr an dieser Reichswehr haben mag! As NMÄlMs Asgiermg fs«M«iert dis WHWr-ZMMM'srmz. Bukarest, 25. September. kJ. C. B.) Der rumänische Minifterrat beriet über die Ausiveisun-g der ukrainischen Flüchtlinge aus ganz Rumänien und stimmte dem Austve isu ngs Pr rar e mm des Innenministers Ba it o i a n u vollkommen zu. Jas Berbrechen don ZaviNll. Die Entscheidung der Bot'chafterkonfereuz. Rom, 26. September. Die „Tribnna" meldet über die heutige Sitzung des Botschafterkettserenz aus Paris, daß attch der englische Vertreter Lord Crew e, nachdem er treue Instruktionen von London erhalten hatte, der vom französischen Vertreter C a m b o n auf das kräftigste vertretenen italienischen Anschauung beigepflichtet habe, daß das Versäumnis der griechischen Regierung bei Ausforschung der Mörder von Irmina gegeben und Griechenland daher verpflichtet sei, die Genugtuung von 50 Millionen Lire cm Italien zu leisten. Die Entscheidung wurde einstimmig gefällt. Heute nachmittags traten die Sekretäre der Botschafter zusammen, tun den Modus der Auszahlung dieser Summe zu regeln. Die Räumung Korfus beendet. R.om, 26. September. Die Räumung von Korfu hat heute begonnen und war abends beendet. Morgen früh wird die griechische Flagge tvieder aufgezogen werden. Die Arbeiten des Bölkerhmdes. G Dis litauische Frage vertagt. - Das Verfahren beim Mirroritätenschutz. Genf, 25. September. (Schweiz. Dcp.-Ag.) In der .Stom -nißion für Politische Fragen wurde beschlossen, die l i t a u ls ch e Frage wieder von der Tagesordnung der Versammlung abzusetzen, da die litauische Negierung wünsche, vom ständigen uUernationalen Gerichtshof eine Aeußerung über die Streitpunkte einzuholen. Auf Ersuchen Estlands wurde die Frage des e -■>ZU) indc r. heilen E st l a n d * Lbeufalls von der Tagesordnung abgesetzt. Die Kommission prüfte sodann die Frage des beim Minderheitsschutz einizuschlagendcn Verfahrens. Die gemischte AbrüfiriuigSkouimission. Genf, 26. Sesllember. (Tel.-Komp.) In der heutigen Sitzung der dritten Kommission wunde das Mandat der g emischten A b r ü ft u n g s k o m m i s s i ö n, um das gestern ein heftiger Kampf entbrannt war, um ein Jahr verlängert. Der Rat wurde ersucht, er möge die Arbeiten dieser Kommission mit der ständigen militärischen Kommission so verbinden, daß bei einer im nächsten Jahre stattfin-denden Anftösung der Abrüstungskommission die Arbeiten der Mlitärkommissiou fortgeführt werden könnten. Eitte längere Atrssprache entstand darüber, in welcher Form der gegenseitige (^arantievertrag der Versammlung vorgeleat werden könne, da der vom juristischen Ausschuß revidierte Text in mancher Hinsicht dem übrigen Wortlaut widerspricht. Lange (Rovlvegen) forderte den Berichterstatter Dr. B e n e s ch auf, sich darüber zu äußern. Dieser erwiderte, man könne der Versammlung des Völkerbundes nur die Bedenken der Juristen gegen den Wortlaut einiger Artikel vor- . legen. Motta erklärte, -daß -die Schweiz in Anbetracht ihrer besonderen Verhältnisse an der Abstimmung nicht teilnehmen könne. Polen «nd die Mecho-Slowakei - Kandidaten Kr den Völkerbnndrat. Warschau, 26. September. (Tel.-Komp.) Blättermeldungeu aus Genf zufolge ist zwischen den Delegierten Polens, der Staaten der kleinen Entente und den baltischen Staaten bei der Völkerbund-Versammlung ein Abkommen getroffen worden, wonach diese Staaten bei der bevorstehenden Wahl der nichtständigen Mitglieder des Völkerbundratcs sowohl Polen wie die Tschecho-- Slowakei als Kandidaten anfstellen nnb unterstützen werden. ÄMsbericht. 8vMmeMchea-8ria«era«se». Der reichsdeutsche Goethe. Es war in einem kleinen mecklenburgischen Seebad. In. der Pension hatten sich lauter gebildete Menschen zusammengefnnden. Nach dem Abendessen blieb man noch eine Welle beisammen, plauderte von dem autib jenem und kam, einmal in umgekehrter Rorhsnfolge von den Butte rpressen ausgehend, schließlich auf Litevatur zu sprechen. Und da geschah es, Paß ein Lehrer sich Mit der Frage an mich wendete: „Sagen Sie, bitte, kennt man bei Ihnen auch unseren Goethe?" Der brave Mann hatte sich offenbar borgestellt, daß wir noch bei den Meistersingern hatten. Die unangenehme Familie. In derselbe-n Pension, die bis dahin, mit Ausnahme von uns, nur rassenre'Me Arier beherbergt hatte, erschien eines Tages eine jüdische Familie, Vater, Mutter, Schwester, Schwager und dazu fünf Kinder. Sie gehörten zu der un-angenehmen Gattung von Rassegenossen, waren unerzogen, lärmend, ungebMet und kulturlos. Bei Tische beobachteten sie keinerlei Haltung .und zum Heberfluß hießen die Kinder noch Hcllmnt, Wällmute und ähnlich. In der Gesellschaft norddeutscher <[•." ■••ümtex, Landräte tind Lehrer, die bolzgerade vor ihrem Teller saßen, wirkten die Neuankömmlings wie ein Fremdkörper. Bis dahin war die Frage: Jude oder Nichts ade überhaupt nicht geprüft worden, jetzt stand sie auf der Tagesordnung. Das Ab rücken von der mißliebigen Familie war unverkennbar. Auch wir konnten uns nicht eurschließen, dre Sphäre des stummen Grüßons zu verlassen — die Leute waren zu unangenehm. Aber eines Tages verstanden wir uns doch dazu. Denn einer der Lcmdräte hatte vor uns eine spöttische Bemerkung gemacht und Zustimmung suchend zu uns herübergeblickt. Also gab es keine Wahl mehr, und wir sprachen das Familienoberhaupt an, sprachen 'ihn als Juden an. Der Mann errötete wie -ein Backfisch. „Ich Hab' schon geglaubt, Sie wollen auch nichts von uns wissen," sagte er, halb demütig, halb bitter. „Na ja, ich Hab' ja keine feine Bildung genössen. ' Mein seliger Vater -war Marktfiercmt, wenn Sie wissen, was das ist. Da Hab' ich keine Zeit gehabt, auf's Gymnasium zu gehen." Wir schämten uns beide. Aber drei Tage später hatte Ewclldchen schon begriffen, daß er Erwachsenen nicht das Wort abschneiden dürfe, und Wattvautchen entschloß sich, den Trauerrand ihrer Finger zu beseitigen. Und als wir zwei Wochen spät-er abreisten, da bedankte sich die ganze Familie bei uns mit -einer H.'rzlichkeit und Ausdauer, daß sich das Gefühl der Beschämung für uns verstärkte. §tt imferem Aomartteil beginnt heute eine jüdische Legende zu erscheinen, die ans der Feder eineSstmgarischeri Schriftstellers, Z olta n Na g y, stanrmt. Settvisch, ÄZr Fohrmm« von ZoltM Magh ist eine üvirlittch künstlerische Schöpstlng jüdischen Legeindensti-ls, tvelche iit der Jtnrigkeit und Einfachheit der jüdischen Legende den itcfcit Sinn für die jüdische Auffassung vvit Recht und Gnade zitm Ausdruck bringt. Wir hoffen damit rmseren Lesern, die wir hier mit einen: eigenartigen Gebiet der jüdischen ErzäUnngSknnll be'annt mackieu, «.'inen willk'^nnenei'. Vrilr^a zu ,ze??r Bim bam... Zur Mschaffung einer neuen Kirchmgslock wird *wt einer alpenlaichischen Sommerfrische bei de< Sommergästen gesammelt. In schöner Gleichmäßigkeit bs Ghrist und Jud. In schöner GlÄchmäßtgkett steuem beide, iberi heißt die Juden sel-bstverstäMich immer ein bißchen mehr ab die Christen. Ein jüdischer Neuantömmlin-g weist den Sammet bogen mit dem Hinweis auf seine Rasse zurück. ^Aber Wü macht ja nix," beschwichtigt der Sammler. Trotzdem beharr -der Jude bei seiner Ablehnung. „Ich habe gar kein Interest an der Erneu-evung von Kirchenglocken," erklärt er, „Sie wüv den mir wchrfcheiulich ft":r eine Thvrarolle auch nichts geben.' Die auder-c-n jüdsschen Sommergäste sind empört über de Tattlosiglkeit. Der Bauer kratzt sich verdutzt den Köpf — ft etwas ist ihm noch nicht vorgekommen. Reinliche Scheidung. Verläßliche Augenzeugen bedichten daß in den Pensionen polnischer Sommerfrischen und Kurvrü (die, dank unserem ,Bdeldall«s" Heuer glänzend besucht ge, Wesen sein sollen) vielfach zwei Tische gedeckt waren, einer fitf Ehrliste r: und einer für Juden. Änd es soll Juden gegebe: haben, die sich hochgechrt fühlten, wenn sie gelegentlich einmal zur Chrislentofel Augolaffe-n wurden. Dieser Bericht wird -vor vielen unglaubwürdig gefunden. Mer warum sollten Miene, Inden eigentlich irgeüdsinr Würdelvsigkeit für uumögt ick halten? - K. M. Sir Alfred Monds Keren Saieffod-Prodaganvk in New-Dork. Aus New-Dork meldet I. C. B.: Sir Mfved Mond iss mit dem Dampfer „Bevengaria" in New-Nork einge. troffen. Er wird dort an mehreren öffeEchen Unterneh. mu'ngen im Interesse ides Keren Hajessod teilnehmen. Es sind Vorbereitungen zu einem großen öffentlichen Emp> fang Sir Msred Monds getroffen worden. 8» Sowjettnßlaud ist zionismns ftaatsgeföhrlich. Aus Kiew meldet I. C. B.: Bor kurzem fand hu Lip-> vetz, Gouvernement Kiew, eine Gerichtsverhandlung gegen W Juden statt, die angoNagt waren, zionistisch tätig gewesen zu sein. Me wurden fveig«f!pwchen, nur ein hebräischer Lchrer, der vor etwa zwei Jahren aus Palästina zurückgekehrt ist, wurüe unter der Beschuldigung ver. urteilt, etwa 126 Kindern Unterricht in Hebräisch und Pentateuch gegeben zu haben. Der König von kngiand an de« Fnternationalen Stndentenbnnd. London, 36. September. (Wolfs.) Der König hat an den Ausschuß des Internationalen Sindcntenb und es anläßlich seiner ersten Znsammendunft aus britischem Boden ein Telegramm gesaM, worin er die Hoffnung ausspricht, daß die Versammelten helfeü werden, den Geist gegenseitiger Verständigung und guten .Willens unter den Nationen zu fördern, der für den Frieds' °,t und das Gedeihen der Wett wesentlich sei. Diebstahl im Bndapester Giro« Md Kaffen verein. Aus Budapest wird uns gemeldet: Beim Mro- und Kassendewin, wo geistern 'wogen LohMsfereuzen eine Bewegung der Beamten ausgebrochm ist, wutÄe heute ein Diebstahl von Aktien im Werde von 30 Millionen Kronen entdeckt. Die sofort erngeleitete Untersuchung endete mit einem übervafchenden Resultat: Der Buveauchef der bestohlenen Abteilung Josef K e r t e s z, der die Lohnbewegung der Beamten in Szem setzte, wurde zur Polizei vorgeladen und auf Grund der Erhebungen wurde festgestellt, daß Kertesz den Diebstahl verübt und daun die Lohnbewegung inszeniert hat, in der Hoffnung, während des Streiks von Budapest verschw inden zu können. Kertesz wurde der Staatsanwaltschaft überstellt. _ An der Prager UniverffM beginnt die Hakenkrenzlerhetze. Da das Studienjahr an den Prager Hochschulen am sängt, beginnen die Haikenkreuzstudenten nachzudenken, wie man es am -besten -mit einer solennen Störung des Studienbetrie'bes einleiten konnte. Die Exzesse gegen den -Rektor Steinherz haben den tschechischen Unterrichts-mimfter genötigt, die deutsche Hochschule gegen die deutschen Studenten schützen zu müssen. Die Jünglinge haben die Blamage eingesteckt — nun a'ber kann es losgehen. Bei den jetzigen Gcmeinderatswcchlen hat näntlich ein Dozent Dr. Hecht anls der kommunistischen, ein Professor Fischer auf der sozialdemokratischen Liste kandidiert und außerdem ist ein Jude, Professor Kisch, an die Universität beruifen worden. Darauf hin hat der Prager akademische Hakenkreuzpöbel eine Eingabe an den akademischen Senat gerichtet, in der es von Entrüstung nur -so wimmelt, den genannten Professoren „tiefsten Abscheu" ausgedrückt und der Senat befragt wird, ob er den Studenten die Entfernung der genannten Lchrer überlassen wolle, falls er ihnen nicht selbst das „Gastrecht" etttzi-che. Es wird gedroht, daß die Herren Studenten die „Berfudung" der Hochschule uicht ruhig dulden werden. Daher wird dem — akademischen Senat die -Verantwortung für die Unruhen, die durch die Vernfun-g eines .jüdischen Pr-oifessors hevansbeschworen werde" zu-geschoben. Mit anderen Worten: es kann wieder loSgeheu! Große Arbriteramsperrnnn in Kiel. Aus Kiel wird gemeldet: Da die Arbeiierschaft der HolvaldZ-Werte wegen Entlassung eines Arbeiters die Arbeit niebergelegt hatte, sperrten die Werke hkr,!.? "' > M a n u aus. die fall d °, c gs,i m. t c B -> J -?!)-! I tVlt, \ 1