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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-27 · Heft 1659 (27.9.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1659 (27.9.1923)
Date
1923-09-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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\ Veite J Men. Donnerstag Wiener? Morflenzeitung. 27. Soptiomber 1923 Nr. 1659 Dir Nationialso-ialisten füi-.icu sich Ivo nie cucn schon so stark, daß sie auch den Rücktritt eines Ministers fordern zu können fllaitkit . . . Die „Münchner Post" weist darauf Hu, daß die Meldungen über die Vordere innig en. der Vaierlüudischen Kan:psoerbä>'.de beweisen, daß ein Ge-valtstreich gegen den versassnugsmäßigen Zustand des Reiches und der Länder geplant sei. Das Blait mahnt die Arbeiter gur größte'.: Delbstoehcrrschnng. Wie das Blait erfährt, sei von der Organisation „Oberland" der Befehl ansgegeben worden, Freitag, 4 Uhr früh, mit Waffen ans dem Alarmplatz tu sein. Zn einem weiteren v c r t r a n l i ch e n B e fehl sei den Mitgliedern der Organisation die Abreise von München strengstens verboten worden. BerhaftANKLN? ■: Berlin. Berlin, 26. September. Die polnische Polizei hat in der vergangenen Nach: eine Anzab! von rechtsradikalen P e r s o n e n v e r b a f t c t. die sich mit P n t s ch a b s i ch t c n rrugen. Weirere Bcrbafn.rnaen sieben bevor. Z:n Interesse der Untersuchung wird in dieser Angelegenbeit Stillschweigen beobachtet. Krchr — TsserMmMMr Kr ÄrZMW. ZArKtlkche München, 26. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Ter bayrische Minisierrat hat in seiner heutigen Sitzung den früheren Ministerpräsidenten Kahr zum Generalkommissär für die öffentliche Ordnung ernannt und ihn mit besonderen Vollmachten ausgestattet. Dieser Schritt wird in linksstehenden .Kreisen allgemein als Vorstoß der M o u a r ch i st e n betrachtet. Fine HrEMMM 8s? Negirrnug. DA augebünbiate Proklamation der deutschen Regierung, welche der deutschen Bevölkerung den Abbruch des passiven Widerstandes bekannt gibt, ist nunmehr erschienen. Oie schlägt die nationale Rete an, unterstreicht die Ge-wältraten der französischen Bcsatznngsbehörden und dankt der Bevölkerungdes besetzten Gebietes, welche sich aus Rechtsgefühl und vaterländischer GAsinnnng geioeigert habe, unter fremden Bajon.etten zu arbeiten. Tie Kapitulation vor dem französischen Willen wird mit der wirtschaftlichen Unmöglichkeit begründe, an dem bisherigen Verfahren fcstzuhalven, welches einen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft urrb d-» Sicherem^ der nackten Existenz unmöglich nmches würde. Die deutsche Regierung betont ihre Auffassung, daß sie nur der bitteren Notwendigkeit weiche, wenn sie der: Kamps abbricht, und sucht so jedem Zweifel zu beg.guen, als ob sich in ihren Anschauungen bezüglich d:r RcchLSfWHr irgend etwas geändert hätte. Als HanptanMoe der Negierung wird bezeichnet, daftrr zu sorgen, doch i?ie Gefangenen befreit und die Vertriebenen wieder in ihre Heimat znrückkehren können; mit welchen Mitteln dies ru b.uverkstelllzen stin wird, sagt der Aufruf nicht. Diese Proklamation will lediglich als solche gelesen werden; sie ist ein Ausruf au das Volk, welcher mit Gefiihlstöneu arbeiten muß. um eine gewisse Wirkung zu erzneien, und der genötigt ist, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß man der Bevölkerung durch lange Monate den passiven böider'tand, diese unsinnigste aller Maßregeln, als der politischen Weisheit letzten Schluß verkündet hat. Die Hauptsache ist, daß durch ein offizielles Aktenstück, welches die Unterschrift des Reichspräsidenten und der verantwortl-chen Minister trägt, die Einstellung des Widerstandes proklamiert wird, und in Paris wird man nicht erwartet haben, daß sich in dieser Proklamation das offizielle Deutschland reuig an die Brust schlagen wird. Es ist in der Tat eine neue Situation geschaffen worden, und wenngleich sie viel mehr als ein Produkt der Rot, denn als Folge einer besseren politischen Einsicht erscheint, so ist doch d'ie unumgängliche Forderung der französischen Regierung nunmehr erfüllt. Für Deutschlands Siaaislcnker ergibt sich nunmehr die Ausgabe, ihre ganze Kraft daran zu wenden, daß im besetzten Gebiet normale ArbeitSverhä-ltmsse wiederköhven und daß die Ruhe im Inner:: bewahrt bleibe. Deutschland muß alles tun. um die Möglichkeit neuer Verhandlungen zu schassen, beziehungsweise diese zn 'beschleunigen. Die Proklamatieu fordert das Volk aus, einig zusamwenzuistehen, um so alle Absichten aus Zcrtrümmenmg 'des Reiches zunichte zu machen. Nunmehr liegt es an Deutschland, durch seine eigene Haltung Frankreich zn einer klaren Willensentscheidung zu zwingen und' jenen angeblichen Absichten, welche man in Paris stets bestritten hat, wirksam zu parieren. Berlin, 26. September. (Wolfs.) Die vom Reichspräsi- Seuten. und vc.n sämtlichen Mitgliedern des Reichskabinetts Unterzeichnete Proklamation an das 'deutsche Volk hat folgende!: Wortlaut: An: 11. Jänner haben französische und belgische Truppe!: wider Recht und' Vertrag das deutsche Ruhrgebiet besetzt. Seit dieser Zeit hatten Ruhrgebiet und Rheinland schwerste Bedrückungen, zu leiden, lieber 180.000 d e u tsche M ä n n e r, F r a n c n, Greise u n d K i nd e r sind von -Haus und Dos vertrieben worden. Für Millionen Deutsche gibt es der: Begriff der persönlichen Freiheit nicht mehr. Gewalttaten ohne Zahl haben den Weg der Okkupation begleitet. M e h r a l s hundert Volksgenossen haben ihr Leben da hin geben müssen. Hunderte schmachten noch in Gefängnissen, liegen die Unrechtmäßigkett d'es Einbruches erhoben sich Rechtsgefühl und vaterländische Gesinnung. Die Bevölkerung weigerte sich, unter fremden Bajonetten zu arbeiten. Für diese den». Deutschen Reich in schwerster Zeit bewiesene y-xxii' und Standhaftigkeit dankt das ganze deutsche Voll. Die Neichsregurnng hatte es unternommen, nach ihren Kräften für die leidenden Volksgenossen zu sorgen. In iM'iner steigenden: Maße sind die Mittel des Reiches -dadurch tu Anspruch genommen worden. In der abgelan-fenen Woche erreichter: die Unterstützungen für Rhein und Ruhr die Summe von 3,5 Billionen. In der lausenden Wo che ist mindestens die Verdoppln u g dieser Summe zu ertvarten. Die einstige P r o d u k t i o r: des RheInlandes ur:d deS Rnhrgebietes hat ansgchört. Das Wirtschaftsleben im besetzter: und unbesetzte!: Deutschland ist zerrüttet. Mit frrrchtbarcm Ernst droht die Gefahr, daß bei F e st h alten an dem bisherigen Verfahren die Schaffung einer geordneten Wähnmg, die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens und damit die Sicherung der nackten E x i st e n z für unser Volk u uu: öglich wird. Diese Gefahr muß in: Interesse -der Zukunft Deutschlands ebenso wie im Interesse von Ruhr und Rhein abgcwehvt werden. Nur das Leber: von Volk und Staat zu erhalten, stehen wir heute vor der bitteren Notwendigkeit, den Kampf a bzu b rechen. Wir wissen, daß wir damit von den Bewohnern der besetzten Gebiete noch größere seelische Opfer als bisher verlangen. Heroisch war ihr Karnpf, beispiellos ihre Selbstbeherrschung. Wir werden niemals vergessen, tvas diejenigen erlitten, die im besetzten Gebiete duldeten. Wir worden niemals vergessen, was diejenigen ausgaben, die lieber die Heimat verließen als dem Vaterlande die Treue zu brechen. Dafür zu sorgen, daß die G e fange« nen freigegeben werdvn, daß die Verstoßener zu rück kehren, bleibt die vornehmste Aufgabe bei Ruchsregierung. Vor allen wirtschaftlichen -mti) materiellen Sorgen steht der Kampf für diese elementare»! Menschenrechte. Deutschland hat sich bereit erklärt, die schwersten materiellen Opfer für die Freiheit deutscher Volksgenossen und deutscher Erde auf sich zu nehmen. Diese Frei« heit ist uns aber kein Objekt für Verhandlungen oder fi'n Tauschgeschäfte. Reichspräsi-dent und Rerchsregierrurg versichern feierlich vor den: deutschen Volk und vor der gaw zen Welt, ftijj sie sich zu keiner Abmachung verstehcr: wer« den, die auch nur das klein ft c S t it ck (S rd c vom Deutschen Reiche losilöst. In der Hand der EinbruchKnmchie und ihrer Verbündeten liegt es, ob sie durch Anerkennung dieser Auffassung Deutschland beit Frieden lviedeGeben oder mit der Verweigerung deS Friedens alle die Folgen herbeiführen wollen, die 'darauf für die Beziehungen, der Völker entstehen müssen. Das -deutsche Volk fordern wir aus, in den bevorfiehen« den Zeiten härtester seelischer Prüfung und materieller Not treu zusammenzustchen. Nur so werden wir alle Absichten aus Zertrümmerung des Reiches zunichte machen, nur so werden wir der Ration ihr Leben erhalten, nur so die Freiheit wiedevgewinnen, die unser unveräußerliches Recht ist Zie Merten haben das Bort. Ae Einstellung des mstiven Widerstandes. — Reue SerbaMmrgen? Die Auffassung in Berlin. Berlin, 25. September. Zur Proklamation der Reichsregierung über die Einstellung des passiven Widerstandes bemerken die Blätter, daß die Proklamation aus der U e b e r z eu g e n n g der Neichsregierung hervorgegangen sei, daß, selbst wenn Deutschland Aussicht hätte, in absehbarer Zeit, nach einigen Wochen oder vielleicht in ein bis zwei Monaten, durch Fortsetzung des Widerstandes etwas Besseres zu erreichen, doch aus innerdeutschen Gründen die Einstellung des Widerstandes erfolgen mußte, ohne daß irgend welche Bedingungen dnrHgesetzt wenden konnten. Bon Kapitulation oder Nichtkapitulation könne bei dieser innerpolitischen Maßnahme der Einstellung des Widerstandes gar nicht gesprochen werden. Diese Frage werde an Deutschland erst herantreten, wenn die Verhandlungen mit den Alliierten zu einem Ergebnis führen, über dessen Annahme oder Nichtannahme, je nach seinem Inhalt, zu entscheiden sein iverbe. Jetzt haben die Alliierten das Wort. Die Haltung Bayerns. München, 26. September. Ministerpräsident Dr. Ät it i lling legte bei einer Pressekonferenz seine Stellung bei den Berliner Beratungen über den Abbau des passiven Widerstandes dar. Er erklärte, daß auch er der übereinstimmenden Ansicht beigepflichtet habe, daß der passive Widerstand angesichts der finanziellen Unmöglichkeit nicht länger fortgesetzt werden könne. Er sei jedoch mit seiner Ansicht allein geblieben, daß der Beschluß zur Einstellung des pastiven Widerstandes nicht Gegenstand einer Mitteilung oder einer Note an die Einbruchsmächte sein dürfe, sondern eine innere Angelegenheit des Reiches bleiben müsse. Auch mit dem Verlangen, daß eine weitere Forderung Bayerns in den: Aufrufe der Neichsregierung zur Geltung komme, daß der Versailler Vertrag als gebrochen betrachtet werde und daß alle Leistungen ruhen müßten, so lange das Reich nicht völlig freie Verfügung über die besetzten Gebiete zurückgewinne, sei er allein geblickben. Schließlich habe er dringend gewarnt, in dem Ausruse der Neichsregierung gleich wieder die Bechandlungsbereitschasr mit den Einbruchsmächten zum Ausdruck z-u bringen. Auch damit sei er allein geblieben. Jubel in Paris. Paris, 26. September. (Tel.-Komp.) Die regtemngsfreundliche Pvesse begrüßt die Einstellung des passiven Widerstandes mit großem Jubel und feiert Po-incave als -den Sieger im Ruhrkampf. Das Journal" fordert, daß Deutschland diesmal Garantien gebe, es genüge nicht, sich auf bloße Versprechungen zu verlassen. Englischer Skeptizismus. London, 26. September. (Tel.-Komp.) Die Einstellung des Passiven Widerstandes wird nur von.'wenigen Zeitungen kommentiert. Allgemein erkennt man an/ daß die Grundfragen, namentlich die Nepargtio-nsfrage, nach wie vor u n g e l ö st sei und daß die eigentlichen Schwierigkeiten erst noch zu überwinden sind. Die „Times" erklären, daß Frankreich einen Pyrrhussieg errungen habe, denn Deutschands Zahlungsfähigkeit sei im Ruhrkampfe bedeutend vermindert worden. D-ie Lösung des R-eparationsProblews sei, soweit sie von dex interalliierten Zusammenarbeit äbhänge, durch die Unterredung zwischen Baldwin und Poincare erleichtert worden. „Daily Expreß" -Nürft die Fragte auf, ob sich England an dem Ertrage des Ruhrpfandes beteiligen könne. Das Blatt erblickt in der Nole vom 11. August, in der die Ruhrbesetzung für ungesetzlich erklärt wird, cm Hindernis. „D aily C h r o n i e l e" ist der Ansicht, -daß die deutsche Kapitulation eine Niederlage für das Prestige Engl a n d s sei und greift die Regierung an, die in den letzten Monaten die Welt zu wenia an die Existenr Großbritanniens erinnert fjafo» Ein Aufruf an die Bevölkerung des besetzten Gebietes. Berlin, 26. September. (Tel.-Komp.) Gleichzeitig mit dem Aufruf an das deutsche Volk ist ein A u f r n f a n d i e Bewohner der besetzten Gebiete erlassen worden zusannnen mit einer Erklärung der Parteien der besetzten Gebiete. Gleichzeitig sind Richtlinien gegeben worden, um zu verhüten, daß sich die Wiederaufnahme der A v> beit im Rnhrgebiet regellos vollzieht. Die Ruhrbevölkerung — niedergeschlagen. — Fnrcht vor kommunistischen Aktionen. Berlin, 26. September. Das „8 Uhr-Blatt" meldet aus dem Ruhrgöbiet: Die Nachricht von dem Beschluß der Regierung, den passiven Widerstand. bedingungslos aufzngeben, wurde in Essen erst geistern nnttags bekannt. Obwohl die Zeitungen in den letzten Tagen die Bevölkerung auf diesen Schritt vorbereitet hatten, war die Wirkung dieses Ereignisses in allen Vevölkerungsschichten niederschmetternd. Die meisten Zeitungen enthalten sich eines Kommentars. In Gewerkschaftskreifen hat man Befürcht» nd «tt hinsichtlich der Haltung der K o tu m u niste n. Die Kommunistenführer selbst erklärten ganz offen, daß sie die augenblickliche Lage zu v e r st ä r k t e r Tätigkeit benützen würden. Berlin, 26. September. Liach einer Meldung der Rassischen Zeitung" aus G c l s e n! i x ch e n wurde der Beschluß der Reichs-vegicrung über die Aufhebung des passiven Widerstandes im Rnhrgebiet ohne jedes Zeichen von Erregung ausgenommen. Das Blatt spricht von -einer gewissen Entspannung, die eine Befreiung von der lähmenden Ungewißheit der letzten Monate herbeigefnhrt hat. Die Geloerkschaften -werden zn der neuen Lage erst Stellung nehmen, nachdem -ihre Vertreter, die an den Berliner Verhandlungen teilgenommen 'hatten, Bericht erstattet haben werden. Die Kommnu'iften, deren gesamte Presse verboten ist, fordern m Flugblättern zur Fortsetzung des passiven Widerstandes und zur Bildung einer A r b e i t e r r e g i erung auf. DK MederaWahme der Arbeit brMrt. Düsseldorf, 26. Septe-nvbor, (Havas.) Srchshrmderk Angestellte der Telephon- und Telegraphen< zentrale von Wiesbaden habe heute unter Führung der Betriebsleiter >dsn französischen Behörden angez-eigt, daß sie die Arbeit bedingungslos wieder auf* n ehme n. Rappenweiser Abzug der Ruhrbeschrmg geplant. Paris, 26. September. „Petit Parisien" nreldet ans London: Politische Kreise glauben zu wissen, daß P o i n c a r e Baldwin die Bereitwilligkeit ansgedrückt habe, im Einvernehmen mit Theunis die Truppen etappenweise von der Ruhr znrückz«ziehen, sobald Deutschland den passiven Widerstand aufgegeben habe, so daß eine unsichtbare Besetzung, wie sie im Jänner geplant war, eilckrttsn würde. Ferner sehe der Plan Poincares die Rückkehr der deutschen B eamten ins Ruhrgebiet vor, um die Wiederausnahn:c der vollen Tätigkeit zu ennöglichen, und zugleich die Betrauung der Roparationskornmission mit der Eintreibrrng der deutschen Zahlungen. Der Vertreter Großbritanniens würde die aktive Mitarbeit in der Kommission aufnehmen. Dieser Plan werdedie Grundlage der heutigen Ministerberatung bilden. Rem Besetzmge«. Düsseldorf, 26. September. (Havas.) Die Elvald^- Schächte in Recklinghausen und eine Fabrik in W i/tt-e.u stuä), geAeyn ohne Zwitckeniall belebt worden.

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