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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-27 · Heft 1659 (27.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1659 (27.9.1923)
Date
1923-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bon unserem Korrespondenten. gebildet, das anher ihm noch Ludendorff, Hauptmarnl BerMerische WM. Er. W i e n, 27. September. Die zwei großen Parteien, die gegenwärtig Oester- Teich beherrschen, haben den Wahlkampf auf eine einzige Parole gestellt: Für Genf oder gegen Genf. Auf diese Weise sollte auch die Gesamtheit der Wähler in zwei große Gruppen geteilt werden, in solche, die für die Sanierung und solche, die gegen das Sanierungswerl des Bundeskanzlers sind. Neben den raffinierten Bestimmungen des neuen Wahlgesetzes ist auch diese Wahlparole ausschließlich darauf angelegt, neben den zwei um die Vorherrschaft in Oesterreich kämpfenden großen Parteien keine andere politische Gruppe zu einer ihrer Zahl und ihrer, wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung entsprechenden Vertretung im Parlament gelangen zu lassen. Alle anderen wirtschaftlichen und sozialen sowie nationalen oder konfessionellen Probleme, die in Oesterreich unausgesetzt aus dem Hinterhalt hervorzubrechen drohen, wurden durch die Taktik dieser beiden großen Parteien verhüllt, um alle jene Wählergruppen, die auf Grund ihrer politischen Ueberzeugung innerlich beiden herrschenden Parteien gleich ferne stehen, zu einem Opfer ihrer Ueberzeugung zu zwingen und sie der einen oder anderen Machtgruppe zuzuführen. So wurden die jüdischen Wähler zunächst vor die Wahl gestellt, ihre Stimmen entweder ihren programmatischen Feinden zuzuwenden, der unter Führung der Christlichsozialen koalierten antisemitischen Einheitsftont, die auf Schritt und Tritt praktischen Antisemitismus betreibt, oder den Sozialdemokraten, die sich auf praktischen Antisemitismus mitunter auch recht gut verstehen. Die Vertreter der größten jüdischen Gruppen erkannten die Gefahr, die eine solche Alternative für die Gesamtheit der JÄwn Oesterreichs in sich birgt. Sie konnten die Sünden beider herrschenden Parteien nicht vergessen und konnten mit Recht nicht den Glauben aufbringen, daß die Christlichsoziale Partei ihr judenfeindliches Grundprogramm tatsächlich für immer begraben habe und es nach den Wahlen nicht wieder zur Geltung bringen werde, ebensowenig, daß die Sozialdemokraten, wenn einmal die Wahlen vorbei sind, nicht wieder zu jener widerlichen antisemitelnden Taktik zurückgreifen werden, die den Juden womöglich noch mehr geschadet hat und bis heute schadet als die offene Judenseindlichkeit der antisemitischen Partei- In allen jüdischen Gruppen ist daher die Ueberzeugung durchgedrungen, daß die jüdischen Wähler sich zur Wahrung ihrer Rechte und der ihnen in diesem Staate gebührenden Stellung eine eigene Vertretung, sowohl im Parlament als auch im Gemeinderat, sichern müssen. So kam die jüdische Einheitsfront für die bevorstehenden Wahlen zustande. Die Gruppen, die sonst miteinander in jüdischen und teils auch in allgemein-politischen Fragen in Widerstreit stehen, haben sich angesichts der gemeinsamen Gefahr, aus dem öffentlichen Leben völlig ausgeschaltet zu werden, unter Zurückstellung aller sie sonst trennenden Fragen zusammengeschlossen und auf eine Einheitsliste geeinigt. Eine solche jüdische Wahleinheitsfront steht nicht ohne Beispiel da: Die Vereinigung aller jüdischen Parteien bei den eben stattfindenden Wahlen in der Tschecho-Slowakei hat schon bisher in jenem Staate den Juden Erfolge gebracht, an die sie bei getrenntem Marschieren niemals hätten denken dürfen. Es ist gar kein Zweifel, daß der Zusammenschluß aller jüdischen Gruppen bei den bevorstehenden Wahlen in Oesterreich gleichfalls von Erfolg gekrönt sein wird, weil kein Grund vorliegt, die große Masse der jüdischen Wähler so tief einzuschätzen, daß von ihnen angenommen werden könnte, München, 26. September. Die Einstellung des passiven Widerstandes hat in bayrischen rechtsradikalen Kreisen große Erregung hervorgerufen, da sie als Kapitulation Deutschlands vor Poincare ausgefaßt wird. Während aber die rechtsstehenden parlamentarischen Parteien die Fortführung des Widerstandes um jeden Preis fordern und zur Einführung einer besonderen Steuer raten, um die finanziellen Mittel hierfür zu erhalten, nehmen, die außerpa rla men tar is che n natio na! ist i s ch e n G r n ppen die neue Berliner Politik zum Anlaß, um ganz offen zu einem Generalstreik zu rüsten. In der gestrigen Sitzung der Führer des Deutschen Kampfbundes haben die Führere der Kampsverbände Oberland und Reichsflagge, die schon mit der Sturmabteilung der Nationalsozialisten im Deutschen Kampfbund zusammengeschloffen sind, folgende Erklärung abgegeben: Angesichts des Ernstes der politischen Lage enrpfinden wir die Notwendigkeit einer einheitlichen Politischen Leitung. In voller UeberemstiMmung über Wog und Ziel übertragen wir Führer der Kampfverbäude bei voller Wahrung ihrer inneren Geschlossenheit die politische Leitung A d o l f H i t l e r. Hitler hat daraufhin sofort einen Aufruf veröffentlicht, in deni er seine „Ernennung" mitteilt und seine Parteigenossen aufsovdert, aus allen militärischen Verbänden, die nicht dem Kampfbund angehören, sofort auszutreten und in die Reihen der Sturmabteilungen der Nationalsozialisten R e i.chs flagge oder Oberland einzutreten. Parteigenossin, die dieser Aufforderung nicht binnen zehn Tagen Nachkommen, gelten als aus der Partei ausgeschlossen und haben die Mitgliedskarte zurückzugebeu. Hitler hat tveiters ein sie seien sich der Wichtigkeit eines Sieges der jüdischen Einheitsliste nicht bewußt. Aber es gibt gerade innerhalb des Judentums in Oesterreich noch immer politische Marodeure, die infolge ihrer Greisenhaftigkeit die Zeichen der Zeit nicht zu deuten vermögen, oder, von ihrer krankhaften Eitelkeit aufgestachelt, glauben, gegen die jüdische Einheitsftont demonstrieren zu müssen, indem sie sich als Hausjuden eines Grafen Czernin an ein längst abgewirtschaftetes, innerlich hohles und unaufrichtiges Wahlprogramm binden und als Aushängeschild für kurzsichtige Juden anwerben lassen. Es wäre in der Tat kaum zu glauben, wenn man es nicht schwarz auf weiß sähe, daß es dem Grafen Czernin, der sich offen zum christlichsozialen Programm bekannt hat und dem trotz alledem von den Christlichsozialen die Tür gewiesen wurde, gelingen konnte, noch Juden zu finden — allerdings solche, die sich seit mehreren Jahren ohne jeden Erfolg im poli- Heiß, Professor Bauer und Dr. Scheubncr-- Richter umfaßt. Dieses DirektormM trifft in sieb c r-> haster Eile seine letzten Vorbereitungen^ Für ntovgen sind 14 M a s s e n v e r s a in m lung c n ux den grössten Sälen Münchens einbernsen worden, in welchen die Bevölkerung gegen Berlin ansgehetzt werden soll. Wie sehr den Nationalsozialisten der Kamm geschwollen ist, zeigt am deutlichsten folgende Tatsache: Ter bayrische Innenminister Dr. Schreyerhat dieser Tage die Erklärung abgegeben, -daß im gegenwärtigen Moment alle zusammenstehen müßten, um die eingeleitete neue Außenpolitik nicht zu erschweren. Er sagte ferner, daß die Arbeit der vaterländischen Verbände, soweit sie aus gesunder, staatspolitischcr Grundlage, nämlich der Stärkung des vaterländischen Gedankens, beruht, begrüßenswert sei. Aber es dürfe sich kein Staat im Staate h c r a u s b i ld e n. Daraufhin hat nun der deutsche Kampfbund dem bayrischen Ministerpräsidenten Knill > n g ein Schreiben zukommen lassen, in dem offen heransgesagt wird, daß man mit dem Innenminister ganz n nzufrieden ist. Am Schluffe dieses merkwürdigen Schreibens heißt es wörtlich: ,/Wir sehen uns genötigt, zu -erklären, ldaß wir zu dem -derzeitigen Mnister des Innern kein V e r t x <t u c it haben und daß wir zmn Schutze unserer Angehörigen inZukunstzur Selbst!) i l f e g r e i s e n w c rd e n. Eure Exzellenz bitten wir, diese unsere Auffassung im Ministerrat zur Sprache zu bringen. Gleichzeitig bitten wir, dom Ministerrat zur Kenntnis bringen zu wollen, daß wir in jeder Weise gewillt sind, Eure Exzellenz in -dem schweren Amt in der heutigen Zeit zu unterstützen. -daß das' aber nur möglich ist, -wenn der Iuha-ber der -staatliehen Exekutive unser unbedingtes Vertrauen besitzt und gewillt ist, restlos und der-' t r a n e n s v o l l milder v ö lk i s ch e n v a te rlä nd is ch e n Beweg u n g zusammenznarbeiien." tischen Leben herumtummeln —, die ihn: Gefolgschaft leisten. Es ist ein Hohn auf die Demokratie, wenn sie unter Führung eines Grasen Czernin segelt und cs ist ein Verrat sowohl am Bürgertum als auch an der De-- mokratie und insbesondere am Judentum, wenn Juden, wie Baurat Melcher, Kommerzialrat Zisarskh und andere, weniger der Oberfläche zustrebende Juden, ihre Namen zu einer so widerlichen Komödie hergeben. Die jüdischen Wähler aller Schattierungen haben seit langem nach einer Vereinigung aller jüdischen Kräfte im Wahlkampf gestrebt. Die Folgen der Zersplitterung der jüdischen Stimmen bei den letzten Wahlen liegen den Juden Oesterreichs noch allzu sehr in den Knochen als daß sie sich abermals in solche Experimente einzelner, nicht demokratischer, sondern in Wahrheit politisch rückschrittlicher Juden einznlassen wünschen. Vor diesen seien die jüdischen Wähler rechtzeitig gewarnt! Direktorium KI* mm Der Aationalrat hak gestern bie Berlängerung -er Frist zur Einbringung von Reklamationen für Sie Eintragung in Sie Wählerkisten bis 2. Oktober beschlossen. Diese Frist muß ungesäumt benützt werden. Jeder Wahtberechligte (Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1923 das 20. Lebensjahr erreicht haben), muß sich unverzüglich unter Mitnahme seiner Dokumente (Keimatfchein» Geburtsschein» Mei-escheHu, Patz. Arbeitsbuch usw.) in einem der genamiten Reklamatiomlokale elnßadeu. 1. Bez.» Wlestngerstratze 11» 2« Bez.» Taborflratze 1 (»»Wiener ^orzerizeitung"), 2. Dez.» Tavorstratze 20a, 2. Bez.» Zirkusgasse SS» 2. Bez., Prater» SirrwLritrrHe i <>i. Winkler), 3. Dez.» Löwengasse 39 (Easö Ilion), von 4 bis 7 Uhr nachmittags» 8. Äez.» Lirchtensteinstratze 11» Zionistische Aezirksiektion» täglich von 6 bis 8 Ahr aLer:>>_. für Sen 3., 18. un- IS. Bezirk» 28, Bez.» Kart Meitztstraßs S. T1 i v Reklamation Wertlos! Wglich öon S Ms M Wr rm8 wn 8. As 8 M. ZSMtA non 9 M V?, Wr. "MW a k i * 1 U e « lieaen im Lokale,. 1. D e z.« Lü! e i i n a e r?! r « ü e iL alz :»' l?T*r ovc-nite EmiLÄt

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