Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-09-25 · Heft 1657 (25.9.1923) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1657 (25.9.1923)
Date
1923-09-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980738--16224-3003118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite § ®w.it, Dienstag Wiener Morgenzeitung. September 19ä?r Rr. 1687 (Bon unserem Berliner Korrespondenten.) 'Jim 26. Sepember tritt der Deutsche Reichstag zufamnren. Demnach wird also voraussichtlich das große Sanieru-ngsprogranmr Lies Kabinetts Stvesamamr reicht in Form von Bewrdmmgrn des Reichspväisrdenten, wie die „Erfasirmg der Devisen" eine war, son'dern in Gestalt von orderrtlichen Roichsgesetzen, durch die verfassturgsmäßige Volksvertretung sanktioniert, auf den Weg gebracht -werden. Wer die deutschen irmerpolitischen Verhältnisse keimt, der weiß, daß die vier ganz verschiedenartigen Parteien, die heute die ,-große Koalition" bilden, nur dann dauernd bei der Stange des Regierungswagens gehalten werden können, ivenn die entscheidenden Beschlüsse der Finanz--, Sozialnnd Wirtschastspvltttt nicht nur durch Einverständnis der im Kabinett sitzenden Parteiführer zustande kommen, sondern ausdrückliche Bestätigung tmrch die Fraktionen selbst in offener Reichstogssitzung auftveisen können. An der Annahme des R^rungsprogvamms durch den Reichstag mit seiner massiven Koalitionsmehrheit ist nicht zu zweffeln. Gewisie heikle Punkte dürften geschickt umgangen rverÄen; so hat man sür die Frage der Arbeitszeit die fast salomonische Formel gestruden, daß am Achtstundentag nicht gerüttelt werden solle, daß aber dort rurd dann, -wann und wo es das allgemein Interesse erfordere, Ue der st undenar beit selbstverständlich zu leisten sei. Tatsächlich hat es ja auch in den letzten Jahren, nanwMich an verschiedenen Purrkten des deutschen Bergbaues, so im Ruhr-Steinkohlenrevier und im mitteldeutschen Braunkohlenrvdier, Überstundenabkonunen des öfteren gegeben. Die deutsche Logislattve wird also sicherlich prompt arbeiten. Es fragt sich dann nur, wie die a u s fü h r e n d e Gewalt, deren Leiter die heute vorliegenden mannigfachen Entwürfe geschaffen haben, dünn die Reforni der Währung, der Finanzen. der Verwaltung, und vor allem die neue, auf Fvirdensschluß abtzielende Reparationspolitik so schnell und dur^reiserd ms Werk setzen wird, tojj der Effekt n i cf) t g u spät kcmmrt. Um dieses Richt-zre-spät-Kommen dreht sich heute alles. Obwohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung starkes Zutrauen zum Kabinett Stresemanir hegt, besteht dennoch die Gefahr, daß das Chaos, das kein vernünftiger Mensch — äußerste Rechte und äußerste Linke rnögen dabei außer Betracht bleiben — hierzulande will, dennoch rein durch die Entwicklung der wiptschsMchen und politischen Verlstiltnisse herboigssichrt wird. Einer solchen Verschlimmerung der Lage arbeitet die Reichsregievung mit aller Kraft entgegen. Das bemerkenswerteste Ereignis dieser Tage vor Re ichstags beginn war, vom Standpunkt des großen Publihuns aus betrachtet, der wohlgezielte. Streich, den die Reichsbank im Auftrag des Reichsfinanzniinistermms gegen die Hypertrophie des Dollarturses und gegen den spekulaübeu Mißbrauch des erlaubten Devisenbezuges führte. Die dolle Devisenzuteilung am Donnerstag tvar ein taktisch gelungenes Stück. All die Taktik, die sich im Lause dieser Stützungsaktion offenbarte, hat aber nur dann einen bleibenden Wert, wenn sie im Zusammenhang mit einem großen strategischen Plan zur -Sanierung von Wirtschaft und Finanzen steht. Dieser Plan liegt nunmehr ebenfalls in seinen Grundzügen vor. Das Geldwesen des Deutschen Reiches soll vollkommen erneuet werden. Die Reichsbank wird sofort don der Deckung des öffenrlichen Defizits befreit und ihrer Aufgabe der Regelung des Geldmarktes der Wirtschaft unter normalen Voraussetzungen wiedergegeben, wobei grundsätzlich die Rückkehr zur Goldnote eintritt. Das öffentliche Defizit wird schleunigst — vier Monate etiva sagte der Entwurf — abgebant und während der Uebergangszeit durch Noten einer besonderen Währungsbank beglichen, die ihre reale Deckung durch Rentenbriefe vermöge einer speziellen dinglichen Belastung des deutschen Grundbesitzes erhält. Ter jetzige Papiermarkumlaus wird Scheidemünze. Und schließlich kommt dam: wieder ein reguläres deutsches Geldsystem zustande. Der ganze Plan ist kühn und äußerst tveitgehend, aber logisch durchaus richtig und auch währmigspolttifch glatt durchführbar, wenn, das ist dabei die -Hauptsache, die Ausschalrnng des Defizits, der Ausgleich des Budgets, geling:. Um dies zu erzielen, dazu gehört zweierlei. Erstens e in rücksichtsosts Sparsy st e m in der V e r w a lr u na. Das tvird sehr schwer gehen rmd harte .Kämpfe kosten, aber es ist doch möglich. Ztveitens Friedensschluß im Ruhrkamps, Verständigung in der Reparationsfrage, genaue Fixierung der hierauf entfallenden Lasten, so daß ein genaues Budget überhaupt möglich wird. Und hier türmen sich im Dcoment noch gewaltig die Schwierigkeiten. Heute letzter Reüamattonstag! Mische Wähle,, sichert euer Wahlrecht! Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die arn 1. Jänner 1923 das 20. Lebensjahr erreicht haben, sind tvahlberechtigt? In der Hausliste, welche in jedem HairSftur angebracht sein muß, sind die bereits in die Wählerlisten Aufgciwmmenen ersichtlich. Wahlberechtigte, welche m dieser HauÄiste nicht enthalten sind, melden sich unter Mitbringung ihrer und ihrer Angehörigen Dokumente (Heimatsschein, Geburtsschein, Meldeschein, Paß, Arbeitsbuch usw.) in eineln der Reklamationslokalr: 1. Bez., Wiesingerstraße 11, 2. Bez., Taborstraße 1 („Wiener Marge,izeitung^, 2. Bez., Taborstraße 20 a, 2. Bez., Zirkusgasse 33, 2. Bez., Prater. Stuwerstratze 1 (Cafe Winkler), 3. Bez., Löwengasse 39 (Cafe JNon), von 4 bis 7 Uhr nachmittags, 9. Bez., Liechtensteinstratze Nr. 11, Zionist. Bez.-Sektion, täglich von 6 bis 8 Uhr abends sür den 9., 18. und 19. Bezirk, 20. Bez., Karl Meitzlstraße 5. die vier Dnekttavs den Eingaben Dzels deshalb keinen Glaub», schend.'n konnten, tveil die Photographie seiner vorgewiesene: Legitimation derart verschwommen war, daß man die Iden titat Szels auf Grund dieser Legitimation nicht feststella konnte. Die Untersuchungskommission geht in ihrem Berich über dt.' Mißhandlungen Szüls ftillschtveigend hürweg. E scheint danach gutes Recht der Kriminakboamten in Ungar» zu sein, jüdisch aussehende Leute mit ungenügender Dcg'vtt ination einfach totschlagen zn dürfen. Gegen die Untersuchun« ist Einspruch erhoben worden, so daß die Fortf tmng des Ber sahrens angeovdnel wurde. Täglich von 9 bis 12 und von 2 bis 6 Uhr. Die Wahllisten liegen im Lokale, 1. Bez. Wiesingerstratze 11, täglich bis 9 Uhr abends zur Einsicht auf. kampsfragen erstattete, wobei er cs verstaub, dem Sinn der österreichischen Gesetze nach der Auffassung des kanonischen Rechtes Gewalt anzntnn. Tr. Weinberge r, der an fünfter Stelle der christlichsozialen Liste steht, dürste kaum gewählt werden, aber wenn man sich in christlichsozialen Kreisen etwa der Meinung bingibt, baß die Kandidatur eines Tanfjudcn auch nur einen ansräudigen Juden dazu verleiten könnte, seine Stimme für die christlichsoziale Liste abzngcben, so dürste man sich einer argen Täuschung hingegeben haben. Jeder anständige Jude muß sich im Gegenteil dadurch abgestoßen suhlen, ja, es als direkten Hohn empfinden, daß ein getaufter Jude sich in derselben Partei, wie der Pogromhetze r Jcrzabek, um ein Mandat bewirbt. Mit Neberläufern kann und will das aufrechte Judentum nichts zu tun haben und auch die gesinnnngstüchtigen Christlichsozialen werden cinsehen, daß sic mit der Aufstellung des Dr. Weinbergcr als Kandidaten ihrer Sache keinen Dienst erwiesen haben. Sefterreich. Sin Zllde als christlichfozlaler Kandidat. Ans der christlichsozialen Nationalratsüste sür den ersten Wiener Wahlkreis findet sich auch der Name eines waschechten Inden, des Landesgerichtsrates Dr. Otto W e i n b e r g e r. dem auch das gewiß sehr reichlich aufgewendete Taufwasscr sein jüdisches Pedrigee nicht abspülen konnte. Weinberger ist der Typus des .Karrieretäuflings, der, um im richterlichen Dienst rascher vorwärts zu kommen, sich in den Schoß der Kirche begab. Aus einem guten jüdischen Hanse in Brünn flammend, war er bis vor wenigen Jahren im Justizdienst in Trieft tätig und kam nach dem Znsanlmenbrnche nach Wien. Er biederte sich hier in ganz hcrvarragendcm Maße dem sehr kirchenfeomm gesinnten Ilügcl der Christlichjvzialen an, "dem er ritt die Itteichspost" jurikt»sche Gutachten ir» £ u 11 tt r- Der Nergarbeiterstreik. Prag. 24. Seriem ber. (Tel.-Komp.) Für heute nachmittags hat das Ministerium für öffentliche Arbeiten die Vertreter der Arbeiterschaft und Grubenbesitzer sämtlicher Reviere zu Verhandlungen über den Abschluß eines neuen Kollektibvertrogcs nach Prag bernsen. Eine unmittelbar darauf zusammentretcnde Konferenz der Bergarbeiter wird sodann den Beschluß über die Beendigung des Konfliktes fassen. In cingeweihtcn Kreisen rechnet man damit, daß der Bergarbeiterstreik noch im Lause dieser Woche beigelegt tvcrden wird. Mlltrmid besucht drug. Paris, 24. September. (Tel.-Komp.) Wie Pariser Blätter melden, wird Präsident Millerand tut November den Besuch des Präsidenten M a s a r y k in Prag erwidern. Lar Attentat aus Paste. Belgrad, 23. September. (Avala.) Milutin Ra je, der am Ti. Juni gegen den Ministerpräsidenten Pasic mehrere Schüsse abgefeuert hatte, ist zn 2 0 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Wenn man in Budapest sstdisch ansfieht! Aus Budapest wie) uns gemeldet: Wir berichtoten kürzlich über den Fall des FabvikSdirektorS Pa.nl Szel, eines gelausten Inden, der von einem Obevlemnam der Budapest«r Flußwache verhaftet und von vier Dewkrlvs derselben Institution halbtot geschlagen und mit boainenden Zigarren beatzbeiier wurde. Ueber Anzeige der Familie wurde eine Disziplinarunrerstichurrg emgele-itx-s, deren tüeiulta: nun vorliegi. Sie hat sestgestellt, daß Ob-.r^ninaiu Pap einer di-enstlichen Fa-Hrläs'sigkc:! nicht beschuidtgt werden kann, weil er nur jeine Pflicht Man und keinesfalls seine Amtsgewalt mitzbvaarcht Hai. Die ttuterinckung hat weit-rs sostaeiE. dak Polen. Polen» Großmachtstelluug. Wne vernichtende Kritik des Ministerpräsidenten Witov. Aus Lemberg wird unS geschrieben: Das Organ de^ Witos-Partei „P i a stt veröffentlicht den vollen Text de, Rede des Ministerprässdentm Witos, die er auf der vor kurzem abgehailtenen Parteiberatung gehalten hat. In diese, Rede erörterte Witos die Motive, die ihn zur Vereinigung mit den diationaldemokraten veranlaßt haben, und griff mr besonderer Schärfe die linken Parteien an. Es sei unrichtig daß die gegenwärtige Regierung nur die Interessen der Groß, grundbesitzer und Industriellen vertrete. Im weiteren Berlaw seiner Rede sprach sich Witos gegen die von Pilsudsk: propa. gierte Idee einer, föderativen Polnischen R e p u b l i 1 aus, deren Anhänger auch Witos früher gewesen sei. Gegen lvärt'.g vertrete er aber den Standpiuckt, daß Polen seine eigenen historischen Rechte vertreten müsse und auf keinen Fall etwas freiwillig h c r g e b e v dürfe. Es wäre ungerecht, tvenn Polen mit den. Blute de, eigenen Kinder an den Grenzen des Staates fiktive staatliche Gebilde, die gar keine Berechtigung haben, schaffen wollte. Das bodeulc aber nicht, daß Polen ftir seine lopalcu Bürger anderer Llationaliiüten Ansnahmsgesetze schaffen will. Es war ein Fehler, daß man Polen bei seiner N eu grün du n g zu einer Großma ch t machen wollte. Diese Bestrebungen seien besonders in der Verwaltung zutage getreten. So wollte man, trotzdem Polen nur einige Kilometer Meeresküste besitze, zumindest so viele Mmi» rale anstellen, wie sie gegeMvärtig viclleick7t nur die englisÜTe Marine besitze. Man bat jährlich den Bcamtenstab um Tausende vergrößert. Es sei daher kein Wunder, daß gegenwärtig Polen ungefähr 800.000 Beamte zähle, wodurch mit Einschluß der Faniilien der Offiziere und Unteroffiziere ungefähr 6 0 0.0 0 0 F a m i l i e n ans Staatskosten erhalten iverden. Somit wären aus 30 Millionen Eimvohner drei Million gm, das sind 10 Prozent der Bevölkerung, vom taare bezahlt. Es sei daher unbedingt notwendig, einen Abbau vorzunechnen und Finanzreformen dnrchzufü'hren. Der Staat dürfe u,icht mchr ausgeben als er einnehme. Man rechne schon jetzt auf eine ausländische A n l c > h e. Das sei aber unrichtig. Denn das Ausland könne erst dann Anleiben gewähren, tvenn es zur Udberzeugung gelangen wird, daß Polen selbst seine Finanzen z n regeln imstande sei. Das Ausland könne nicht denjenigen Leuten Kapitalien zur Verfügung stellen, die in Polen den Beweis erbracht l-aben, daß sie nicht in der Lage sind, zn regieren. Tie gegenwärtige Regierung habe die Sanierungsarbeit eingeleitet, ottvohl sie überzeugt sei, daß Polen setzt in einen Zustand der Krise cmtrete. Ohne diesen Zustand aber sei eine wirkliche Sanierung unmöglich. Frdaks Permteilung gemildert. Warschau, Ä. September. (Tel. der „Wiener Awrgen» zeitung".) Der Kassationsgerichtshos hat auf Grund des vom Seim beschloWnen Amnestiegesetzes das Urteil über den Mrainer^Fedak, der wegen des Attentates auf den gewesenen Staatschef Pilsndski tind den Lenrberger Woiwoden Grabotvski zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, geändert und ihm ein Drittel seiner S:r geschenkt. Sit Gmbrukatastrophe in Zombrawa. Dombrawa, 24. September. Die Rettungsaktion im Berg, werk von Dombrawa dauert an. Die Rettungsmannschasr drang in das Innere des Berchverkes bis auf N Meter vom Hauptherd des Feuers vor. Ein weiteres Eindringen war infolge der enormen Hitze unmöglich. Man hört noch immer unterirdische Detonationen. Das Schicksal von 14 Bergarbeitern ist noch unbekannt; sic haben wahrscheinlich den Tod gesunden. Heute findet das Begräbnis der 28 geborgenen Opfer statt. Die durch die Katastrophe verursachten Schäden lassen sich noch nicht abschätzeu. Es tvird m o n a t e l a n g c r Arbeit bedürfen, bis das Bergwerk wieder stottgcmacht werden kann. Provvkationen in Mnrschm». Aus Warschau meldet man uns: Am letzten Jo,^ Kippur herrschte innerhalb der jüdischen Bevölekrung eine erbittere Stim-mimg gegen die jüdische Arbeiterkooperative, die an de-m Tage ihr Geschäftslok-al offen hielt. Jüdische Passanten, die in die Synagoge gingen, waren ^darüber derart erbittert, daß sie die Kooperative a n g r i f s e n Poliziei mußte einschreiten, um den Schlägereien ein Ende zu machen. Zwölf Personen winden verhaftet.. Dü 2lrbeitlerkoopcratide sah sich geztvungen, am Nachnm-tag da' 0>eschäftslokal zu schließen. Gemeinderatswahlen. Bei den GeMleinderatswahleu in Radom haben die Zionisten sechs Mandate errungen. Bon den übrigen jüdischen Parteien haben die Handwerker zwei, Poalr Zion ein, Bund ein Mandat orvler!. .• der Minoritätenblock, der cv"'' Zudcu ' acht Mandate erlangt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.