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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-25 · Heft 1657 (25.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1657 (25.9.1923)
Date
1923-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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linzelnnmmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder meiner Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Sl owi k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000. Deutsch 1.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Fres. 8 Nachzahlungen ,— bei Preiserhöhungen Vorbehalten wiener orgMMUNS Tschecho-Slowakei» tschech. K 1.~ Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborctrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-28? Tel.- Adr.: .Morgenzeitung* Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1657 Wien. Dienstag. 25. September 1923 5. Jahrgang Sie iflbiftfie (Mettifnnt | re-chert! F. Wien. 25. September. Zum erstenmal treten die jüdischen Parteien und Gruppen Wiens und Oesterreichs in einer jüdischen Front geeinigt in den Wahlkampf. Die geänderte Wahlordnung für Nationalrat und Gemeinde rat, welche in merkwürdiger Verkennung wirklicher Demokratie die Wahlwerbung für kleinere Gruppen erschwert, macht die jüdische Einheit zur absoluten Notwendigkeit, wenn die jüdische Sache vor Schaden bewahrt bleiben soll. Es gilt, Vorsorge zu treffen, daß bei den Neuwahlen die jüdische Bevölkerung Wiens und Oesterreichs nicht unvertreten bleibe. Der Verlust des einzigen jüdischen Nationalratsmandates bei den letzten Wahlen war eine Folge der Zersplitterung innerhalb der jüdischen Wählerschaft und es muß verhütet werden, daß sich Vorgänge wiederholen, welche der jüdischen Sache Abtrag tun und nur deren Gegnern zugute kommen. Die Zeit ist ernst und erfordert, daß alles Trennende zurücktrete und alles in den Vordergrund gerückt werde, was gemeinsames jüdisches Interesse ist. Der Jnteressenkreis der jüdischen Gesamtheit ist groß genug und umfaßt so wichtige Postulate, die Verantwortlichkeit fiir die Erhaltung unserer Position ist heute so groß, daß sich dieser Tatsache alle anderen Rücksichten unterordnen müssen. Die Front der Judengegner in Oesterreich ist seit langem ralliiert. Die christlichsoziale Regierungspartei, welche nichts dagegen hatte, daß jüdische Arbeit, jüdischer Unternehmungsgeist die Vorbedingungen für das sogenannte Sanierungswerk schufen, daß jüdische M^erhändler die Schranken abtragen halfen, welche den Weg zu den Auslandstrediten verrammelten, macht, seit sie in dem Irrwahn lebt, daß mit der Erlangung der Kredite Oester- > reichs Zukunft schon für alle Zeit sichergestellt sei, immer deutlicher Miene, den Antisemitismus in Oesterreich immer tiefer zu ^verwurzeln; unter ihrer Patronanz ist die Numerus clausus-Hetzc aufgelebt, hat das antisemitische Optionserledigungsverfahren sein Unwesen getrieben, und gegen die Pogrompropaganda der von Ministern geschützten Hakenkreuzler, gegen dieses frechste und aufteizendste Attentat auf die jüdische Würde, rührt sich kein Staatsanwalt. Auch im Gemeinderat, wo die Führung der Geschäfte in den Händen der Sozialdemokraten lag, hat sich eine jüdische Interessenvertretung als überaus notwendig erwiesen und die Arbeit der jüdischen Mandatare spricht in so hohem Maße für sich selbst, daß ein bloßer Hinweis auf sie genügt, um ihre Nottvendigkeit außer Frage zu stellen. Nicht minder wichtig ist jedoch die Tätigkeit jüdischer Vertreter in den Bezirksvertretungen, wo der Rechtsschutz der jüdischen Bevölkerung vor judenfeirchlicher Willkür in bezug auf Wohnrechts-, Steuer-, Gewerbe- und Zuständigkcitsftagen zu den sieten Aufgaben der Mischen Bezirksräte gehört. Angesichts dieser Sachlage und der zwingenden Notwendigkeiten des Augenblicks trat die Frage einer jüdischen Einheitsfront für die Wahlwerbung in die genannten Körperschaften von selbst in den Vordergrund. Die Verhandlungen darüber sind nunmehr abgeschlossen, die jüdische Einheitsfront für die Wahlen ist gesichert. Die jüdische Wählerschaft aller Schattierungen ist damit vor klare Eutscheidnngcn gestellt und es gibt nun keine Ausflucht mehr, welche das Eintreten fiir irgendwelche sonstige Listen mit der Aussichtslosigkeit der jüdischen Kandidaturen bemänteln wollte. Jeder Jude, dem sein Bekenntnis zur jüdischen Sache etwas gilt, der dem Judentum die Treue wahren will, wird nunmehr wissen, was seine Pflicht ist und wem er seine Stimme zu geben hat. Die Jiidischnationalen haben ein ehrliches Kompromiß geschlossen und.sie haben diesen Entschluß gefaßt, weil es ihnen die jüdische Verantwortlichkeit diktiert, jeden ehrlichen Weg zu gehen, der geeignet erscheint, die Vertretung der jüdischen Interessen zu sichern. Unser Programm bleibt von den getroffenen Abmachungen unberührt und unsere Repräsentanten Iverden mit der gleichen Entschiedenheit und Unerschrockenheit, aus dem gleichen ungebrochenen Idealismus heraus, der aus unseren jüdischen Ueberzeugungen quillt, fiir die Wahrung des jüdischen Rechtes vintreten und jeder Verleumdung unseres guten jüdischen Namens die Stirn bieten. Dafür bürgt unsere bewährte Tradition, dafür bürgen die Namen der Vorkämpfer der reinen jüdischen Sache, welche wir der jüdischen Wählerschaft als Kandidaten präsentieren und die in der Oeffentlichkeit einen guten Klang haben. Wir wollen nicht untersuchen, welche unter den beiden Kompaziszentengruppen der gebende Tell ist und wollen der beschlossenen Abmachung die Treue wahren, wie wir dies von den Gramen, mn nirs gehen, als Selbstvere Mische mnheitsliste Wie bereits in unserer Woniagsausgabe gemeldet wurde» haben die Verhandlungen zwischen den Jüdllchnalionalen und anderen jüdischen Gruppen zum Beschlutz geführt, für Aationalrat und Ge- «eiuderat eine jüdische Einheitsliste a»sz«stellen. Die Jüdischnatiunaten stellen die s-lgeuden Kandidaten auf: L i ft e n f ü h r e r für das Aeftftimmenmandat in den Katiouatrat: Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Gemeinderat: L i st e « i ü h r e e in der L e o" pol-stad t: Dr. Leopold Plüsch lies; in der Brigittenau: Ing. Roder! Stricker; Alsergrund: Dr. Bruno PotlaK-Parn«^ Als zweiter Kandidat in der Brigittenau «nd an dritter Stelle in -er Leopot-fta-t tri« Dr. I. Ä. Körner, -er Prüfident -er Ä a K o a h» auf. Die Liffenführung für die Aalionalratswahten <n der Leopold ft ad t, Brigittenau u n - Floridsdorf» ferner die zweite Stelle auf de? Gemeinderatstiste in -er Leopot-fta-t sowie die Liffenführung in alle« Wiener Bezirken habe« die ntchlnalionalen jüdische« Parteien inne. Die Kandidaturen der nichtjüdifchnati-ualen Gruppen flehen bisher noch nicht fest. Pvtschgeflchl in Deutschland. Berlin, 24. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung.") Die Hakenkreuzler und Rechtsputschiften beginnen eine eifrige Tätigkeit zu entsalven. Namentlich aus Bayern wird von bedrohlichen Zust<i>nden gemeldet. Der Berliner Regierung sind diese Vorbereitungen seit längerer Zeit bekannt, und ein Samstag erlassenes amtliches Kommunique betont ausdrückölch, eine Beratung der Reichsregierung habe den Ziveck gehabt, M a ß n a h m e n v o r z u b e r e i t -e n, die notwendig werden könnten, um P >u tschver s u ch e n zu begeHnen. Die bayrischen Putschisten führen in voller Oeffentlichkeit eine drohende Sprache und Ludendorff gibt zu verstehen, . daß er Oentft warie.^sich m '-ihre Mütze jju stellen. H a m § 1 ag versuchte das Korps Oberland die proletarischen Hundertschaften in Kochel niederzukämpsen. Sie kamen aus Münch.'n mit Feuerwaffen, Gummiknütteln, angeblich sogar mit M a s ch i n e n g e w e h r e n und P i st o l e n ausgerüstet, um die beim Walchenseewerk beschaff igbeu Arb.'iier zu überfallen. Ebenso ist die Organisation „Wehrwolf" bewaffnet ausgefahreu. Auch aus Oppeln im bayrischen Obmlcmb sind Gruppen aufgeboten gewesen. Am Jsarta-l- Bahnhof verweigerten die Eisenbahner die Abfertigung des Extoazuges. Kleine und große Gruppen durchzogen dann das Sirdviertel von München, das in einen kriegsartigen Zustand versetzt wurde. 20 Straßenzüge wurden abgesperrr, Passanten wuroen mißhandelt, Flüchtigen wurde aus Karabinern und Pistolen n a ch g e s ch c> s s e n. Bauden drangen in die Häuser ein und schossen blindlings um sich. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Stützpunkte errichtet. Die Schilchevei dauerte bis halb 11 Uhr nachts fort. Auch aus anderen Derlen des Reiches werden' blutige Zusammenstöße zwischen H a k e n-k r >e u zpu tsch isten und proletar ischen Hunder.tschaften gemeldet. In Berliner politischen Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit einer Verhängung des Belagerungszustandes. DreAreri, 34. September. (Wolfs.) Die Demonstrationen der Erwerbslosen fetzten sich heute fort. Als einer starken, von dem Arbeiter Kennecke geführten Gruppe, die die GeschäffslÄden und Banken durch Drohungen zum Schließen zu bringen versuchte, am Stcruplah ein starkes Polizeiaufgebot emg-egentrat, fielen aus der Rr-onge Schüsse. Durch einen Schuß wurde Kennecke die Brust durchbohrt. Er wurde nach der Pvl-rzeiHvache gebracht, wo er bald darauf vierschied. Bor der Aufgabe der passiven Widerstandes. Berlin, 24. September. Heute mittags haben in der Reichskanzlei die Verhandlungen der Reichsregierung mit den Vertretern der besetzten Gebiet c begonnen. Nach dem Abschluß dieser Konferenz tritt das Reichskabinett noch heilte zu einer Sitzung zusammen, um auf Grund der vorangcständlichkeit annehmen. Nicht Mandatspolitik soll getrieben Iverden und nicht geht es um ein hohles Prestige: was erreicht werden soll und muß, ist, daß in bcu künftigen Vertretungskörpern die jüdische Stimme nicht fehle, die offen und ohne Vermummung die jüdischen Rechte wahrnimmt, welche die Antisemitenkoalition mit Füßen treten zu können glaubt, während ihr sozialistisches Widerspiel der Iudenfrage mit völliger Verständnislosigkeit und oft sogar mit Feindseligkeit gegenübersteht; daß über die Zukunft Oesterreichs und der Stadt Wien nicht ohne Wort u»d Vot-in de»' 2' 'ttvct*''- der schaffenden jüdischen gangenen Besprechungen über die Lösung des Ruhrkonflikts Beschluß zu fassen. Am Dienstag finden Beratungen mit den Vertretern der Landesregierungen im Reichsrat statt. Auf der in diesen Beratungen gewonnenen Grundlage wird das Kabinett Ende der Woche vor den Reichstag treten. Zu den Besprechungen über die Lösung des Ruhrkonslikts schreibt die „Zeit", die als Stresemanns Sprachrohr gilt: Man wird sich in diesen Besprechungen dem Zwange harter und unerbittlicher Tatsachen nicht entzichen können. Man wird anerkennen müssen, daß die Finanzkraft des Deutschen Reiches die ungeheure Belastung, die sie bisher getragen hat, nicht unbegrenzt aushalten kann, wenn nicht das wirtschaftliche Äeten Deutschlands und damit auch der Rückhalt der Rhein- und Rnhrbevölkerung überhaupt zusammenbrechen soll. Es war nie zweifelhaft, daß der passive Widerstand nur Mittel zum Zweck war, d. h. daß wir den Versuch gemacht haben, durch ihn an den Verhandlungstisch zu kommen. Muß jetzt aus beinahe drei Vierteljahren Ruhrkamps der Schluß gezogen werden, daß die Waffe den Erfolg nicht mchr verspricht, so scheidet sie damit aus unseren Kampfmitteln aus. Wenn aber auf das Kampfmittel des passiven Widerstandes verzichtet wird, so bedeutet das selbstverständlich in keiner Weise die Kapitulation. Legt die Bevölkerung des Rhein- und Ruhrgebietes die Waffe des passiven Widerstandes aus der Hand, so tut sie es, um eine chrenhafte Behandlung zu verlangen, und es gibt keine deutsche Regierung, die in dieser Lage das Rhein- und Ruhrgebiet preisgeben könnte. Auch gibt es keine deutsche Regierung, dir sich mit den Franzosen an einen Verhandlungstisch setzen kann, so lange diejenigen hinter Kerkermauern sitzen oder von Haus und Hof vertrieben sind, die nichts weiter getan haben, als daß sie den Verordnungen und Gesetzen ihres Landes Achtung und Gehorsam erwiesen. Berlin, 24. September. Nachdem die diplomatischen Aktionen der letzten Tage zum Zwecke der Beendigung des Ruyrkonflikts zu einem vorläufigen Abschluß gekommen sind, ist nach den bisherigen Berichten über'die Verhandlungen der Regierung mit' den Vertretern des Ruhrgebietes nicht mehr daran zu zweifeln, daß die Aufgabe des passiven Widerstandes unnrittelbar 'bevorstehe. Der Hauptgrund für eine solche Entscheidung liege einerseits in dem Umstande, daß der passive Widerstand in der letzten Zeit den Franzose,t mchr Nutzen als den Deutschen gebracht hat, andererseits hat sich die Unmöglichkeit heraus gestellt, die ungeheuren Summen für seine Finanzierung durch das Reich aufzubringen. Trotzdem soll die staatliche Ruhrhilfe noch für eine Zeit des Uebergang"«s bestehen bleiben, um den Eintritt eines völligen Chaos zu vermeiden. Tie endgültige Entscheidung über die Form des Schrittes der Regierung wird jedenfalls erst mor gen oder übermorgen nach der Tagung der Reichsvcrtreter fallen. Infolgedessen n,nß auch damit ac rechnet werden, daß die für Mittwoch angefetzte Sitzung des Reichstages aus Freitag verschoben werden muß. Bevölkerung entschieden werde, deren Produktivität eine der Sä-Uleu ist, auf denen dieser Staat ruht. Es loirb nunmehr eine einheitliche Kandidatenliste geben, welche die gesamte jüdische Wählerschaft zu ihrer natürlichen Pflicht rufen wird. Für die jüdische Wählerschaft gibt cs nur eine Möglichkeit: Jede jüdische Stimme den jüdischen Kandidaten! Jede Stimme ist von gleicher Wichtigkeit, in welchem Wahlbezirk immer sie abgegeben rverden möge. Die jüdische Einheit verriegelt den Lauen jedes Hintertürchen und wer ihr nicht durch sein Votum zum Siege U vrfrilf* muß wisien, daß er am Judentum Verrat übt!

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