Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1655 (23.9.1923)
- Date
- 1923-09-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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, Verte 4 Mm, Sonntag Ungarn. Stto Kahn bei -orthtz! Budapest, 22. September. (Tel.-'Komp.) Der amerikanische Ärnficr Otto H. Kahn ist heute uachmiilags in Budapest MHekommen und wurde am Bahnhof vom Bankprasidentcn Simon v. Krausz und Generaldirektor Kalay einpfangen. Kahn erklärte vor den Pressevertretern, daß er nach Ungarn gekommen sei, um die ungarischen Verhältnisse zu studieren und mit den ungarischen Finanzkrerfen Verhandlungen zu pflegen. Otto Kahn, der dis Dienstag in Budapest zu bleiben lx'absichtigt, wird Montag vormittags . in Audienz beim Reichsverweser erscheinen. Atvntag abends gibt Finanzm i ii i st e r K a l l a y zu Ehren des amerikanischen Gastes ein Dine r, zu ioolchen, 60 Einladungen ergangen sind. (Herr Kahn und die Träger des „christlich"-pogromistischen Kurses - sie sind einander würdig!) Hierzu wird uns aus Budapest gemeldet: Otto Kahn ist cnrf seiner Reise auch von Leopold Popper, dem Manne der Frau Jeritza, begleitet, während der jüdische Bankier Simon v. Krausz die Budapester Reise Kahns angeregt hat. Kahn soll hier mit der Regierung und mit verschiedenen politischen und finanziellen Kreisen Verhandlungen sichren, denen man hier in bezug auf die ungarische Ausländsanleihe Bedeutung beimeisen will. Herr Kahn, der in die traurige Galerie jener Fincmz- -ude-n gehör:, welche mit dem politischen Hetzantisemit'smus ihr Geschäft zu mache« suchen, ist Teilhaber jener New-Iorker Bankfirma, deren verstorbener Chef, Jakob Schiff, dem geldbedürftigen Zarenrutzland gegenüber eine rühmenswert stolze und ablehnende Haltung eingenommen hat! Polen. Witos gegen ffhauvinismus und Liberalismus. Posen, 22. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Anläßlich der hier stattfindenden Ausstellung landwirtschaftlicher Fndustrieartikel fand ein Bankett statt, bei dem Ministerpräsident Witos eine längere Rede über die gegenwärtige Lage des Staates hielt. In seiner Rede erklärte Witos, das; die finanzielle Situation des Staates die unbedingte volle Leistung an Sleuern erfordere. Es sei notwendig, das; ) ä m tliche Gesellschaftsklassen der Regierung bei der Sanierung der finanziellen Verhältnisse behiflich seien. Man müsse daher ein Ende mit dem überi r i c b e n e n Liberalismus u n d C h a n v i n i s m u s mache,:. Arbeit und Aufopferung seien die Grundlagen für eine ernste Sanierung. Glombinskis Numerus clausus- Zutertzretationen. Warschau, 22. September. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") In einem Interview mit einem Mitarbeiter des „Reuen H a i n t" über den Numerus clausus wiederholte Unterrichtsminister Glombinski seine alte Behauptung, daß eine bereits e i; i st i cre nd e Verordnung den Numerus c l a u s n Z an sämtlichen' Fakultäten möglich gemacht habe. In, Sinne dieser Verordnung seien die Fakultäten in der Lage, k c i n e n c i n z i g e n I u d e n a u f z u n e h m e n. da an sämtlichen Faknltäien Platzmangel herrsche. Aus diesem Grunde allein liege es i m I n t e r e s s e der I dcn, (!) daß der Sejm so rasch als möglich das Gesetz über die Einführung des Nnnierus clausus beschließe, damit sich die Juden wenigstens auf diese Weise an den Hochschulen einen bestimmte,'. Platz für ihre Hörerschaft sichern. Ans die Frage summe, so verlcbie mau einige Zeit iu Saus uud Braus, um nachher aus Wunder zu warten. So ging es lustig im Lemberger Heim Scholem Alejchems zu, und Gäste gab es beinahe nnnllterbrocheu vom Morgen bis Mitternacht. Scholem Alejchem war ein Gesellschaftsmensch par excellence. Seine Augen begannen oa zu leuchreu, jedes Wort wurde belauscht, jeder Witz und jedes Bonmot rief bei ihm ein kindliches Frohlocken hervor; er lachte, sang, tanzte und eine Welle von Entzücken und Begeisterung schüttelte förmlich seinen Leib. Er brauchte die Menge, da sein Tiefstes aus der Menge hervorqnoll und in die Menge mündete. In der Dichtung rief er die Inden scharenweise herbei, und so kamen sie zu ihm auch ins Heim. Schriftsteller, die ihm ihre Werke vorlasen, Bekannte aus Rußland, die mit ihm die Verbannung teilten, Chassidiin ans allen Städten Galiziens, die zum berühmten Dichter wie zu einem Zaddik wallfahrten; Schnorrer, Luftmenschen und all die Motten, die stets unc einen erlauchten Namen zu schwirren Pflegen. Für jeden stand das Heim offen. Man scherzte, plauderte, schlürfte ununterbrochen russischen Tschas und am häufigsten wurden Lieder gesungen. Scholem Alejchem saß dabei gewöhnlich obenan, hielt auf dem Schoß sein jimgftes Söhnchcn Numczyk und intonierte. Er kannte eine Unmenge russischer und jiddischer Volkslieder und trillerte mit dem Chor mit. Hie und da spielte er auf der Geige, und insbesondere war es ein Lied, tvelches er unermüdlich wiederholte: „Sennen gewest, zehn Brüder — hobn fei gehandelt mit CH re in — einer yz fnn sei gestorben — senilen varbiybcn nein ... ooj! . . ." Nächtelang saß ich toach in meinem Zimmer nebenan und zitterte förmlich in Erwartung dieses Liedes. III. Scholem Alejchem besaß die inbrünstigste Teilnahine an akb.'iu, was nur sein Blick erfaßte, und seine Phantasie entzündete sich stets von neuen:. So formte er lnünahe ununterbrochen eine unülxu'schbarc Fülle von Skizzen, Novellen und Bildern. Er schrieb beinahe ständig. Nur so ist' es erklärlich, daß sein lirerapWer Nachlaß an die sündig Drnckbände füllt. Wiener Morgenzeitung. 23. Septombsr 1923 Nr. 1665 ■ ■■■■■■ aa BDHHaBBBBDBBBHaaaaaHHBIUSBiaBHB 5 Infolge Umbaues der Geschäftsräume ■ Großer Blusen: za tief herabgesetzten Preisen ■ nach Original Pariser Modellen ■ im Konfektionshaus Leopold Ascher ä Bmder I VII. Manahilserstraße SO i ANZÜGE in feinster Qualität zu billigsten Preisen bei Heinrich Weinberger, I., Singerstrasse 6 des Journalisten, warum der Unterrichtsminister die Regelung des jüdischen Schulwesens hinausschiebe, erklärte der Minister, daß er sich noch nicht entscheiden könne, w e l ch e S p r a ch e die eigentliche Muttersprache der Juden sei, da gegenwärtig jüdische Schulen mit hebräischer, jüdischer, polnischer und russischer Sprache bestehen.. Die Wische Autonomie. Kowno> 22. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In der letzten Parlamentssitzung wurde die Deklaration der litauischen Regierung an wer, Völkerbund über die Rechte der Minoritäten in erster Lesung angenommen. Die zweite Lesung wird in den nächsten Tagen vorgeiionnnen werden. Tie iu der polnischen Presse verbreiteten Nachrichten über eine bevorstehende Aufhebung der jüdischen A,r t o u o ,u i c sind u u r i ch t i g, die Position des gegenwärtigen jüdischen Ministeriums ist vielmehr völlig „„erschüttert. Tie in der, nächsten Tagen ftattfinbenbe jüdische Nationalversammlung soll z„,n Ausbau der j ü d i s ch e n A„lonoinic beitragen. Indische Hochschulkurse. Ans K o w n o wird uns geschrieben: Tie im vorigen Jahre gegründeten jüdischen Hvchschulknrse werden auch heuer eröffnet. Für die Finanzierung der Kurse hat die Kownoer jüdische G e nc e i n d e Sorge getragen. In diesem Semester wurde den Hochschulkursen auch ein ch e m i s ch e s Laboratorium und ein anatomischphysiologisches Institut angcgliedert. Die wissen- Steis trug er einen Notizblock bei sich, blieb überall für eine Weile stehen und schrieb mit seiner krausen Kalligraphen sehr ist einige Zeilen. Zwischendurch starrte er mit verkniffenen Augen in die Menge, begaffte buchstäblich ihre Kleider, Gesichtszüge, Bewegungen und stellte unermüdlich Fragen. Aber trotz der fließenden Leichtigkeit seiner Schöpfungen, feilte er manchmal tage- und nächtelang jede Skizze, bis er sie zur Veröffentlichung bestimmte. Ms er mir kvährend des Leinberger Aufenthaltes sein Dranra ,/Ziseit yn Zispreit" zum Nebevsetzen ins Polnische übergab, legte er mir jede paar Tage neue Änderungen und Korrekturen vor, so daß ich schließlich nicht über zwei Akte hinauskam. Scholen, Alejchem rang ständig uni die höchste Form. Jede neue Skizze war für ihn ein Erlebnis, an dem er eine kindliche Freude fand. Dieser Schriftsteller, dessen Werke in allen Weltteilen gelesen wurden, trug ein solch einfaches, jeder dilettantischen Ueberhebung bares Menschentum zur Schau, als wäre er ein schüchterner Novize. Er war ein luerarifcher Schwerarbeiter. Tagsüber sammelte er Notizen. Kaum aber waren um die Mitternachtsstunde die Gäste weg, setzte er sich an den Arbeitstisch. Und da begann erst sein Leben. Sein lachendes Dasein. In, wahren Sinne des Wortes. Denn Scholen, Alejchem pflegte in der Nacht Zn schreiben und — zu lachen. Breit, ausgelassen, zwerchfellerschütternd. Kurze Zeit, nachden, er bei uns einge,zogen ivar, vernahm ich plötzlich in der Nacht ein solches Gelächter. Chi—chi—chi— cha—cha—cha! Ich sprang erschrocken von, Belt auf. Mes schlief, nur vom anstoßenden Zimmer Scholem Alejchems drang ein Licht und — das Lachen. Er schrieb und lachte in iich hinein. Seine Phantasie arbeitete sieberhast, er sah vor sich all das groteske Sammelsuvimn von Trägern, Kutschern, Scharlatans und jüdischen Luftmenscheu, die er eben ins Lüben rief und — schüttelte sich vor Lachen. Co schrieb sich Scholem Alejchem das Lachen von der Seele. Nur klang es in der lodstillen Nacht furchtbar. Nur ein Nrrr oder ein Dichter konnte so lachen ... schaftliche Bibliothek wurde bedeutend vergrößert, ein physikali sches Kabinett wurde neu gegründet. Bedeutende Subvention^ sind der Leitung der Hochschulkurse aus dem Ausland« zw gekommen. Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Schul jahre dem Pädagogium geschenkt werden, um tüchtig, Lehrer hcranznbilden, die das jüdische Schulwesen in Litanei benötigt. Das Pädagogium ist nur Absolventen jüdischer Gym, „asien und von Mittelschulen zugänglich. Neben den Hochschul kursen wird auch das jüdische Technikum feine Lehrtätig, keit entfalten. Rundschau. Mmnung des Mannheimer Schlaffe». Mannheim, 22. September. (Wolff.) Die franzö f i f ch e n K o m p a g n i e n, die gestern das Mannheimer Schlos besetzten, sind heute wieder abgezogen Sie haben nm einige Wachen im Innern ds Schlosses nick an den wichtig, sten Uebergängen zurückgelassen. Aelagernagsznstaud in Bulgarien. Seit einigen Tagen wird von komnmwistrschen Arsichläger in Bulgarien gemeldet, die sogar, zu Kämpfer der Regiernngsgewalt mit kommunistischen Aufrührern geführt haben. Nach einer Meldung des Pariser „Mat in" sei es sogar in Sofia zu blutigen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen gekommen. Die bulgarische Telegraphen, agentnr ninunt gegen übertreibende Nachrichten aus Bel. grader Oelle Stellung und erklärt: Oertliche An. ruhen, die am 20. d. in einigen Städten Südbnlgar i e n s ausgebrochen waren, sind noch im Laufe desselben Tages unterdrückt worden. Um aber ähnlichen Zwischenfällen in anderen Orten zuvorznkommen und die Ordnung zu gewährleisten, hat die Regierung beschlossen, den PX> v i« s o r i s ch e „ B e l a g e r n n g s z u st a n d zu erklären. Die spanische Militärdiktatur. Madrid, 22. September. Die Regierung hat Gesetz, en twürse zur R e o r g a n i s i e r „ n g der Gemeindeverwaltung, zur Ae.ndernng des Wahlgesetzes und zur Reform des Justiz-, Verwaltung?- und Transportwesens sowie zur Eintreibung der Steuer n ausge arbeite t. Die Militä r dienst zeit w i r d von drei k u f zwei Jahre h e r a b g «setz i. Kriegseecht in Spanien. Madrid, 22. September. (Havas.) Durch eine Verordnung wird der Kriegsrechtszustand ausgesprochen. Die Fiume-Frage. Anbot einer italienisch-jugoslawischen Allianz? London, 22. September. Wie das Reuter sch e Burea« meldet, soll die italienische Regierung der jugoslawischen Regierung vorgeschlagen hüben, die Oberhoheit Jugoslawiens über den Hasen von B aros und das Gebiet des Delta gegen Angliederung Fiumes an Italien anzuerkennen. Italien soll auch eine enge militärische und politische Allianz mit I u g o s l a!w i e n beo»tragen. Das Verbrechen von Fmiiua. Die Untersuchung abgeschlossen. Paris, 22. Septentber. Nach einer Meldung aus Pr e» vesa werde der Bericht der von der Botschafterkonferenz eingesetzten U u t e r s n ch n n g s k o m m i s s i o u heute nach Paris abgöhen. Man nimmt an, daß die Griechen an. dem Morde unbeteiligt feien, daß ihnen jedoch Fahrlässigkeit vorzuwerfen sei und daß sie nicht alle Maßnahmen zur Entdeckung der Mörder treffen. Andererseits sei von den Italienern ein Bericht abge.se,Ml worden, in dem sie das Anklagematerial gegen Griechenland Zn verdichten siicheu. Der j a p an i f ch e, der f r a „ z ö fi f ch e und der englische Delegierte seien dem Vernehmen nach der Meinung, daß der Mord ein Racheakt und kein Politisches Verbrechen sei. Ankunft dev Opfer in Rom. Rom, 32. September Zum Empfang der hier eingetrosfeitctt Leichen der Opfer des Massakers von Janina hatten sich in, Bahnhof die Mtglieder der königlichen Familie, M n s s o l i „ i mit den Ministern, die Präsidenten des Senats -und der Känimer nnd die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden eingefundeu. illach der Abhaltung eines feierlichen Gottesdienstes, an dem auch das gesamte diplomatische Korps toilnahni, ürnrden die Laichen zun, Bahnhof zurückacbracht, da die Erniordeten in ihren Heiniatsorten bestattet werden sollen. Lebensmittel und Propagandaliteratur. Moskau, 22. Seiptentber. (Tel.-Konrp.) Nach amtlicher Mitleilnn'g aus Wladiwostok haben die j a P a n: s ch e n B e h ö r d e n das russische Schiff „L e n i n", das mit einer Ladung von Lebensmitteln für die von: Evdbelben betroffene Bevölkerung vou Jo ta Ha m a eingelaufen tvar. zum s o f o x t it g c it Verlasse n des Hafens aufgefordert, da es k o rn m u u i ft i s ch e Literat u r au Bord witführte. Deu Mannschaften au Bord ei-nes anderen vussischen Schiffes wurde verboten an Land zugehen. In einer Note an die Sowjetregierung erklärt die japa-nls-che Negierung, daß Japan eine ALaterialhilse von Rußland für das ErdbedeiMibivt danLond au-- nehluen wolle, dagegen auf die russifcherseiis angeküudigle Entsendung von. Sanität s a b! e i l u u <; r u nach Japan »vinic