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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-23 · Heft 1655 (23.9.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1655 (23.9.1923)
Date
1923-09-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1686 Wim, Sonntag Seite 3 Wiener Morgenzeitung. 23. September 1923 LesLerreich. Dar parlamentarische Arbeitsprogramm. Unlauterer Wettbewerb. Die gestrigen Parteiführerbefprechnngen haben den Weg fr?i geniacht lfür eine reibungslose Beendigung der Nationalratslagnng. Die strittige Frage der Erhöhung d e r A rbeitslosenversicherung wurde in der Werse gelöst, daß sich die Sozialdemokraten dazu bereit fanden, ihren Widerstand gegen das Gesetz über den n n l a n t c r c n Wettbewerb einzirstellcn, während die Mehrheits-Parteien Entgegenkonrmen in der Arbeitslosenfrage zustcherten. Die Vorlage über den unlauteren -Wettbewerb stellt sich als ein Ausfluß jenes zünftlerischen Geistes dar, von dem die kleinbürgerlich-antisemitischen Gruppen beherrscht sind, die in der Anpreisung von Waren, in der Reklame, in der Aufsuchung der Kunden und in der kaufmännischen Propaganda unerlaubte Geschäftspraktiken des jüdischen Handelsgeistes erblicken. Es sollen schwere Strafsanktionen für Uebertretnngen geschaffen werden, die dieses Gesetz erst konstrniert. Von den Strafen werden nicht nur die schuldigen Gewerbeinhaber, sondern allenfalls auch die Zeitungen, welche beanständete Anpreisungsinserate enthalten, und schließlich auch die Angestellten von Firmen getroffen werden, die aujf Anzeige ihrer Konkurrenten wegen Uebertretung deS Wettbewerbsgesetzes vor Gericht zitiert werden. Die Sozialdemokraten haben seinerzeit gegen dieses Gesetz obstruiert und namentlich ans die schweren Schädigungen hin-gewie-sen, die auch den Zeitungen aus dem Gesetz erwachsen könnten. Nunmehr stellen sie ihren Widerstand ein, nachdem ihnen die Mehrheitsparteien das Versprechen gegeben haben, die Strafbestimmungen gegen Angestellte aus der Vorlage zu besciti g e n. Sie begründen diesen Rückzug damit, daß sie hierfür die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung emtaufchen und daß sie, beziehungsweise ihre Wählerschaft, nicht daran interessiert seien, ob Kaufleute oder Gewerbetreibende einander im Konkurrenzkampf mit dem Gesetz über den unlauteren Wettbewerb das Leben sauer machen. Auf Wähler aus dein kleinen Handels- und Gewerbestand sowie aus dem Kreise der Handelsangestellten scheinen die Sozialdemokraten -demnach nicht viel Gewicht zu legen. lUebrigens dient die Vorlage bereits zur Inszenierung einer Judenhetze. In einer Wählerders-a-mmllittg kam vorgestern der Handelsministers Dr. Schürf-f, der übermorgen -mit -einigen Handelsleuten nach Warschau reist, auch auf das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb zu sprechen. Er meinte, die Gewerbetreibenden wären kaum in der Lage, die Saniernngslasten zu tragen, wenn sie dann eben auch noch den Wettbewerb mit zahlreichen Personen aufnehmen müssen, für die -die Steuerabgaben und sozialpolitische« Maßnahnren praktisch keine Geltung haben. In diesem Zusammenhang leistete er sich eine durchsichtige Verdächtigung der Juden mit den Worten: „Dies« Schmutzkonkurrenz ist um so gefährlicher, eckt sich zumeist -um landfremde Elem c n t c aus dem Qsten handelt, die, ungehemmt von unseren Moralbegriffen, Methoden in Handel und Verkehr eingeführt haben, denen der Gewerbestand beinahe tvehrlos gegenübersteht." Nachdem das Kompromiß abgeschlossen worden war, bot die Festsetzung des übrigen Arbeitsprogrammes keine Schwierigkeiten. Man einigte sich, noch folgende Gegenstände in in der Herbstsession zn erledigen: Das Sn d bahnüb er- MODELLHAUS Julius Krupnik VII., Kaiserstrasse II —115 VORNEHME KLEIDER KOfTUME M&NTEL PELZE S33 Wegen Umbau und Raummangels nur noch kurze Zelt nie wiedetkehrend billige Preise! BSS3SB3S9BBEBSSB5GI Schuhe! e i n.k om me n, die Kr a n ken v ers icher u n g s Novelle samt der Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung, das Gesetz! über den unlauteren Wettbewerb, das Tanz-! l e h r e r g e s e tz, das F o r t b i l d u n g s s ch u l g e s e tz für - Niederösterreich, die N ov elle zur Wahlordnung, das D e n k m a l s ch u tz ge s e tz und das S e ch z i g m i ll i a r den- 1 W o h n b a u a n l e h e n. Ter Nationalrat wird alle diese! Gegenstände in zwei, höchstens drei Sitzungen erledigen, so das; j er am Donnerstag da letzte Mal vor feiner Auflösung zu-! sammentreten wird. j Der christlichsoziale Wahlaufruf.! Die Ehristlichsoz-ialen haben gestern ihren Wahlaufruf! verösse-n-tlicht, den sie -ausdrücklich an da s ch r i stli ch e B o l k richten. Milhin lehnen sie schon 'im Eingang die freij willige Wah lhilfe von Jude n ab, die sich in der letzten Zeit in Wort und Schrift den Ehristlichsozi-al-en angebiedert haben, wobei allerdings zu bemerken ist, daß der Wahlaufruf kemer-lei Hinweis auf den Mahlsands enthält. Nach Schilderung der gefährlichen Situation des Vorjahres macht sich der Aufruf weidlich'über den Plan Dr. Bauers, „Anschluß der Krone an die deutsche Mark", lustig und unterstreicht den Erfolg der G-onfer Abmachungen, die Stabilisierung der Krone, nach Gebühr. Nochmals beteuert der Aufruf, daß die Christlichsozialen eine christliche Partei sind. Tann wird dem gewerblichen Mittelstand, der Landwirtschaft, den Arbeitern und den öffentlichen Angestellten die Erfüllung aller ihrer Wünsche versprochen und schließlich auch den Mietern das Versprechen g-'geben, daß der Abbau des Mieterschutzes nur schrittweise erfolgen und an den bestehanden Kündigungsbeschränkungen nicht gerüttelt 'werden dürfe. In den sieben Wiener Wahlkreisen stellen die Christlichsozialen folgende Listenführer auf: 1. Jnnen-Ost: Balüdeskanzler Dr. Seipel und Minister Schmitz. 2. Innen- West: Minister a. D. Heinl und Minister Dr. Kienböck. 8. Nord-West: Nbg. Partik und Minister a. D. Doktor Odehnal. 4. Nord-Ost: Dr. Mat aja und Abg. Volker. Z. Süd-Ost: Abg. Spalowsky und Abg. Dr. Jerzabek. 6. Süd-West: Abg. K u n s ch a k und M-inistcr V a u g o i n. 7. West: Abg. Schönsteiner, Hei gl und Haider?-Als monarchistische Kompromißkaudidaten sind Gesandter Doktor Wense (1. Wahlkreis) und Pros. Dr. Z e ß n e r - S v i tz c uberg (3. Wahlkreis) in Aussicht genommen. 80 Milliarden für Wohnbantsn. Der Finanzausschuß genehmigte gestern die Ansn ahnte eines 60 Milliarden-Anlehens des Wohn- und Siedlungsfonds, aus dessen Erlös eine Reihe bereits begonnener gemeinnütziger Bauten fertig ge sie llt werden sollen. MEVM MM Mische Wähler md WähleriMe» reklamiert Crm Wahlrecht! Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Jänner 1923 das 20. Lebensjahr erreicht haben, sind wahlberechtigt.' In der Hausliste, welche in jedem Hausflur angebracht sein muß, sind die bereits in die Wählerlisten Ausgenommenen ersichtlich. Wahlberechtigte, welche in dieser Hansliste nicht enthalten sind, melden sich unter Mitbringung ihrer und ihrer Angehörigen Dokumente (Heimatschein, Geburtsschein, Meldeschein, Paß, Arbeitsbuch ufw.) in einem der Reklamationslotale: 1. Bez., Wiesingerstraße 11, 2. Bez., Taborstraße 1 („Wiener Morgenzeitung^, 2. Bez., Taborstratze 2v a, 2. Bez., Zirkusgasse 33, 2. Bez., Prater, Stuwerstraße 1 (Cafe Winkler), 3. Bez., Löwengasse 39 (Cafe Ilion), von 4 bis 7 Uhr nachmittags, 9. Bez., Liechtenstemstraße Nr. 11, Zionist. Bez.-Sektion, täglich von 6 bis 8 Uhr abends sür den 9., 18. und 19. Bezirk, 20. Bez., Karl Meitzlstraße 5. Reklamation kostenlos! Täglich von 9 bis 12 und von 2 bis 6 Uhr. Sonntag von 9 bis 12 Uhr. Die Wahllisten liegen im Lokale, 1. Bez., Wiesingerstratze 11, täglich bis 9 Uhr abends zur Einficht auf. WM JEDER WKHLE für den Einkauf von Stoffen für die Herbst- und Wintersaison: Damen- und Herftnwäsche, Bett- und Hauswäsche. Strickwaren, Teppichen, Vorhängen etc, nur das bekannt verlässliche u. billige Iflaren-Drii rSchiffmann II., TaborstraSe 48 Telephon 47-1-79 En gros En deiait krinnemngen an Schalem Alejchem. Von Z. F. Finkelstein. 1. An eknem naßkalten Wintertage des Jahres 1005 sah sch Schoiem Alejchem zum erstenmal. Ich hatte als junger Student einiges von ihm in polnischen Uebersetzungen veröffentlicht und war nicht wenig überrascht, als ich in einem entlegenen Gäßchen Lembergs plötzlich den Dichter in leibhafter Größe erblickte. Ich erkannte ihn im Nu nach einer Personsbeschreibung. Seine schelmisch verschmitzten Augen, die hinter riesenhaften Brillengläsern halb überlegen, halb spöttisch hervorlugten, und seine charakteristische schmächtige Gestatt — ein Mittelding von weltmännischem Bohemien und russischem Kleinbürger — verrieten auf den ersten Blick den lachenden Philosophen aus Kasriliwke. Es war die Zeit, wo eine Pogromwelle die russische Erde aufzurütteln begann, und nach den ersten Begrüßungsworten erfaßte ich sofort den ganzen Jammer seines Lembcrger Abstechers. In Kiew hatten sie sein Heim verwüstet. So zog er in die Fremde. „Nun, wohin gehen Sie jetzt?" frng ich, indem ich die Ruhe und die saloppe Gangart des Heimatlosen durch wildfremde Gassen bewunderte. „Jetzt?" entgcgnete Scholem Alejchem und glättete sich den aschblonden Krauskopf, „jetzt sehe ich mir Euer Lombcrg an." „Und wo wohnen Sie hier?" frng ich weiter in meiner studentischen Zudringlichkeit. „Wohnen? — eigentlich wohne ich noch nirgends, aber Gott wird scharr helfen, es wohnen ja — heißt es — genug Inden in dieser Stadt." „Und wo sind Ihre Leute?" warf ich ein. „Weine Kinder, meinen Sie? Die warten noch ans dem Dahnhof — wir sind erst heute früh angekommen." Ich war sprachlos. Er flüchtet vor beut Pogrom in eine entlegene Stabt, läßi die Familie am hat Wch ttuü' fftr die Nacht snft ftftumw*- «*• jcrUSvcrgnügt durch die Gassen, als wäre es nur ein Ausflug für einen Tag. Ich überlegte nicht lange und bot ihm ein gastliches Zimnrer in meiner elterlichen Wohnung an. Scholem Alejchem nahm dies beinahe gleichgültig an, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, und nun ergoß sich über mich ein Strom von Fragen: wer meine Eltern seien, wie viel Personen zu Hanse wohnen, wie das Zimmer beschaffen sei, wie gelegen, ob luftig, sonnig, wie viele Fenster... Ich kannte ja bereits dics-e Flut von Fragen aus „Tojrje der Milchiger", aber im strömenden Regen wirkten sie kaum bezaubernd ans nnch. Es begann zu dämmern, und es galt, noch di« Eltern für die Hergabe des Zimmers für eine kaum abschbarc Zeit zu gewinnen. Schließlich — des Dichters Angehörige warteten gewiß auch sehnsüchtig am Bahnhofe auf seine Rückkehr. Ich empfahl mich daher schleunigst, übergab die Adreffe meiner Wohnung und verschwand, ohne ans die weiteren Fragen zu warten. „Wir kommen, so Gott will, noch heute," ries er mir noch nach. So geschah es auch. Knapp vor Torspein:e kamen sie. Aber nicht ans einmal. Bor allem brachte uns ein uraltes Ntütterchen zwei Kinder.. In einer halben Stunde darauf kam ein junges Ehepaar mit einem Kinde. Schließlich erschien Pustend und klappernd vor Kälte, Scholem Alejchem mit Frau, Schtviegermutter, Sohn und Tochter. Rdeinc Eltern schlugen die Hände zusammen nnd ich verbiß die Lippen. Wäre nicht der schelmisch lächelnde Blick des Dichters getvcsen, der den schwärzesten Pessimisten cntwaffnete, mein gestrenger Vater hätte mich erschlagen könnett für eine solche Bescherung.- Eine wahre Invasion! Vater, Großmutter, Kinder, Enkel, Schwiegersohn und Schwiegermutter — beinahe eine ganze Gemeinde aus Tnnejaderke! Natürlich war es unmöglich, alle . in einem Zimmer unterzubringen, und so mußte man znsammcnrnckcn. nm den Gästim ein zweites Ziemer zu nl'erl'sisin „Warum sagten Sie nicht meinem Sohne, Panie Scholem Alejchent," wagte mein durch das Gepolter der Angekonimenen eingeschüchtertcr Vater zu fragen, „daß Ihre Familie so groß ist?" „Was? groß ist sie? zählen Sic Ihre Zähne, und nicht meine Kinderchen," cntgegnete aufbrausend Scholeni Alejchem. „Im übrigen," nnd nun erheiterten sich seine Züge und die Angen lächelten, als wäre nichts vorgesallric, „in Ihrer Wohnung ist ja, Gott sei Dank, itoch Platz genug . . ." Mein Vater warf mir einen niederschmetternden Blick zu und schloß polternd hinter sich die Türe. . . n. Man würde meinen, daß ein Familienvater, der drei Generationen durch ganz Europa und schließlich Amerika mit sich schleppte, von Sorgen erdrückt wird. Aber weit gefehlt! Scholoin Alejchent kannte keine Sorgen. Er nwr naiv wie ein Kind und sah nur die lachhafte Fratze des Alltags. Sorgen? — Sorgen machen krank, pflegte er zu sagen. Er, dessen unzählige Schöpfungen förmlich überströmten vom blntwarmen Leben, und dessen dichterische Individualität ans die Wesensart des Alltags völlig eingestellt war, stand weltfremd und traumverloren dem Alltag gegenüber. Er schöpfte, wie jedes große Talent, aus dem Vollen, nnd formte so lange das reale Leben eines ganzen Volkes, bis ihm das eigene schattenhaft zerrann. So gingen Scholem Alejchem und seine Dichtung mit ewigem Llicheln durch die Zeit. Nur war cs im Lel»ett ein naives Lächeln eines erstaunten und nnb.'t).'>scnen Kindes, während im Urquell der Dichtung dieses Lächeln geläutert zum Spiegelbild einer ganzen Epoche . erstarrte . . . Das Leben vieler seiner Typen hat er gelebt. Er versuchte sich als Rabbiner, Lehrer, Börsianer, Kaufmann, Vorbcter, Thoraschreiber und landete schließlich als jüdischer Schriftsteller, der von den Lttftmenschen von Kasriliwke nicht allzu tvesensverschiedcn war. Mau lebte in den Tag und auch in die Nacht hinein. Man vergnügte sich, sotveit cs ging, saitg und zechte, borgte IwupV. vub kaum rrlwirhtc man eine anwere GeLd«

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