Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1655 (23.9.1923)
- Date
- 1923-09-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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6efte 9 Men. Sonntag Brief aus Rumänien (Bon unserem Bukarests Korrespondenten.) Der Beginn -es neuen Schuljahres bringt es mit skch. -aß die allgemeine Aufmerksamkeit -er nationalen! Minoritäten, und ganz besonders der Juden, sich den Vorgängen an den verschiedenen Lehranstalten zuwendet. In der Tat ist diese Frage noch so wenig geklärt, daß eine Ministerialverordnung die andere jagt und dadurch ein Gefühl der Unsicherheit aus dem Gebiete deS Schuld- Wesens schafft. So kam vor einigen Tagen während der Schuleinschveibungett ein Erlaß der Klausenburgen Generalinstrektion für Unterrichtswesen heraus, der für die Juden wieder eine neue Situation hervorruft. In dem Zirkular Nr. 32 wird ein Beschluß des Unterrichtsmini-' fters bekanntgegeben, wonach den magyarischen Minderheitsschulen verboten wird, jüdische Schüler aufzunehmen. Diese Verfügung des Unterrichtsministers basiert auf der Voraussetzung, daß die ungarischen Schulen korifessionelle Schulen sind, und daher den Zlweck verfolgen, ihre Schüler der katholischen Religion entsprechend zu erziehen. Die Juden hätten also kein Interesse, im Sinne! dieser magyarisch-konfessionellen Schulen erzogen zu werden. Eine nationale Beeinflussung der Juden durch die magyarischen Lehranstalten könne nicht geduldet werden. Für die Juden Siebenbürgens und des Banats ist dieser Erlaß von außerordentlicher Bedeutung. Nach dieden. Eine nationale Beeinflussung der Juden durch die Möglichkeit, ihre Kinder entweder in die staatlichen oder! in die rein jüdischen Schulen zu schicken. Da andererseits' in den rumänischen Staatsschulen auch das Bestreben besteht, durch möglichst strenge Auswahl der Kinder unschön mit Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse ldes Staates eine möglichst homogene rumänische Schülerschaft sicher zu stellen, wodurch einer großen Anzahl jüdischen Schüler der Eintritt in die rumänischen Staatsschulen zumindest erschwert wird» werden die jüdischen Schüler geradezu in die rein jüdischen Schulen gedrängt. Da stehrer die Dinge allerdings noch schlecht genug, denn die Judepj Siebenbürgens und des Banats verfügen noch nicht über so viele jüdische Schulen und Lehrkräfte, die diesen Anforderungen genügen könnten. Aus diesem Grunde dürftedie neue Verfügung, weil sie vorzeitig erlassen wurde, manche Verwirrung in das Schulwesen für das kommende Schuljahr hineintragen. Neben dem Volks- und Mttelschulwesen bildet das H o ch s ch u l w«sen ein Sorgenkind der rumänischen Regierung und die Quelle vieler Kränkungen für die rumänische Judenschaft. Die extremen nationalistischen rumänischen Studenten sind die Exponenten deäußersten Md' radikalsten An tis« tismus, und die unausgesetzten Unruhen an ben. Universitäten Bukarest, Jassy, Klausenbürg usw. bilden in der Regel das Signal zu allgemeinen antisemitischen Ausschreitungen in den betreffenden Uni-i versitätsstädten und in deren Umgebung. Die Rektoren! der Universitäten haben bisher mit der größten Energie gegen die Unruhestiftungen der unter dev Führung ides' antisemitischen U niversitätsprofessors C u c a stehenden Hochschüler angekämpft. Diese konsequente Ablehnung des Antisemitismus auf den Hochschulen ist nicht ohne Erfolg geblieben. Selbst in -er Anhängerschaft des Professors C u c er an der Universität Jassy macht sich in der allerjüngsten * Z^it das Bestreben fühlbar, an der Jassyer Universität den ungestörten Fortgang der Studien ohne Behelligung andersnationaler Studenten sicher zu stellen. Eine Gruppe antisemitischer Studenten hat diese ihre Friedensabsicht im Wege einer Deputation Cuca selbst zur Kenntnis gebracht. wobei sie die Erklärung abgegeben hat, daß sie. wohl von der Forderung des Numerus clausus nicht abgehe. dieselbe jedoch in Hinkunft außerhalb des Gebietes der Hochschule zu verfechten gedenke. Ein endgültiger Beschluß der Cueisten wird erst nach der in diesen Tagen. ftattfinbo:tben Konferenz der Jassyer Universitätsprofessoren gefaßt werden. Dieser Konferenz liegen die Bedingungen der rumänischen Studenten für die friedliche Teilnahme an den Vorlesungen vor. Sie lauten: 1. Dem anatomischen Institut sind auch jüdische Leichen zu Studienzwecken zur Verfügung zu stellen. 2. Außerkraftsetzung des neuen Universitätsreglements. An der Klausenburger Universität können die jüdischen Studenten seit dem letzten Samstag nur in dem Falle an den anatomische«! Uebungen teilnehmen, wenn dem Institut jüdische Leichen zugesührt werden. Da die Chewra-Kadischa-Vereinr Siebenbürgens und des Banats entschlossen sind, alle ohne! die im Gesetze bczeichneten Verwandten verstorbenen Juden der Universität zu überlassen, so dürfte von dieser Seite keine Schwierigkeit entstehen, soweit es sich um Leichen von in Spitälern verstorbenen Juden handelt. Vom gewesenen Rektor der Jassyer Universität, jBratu, ist vor einigen Tagen unter dem Titel „Nationale Politik gegenüber den Minderheiten" eine Studie erschienen, die wegen ihres mutigen Tones beträchtliches Aussehen erregt. Professor Bratu sagt unter anderem: „Der Nationalismus ist eine Wirklichkeit, er bedeutet jedoch nicht den Haß gegen andere Nationalitäten. Das Interesse des rumänischen Staates erfordert, daß zwischen seiner Bevölkerung vollkommene Harmonie herrsche, was jedoch nut durch ein freundschaftliches Verhalten gegenüber den Nationalitäten erreicht werden kann. Dev Antisemitismus", heißt es an einer anderen Stelle, „ist nicht schöpferisch, was in der Natur der Cache liegt, da feine W'a'se ter Haß und dir Verbreitung des Hasses ist. Wa, dir antisemitische Bewegung unter" den Studenten betrifft, so ist es kein Zweifel, daß sie von wutzen-l ß&kejiliKtM Äktfcifft« geschürt Wiener Morgenzettrmg. 23. September 1923 Nr. 1988 Tokios Untergang. Der Nerlcht eines Augenzeugen. Das m. Paris erscheinende japanische Blatt „Mainitschi" veröffentlicht einen ausführlichen Bericht über die Katastrophe in Tokio, eine Schilderung, die ihm von seinem Berichterstatter, der sich im Augenblick des ersten Erdstoßes in Tokio bestmd, gekabelt worden ist. Der erste Stotz erfolgte am Samstag, tvenige Minuten vor 12 Uhr mittags. Er war an sich wohl heftig genug, aber denen, die ihm folgten, nicht zu vergleichen. Das Zentrum des Bebens lag in der Nähe der Oshima-Irrstl, etwa fünfzig Seemeilen südwestlich von Tokio. Nach etwa zehn Stößen schien die Erde sich beruhigt zu haben. Es war leider nur eine Atempause, der ein Stoß von unerhörter Heftigkeit folgte. Die Hauser sielen wie Kartenhäuser zusammen, und die riesigen Wolkenkratzer, die in den letzten Jahren nach amerikanischem Vorbild gebaut worden lvaren, bildeten nach loenigen Minuten nur noch einen Trümmerhaufen, aus dem die gellenden Schreie der Verschütteten herausklangen. Es war unmöglich, irgendwelche Anordnungen zu treffen. Die Unglücklichen waren ratlos, in welcher Richtung sie fliehen sollten, und die Panik nahm immer schrecklichere Formen an: Der kaiserliche Palast erlitt schwere Beschädigungen, und von den Geschäftshäusern >der zahllosen Handelsgesellschaften, die zum größten Teil ihre Bureauhäuser nach modernen Methoden des Westens hatten bauen lassen, blieben nur noch.rauchende Trümmer übrig. Der Kronprinz, der sich im Augenblick der Katastrophe im kaiserlichen Palast befand, wendete sich zunächst zur Flucht, kehrte aber dann wieder um, um nach seinem Palast in Tokio zurückzukehren. Durch das Feuer an dieser Absicht gehindert, mußte er indessen erneut der Hauptstadt den Rücken kehren. Furchtbare Szenen spielten sich in den Staatsbetrieben ab. Hier wurden Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen unter den Trümmern der Gebäude begraben, die, nachdem sie zusammengestürzt waren, in Brand gerieten. In Fuji gingen ans diese Weise 500 junge Mädchen unter entsetzlichen Qualen zugrunde. Niemals in meinem Leben werde ich den letzten Anblick vergessen, der sich meinen Augen in Tokio bot. Es ivar am Samstag gegen 3 Uhr nachmittags: Tausende von Personen rannten hin und her in dem vergeblichen Bemühen, eine Zuflucht zu finden; andere suchten unter den Leichenhausen einen Berlvandtey, einen Freund, umjdann ihrerseits zu Bodenart stürzen und eine Beute der heranflutenden Feuerwelle w werden. In jeder Straße sah man Haufen von Leichen ruit verkrampften Händen aus aufgedunsene'.: Gesichtern. Bei den: Fehlen offizieller Nachrichten schossen die unwahrscheinlichsten Berichte wie Pilze aus dem Boden. Der Kaiser und die Kaiserin sind wie durch ein Wunder dem Tode entgangen. Das Kaiser paar befand sich in dem Landhaus von N i k k o, als der erste Erdstoß erfolgte. Die Fürstlichkeiten hatten kaum die Schwelle des Haupttores überschritten, als hinter ihnen das Gebäude zusammenstürzte. Eine furchtbare Tragödie spielte sich bei der Eisenbahnstation Uyero ab, wo mehrere Tausende von Flüchtlingen den vergeblichen Versuch machten, m das bis zum Dach gefüllte Stationsgebäude emzudvingen. Als ihre verzweifelten Bemühungen ohne Erfolg -lieben, eilten sie in den Park von Uyero, wurden aber durch, die Explosion der Gasleitungen gsMingm» ihre Flucht sortzusetzeu. Die Panik, die der Explosion folgte^ nahm um so größeren Umfang an, als das Feuer aus das Bahnhofsgebäude übergesprungen war. Verzweifelt stoben die Flüchtlinge nach allen Richtungen auseinander, um den züngelnden Flammen zu entgehen. Bei dieser wilden Flucht stürzten Frauen und Kinder zu Boden, und bald türmten sich Berge menschlicher Körper aus, die die nachdringende Menge zu übersteigen versuchte, wahrend gellende Schreie der zu Tode getrampelleu Frauen und Kinder die Luft ersiillien. Das Erdbeben hat weiterhin alle Bahnhöfe mit Ausnahme des Zentralbahnhofes zerstört. Verschont blieb dagegen das Gebäude des Hauptpostamtes, doch waren alle telegraphischen und telephonischen Leitungen unterbrochen. Die Ginza-Straße, die für Tokio das ist, was Piccadilly für London, bildet nur noch einen Haufen rauchender Trümmer. Stark mitgenommen ist unter den Vierteln der Haupts:.'idt besonders der Kanota-Stadtteil im Nordosten der Stadt, der als Sitz der Universität und der höheren Schulen als das lateinische Viertel von Tokio bezeichnet werden kann. Das Nihubaski-Viertel, das die City Tokios darstellt, hat ebenfalls stark gelitten. Vierzig jüdische Familien in Japan in Not. Nach einer von Kobe in New-Ioc? oingelangten Kabclmeldung, befinden sich 40 jüdische Familieu, die durch das Erdbeben in Jakohama obdachlos geworden sind, in ärgster Not. Die Nachricht lautet: „Vierzig jüdische Familien im Elend. Drahtliche Geldüberweisung erbeten. Helft uns oder wir sind verloren." Nach einer 'Konferenz zwischen Hias, American Jewish Committee und Joint wurden sofort telegraphisch 2000 Dollar überwiesen. Der Präsident der Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner, Rabbi Abram Simon, hat einen Aufruf für Subskriptionen für den Japan-Hilfsfonds des amerikanischen Roten Kreuzes erlassen. Unter den in Jokoihanm rrmgekommenen Juden befind.m sich auch der amerikanische Generalkonsul M. D. Kyriasoff und seine Gattin. (I. C. B.) lBon unserem Czcrnowiher Korrespondenten.) Unsere Tage stehen im Zeichen -er Kongresse. Nach diesen Vorbildern versucht der rumänische Antisemitenführer Cuza, einen Antistmitenkongreß m Rumänien einzuberusen. In Mort und Schrift wurde diese „heilbringende Tagung" vorbereitet, und nach Jassy, dem Bollwerk der rumänischen antisemitischen Bewegung, einberufen. Schon setzten sich die Führer der rumänischen Faszisten nach der alten Hauptstadt der Moldau in Bewegung, als plötzlich ein Erlaß des Innenministers die Abhaltung des Kongresses verbot. Cuza spie Galle, aber es war unmöglich, diese Verordnung zu umgehen. Nun machten sich die Cuzisten ans die Suche nach einem anderem gastlichen Dach, von wo ans sie ihre „großen und erhabenen Gedanken" nach allen Weltrichtungen hinauszuposaunen gedachten. Den Faszisten schien die Hauptstadt Siebenbürgens, Cluj, als der richtige Platz, den Kongreß abzuhalten. Dort hofften sie, die Jünger Horthys für sich zu gewinnen. Auf dem Wege nach! Cluj kam es in mehreren Städten der Moldau zu Ausschreitungen gegen die Juden. Die Regierung ergriff alle Maßnahmen, um den ihr gefährlichen Faszismus nicht nusarten zu lassen. Also wurde mit großem Tam- Tam der Antisemitcnkongveß nach Cluj emberufen und! die Tagesordnung publiziert. Ter kurze Sinn der langen Reden war: Mvrtea Jidanilor — Tod den Juden! Auch in dieser Stadt hatten die Cuzaisten keinen Erfolg. Der Kongreß wurde knapp vor seiner Eröffnung von der Negierung verboten, und Meister Cuza sah sich um seinen großen Erfolg betrogen. Also ging man auf die Suche nach einem neuen geeigneten Ort, nm, weit entfernt vom Schüsse, soll heißen von der Zentralregierung, den Kongreß abzuhalten. Ein schönes MiMen an die Redaktion sowie unverlangt elnlarrgynderr MauiiMipten wolle mätt stets Rückporto beilegen, öa sonst eine Leankworiung, beziehungsweise Rücksendung nicht erfolgen kann. n ii iw wiiwmnrnnimMBiUH nnwi Gebirgsstädtchen in der Bukowina, Kimpolung, wurde für diesen Zweck auserkoren. Für den 17. September wurde die große Tagung mit einem ungeheuren Reklameaufwand nach Kimpolung einberufen, und schon setzten! sich die Jünger Cuzas, Popen und Studenten, in Bewegung, und das stille Gebkrgsstädtchen lenkte bald dick Aufmerksamkeit der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit auf sich. Nach der bisherigen Taktik Cuzas waren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in der ganzen südlichen Bukowina zu befürchten. Bald darauf erschienen jüdische Deputationen und berichteten, daß dia Emissäre Cuzas die Bevölkerung ausreizen und die Juden in icherhörter Weise verleumden. Sofort begab sich der Präsident der Bukowinaer Zionistischen Landesorgani^ safton, Dr. Mayer Ebner, zum Minister Dr. Ni stock und verlangte. die Absagung des Kongresses. Da er vow seiten der Bukowinaer Lokalbehörden keine positive unklare Antwort erhielt, begab sich Dr. Manfred Reifer im Aufträge der Bukowinaer Zionistischen Landctwrgamsation nach Bukarest, um beim Innenminister Vorstellungen zu machen und die Sistierung des Kongresses zu verlangen. Die Bukowinaer Deputation wurde von Dvktock Fildermann zürn Innenminister Vaitoic aitu geführt, wo sie energische Maßnahmen zum Schutze des jüdischen Lebens und Eigentums forderte. Der J'.nnei:- sinister erließ sofort durch seinen Generalsekretär Franasoviel folgende Verordnung: Der Kongreß in Kimpolnng wird abgesagt, das Kriegsmini sterium wird ersucht, sofort alle Maßnahmen zu ergreifen, die Gendarmerie wurde verstärkt und der Generaldirektor Dnmitrescu nach Kimpolung beordert. Durch diese energischen Maßnahmen des Innenministers wurden in der Tat alle Pläne des Antisemiten-' führers Cuza zerstört. Wie dem auch immer sei, eines steht! fest, daß eine ungeheure Reaktionswelle sich in Rumänin«! breit macht. Zwar hat sich die Regierung bis heute noch! stark genug erwiesen, um dieser volksfeindlichen Betvegung die Stirne zu bieten, allein es ist eine Frage, ob die liberale Negierung auch weiterhin den Mut und die Kraft haben wird, der schwarzen Reaktion Einhalt zu tun. Wir wollen die Sache nicht allzu schwarz sehen, können uns aber dennoch nicht des Gedankens erwehren, daß die Judenschasl Rumäniens schlechten;v. . vyvrgeht.