Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1655 (23.9.1923)
- Date
- 1923-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i EnföelrommerKIttfflS Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., T ab orstr. 1 -3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Wiener Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000. Deutsch 1.: Mon. ost.K 28000. F r an k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 BQ* N aehxahlungeu *W> tri Preiserhöhunyen Vorbehalten Rr. 1655 fscfte(ho*»Mwik«li tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire RumInien Mon. 90Lei Bulgarien Mon.75 Lewa Schwei? und das übrig« Ausland r cmatl'ch Frcs.? Redi1 iionu \dministratios Wit n, U., i aborstrasael—J Wien. Sonntag. 23. September 1923 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-285 Tel.« Adr.: .Morgenreituog" Wien Oösterreichisches Postspar* kasaen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang KomödrmszeNe m Warschau. P. Wien, 33. September. Ein naiver jüdischer Journalist in Warschau hatte <ien lustigen Einfall, Bundeskanzler Seipel während seines Aufenthaltes in der Hauptstadt der . polnischen Republik über die österreichischen Verhältnisse auszufragen. Bundeskanzler Seipel stand dem Redakteur des jüdischen Tagblattes in zuvorkommender Weise Rede. Das Gespräch floß gemütlich dahin, als den jüdischen Journalisten plötzlich das Verlangen anwandelte, aus dem Munde des österreichischen Bundeskanzlers auch einiges über die Judenfrage in Oesterreich zu erfahren. Da begann die Konversation ungemütlich zu. werden. Bundeskanzler Seipel mochte, als er mit dieser Frage überrumpelt wurde, so etwas wie „jüdische Zudringlichkeit" gedacht und den Interviewer am liebsten vor die Tür gesetzt haben. Aber Seipel verlor die Haltung nicht und anstatt die unbequeme Frage selbst zu beantworten, wies er den neugierigen und ihm sicherlich lästigen Juden an seinen Sektionschef. Sektionschef Schüller verstand den Wink und sagte seine Aufgabe in einer Weise her, daß Seipel — wir wollen es zu seiner Ehre annehmen — über die Kühnheit seines Schüller erröten mußte. Nein! Das hätte Bundeskanzler Seipel, den seine kirchliche Stellung davor hüten soll, so handgreifliche Unwahrheiten in die Welt zu setzen, nicht zuwegegebracht; und selbst wenn ihn die Rücksicht auf seine Stellung n4chi davon abgehalten hätte, sich über seine eigene Judenpolitik in so unangebrachter, derber Weise lustig zu machen, so hat ihn die kluge Vorsicht davor bewahrt, selbst in der Theorie etwas zu behaupten, was den Tatsachen nicht entspricht, aber ihm auch als theoretische Behauptung von seinen Parteigenossen und seinen politischen Alliierte ^als politischer Mißgriff sehr übel genomme« worden wäre., Sektionsä)es Schüller hat sich in Warschau einen frivolen Spaß erlaubt, der nicht ruhig hingenommen werden darf. Es kann nicht geduldet weichen, daß Seipel durch seinen Bediensteten von Warschau aus nach Wien Wahlpolitik treibe. Man kann es nicht ruhig hinnehmen, daß der Führer der christlichsozial-großdeutsch-legitimi'stischeu Koalition in Warschau Wien und Oesterreich als das Dorado der Juden hiustellt, während zur selben Zeit die Vexationen der Juden in den letzten Wochen nur für die Zeit der Wahlkampagne unterbrochen wurden, um auf diese Weise einigen Großindustriellen und ihrem Anhang den erniedrigenden Weg zur Wahl der christlichfozialen Kandidaten weniger erniedrigend erscheinen zu lassen. Wir bedanken uns dafür, daß man uns im Ausland Honig um den Mund schmiert und zu Hause ruhig duldet, daß wir beschimpft, und besudelt und uns die Köpfe eingehaut werden. Wir verzichten auf das Wohlverhaltungszeugnis des Herrn Sektionschefs Schüller wegen unserer braven Haltung während der ganzen Jahre der schwersten Krisis, die Oesterreich durchzumachen hatte, wenn er sich daraus den Rückschluß gestattet, daß wir saLrav sind, weil man uns gut behandelt. Tatsache ist hingegen, daß die Juden Oesterreichs ihr Können, ihre Verbindungen und Erfahrungen in den Dienst der österreichischen Republik stellten und stellen, obgleich die Regierung in ihrer Behandlung der Judenfrage die Juden zu solch loyalem Verhalten durchaus nicht aufgemuntert hat. Aber selbst Sektionschef Schüller scheint im letzten Augenblick über seine eigene Kühnheit und allzu lebhafte Phantasie und nicht minder über seine überströmende Anerkennung der großen Verdienste der Juden Oesterreichs erschrocken zu sein. Er empfand es deutlich, daß er in diesem Gespräch auch feilten, politischen Gesinnungsgenossen einige Rücksicht schuldig sei, und da platzte er recht plumper Weise mit dem Ostjudenproblem heraus. Es ist die alte Unaufrichtigkeit und Heuchelei der ganzen Seipel-Politik, die angeblich den Ostjnden schlägt, in Wahrheit aber die gesamte arbeitende Judenschaft Oesterreichs trifft. Dieses an Taktlosigkeit grenzende Hervorzerren der Ostjudenfrage in der polnischen Hauptstadt einem Ostjuden gegenüber hätte, so dachte wohl Sektionsck>ef Schüller, auch noch wahltaktisch das Gute, daß damit die „bcdeuständigen" jüdischen Förderer des Antisenritismus vollauf befriedigt sein können. Wenn sich auch jetzt nickst die Kassen jener berüchtigten jüdischen Industriellen für die Wahlzwecke Seipels angelweit öffnen, dann weiß man wirklich nicht, lvas man diesen Juden noch alles zu Gefallen tun soll. Der Vertreter des Warschauer jüdischen Tageblattes hat sich wohl durch die Worte des Sektionsclxffs Srlst'llser nickst beirren lassen. Ihm genügte das Ausweichen des NnndcNanzjlcrs ieBsEt Dos m Dcftacatgerechte Berlin, 22. September. Die Blätter veröffentlichen Einzelheiten über den Gesetzentwurf betreffend die Währungbank. Tie Bank soll durch Land wirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handel einschließlich des Transport- und Bankengewerbes errichtet werden. Die Bank ist. selbständig in Verwaltung und- Geschäftsführung. Das Kapital der Bank, die von allen Stuern befreit ist, beträgt 240o Millionen Bo den mark. Es wird zu gleichen Teilen von der Landwirtschaft, Industrie usw aufgebracht. Die Währungsbank erwirbt an allen landwirtschaftlichen, industtiellcn usw. Grundstücken in der Höhe, von drei Prozent des Wehrbeitrages eine auf Goldmark lautende G r u n d ls ch u l d. Die Grundschuld geht, soweit nicht mit anderen Staaten getroffene Vereinbarungen cngegenstehen, allen anderen Lasten vor. Die Währungsbank stellt auf Grund ihres Kapitals auf Gold lautende R t u t e nb r i e f e aus, die als Deckung für die von der Währungsbank auszugebende Bodcnmark dienen. Die Bank ist verpflichtet, oie Geldzeichen gegen Renteubriefe einzulöfen. Eine Bodenmar! entspricht dem Werte von 0,358 Gramm Feingold Die Währungsbank erhält die Ermächtigung, während der nächsten zlvei Jahre dem Reiche auf Bodenmark lautende D a r l e h e n bis zum Höchstbetrage von zwei Milliarden zu gewähren. Nach Ablauf dieser zwei Jahre tritt die Währungsbank inLiquidatio u. Die Bank stellt sofort dem Reiche ein z i n s e n l o s e s Darlehen von 300 Millionen Bodenmark zur Verfügung, das zur Einlösung der bei der Reichsban? diskontierten Reichsschatzanwei'snngtn verwendet wird, während die Reichsbank mit den ihr -zufließenden Beträgen die umlausenden Retchsbanknotew einlöst.? ' Berlin, 22. September. In einer Erklärung des Reichsfiuanzministeriums wird ein scharfes Vorgehen gegen die wilde Notgcldansgabe angekündigt. mit dem franzS« LeuemngrunrrÄen und Plünderungen in Berlin, 22. September. (Tel.- Komp.) Die dem Reichskanzler nahestehende „Zeit" bestätigt die Meldung des „Petit Pari st c n", daß die Besprechungen zwischen dem französischen Botschafter und dem Reichskanzler, die wiederholt stattfanden, eingestellt wurden. Diese. Tatsache, so meint das Blatt, sei. wenn sie auf eine Weisung des ftanzösischen Ministerpräsidsnten zurückgehe, ein neuer sicherer Beweis für die Sinnesart, die neuerdings in Paris gegenüber den: NlchrkonMt herrscht. vsjk vit; Berlin, 22. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Montag findet ,u Berlin eine Konferenz der Ministerpräsidenten der deutschen Staaten und der R e i ch s r c g i e r u n g statt, an der auch Vertreter der besetzten Gebiete teilnehmen werden. S t r c s e m a n u wird über den Stand der B e s p r e ch u n g e n mit Fra n U reich und über die Möglichkeiten der Zurückziehung der Verordnungen über den passiven Widerstand referieren. Man nimmt an, daß es zu wichtigen politischen Beschlüssen kommen wird. London, 22. September. (Wolff.) Nach den „Times" werde die außerordentliche Befriedigung über die Zusammenkunft, die in Paris geäußert loerde, in o f f i z i e l l e n L o ndoner Kreisen nicht ganz geteilt, weil man der Ansicht sei, daß die wirklichen Hindernisse für eine Zusainmenarbeit keineswegs beseeitigt worden seien, und befürchte, daß jeden Augenblick der v o l l st ä n d i a c Z n s a in m e n b r u ch und die Auflösung Deutschlands alle Pläne bedeutungslos machen könnten. Jndenpolitik bedeutet, ist in Warschau genau so bekannt wie hier. Der Zweck einer Irreführung der öffentlichen Meinung in Polen ist nicht erreicht. Was jedoch die jüdischen Wähler in Oesterreich selbst betrifft, so werden sie wohl diese diplomatische Unterschätzung ihres Intellekts mit Protest znrncklveisen. ©ie haben es in den letzten Jahren zu stark empfunden, wie sehr sie einer selbstbewußten jüdischen Vertretung im Nationalrat bedurften, und daß sie ihrer im Parlament ebensowenig entraten können wie int Wiener Gemeinderat, wo die jüdischen Vertreter oft unter den schwierigsten Verhältnissen für die Tag um Taa bedrohten Rechte der Inden m Krmbfen hatterr. Berlin, 22. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) In Dresden ist es heute wieder zu LebenSmittelunruhen gekommen, - an denen sich Tausende von Menschen beteiligten/ Es gab schwere Zusammenstöße zwischen den Demonstranten und der Polizei. Sämtliche Läden wurden geschlossen. — In Plauen haben die ' E r w e r b s l o s e n die sofortige Auszahlung einer Notstandshilfe von drei Dollar, Auszahlung eines Wochenunt-erstützungssatzes im voraus, Anschaffung von fahrbaren Feldküchen zur Spenung Arbeitsloser, sofortige Beschaffung von Brennmaterial gefordert.. Weiters wurde beichlossen, ge m e i ns a nt a uf 8 flach e Land zu ziehen. Dieser Beschluß wurde geuern von ettva 700 Personen befolgt, die die umliegenden Kartoffeläcker plünderten. Aehnliche Vorfälle haben sich im linksrheinischen Geb'et abgespielt, wo streikende Bergarbeiter, mit Eifenstangen bewaffnet, gewaltsame Lebensmittelrequisitionen auf dem Lande Vornahmen. Sie bayrischen RMsnMen Hetzen. - München, 22. September. (Wolff.) Aut letzten Mittwoch trat der Vorstand der Bayrischen M i t t e l p a r t e i zu einer Sitzung zusammen, in der eine Aussprache über die Lage stattfand. In einer im Anschluß daran veröffentlichten Erklä» rirng der Partei heißt es u. a., daß sich das nationale Deutschland eine verschleierte Kapitulation nicht stillschweigend gefallen lassen dürfe. Kn neuerlicher Sabotageakt. Essen, 22. September. Wegen eines Sabotageaktes aus der Bahnstrecke Rüttenscheid—Heißen—Mühlheim ist über Esse« (Stadt und Land) eilte Reihe von Sperrmaßna-hmen verhängt worden, die für acht Tage die Unterbrechung sämtlicher Verbindungen aus Esseit urtd sehr starke Beschränkungen des Verkehres tu der innereit Stadt bebcute«. BSlkerdnnd und Marationsfrage. Ein Vorstoß Murrays. Gens, 22. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) In der heutigen Vollversammlung des Völkerbundes wurde die Aussprache über den Bericht des Rates fortgesetzt. Maharadscha von Nawanagar kritisierte in ziemlich scharfen Ausführungelt das Verhalten Italiens im italienffch-griechischen Konflikt und betonte, daß die Großmächte als e r st e den Vorschriften des Paktes entsprechen müßten. Profeffor G. Murray (Südafrika) unterstützte die gestrigen Ausführltngen der Redner über die Reparationsfrage mtb hob hervor, daß er im Namelt von 300.000 Mitgliedern der englischen Bölkerbundvereinignng sowie der VAkerbmtdvoreinigungen der ganzen Welt spreche. Er wies auf die Eiitgabe des Internationalen Gewerkschaftsbnnd.es hin, die im Namen von 2 0 M i l l i o u c it Arbeitern der ganzen Welt eine Lösung des Reparationsproblems fordere. Wenn der B ö l k e r b u n d diese Frage nicht losen könne, würden auch alle seine übrigen großen Werke an Bedeutung verlieren. Seit vier Jahren warte ntan auf eine Erledigung dieses Problents und es sei eigentümlich, daß trotz der bestehenden geringen Meinuitgsverschiedenheiteit keine Verständigung erzielt werden könne. Zum Schlüsse verlangte der Redner, daß sich der Völkerbltnd auf Grund der in verflossenen Jahr mit Znstimlitung Frankreichs gefaßten Resolution an die interessierten Regierungen lvende, um sie zu bitten, möglichst rasch eine Löslrng dieses hciklett Problems zu finden, da sonst der Völkerbund selbst sich damit beschäftigen ntüßte. Die Ausführungen Profeffor Murrays wurden sehr beifällig aufgenommen, wobei aber die französischeli und die belgischen Delegierten sich ostentativ jeder Beffaslsäußuuug enthielten. Bundeskanzler Seipel hat sich in Warschau für seine Person vorsichtig gezeigt- Die Ausführungen seines Sektionschefs Schüller kann er ja nach Bedarf, je nachdem, ob jüdische Bankiers oder „bodenständige" Großindustrielle oder chriftlichsoziale und radanantisemitischgroßdeütsche Bundesgenossen bei ihm vorsprechen, in camera caritatis zustimmend bestätigen oder als Entgleisungen eines Angestellten ins Lächerliche ziehen. Die jüdischen Mafien hingegen werden ganz genau wissen, wie sie die groteske Szene im Warschauer Empfangszimmer zwiscl)en dem Bundeskanzler Seipel, seinem Sektionschef Schüller und dem Redakteur eines jüdiickre» Jufcofoiatteij HäSViliiWW JU./