Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1654 (22.9.1923)
- Date
- 1923-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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| 1_ Mm, GmnSkpg_ Tagesbericht. Zwei Rakofi-Anekdoten. Dieser Tage starb in Budapest einer der geistreichsten und hvmowollsten Schriftsteller Ungarns, Viktor Rakosi, der <SS Sipulu^ sein« herrlichsten politischen Satiren schrieb. Viktor ddaEost, ein Bruder des Publizisten Eugen Rakosi, war eine Zritlang auch Abgeordneter des ungarischen Parlaincnts und .auch hier hat er als Mitglied der Achtundvierziger-Partei durch steine Parlamentsreden, die wahre Kabinertstücke politischer Satire Ovaren, die größte Wirkung erzielt. Diese Satiren hat Rakosi-T'pu>lu§zin mehreren Bänd'n gesammelt, herausge« geben. Zwei der in diesen Sammlungen veröffentlichten Erinnerungen seien hier sviedergegebcn: Emmall nannte Rakosi in einer Sitzung in ernenn Zwd- Wenruf den jüdischen Abgeordneten Paul Scmdor den „Geireidebismarck". Sandor klagte ihm einige Tage später in den .Wandelgängen des Abgeordnetenhauses: „Du, Viktor, mir geführt der Name ..Getreidebismarck" durchaus nicht, du hast ihn tschlecht angewendet. Hast du eine Ahnung, wie viel ich wegen meiner Aktion für ein selbständiges ungarisches Zollgebiet zu leiden habe?" „So", erwiderte mit teilnahmsvollem Lächeln Sipulusz, „du leidest wirklich? So ziehe ich hiermit feierlich »den '„Bismarck" zurück, und dein Name sei fortab — der „Ge- 'treidedrehsus". In der Tat blieb dieser Spitzname lange Zeit Paul Sandor haften. „Der alte Millionär und gefeierte Finanzmann Moritz W a h r m a n n, der Jahrzehnte hindurch Abgeordneter war", erzählt Sipulusz, ,ch>urde bis an sein Lebensende von dem bekannten katholischen Priester und Politiker Johann Hock mit »Taufanträgen verfolgt. Der alte Wahrmann, der übrigens auch Präsident der Budapester Kultusgemeinde war, hatte für solche Lockrufe nur ein abweisendes Lächeln. Als ihn aber Pfarrer Hock einmal im Parlament wieder anging, sagte Wahrmann fthr ernst: „Sehen Sie, Hochwürden, nun will ich Ihnen sagen, warum ich mich nicht taufen lasse. Vorige Nacht träumte mir, 'ich sei gestor'ben; ich wurde schön zur ewigen Ruhe bestattet m«d kam ins Jenseits hinüber. Da dachte ich mir: Ich gehe für alle Fälle nur ins Himmelreich. Ich klopfte am Himmelstor vn, aber der heilige Petrus ließ mich nicht ein. Ich fragte ihn: '»„Warum nicht?" „Weil du nicht getauft bist", antwortete er. .Wenn es sonst nichts ist", entgegnete ich, „so sei's denn. Schaffe einen Geistlichen herbei!" Der he-lige Petrus willigte ün: „Gut, ich bringe sofort einen Priester aus dem Himmelreich", rrnd eilte von dannen. Lange mußte ich warten, bis er wiederkehrte und mir traurig eröffnete: „Ich be^aure, mein Freund, dir nicht helfen zu können". „Aber warum denn nicht, »rrn Gotteswillen?" rief ich entsetzt. „Weil ich im ganzen Himnelreich keinen Geistlichen gefunden habe!" So gibt es eine ganze Anzahl von Sipulusz-Anekdoten, sie Zeugnis «Liegen von der vorurteilsfreien Denkungsart -ieses Satirikers, der selbst einer der konservativsten magyarischen Familien entstammt. An den trüben politischen Machenschaften der Nachkriegszeit hat sich Rakvsi-Sipulusz, der übrigens in den letzten zwei Jahren auch körperlich zu leiden hatte, eicht beteiligt. zwangsweise BMerwandernng. Einer der interessantrstsn Prozesse, die im Gefolge des britisch-türkischen Krieges entstanden sind, ist die türkisch-griechische Volksaustauschaktion. Der zwischen der Türkei und Griechenland abgeschlossene ^riedensvertrag bestimmt unter anderem, daß etwa fünfzamderttausend ottomamsche Griechen auf griechisches Ge- Vi-et und die gleiche Zahl Muselmanen aus Thrazien, Mahonien und den griechischen Inseln nach Kleinasren verpflanzt werden sollen. Die aus türkischen! Gebiet ansässig gewesenen Griechen haben die sogenannte Repatriierung nach Griechenland zum großen Teile von seist sreioillig vollzogen, aber noch immer sollen an die 200.000 Griechen von der Türkei nach Griechenland ab transportiert werden. Nach einer türkischen Meldung soll )ies« Mion auf die Meise durchgeführt werden, daß die Kmmobilien der Austauschbevölkerung natürlich an Ort und Stelle verbleiben und eine gemischte Kommission soll dafür sorgen, daß die Emigranten eine gerechte Entschädigung erhalten. Formell sollen b e i d e Staaten von sämtlichen zurückgelassenen Gütern Besitz ergreifen und sie dann unter die Neuangekommenen in der Weise austeilen, daß eine griechische Familie jtrm Beispiel auf dem Besitz einer muselmanischen Familie tntergedracht wird, der ungefähr denselben Wert hat wie peren zurückgelasiener Besitz. Bei ungleichem Wert soll die Differenz zugunsten des Staates bezahlt werfcn, 'der den Ausschlag gibt. Besondere Schwierigkeiten mietet hierbei die berufliche Verteilung der Ausjaufchbevölkerung. Am deutlichsten wird das, wenn man henkt, daß an der kleinasiatischen Küste 4 5 0.000 Mofa mme da ne r langen werden, die einem unbekannten Zande, ohne Geld und Arbeitszeug, oft sogar ohne Klei- MiySstücke, sich eine neue Existenz suchen müssen. Auf der ruderen Seite steht eine gleiche Anzahl von Griehen, die in dem verarmten, innerlich zerspaltenen Grieheniland Heimstätte und Erwerb finden wollen. Dazu vmmt noch, daß die abziohenden griechischen Truppen in Aenmsien furchtbare Verwüstungen anrichteten — die Türken schätzen die Zähl sämtlicher zerstörter Orte auf 4)00 uNd die K o st e n des Transportes der 50.000 Mohammedaner nach Kleinasien ans zweihundert Millionen türkische Pfund. In der bürkei hofft man, daß die neutralen Staaten, die m Sinne des Vertrages die Austauschaktion zu leiten vrcb deren Durchführung zu überwachen haben, eine!i n a n z i e I I e U n t e r st ü tz u n g gewähren werden. Widere türkische Kreise denken an einen Appell an die siWer dex MÄL um fmansielle Quier- Wiener Morgenzettung. 28. SeptefHtt M3 -7-———.. Nr. 1664 Vevschkirfung dev pasfihen Resistenz in den Theatern. Die Lage, in der passiven Resistenz der Bühnenangestellten hat eine neuerliche Verschärfung erfahren. Wie wir erfahren, beabsichtigen auch die Angestellten der Bundestheater sich der passiven Resistenz anzuschlleßen, wodurch die Vorstellungen im Akademietheater und im R e d o u t e n s a a l ernstlich gefährdet werden. Heute vormittags findet eine Zusammenkunft der Betriebsräte der Bundestheater mit der Skaatstheaterverwaltung statt, bei welcher Dr. R e n k i n erklären wird, daß eine Erhöhung der Gagen mit Rücksicht auf die gegemvärtige Lage der Institute ermöglich sei. Auch in den übrigen Theatern hat sich die Lage nicht gebessert. Die Direktoren halten an ihrem Standpunkte fest. Wie es heißt, dürften aber in der nächsten Zeit zwei andere Direktoren dem Beispiel« Direktors Traüfolgeu. Eine wesentliche Erschwerung bedeutet jedoch die Kampfstimmung der Musiker in den Operettentheatern, deren Vertrag am 1i Oktober abläuft, und die mit erhöhten Fordexungen an die Direktionen herantreten werden. Der Streik der Schneider. Der Streik in der Schneiderbranche hat gestern ein« weitere Verschärfung dadurch erfahren, daß sich mmmehr auch die Stückmeister dem Streik angeschlossen und in allen Betrieben die Arbeit eingestellt haben. Me Zahl der streikenden Stückmeister beträgt ungefähr 1400. Ii; hin» des Lichtes und der Schrift. Der Kongreß der British Association, der Heuer in Liverpool stattfindet, wird diesmal — zum ersten Male — durch eine wissenschaftliche Ausstellung ergänzt, welche eine große Zahl van technischen Erfindungen vorführt. Ws Wunderwerke menschlicher Erfindungsgabe müssen in dieser Ausstellung zwei Erfindungen angesehen werden," die dom Laien geradezu unfaßbare Umwandlungen der Naturenergie darstellen: Die «ine Erfindung von Professor A. Q. Rankine, „P h o i ö p h o n" benannt, die andere von Dr. E. E. Fournier d'Mbe, mit dem Namen „Optophon". „Manchester Guardian" beschäftigt sich ausführlich mit diesen Wundern modernster Wissenschaft und kommt auch im Leitartikel hierauf zu sprechen. Im folgenden soll eine möglichst populäre Erklärung der zwei recht komplizierten Erfindungen versucht werden: Das Photo Ph o n ist eine Art von Telephon, das die menschliche Stimme und andere Laute nicht durch elektrische Mellen in einem Draht oder in der Luft (drahtlos) weiterleitet, sondern durch einen Lichtstrahl, der entweder von der elektrischen Lampe oder mit Hilfe eines Spiegels direkt von der Sonne reflektiert wird. Die Tonvibrationen, die durch den ,/Sender" hindurchtreten, modulieren die Intensität des Strahles, und diese Schwankungen des Lichtes werden durch eine Selenzelle, die Batterie und das Telephon des Empfängers" wieder in Töne zurückveriwandelt, die sie ursprünglich erzeugt haben. Ter Erfinder demonstrierte diesen Vorgang, indem er >den Sender in der St. Georg-Halle, einem der Ausstellungsgebäude, und bei: Empfänger, in den ein ,/Lautsprecher" eingeschaltet war, einige hundert Meter weiter in einem anderen Raum unterbrachte. Nur >das unter der Benennung Selen bekannte Element vermag diese wunderbare Transformation hervorzubringen, die vom Laienstandpunkt aus wohl als der „Stein der Weisen" angesehen werden könnte; scheint es doch fast ebenso eine Art Zauberei zu sein, Laute in Licht und dieses wieder in Laute zu verwandeln, als würde man aus Blei Gold zu machen haben. Das Photophon ist eine typische Erfindung der Kriegszeit und war zum Gebrauch der Admiralität bestimmt. Der Vorteil, der den drahtlosen Nachrichtenverkehr noch beiweitem übertraf, besteht darin, daß, selbst wenn der Feind ein ähnliches Instrument besäße, er nur dann Meldungen abfangen kann, wenn er in die schmale Sphäre des Lichtstrahles gerät, und das auch nur in einem Zeitpunkt, wenn der Sender in Ruhestellung ist. Im Op tophon offenbart sich eine zweite wunderbare Eigenschaft des Selens. Es vermag nicht nur Töne in Licht, sondern auch gedruckte Buchstaben in Laute zu verwandeln. Diese Erfindung ermöglicht es den Blinden, Bücher, Zeitungen und jede gwöhnliche Drucksache ohne Erlernen der Blindenschrift lesen zu können. Der Apparat funktioniert in der Weise, daß eine Selenbrücke einer unterlbrochenen Reihe von Lichtpulsationen ausgesetzt ist, die über eine Druckzeile hinwegstreichen und durch. verschieden angepaßte Zuckungen des Lichtes girren Buchstäben vom anderen derart unterscheiden, daß diese in einem telephonischen Empfänger als musikalische Laute wahrgenommen werden. Die gahreskonferenz der Föderation ukrainischer Juden. Aus London wird uns gemeldet: Im Jewish College trat die Jähreskonferenz der Federal rou of Ukrainian Jews zusammen. Die Tagung wurde dom Chief-Rabbi Dr. Herz eröffnet, der in seiner Rede die traurige Tatsache besprach, daß sogar im Jcchre 1923 Pogrome in der Ukraine veranstaltet worden seien, ohne daß die zivilisierte Welt dagegen eingeschritten wäre. Aber nicht nur Europa habe seine Pflicht nicht erfüllt, auch die Westjuden haben sich ihrer Ausgabe nicht gewachsen gezeigt. Wenn einst die Geschichte mit ihnen abzurechnen haben, wird, dann wird über sie kein gutes Urteil gefällt werden. Redner richtet die Aufmerksam ke'it der Tagung auf die Tatsache, daß laut einem soeben veröffentlichten Beichte 1,600.000 Waisen in der Ukraine vorhanden sind. ' Im Bttttdesministerittm für soziale Verwaltung faltban vorgestern. die ersten Verhandlungen im Lohnkampfe der Schneider statt. Diese gälten zunächst der Gruppe des Ve», bandes der Dameinnodefirmeu Wiens. In der Sitzung kam lediglich die Ursache der Arbeitseinstellung zur Erörterung. Die Arbeitervertreter betonten, daß sie bemüht waren, den Konflikt ohne Streik beizulegen. Ueber die Lohnftage selbst wurde nicht verhandelt. Gestem vormittags fand im Ärbeiterheim Favoriten eine Massenversammlung der streikenden Schneider und Schneiderinnen statt, wobei über den Verlauf der Verhandlungen im Bundesministerium für soziale Verwaltung berichtet wurde. Lohnforderungen de« Chauffeure. Bor kurzem sind die Chauffeure der Autotqxiunter» Nehmungen an die . Arbeitgeber mit Lohnforderungen herangetreten, di« im wesentlichen darin bestehen, daß den Chansfewreit neben den bisherigen zwanzig Prozeift der Bruttoeinnahmen ein Wochenlohn von 168.000 Kronen bewilligt werde. Die jetzige Tagesentlohnung der Chauffeurbeträgt 75 Kronen. Eine Einigung über diese Forderungen wird durch den Umstand erschwert, daß die Großunternehmer erllären, die geforderten Erhöhungen nicht zahlen zu können, da der Geschäftsgang eine solche Belastung nicht zulasse. vor Tod und Verderben zu erretten, sei die hanptsächlichsts Aufgabe aller Hilfsorganisationen. Dr. Jochelman erstattete hierauf den Bericht. De, Verband habe außer in der Ukraine, wo er durch 68 Lokal« koanitees vertreten ist, auch in Rumänien, Polen, Litauen, Oesterreich, der Türkei, Italien, Palästina, Deutschland und Tschecho-Slowakei Hilfe geleistet. Durch die Avndevung der ökrnomischen Politik in Rußland ist es möglich geworden, mehr und besser zu helfen.. Die Föderation gedenkt Hre zukünftige Arbeit in der Richtung der Rekonstruktion auszubauen. Davon zeugen di* interessantM Reftvate der Herren Alexander H alp er« über die Tätigkeit 'der Gesellschaft ,/0rt", Dr. Levh und Doktor Krupeina über die ,/Oze", mit welchen Gesellschaften tm Föderation in Beziehung steht. Nach der Annahme einer Reihe von Resolutionen, die die zMnstiige Tätigkeit regulieren, wurde die Leitung der FödLra» tkm bestellt. Es wurden gewählt: zum Präsidenten.' Dr. Herz, Chief-RaM; zum Vorsitzenden: Dr. Joches.' man; zu Vizepräsidenten: Herbert Bentwich und Sn Stuart Samuel. Magyarische „Lemokratie". Aus Budapest w:rd berichtet: In Balatonfüred «ft Plattensee starb der 44jährige Kesselschmied Daniel Olah, der einige Monate lang ,Minister der industriellen Arbeiterangelegenheiten" in Ungarn war. Er hatte diesen Posten semem Arbeitgeber, dem Maschinenfabrrkanten Stephan Friedrich, zu verdanben^ der als Ministerpräsident seinen Vorarbeiter zum Minister ernannte, um in btefcr Form die Forderung der Entente nack einer demokratischen Regierung zu umgehen. Bahn und Posttariferhöhungen in Ieuti '> land. Ein Fernbrief — 2 Millionen! Die deutschen Eisenhcchntarift erfahren, einer Bert ine> Depesche zufolge, am 36. d. eine abermalige EchAhung. Die Schlüsselzahl für die' Berechnung der G ü t e r f r a ch t s ä tz e be trägt von diesem Tage an 36 Millionen, die Schlüsselzahl für die Tarife im Personenverkehr beträgt 20 M illionen. >Mit dem 1. Oktober ist auch mit einer neuen starken prozentualen Erhöhung der Px>sttarife fli» rechnen. Ein Fernbrief wird sich auf ungefähr zwei M U lionen stellen. Die Budapester Dollarsiilscher. Verhaftungen in Men. Die Budapester Polizei hat an die Wiener Bchörden daß Ersuchen gerichtet, den ReMstallbeisitzer VerthM Winkler sowie den Kaufmann Leo G elbard zu verhaften. Aus Grund der Verhöre mit ^den in der Angelegenheit der Dollarfälschungen verhafteten Personen besteht der Verdacht, das; Winkler und Gelbard in die Affäre vertvickelt sind. Wie die Untersuchung ergeben hat, befand sich das Zentrmn der Dollarfälscher in W a r s ch a u. Auf Ersuchen der ungarischen Polizei wurden auch in dieser Stadt mehrere Verhaftungen von Dollarfälschern vorgenmnmen. MihbrSuche bei der Lelephanverwaltmg. In der Wiener Zentraltelephonverwalltung sind Miß stände airfgedcckt worden, die in der letzten Zeit zur Dienstenthebung von 20 Telephonangestellten führten. Es handelt sich um krasse Fälle von Mißbrauch der Amtsgewalt. D:e bisherigen Echelbungen halben ergeben,' daß verschiedene Angestellte Telephonciuleitrrn-gen nur durchführten, wenn sie selbst materielle Vorteile daraus zogen. Wie es heißt, wird diese Angelegenheit auch das Strafgericht beschäfttasn.