Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1651 (18.9.1923)
- Date
- 1923-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1651 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung. 18. September 1923. Seite I ist — der Jude Vazsonyi als Just-izmmister HorthyS! — gilt es als überaus wahrscheinlich, daß eine parlamentarische Umgruppierung die Neubesetzung einiger Portefeuilles erfordern wütde. Ser weiße Terror kn Ungarn. Auch die Taufe nützt nichts! Me wir Sonntag meldeten, wurde der aus Wien in ferner Heimatstadt Budapest anlangende Fabrikant Paul Szel, ein Sohn des geschäftsführenden Direkwrs der Budapester Straßenbahnen, Arpad Szel, das Opfer weißer Terroristen auf der Budapester Stromwache, welche ihr Opfer in bestialischer Weise mißhandelten. Wie man nun Budapester Blättern entnehmen kann, war der Anlaß zu diesen Mißhandlungen der, daß die behördlichen Organe an Szels Angaben, er sei römisch-katholisch, zweifelten und körperliche Beweise seines Christentums haben wollten. In der Tat ist das Christentum dieses jüngsten Opfers des Horthy-Betyarentums sehr jungen Datums: Der arme Szel ist nämlich erst vor kurzem — römisch-katholisch geworden. Er beging dabei nur die Unvorsichtigkeit, bloß aus der jüdischen Religion, nicht aber aus der Rasse auszutreten, so daß sein Aussehen seine Angaben Lügen zu strafen schien. Die Schergen der magyarischen Rechtsordnung aber verstehen keinen Scherz und Szel hat nunmehr durch überaus handgreifliche Beweise — die Torturmethoden magyarischer „Organe", wie Behandlung des nackten Leibes mit brennenden Zigaretten u. dgl., sind ja bekannt — erfahren müssen, daß mitunter auch der frischeste katholische Firnis nicht davor schützt, als Jude angesehen und in bezug auf die Behandlung mit dem Judentum identifiziert zu werden! Polen. Die antisemitische Hetze. Warschau, 17. Septemlber. (Tel. der „Wiener Morgenzeitimg".) Die gesamte polnische antisemitische Presse der Rechten und der sogenannten fortschrittlichen Parteien sülhrt in den letzten Tagen eine heftige Hetzpropaganda gegen die Juden, indein sie diese beschuldigt, den Untergang der polnischen Valuta verursacht zu haben. Die Blätter wollen vergessen machen, daß das Fallen der polnischen Mark durch die fortwährende Jnterventionspolitik des Finanzministeriums verursacht wurde, die in den letzten Tagen plötzlich unterblieben ist.' In diesem Sinne erhebt der „Robotnik" schwere Vorwürfe gegen die Regierung, die endlich dafür sorgen müsse, daß eine Stabilisierung der polnischen Valuta cintrete. Der „Robotnil" nimmt auch Stellung zu den in den letzten Tagen verbreiteten Gerüchten über die amerikanische Anleihe für Polen. Abgeordneter Diamond schreibt, daß die in Betracht kommende Gruppe der amerikanischen Kapri« liste« bei den Verhandlungen über die Anleihe an Polen derartig schwere Bedingungen gestellt haben soll, daß die Regierung diese unmöglich akzeptieren konnte. Er verlangt die sofortige Einberufung des Sejm, um endlich einmal zur Finanzpolitik der jetzigen Negierung Stellung nehmen zu können. Der Minderheitsschutz. Haag, 17. September. (Wolfs.) Der ständige internationale Gerichtshof hat in seiner Sitzung vom 16. d. sein Gutachten über di«' Auslegung des Artikels des zwischen Polen und den alliierten Hauptmächten abgeschlossenen Minderheits- Vertrages vom 38. Juni 191g abgegeben. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, daß der Völkerbund für diese Frage zuständig ist und daß Artikel 4 denjenigen Personen Anspruch auf die polnische Staatsangehörigkeit gibt, die zur Zeit der Geburt ihres Kindes in den an Polen abgetretenen Gebieten ihren Wohnsitz hatteir. Damit hat sich der Gerichtshof auf den Standpunkt gestellt, der von der deutschen Regierung bei den Verhandlungen im Haag vertreten worden ist. Ableben einer jüdischen Antiscmitin. Ans Warschau wird uns geschrieben^ Die laugjährige Herausgeberin des bekannten antisemitischen Blattes „Kurier W a r s z a w s k i", Frau Hortensia Löwenthal, ist dieser Tage hier gestorben. Frau Löwenthal war eine Tochter des langjährigen Präsidenten der Warschauer jüdischen Gemeinde und bekannten jüdischen Kunstmalers Matthias Berson. Ihr Vater ist auch durch die erste Herausgabe einer wissenschaftlichen Urkundensammlung zur Geschichte der Juden -in Polen bekannt. Frau Löwenthol hatte sich vor Jahren mit Mann und Kindern taufen lassen. Sie betätigte sich zumeist journalistisch, und als dann die antisemitische Bewegung stärker wurde, stellte sie ihr Blatt „Kurjer Warszawski" voll in den Dienst der antisemitischen Hetzpropaganda. Anläßlich ihres Todes übermittelte der Warschauer.Erzbischof Kakowski der Familie ein herzliches Kondolenzschreiben. Die Leitung des „Kurjer Wapszawski" wird nun der Schwiegersohn der Verstorbenen der bekannte nationaldemokratische Abgeordnete R a b s k i innehaben. Rumänien. Die Ausweisung der russischen Flüchtlinge. Intervention Frichjoff Nansens. Ans Paris meldet I. C. B.: Wie der I. C. B.-Verirecer ersährt, Hai sich im Aufträge der jüdischen WeltWfskonserenz deren Vertreter in Genf, Herr Aberson, an den Oberkommifsär des Völkerbundes für.Flüchtlingsfürsorge Pros. F r i t h j o f f N a n s c n mit. der Bitte gewandt, bei -der rumänischen Völkerbunddelegation in der Frage der ans Rnmänien ausgewiescnen ukrainischen Flüchtlinge zu Mtcrveniereu. Professor Nansen hat dieser Bitte sofort entsprochen. Wie bekannt, hat der rumänische Militärgouverneur für Beßarabien, Genera! Popoviei, eine Verordnung erlassen, daß -sämtliche ukrainische Flüchtlinge in Beßarabien bis 1. Oktober das Land zu verlassen baben. Wie dann die jüdische Welrhilsskonferenz in Erfahrung brachte, handelt es sich nicht um eine lokale Maßnahme, sondern um eine für ganz Rumänien geltend? Verordnung der Bukarester Zentralregiernng. Bon dieser Verordnung sind mehr als 8000 jüdische Flüchtlinge bedroht, deren Lage mangels aller Reilevorbereitungen katastrophal zu werden droht. In Kreisen der Wclt'hillskonferen; wird angenommen, daß die Intervention Frithjosf Nmiens einen gewissen Einfluß auf die Maßnahmen der rumänischen Regierung haben wird. Palästina. Zwei Jahre Arbeit in Nahalal. Dieser Tage hat die Arbeiterkolonie in Nahalal ihren zweijährigen Bestand geseicrt.- Jn Nahalal befinden sich gegenwärtig 150 Seelen, unter ihnen 250 Landarbeiter. Es wurden bisher 4000 Dunam bearbeitet und etwa 60.000 Bäume gepflanzt. Die Kolonie besitzt 149 Viehstücke, 1045 Hühner, 294 Gänse, 146 Enten. Rundschau. Re Lage m Deutschland. Die Hetze von rechts. — Hungerrevolten. — 10.000 Billionen Nachtragskredit. Berlin, 17. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die Rede des bayrischen Ministerpräsidenten, welche deutliche Drohungen gegen die Berliner Politik enthält, ist für die Widerstände kennzeichnend, welche die Reaktion der verschiedenen Schattierungen der neuen Wirtschaftspolitik der Regierung entgegensetzt. Die Propaganda gegen Berlin u.nd das Reich wird in Bayern immer lauter uwt4 lebhafter -betrieben. Gestern fand in Hoch in Bayern wieder ein Aufmarsch hakenkreuzlerisch-er Sturmtrupps statt, wobei Hitler die Parade abnahm. Aus S o r a u werden H u n g e r r e v o l t e n gemeldet, wobei es elf Tote und zahlreiche Verletzte gab. Der Reichstag hat dem Finanzminlster ein Reichsetat ' von 10.0 0 0 Billionen Mark zur Kräftigung der Reickskasse votiert. An der Berliner Börse stand der Dollar' vorübergehend ans 15 0 Milli o n -e n Mar k. Levensmittelunruhen in Deutschland. Tote und Verwundete. Sorau (Niederlausitz), 16. September (Wolff.) Freitag -kam es hier zu L e b e n s m i t t e l n n r u h e n, worauf aus 'Kotkbus Samstag ein Kommando der Schutzpolizei eintraf. Die Schutzpolizei wurde von den Massen so bedrängt, daß sie von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte. 12 Personen wurden getötet, 15 verwundet. Nachdem die Polizei Verstärkung erhalten chatte, wurde die Ruhe wieder hergeftellt. Freiburg, 17. September. (Wolfs.). Wegen Lohnstreitigkeiten wurde heute in zahlreichen Jndustricorten des Wiesetales sowie in Lörrach^ die Arbeit niedergelegt. Die Behörden trafen überall Sicherheitsmaßnahmen. In Lörrach wurden die Leiter verschiedener industrieller Unternehmungen von demonstrierenden Arbeitern gezwungen, im Demonstrationszug mitzumarschieren. Heute nachmittags kam es in Lörrach vor dem Bezirksamt zu einem Zusammenstoß zwischen der Schupo und demonstrierenden Arbeitern. Die Schupo machte von der Waffe Gebrauch, wobei ein Demonstrant getötet und mehrere andere verwundet wurden. Ter Zusammenstoß ereignete sich, als die demonstrierenden Arbeiter Verhaftete zu befreien versuchten, und dabei die Drahtverhaue, die die Schupo vor dein Bezirksamtsgebäude angelegt hatte, durchbrachen. BiMonenbeschlagnahmungen. Essen, 17. September. (Wolff.) Die Franzosen Habel: gestern im städtischen Bnreanhause in der Bahnhosstraße eine Billion Mark weggenommen, die dein Bcsatzungsamte für Entschädigungszwecke zur Verfügung stand. Die Reichsveamten gegen wöchentliche GehalEzahlnngen. Berlin, 17. September. Nach einer Meldung der „Vossischen Zeitung" ist Zwischen dc-m Reichsfinanzm i n i st e r i u m und den Rei chsbeainten eilt K o n- -flikt über die Frage der künftigen Modalitäten der Gchaltszahlung ausgebrochen. Der Reichssinattz-ministcr habe am Samstag den Beamtenvertretern erklärt, daß er wöchentliche Gehaltszahlungen einführen wolle. Es würde eine Vereinheitlichung irr dem sehr komplizierten Rechnungswesen eintreten, wenn die Summen für die Arbeiter und Beamten gleichzeitig ausgezahlt werden könnten. Die Beamten-Gewerks-chaftsvertreter lehnten jedoch diesen Vorschlag einstimmig ab. Ruhigere tuffoffnttg der Fiume-Frage. Wie bereits gemeldet, 'hat die seinerzeit von den Italienern eingesetzte Regierung von Fiume demissioniert. Der Vorsitzende der Fiumaner Konstitnante hat an die italienische Negierung e-in Schreiben gerichtet, worin er unter Hinweis auf die traurigen Verhältnisse in der Stadt sein Amt niederlegt und erklärt, die Stadt sei nur zrr retten, wenn Italicn ihre Geschicke in die Hand nehme. Der italienische Ministerrat hat daraus denj Senator General G i a r d i n o zum M i l i t ä r g o u v e rA neur von Fiume ernannt. Bon italienischer Seite 'wirft jedoch betont, daß man ans eine friedliche Lösung der Frage Wert lege und an keine Annexion denke. Belgrad, 16. September. (Avala.) Die öffentliche SOM* nung nimmt die Registrierung des Vertrages von Rapallo und des Uebereinkonr-mens vmv Santa Margherita mit Befriedigung auf, 'da sie darin ein Anzeichen einer Entspannung sowie eine Garantie für die Währung der Rechte Jugoslawiens in 'dey Zukunft erblickt. Rom, 17. September. (Stefani.) In Besprechung deS Ministerratsbeschlusses, womit General Giavdino zum MMärgonverneur von Fiume ernannt wivd, sagt „Giov» nale d'Jtalia", durch die Auflösung der Regierung von Fiume, die Mussolini zu verhindern oder doch hinauszuschieben versucht habe, sei die italienische Regierung vor eilte besonders heikle Lage gestellt worden, denn Italien wolle nicht den durch den Vertrag von Rapallo geschaffenen Rechtszüstand stören. Andererseits aber könne es nicht die Stadt dem Hunger, der Not und der Anarchie preisgeben. Darin liege der Grund, daß die italienische Regierung General Giavdino nach Fiume entsendet habe. Wir sind, schließt das Blatt, keine Provokateure, wir wollen den Balkan nicht in Brand stecken, wir wollen die Grenzen der Verträge nicht überschreiten und tun nichts von all dem, was gewisse englische Blätter uns andichten, doch muß man wohl andererseits dem helfen, der nicht leben kann. Das ist der Grund unserer einzig möglichen Handlungsweise. Die Oeffentlichkeit kann ruhig sein, eine Komplikation wird daralls nicht entstehen. Sie Reformen des Herrn Mussolini. Rom, 17. September. Der Ministerrat hat heute den Gebrauch der nationalen Flagge geregelt. Ferner hat er eine Reform des Vollsschulwefens beschlossen, darunter auch bie. Einführung des katholischen Religionsunterrichtes und den obligatorischen Vortritt der italienischen Sprache in den Schulen. Wiederansba« in Japan. London, 17. September. (Wolff.) Nach einer Melduntz des Reuterschen Bureaus aus Tokio ist für Oktober eine außerordentliche Session des Landtages in Aussicht genommen, in der der K r e d i t z u m W i e d e r a u f b a ü der Haupt st adt bewilligt werden soll. Der Mavineminister schätzt die nrateriellen Verluste in den Seehäfen infolge des Erdbebens auf 5 0 M i b lionen Jen. Bis zum Wiederaufbau von Tokio und Jokohama ist Nagaya Japans wichtigster nördlicher Hafenplatz. Während der letzten 24 Stunden wurden an ntehreren Stellen Erdstöße verspürt, die einige beschädigte Häuser zum völligen Einsturz brachten. Rückkehr Aaglul Paschas nach Aegypten. Alexandrien, 17. September. (Havas) Zaglul Pascha ist hier eingetrofscn und »mit großer Begeisterung empfangen worden. Er hat dem König einen Besuch abgestatteb (Zaglul Pascha, gewesener Minister und Führer der ägyptischen Nationalisten, war von den Engländern deportiert worden. Nach der Schaffung des Ausgleiches mit Aegypten wurde er srügeiasien.) Revolution in Transfordanien. Jerusalem. 17. September. (Havas.; In Transjordanie^ ist eine revolutionäre Bewegung gegen den Emir Abdullah ausgebrochen. London, 17. September. Der Korrespondent des Reutev scheu Bureaus in Jerusalem ersährt. daß die Stämme Adwan und Bella gestern das Lager Abdullahs angriffen. Sie erlitten schwere Berknste. (Wie wir vor einigen Tagen meldeten, haben Iransjordanische Stämme von Abdullah unter anderem die Einberufung einer Volksvertretung, die Einstellungen von Zahlungen an die Scheichs und die Befreiung der Fellachen von per V e r m ö g e n s a b gäbe gefordert.) Sie amerikanische Hilfstütigkeit in Rußland. Die „Ara" (American Relief Association) hat, wie bekannt, ihre Tätigkeit in Rußland eingestellt, unb ihr Vertreter, Colonel William Haskel, welcher mehr als zwei Jahre in Rußland geweilt hat, ist jetzt über London nach New-Uork zurückgekchrt. In einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der Londoner „Times" berührte Colonel Haskel unter anderem die Tätigkeit der „Ara"; er teilte mit, das; die „Ara" etwa 75 Millionen Dollar aufgewendet habe, welche ein Geschenk des amerikanischen Volkes an Rußland darstellen. Die „Ara" beschäftigte für ihre Hilfstätigkeit ein Personal von 250 cigenep Leuten und etwa 126.000 Russen an verschiedenen Orten Rußlands. Ueberdies hat sie für 20 Millionen Dollar Grieß und für 4 Millionen Dollar Medikamente gratis zur Verteilung gebracht. Mit den Grießspeisen wurden zumeist Kinder beteilt; der Tagesrekord in dieser Beteilung betrug einmal 10,640.000 Aussteifungen. Die Arbeit der „Ara" erfolgte i» 19 Gouvernements; sie hatte dort in allen größeren Städten Filialen. „Als wir nach Rußland kamen", gab Colonel Haskel weiter an, „hatte die Kindersterblichkeit einen ungeheuren Pro« zentsatz erreicht, aber seit April 1922 besserte sich die Lage bedeutend. Jetzt stirbt die Bevölkerung wenigstens nich; G roßer Sommer- Um-Drii bans «asssa _l>.. Taborstraße 4~ Telephon 47-1-78 n 9 iwH U8 S En gros En detail WPBSR5.. , 1 *. *.S' -—'—MiifitMiiiMWTriMffiTHfirirBI^ ‘'r—-r-tnr^ _ s> . - .. , "-11' - —lannanMBH