Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1651 (18.9.1923)
- Date
- 1923-09-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€Hfe 9 Mm, DknStag f*-- tn Oesterreich die Sympathien für Polen seit jeher bestanden Haben und aufrichtig sind. Branchen wir doch nur in den!GtePhanSdom oder auf den Kahlenberg zu geben, und sofort wird uns die Erinnerung lväch an den großen polnischen Helden Sobiesky, den unvergeßlichen. Atithefreier Wiens. Die Gleichheit der geographischen Lage der beiden Länder und die Verwandtschaft ihrer Kultnr schaffen üin natürliches Band zwischen Oesterreich und Polen und toerbeh in der Tatsache offenkundig, daß es politische Divergenzen zwischen den beiden Republiken nicht gibt. Da-u berufen, den Bernrittler zynischen dem Westen und m Osten abzugeben, streben unsere beiden Länder auch unter dem ökonomischen Gesichtspunkte das gleiche Ziel an. So tßnven wir die feste Zuversicht hegen, daß die gegenwärtigen guten Beziehungen sich innner mehr entwickeln und vertiefen werden, >was nur zum Wohle beider Teile gereichtzfl tarm. UeheWugt davon, daß der Ausbau und die Entwicklung solcher Beziehungen nur die Sache des Friedens dienen werde, gestatte ich mir, auf die Gesundheit Sr. Exzellenz des Herrn Präsidenten der Republik Polen, auf das Gedeihen des polnischen Volkes und auf die Gesundheit Eurer Exzellenz und der übrigen Herrn Minister zu trinken. Anschließend an das Diner fand ein Rout statt, zu dem Einladungen an das diplomatische Korps, die Vertreter des Staates, der Armee, der Wissenschaft, der Presse und der politischen Welt ergangen tvaren. Aktive ProduMonsvolttik. Bon Dr. Jacques Adler, Leipzig. Wenn heute ein Fremder nach Deutschland kommt, etwa Nach Industriestädten Mitteldeutschlands, wie Leipzig, Halle oder Chemnitz, dann ist sein erster Eindruck meistens der: „Die Sache ist ja gar nicht so schlimm, wie sie immer dargcstellt wird; es ist doch alles in Ordnung; man arbeitet allenthalben und die Betriebe haben ihren geregelten Gang." Erft bei näherem Zusehen ergibt sich eine weniger angenehme Entdeckung: Die Räder der Wirtschaft lausen zwar, aber zum beträchtlichen Teile leer; die Mühle geht noch, doch hat sie inuner weniger zu mahlen. Mit großer Sorge beobachten die deutschen Volkswirte, wie gegenwärtig die Kurzarbeit — teilweise nur sechs Arbeitsstunden in der Woche — in immer zahlreicheren Betrieben eingeführt werden muß, wie die Zahl der Arbeitslosen täglich zunimmt und noch umfangreiche Arbeiterentlassungen für die nächste Zeit in Aussicht stehen. Und dies alles noch unter der Herrschaft der Inflation, die mit ihrem Banknotensegen kaum jemals bedrängten Betrieben die Hilfe versagte! Setzt nun ' gar erst die Zeit der In flations sperre, der Währungsstabilisierung, ein, dann wächst die Gefahr der Arbeitsstockung und Arbeitslosigkeit gewaltig an, wemr der unvermeidliche Sparzwang allenthalben in öffentlicher und privater Wirtschaft zum Abbau entbehrlicher, also unproduktiver Kräfte führt, zu deren Bezahlung keine beliebig vermehrbare Papiermark mehr zur Verfügung steht. Die Abnahme der Be^chäftigungsmöglichkeit in Deutschland, die Verschlechterung des Arbeitsmarktes, erklärt sich aus drei Ursachen: Die erste ist zweifellos die Erschöpfung des Betriebskapitals in Handel und Industrie, der Mangel an Liquidität. Man spricht gern von den enormen Werten, die heute noch in der deutschen Privatwirtschaft stecken, man sollte aber dabei stets beachten, daß diese vom Valutaverfall nicht berührten Sachwerte in erster Linie dem Anlagekapital angehören, sich in Gestalt von Grundstücken, Gebäuden, maschinellen Einrichtungen, Transportmitteln repräsentieren? und nur aus dem Wege der Veräußerung oder Belastung in disponibles Betriebskapital umzuwandeln sind. Da dieser Weg nur in Ausnahmefällen beschritten werden kann, bleibt die Tatsache bestehen, daß die flüssigen Gelder und Warenbestände in vielen deutschen Unternehmungen dem Ausmaße der technischen Leistungsfähigkeit und der effektiven Leistungsansprüche der Kundschaft bei weitem nicht mehr entsprechen. Man kann nicht mehr „sortiert" sein, Lieferung großer Mengen fällt schwer, Vorauszahlung seitens der Auftraggeber muß verlangt werden, die Auszahlung der Löhne stößt auf Schwierigkeiten. Kredit ist kaum zu haben. All dies beeinträchtigt die Ausnützung der Konjunktur und verschärft die zur Krise führenden Momente. Betriebe schließen oder schränken sich ein, weil es an Material nicht minder al? an Bargeld fehlt, dessen Mangel selbst die eifrigst druckende Notenpresse nicht mehr abhelfen kann. Die zweite Ursache ist mit dem soeben Genannten unmittelbar verbunden. Nicht nur den Produzenten lähmt die Geldknappheit, sondern auch den Konsumenten. Der deutsche Jnlandsmarkt liegt gegenwärtig ganz still, insoweit als es sich um Dinge handelt, die den Bereich des Existenznotwendigen irgenwie überschreiten. Stahl- und Metallwaren, Holzwaren, Papierwaren und buchgewerbliche Erzeugnisse gehen so gut wie überhaupt nicht mehr; Möbel, Haus- und Küchengeräte, Textilien, Schuh waren werden nur mehr in kleinsten Quanten ausgenommen. An „Hamsterkäufe" ist nicht mehr zu denken; bei den heutigen Preisen „hamstert" man nur bestenfalls Lebensmitteln. Der matte Jnlandsmarkt, schon seit Monaten eine gewohnte Erscheinung, möchte aber für den deutschen Industriellen noch dahingehen, käme nun nicht noch die dritte Ursache hinzu, das Abflauen des Exports, seitdem mit der fast allgemeinen Einführung einer Devisen- und Goldmarkrechnung in Preisen und zum Teile auch Löhnen des Inlandes das Preisniveau des Weltmarktes erreicht und sogar schon hier und da ü b e r s ch r i t t e n worden ist, ein Zustand, der sich auch nach einer Stabilisierung der deutschen Valuta nur langsam bessern dürfte, da die deutsche ProduLion mit einem hohen Anteile an der Sanierung der fernnrnfttttatrh belastet werden müssen. _Wiener _ Moraenzeitung._ Mische Wühler und WMertnnen reklamiert Euer Wahlrecht! Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die am 1. Männer 1933 das 20. Lebensjahr erweicht haben, finid -wahlberechtigt/ In der Hauslifte, welche in jedem Hausflur angebracht sein muß, sind die bereits in die Wählerlisten Aufgen-o-mmenen ersichtlich. Wahlberechtigte, welche in dieser Hauslistc nicht enthalten sind, melden sich unter Mitbringung ihrer und ihrer Angehörigen Dokumente (Heimatschein, Geburtsschein, Meldeschein, Paß, Arbeitsbuch ufw.) in einem der Reklamattonslokale: 1, Bez., Wiefingerstrahe 11, 2. Bez., Taborstratze 1 („Wiener Morgenzeitung"), 2. Bez., Taborstratze 20 a, 2. Bez., Zirkusgaffe 33, 2. Bez., Prater, Gtuwerstratze 1 (Cafe Winkler), 9. Bez., Liechtensteinstraße 11, Zionist. Bez.- Sektion, täglich von 6 bis 8 Uhr abends für den 9., 18. und 19. B«M, 29. Bez., Karl Meitzlstraße 5. Reklamation kostenlos! Täglich von 9 bis 12 und von 2 bis 6 Uhr. Sonntag von 9 bis 12 Uhr. Die Wahllisten liegen im Lokale, 1. B e Z., Wiesingerstraße 11, täglich bis 9 Uhr abends zur Einsicht auf. Die Arbeitskrisis ist eine drohende Gefahr, für deren Bekämpfung das Kabinett Stresemann nicht weniger sorgen muß als für die Eindämmung des Wahrnngselends. Wurde bis noch vor kurzem eine jede neue Markentwertuug fast immer wieder wettgemacht durch rasch nachfolgende Lohnerhöhung,, so verbinden sich jetzt Arbeitsstockung und Warenverteuerung zu einer furchtbaren Notlage für die breiten Volksschichten, die eine weitgehende Radikalisierung mit sich bringen muß. Neben eine entschlossene Finanzpolitik und eine aktive Währungspolitik gehört also tarn, seiten der Reichsregiernng, die den Zusammenbruch ernstlich vermeiden, die — nach einer Verständigung über die Reparationen — den Nebergang zu stabilen Verhältnissen planmäßig ins Werk setzen will, eine aktive Produktionspolitik. Zweck einer aktiven Produktionspolitik ist die Abwehr von Produktionsstockungen, die Schaffung von Möglichkeiten für die produktive Beschäftigung aller Kräfte und Hilfsmittel, die sonst infolge ungünstiger Situation der privatwirtschaftlichen Unternehmungen brach liegen müßten. Eine aktive Produktionspolitik ist leicht zu empfehlen, doch schwer durchgeführt. Das Haupthindernis ist die unerläßliche Forderung des Währungspolitikers, der sich hier mit Recht in die Produktionspolitik einmischt, daß kein neues inflatorisches Moment hier auftreten darf. Sowohl Zuschüsse an notleidende Unternehmungen zur Aufrechterhaltung des Betriebes, als auch die herkömmlichen Erwerbslosenunterstntzungen, werden schließlich immer wieder — da keine anderen Fonds dafür verfügbar sind — aus der Produktion der Notenpresse gedeckt; außerdem erweiset sie sich als durchaus unzulänglich, sobald die Arbeitsstockung zur Massenerscheinung wird. Als wirksame Schritte, mn die Produktion und den Lebensstandart des werktätigen Volkes vor einer Katastrophe zu bewahren, sehen vielmehr kompetente Beurteiler der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Hauptsache folgende Maßnahmen vor: Erstens, Anbahnung eines Einverständnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern über weitestgehende Betriebsfortführung unter beiderseitigen Opfern. Zweitens, Förderung des Binnen- und Auslandsabsatzes durch Unterstützung jedweder gesunden Initiative, Verminderung des buveaukratischen Druckes, Abschluß von Handelsabkommen sowie von Verträgen zum Güteraustausch im großen, Mitwirkung bei allen Versuchen zum Ausbau der Betriebstechnik, zur Verbesserung der kommerziellen Organisation und zur Erhöhung der Produktivität. Drittens, Gewinnung ausländischer Betriebskredite für die deutsche Industrie zu angemessenen Bedingungen und in angemessener, die wirtschaftliche Selbständigkeit wahrender Form, also möglichst in Fmanzinstituten zentralisiert, die sich am besten der deutschen banktechnischen Organisation bedienen. Viertens, durch sogenannte produktive Erwerbslosenfürsorge", Einleitung öffentlicher Arbeiten, bei denen eine möglichst große Anzahl Arbeitsloser beschäftigt werden und aus denen möglichst zahlreichen Privatbetrieben Aufträge zufließen können. Dies letztgenannte Problem befindet sich heute in intensivster Bearbeitung seitens der deutschen Regierungsstellen. In Frage kommen nur Aufgaben, die wirklich volkswirtschaftlich produktiv sind, also der Kanalbau in Mitteldeutschland, die Erschließung der Braunkohlenfelder im Freistaat und Provinz Sachsen, der Ausbau der Wasserkräfte und der Elektrizitätsversorgung, die Moorkultur in Nordwestdeutschland, die innere Kolonisation und der Wohnungsbau. Die Mittel werden nicht durch Inflation, sondern nur durch Spezialanleihen im In- und Auslande auszubringen sein. In der jetzigen Lage aus der Not eine Tugend machen, die in der privaten Produktion überschüssigen und ausgeschiedenen Kräfte in den Dienst der Vervollkommnung der allgemeinen volkswirtschaftlichen Energien zu. stellen, ist der Sinn solcher aktiver Produktionspolitik i eines. Staats, der.nicht sterben .will» 18. September 1928 Nr. 1681 Sesterreich. Sind die Süden in Sesterreich vogelfreit Niederträchtige Antisemitenhetze in Salzburg. Der Oesterreichische Antiscmitenbnnd hat in Salzburg eine Geschäftsstelle errichtet und läßt als erssts Zeichen seiner Aktivität eine mit dein Hakenkreuz „gezierte" Zeitschrist „Der eiserne Besen" erscheinen, welche die abgestandensten und -unflätigsten Beschimpifungen des Judentums aus der Sudelküche der teutonischen Rassen'fanati'ker und Rechtsradikalen an'stischt. Die Gesellen, die hinter diesem schmutzigen Erzeugnis stehen, erklären, daß sie wirtschaftlichen Antisemitismus betreiben wollen -und geben gleichzeitig eine P r o b e für die Methode, die sie beabsichtigen. An der Spitze des Blattes findet sich sin in balteugroßen Leitern gedruckter Jndenkataster, der eine Reihe von Salzburger jüdischen Firmen mit genauer Adresse anfühvt. Daneben befindet sich folgende Bemerkung: ,Mr fühlen uns verpflichtet, alle diejenigen Salzburger Geschäftsleute bekanntzugeben, die der jüdischen Rasse angehören, um unsere Volksgenossen aufmerksam zu macheu, welche Geschäfte sie zu meiden haben. Wir -tverden daher in jeder Folge des „Gisemen Besen" den Judenkataster weiterfi'chren und bitten Sie, mzs Ihnen bekannte Jubensirmen ntitzu teilen/ Es erübrigt sich, auf den übrigen Inhalt dieser Erzeugnisse teutonischen Unflats des näheren einzugehen. Das ganze repräsentiert eine einzige Aufreizung und natürlich - fehlt auch die schmierigste Ausschlachtnng der antisemitische Talmndlegende -nicht. deren erster Teil dorn Leser unter dem Titel: „Jüdische Moral und Ritualmord" präsentiert wird. Wie uns aus Salzburg gemeldet wird, treiben sich dort Hakenkreuzler und deren „Geistesverwandte auf den Straßen und in den öffentlichen Lokalen herum , woselbst sie das Blatt ungehindert verbreiten. Wir möchten uns nun an die österreichische Regierung die Frage erlauben: Sind die Juden in Oesterreich vogrlfrei? Gibt es in Salzburg keine Staatsanwaltschaft und keknc Polizeibehörde, welche diesem schamlosen, ungesetzlichen und die öffentliche Ordnung störenden Beginnen in den Arm fiele? Die Juden in Oesterreich sind nicht gewillt, eS ruhig fltfc zulasten, daß die Wahlen vorangehende Verhetzung der Bevölkerung ihr Mütchen an ihnen kühle, und daß die uitttf dem Diktate der Münchner Hakenkreuzler stehende Gesellschaft alpeuländischer Hetzer es wagen solle, jüdische Bürger und Steuerzahler außerhalb des Gesetzes zu stellen. Der freche Salzburger Exzeß beweist neuerdings die Notwendigkeit einer. Vertretung der öfterreichffchen Judenschast in der Nationalversammlung, welche geeignet ist, die verbürgten jüdischen Rechte zu wahren! Beamtensorderungen. Die städtischen Angestellten sind mit Lohnforderungen hervorgetreten. Auch bei den Bnndesangestellten besteht d'.e Absicht, ihre Forderungen noch dem bisherigen Nationalrat vorzulegen, da die Wirksamkeit der Jndexenovelle, die bekanntlich* die Jndexauswirkung in den Sommermona-. ten aufhebt, mit 31. Oktober d. I. erlischt. Tschechoslowakei. Die Gemeinderatswahlen. Prag, 16. September. (Tschecho-flow. Preßbureau.) Gestern wurden in der tschecho-slowakischen Republik die Gemeindewahlen in voller Ruhe vorgenommen. In Prag erhielten die tschecho-slowakischen Sozialisten^ 81.770 Stimmen (22 Mandate), die K o m m u n i st e it1 76.090 Stimmen (19 Mandate), die fortschrittlichen Sozialisten 3806 (1 Mandat), die tschecho-slowakischen S oziald emo traten 33.460 (9 Mandate), die tschechoslowakischen Hausbesitzer 4875 (1 Mandat), die tschecho-- slowakischen Nationaldemokraten 86.761 (23), die j ü d ischen Parteien 8551 (2), die deutschen Sozialdemokraten 2058 (kein Mandat), die sozialistische Bereinigung 3752 (1), die Wirtschaftsgruppe der Gagisten 7313 (2), der deutsche politische Arbeitsblock 13.543 (4> die nationale Wirtschastsgrnppe der Konsumenten und Meter 5323 (1), die Ts che cho -slowakis che Volks Parte? 22.958 (6), die Gewerbe- und Mittelstandspartei 24.325 (7) und die Republikanische Partei (tschecho-slowakische Agrarier) 5716 (2). Prag, 17, September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die I ü d -i s ch n a t i o n a l e n haben in Prag zwei Sitze erobert, in P r e ß b u r g v i e r, ebenso wurdr in Leit me ritz und in Olmütz je ein Iüdischnationaler gewählt. _ Ungarn. Bethlen« Rückkehr. Budapest, 17. September. (Tel. der „Wr. Marge» zeitung".) Wie „8 Orai Ujsag" erfährt, kehren Ministerpräsident B e t h l e n und Außenminister D a r u v a r y Samstag aus Gens nach Budapest zurück. „A Nep" verzeichnet die Gerüchte, ivelche seit einiger Zeit über die Rekonstruktion be§. Kckbinetts im Umlauf sind. Danach soll die Negierung eine „liberalere" Färbung erhalten. Ugron soll Minister des Innern, Wilhelm Bazs-onyi JnstiMinister werden. Szterenyi.übernimmt angeblich das Hcmdelsportesmille, Franz Heinrich das Erbe des Finanzminstters KalL-ay. . des- JHj Nep" eine tendenM«