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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-18 · Heft 1651 (18.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1651 (18.9.1923)
Date
1923-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummern 1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verscbleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit PostversantMür Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschech o-SIowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.D eutschland: Mon. Mk.3,000000. Frank r., Belgien: Monatl. Pres. 8 IV' Nach sah 1 u n gen WS bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1651 Wiener Wien. Lienstag. 18. September 1628 i scnecho-Slowakei r tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Eire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.19.483,25-282 Tel.-Adr.: ,Morgenzeitunga Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Set griechisch-italienische Konflikt und die Kompetenz des Völkerbundes. Genf, 17. Sepetember. (Tel.-Kornp.) Der Schweizerische Pressetelegraph meldet: In der heutigen Sitzung des Völkerbundrates gab nach Mitteilung des Antwortentwurfes an die Botschafterkonferenz der schwedische Delegierte B r a n t i n g eine Erklärung ab, in der er zunächst die friedliche Lösung des griechisch-italienischen Konfliktes sowie die Tatsache, daß die Botschafterkonferenz den Vorschlag des Völkerbundrates als Basis für ihren Beschluß angenommen hat, mit Genugtuung begrüßte. Die Sache habe aber noch eine andere Seite. Der Rat hat es zu seinem lebhaften Bedauern nicht für nötig gehalten, eine klare Stellung zu der von Italien selbst aufgeworfenen Frage der Zuständigkeit des Rates einzunehmen. Die Besetzung von Korfu könne einen gefährlichen Präzedenzfall darstellen, der das Vertrauen der kleinen Staaten erschüttere. Er müsse deshalb seine Hoffnung ausdrücken, daß sich die Mitglieder des Völkerbundes in Zukunft streng an die Bestimmungen des Paktes halten werden. Lord C e c i l wies nach, daß oer Rat und der Völkerbund allen Grund hätten, sich über die friedliche Lösung des griechisch-italienischen Konfliktes zu freuen. Während man vor 14 Tagen eine Situation voll Gefahren vor sich hatte, ist heute die Gefahr gebannt. Es sei, ohne die Arbeit der Botschafterkonferenz zu unterschätzen, doch der ' Tätigkeit des Völkerbundes zu danken, daß der Konflikt so schnell h<cho befestigt werdert können. Der Druck der 44 hier versammelten Staaten, erklärte Lord Robert Cecil, die den Wunsch hatten, zu einer friedlichen Lösung der Angelegenheit zu gelangen, hat seine Wirkung nicht verfehlL Die Aufgabe des Rates sei es nicht, den beiden Parteien eine Lösung aufzuzwingen, sondern eine ftiedliche und freundliche Lösung zu finden, die immer wertvoller fein wird, als ein von einer noch so mächtigen Ar. Seipel in Warschau. Warschau, 17. September. (Poln. Tel.-Ag.) Bundeskanzler Dr. Seipel und Minister des Aeußern Doktor Grünberger statteten heute um 9 Uhr vormittags dem polnischen Minister des Aeußern Dr. Seyda einen Besuch ab. Um die gleiche Zeit begannen die Detailberatungen zwischen den Fachreferenten. Bundeskanzler Doktor Seipel und Minister Dr. Grünberger weilten eine Stunde beim Minister Dr. Schda, um mit ihm Fragen der allgemeinen Politik zu besprechen. Um 12 Uhr mittags erschienen Bundeskanzler Doktor Seipel und Minister Dr. Grünberger beim Ministerpräsidenten Witos. Im Lause der Unterredung kam Ministerpräsident Witos auf die ökonomischen Beziehungen der beiden Lander zu sprechen, wobei auch die Transporffrageu eingehend erörtert wurden. Es folgte hierauf ein MeinungsauZtausch über die zukünftigen ö st e rreichisch -Polnischen Handelsbeziehungen. An der Unterredung nahm auch Ackerbauminister Goscickr teil, da auch landwirtschaftliche Fragen zur Besprechung gelangten. Um halb 2 Uhr gab Minister des Aeußern Schda zu Ehren des Bundeskanzlers Dr. Seipel und des Ministers Dr. Grünberger ein Dejeuner int Hotel Europe, an denr unter anderen Ministerpräsident Witos, Äckerbauminister Gosoicki, die Herren der Begleitung des Bundeskanzlers und der österreichische Gesandte in Warschau, Post, teilnahmen. Um 4 Uhr nachmittags erschienen Bundeskanzler Dr. Seipel und Minister Dr. Grüyberger in längerer Audienz beim Präsidenten der Republik, W o je i ech o w s k i, im Schloß Belvedere. Bundeskanzler Dr. Seipel empfing sodann den Gegenbesuch des ' Kvrdlnal-Echbischoss K a k o w s k i, dem der Bundeskanzler Sonntag nachmittags einen Besuch'abgestattet hatte. Um 8 Uhr abends gab Ministerpräsident Wihos ■ zu Ehren des Bundeskanzlers Dr. Seipel und des Ministers Dr. Grünbevger ein Diner, bei den: Ministerpräsident Witos folgende Ansprache hielt: Instanz aufgezwungenes Abkonunen. Es handle sich nicht darum, den Sieg der einen Partei oder den Sieg des Völkerbundes über beide Parteien festzustellen, sondern den Frieden durch Einigung der beiden Parteien zu erhalten. Branting müsse er erwidern, daß die Frage der Besetzung eines fremden Gebietes und die Frage der Kompetenz des Völkerbundes gewiß ein ernsthaftes internationales Problem gewesen sei und er hoffe, daß man es wird lösen können, ohne der nationalen Würde eines Staates nchezutreten und daß es möglich sein werde, dabei die Autorität des Völkerbundpaktes aufrecht zu erhalten. Darauf ersuchte Salandra um Vertagung der Beratung der Kompetenzfrage auf Dienstag, nachdem festgestellt sei, daß der griechffch-italienische Konflikt beendet ist. Der griechische Delegierte schloß sich den Ausführungen von Lord Robert Cecil an und erklärte, daß der Rat nach dem Wortlaut des Paktes volle Freiheit in der Wahl der Mittel habe, wie er zu einer friedlichen Lösung gelangen soll. Er dankte dem italienischen Delegierten dafür, daß er trotz der Ablehnung der Kompetenz des Völkerbundrat'es durch die italienische Regierung doch die sachliche Mitarbeit des Bölkerbundrates an der Lösung der Sache ermöglicht hat. Salandra bestand nur auf der Tatsache, daß der Konflikt geregelt sei und daß es sich nur noch um eine theoretische Frage handle, die allerdings eine gründliche Besprechung erfordere, weshalb er Vertagung der Angelegenheit wünscht. Die mitgeteilte Antwort des Völkerbundrates an die Botschafterkonferenz wurde einstimmig angenommen. Der Rat beschäftigte sich daraufhin mit der Frage der Minderheiten in Estland und Albanien. Herr Bundeskanzler und Herr Minister! Mir ist die Ehre zuteil geworden, Sie, Herr Bundeskanzler Und Herr Minister, als Vertreter der durch viele Bande mit uns verknüpften österreichischen Repub l i k im Namen der polnischen Republik zu begrüßen. Ich möchte der vollen Zufriedenheit Ausdruck geben, die mich und das polnische Volk angesichts der Tatsache beseelt, daß die österreichische Republik imstande war, die vielen Schwierigkeiten zu überwinden, die sich am Anfang ihrer Existenz auftürmten, da es ihr gelungen ist, durch -Ausdauer und Planvolle, auf die Konsolidierung der inneren Verhältnisse gerichtete Arbeit den Weg des Wiederaufbaues zu beschreiten, der sie sicherlich zu vollem Glück führen wird. Das polnische Volk hat mit großem Interesse die Bestrebungen verfölgt, die zu so fruchtbaren Ergebnissen geführt haben. Indem ich Sie, Herr Bundeskanzler und Herr Minister, der Gefühle der Freundschaft versichere, welche das Polnische Volk und die polnische Regierung gegenüber den: österreichischen Volk und der österreichischen Regierung beseelen, spreche ich die Zuversicht aus, daß die so günstig begonnenen und nach Maßgabe der Konsolidation der ökonomischen Verhältnisse erstarkenden Politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Staaten zu weiterer .beiderseitiger Annäherung führen werden. In diesem Sinne erhebe ich mein Glas auf das Wohl der österreichischen Republik, ihres Präsidenten und ihrer hier weilenden Vertreter des Herrn Bundeskanzler Dr. Seipel und des Herrn Minister Dr. Gmnberger. ' Bundeskanzler Dr. Seipel antwortete hierauf mir folgenden Worten:. Herr Ministerpräsident! Tief gerührt durch die so liebenswürdigen Worte, die'Eure Exzellenz an mich und Dr. Grünbevger zu richten die Güte hatten, erlaube. ich mir, hierfür unseren. wärmsten Dank zum Ausdruck zu bringen. Der glänzende und von vieler Herzlichkeit begleitete Empfang, den wir hier in Ihrer Hauptstadt gefunden haben, bilden einen sichtbaren Beweis für die freundschaftlichen Gefühle, die die polnische Regierung und das polnische Volk unserem Lande und unserem Volke entgegenbringen. Was mich betrifft, so hatte ich schon lange den lebhaften Wunsch, der polnischen Regierung einen Besuch abzuftatten, ein Wunsch, der um so natürlicher ist, als P. W i e n, 18. September. Mau ist seit längerer Zeit daran gewöhnt, daß .Herr Poiucare allwöchentlich seine Sonntagsrede hält, um zur Frage des deutsch-französischen Konfliktes Stelluitß zu nehmen. Der offizielle Standpunkt der französischen Negierung ist seit langem bekannt, und so ist es auch Herrn Poincare, der die Kunst der Rede nicht übel meistert, schwer geworden, in seine Variationen über das eine Thema etwas Abwechslung zu bringen. Der Gefahr der Monotonie ist Poincare mit seiner vorgestrigen Rede glücklich entronnen. Man mußte diesmal auf seine Ausführungen besonders gespannt sein, weil man von ihnen eine klare Antwort auf die letzte Rede Stresemanns erhoffte, die über die früheren Erklärungeir Deutschlands hinausging und in einem konkreteren Angebot, das über die im Versailler Vertrag festgelegten Leistungen hinansgeht, gipfelte. Die Antwort, die man etwas vorschnell da und dort erwarten zu können hoffte, ist ausgeblieben; an Klarheit läßt die Rede Poincares gleichviel nichts missen, wenngleich er es unterläßt, sich im einzelnen mit Stresemanns Angebot auseinanderzusetzen. Dazu ist für den französischen Ministerpräsidenten der Augenblick noch nicht gekommen. Er geht jeder sachlichen Diskussion aus dem Wege, solange Deutschland den Standpunkt vertritt, die Verordnungen über den passiven Widerstand im Ruhrgebiet erst dann zurnckziehen zu können, wenn Frankreich sich bereit erkläre, das Ruhrgebiet ehestens zu räumen, und er besteht offenkundig auf dem Programm einer deutschen Kapitulation durch die Rückziehung der ominösen Verordnungen Cunos, welche man in Frankreich als offene Kampfansage -ausgefaßt hat. Eine neue Note enthalten Poincares letzte Darlegungen insoserne, als sie sich nicht allein mit Deutschland, sondern mit gewissen englischen Vorschlägen befassen und darauf abzuzielen scheinen, das Terrain für künftige Diskussionen mit England abzustecken. Poincare hat sich sehr ausführlich mit den englischen Vorschlägen zum Abschlüsse eines Garantievertrages besaßt, welcher Frankreich Sicherheiten gegen die Eventualität eines deutschen Angriffes bieten soll. Der psychologische Untergrund für die Haltung Frankreichs in der Nachkriegszeit wird durch diese Hinweise besonders deutlich beleuchtet: In Frankreich ist das Gefühl der Furcht vor einem künftigen deutschen Angriff noch immer lebendig, das Mißtrauen gegen Deutschland haben Stresemanns bisherige Versicherungen nicht zu bannen vermocht, und den seinerzeit von England angebotenen Garantiepakt sieht man in Paris als nicht ausreichend an. Poincare wünscht vielmehr einen Pakt, der Frankreich im Falle eines Angriffes rasche und volle militärische Hilfe garantiert, und er lehnt ein Sonderabkommen für die Rheingrenze ab, weil dann Deutschland die Tschecho- Slowakei und Polen überfallen könnte. Es mag richtig sein, daß Inhalt und Tonart dieser Rede diesmal mehr nach England hinübergesprochen wurden und bestimmt sind, der bevorstehenden Unterredung mit Baldwin zu präludieren, und maßgebende Berliner Kreise wollen wissen, daß durch diese Reden der Stand der hinter den Kulissen eingeleiteten deutschfranzösischen Vorverhandlungen keine Aenderung erfahre. Dies letzte wäre auf jeden Fall wünschenswert, aber andererseits darf man nicht in den Irrtum verfallen, in der Rede Poincares lediglich leere Tiraden Heu zu wollen, welche die imperialistische französische Absicht, Deutschland zu zertrümmern, hinter einem Phrasengebände maskieren sollen. Wenn irgend etwas, so ist diese französische Angst vor deutschem Vergeltungswillen echt. Man hat in Paris die deutsche Bismarck- Politik nach dem Kriege von 1871 nicht vergessen und man beobachtet seit fünf Jahren das Treiben der Rechtsradikalen, der in aller Offenheit tätigen Geheimorganisationen, der Putschisten aller Art und die Haltung der deutschen Presse, die noch immer in der liebgewordenen Kriegstonart schwelgt. Es ist die tragische Verkettung der Umstände, daß Frankreichs unnachgiebige Haltung, die zu gutem Teil aus dieser Angst zu erklären ist, nur allzu sehr geeignet ist, Wasser auf die Mühle jener Sabotagepolitiker und Putschisten zu treiben, welche an der Tatsache der Okkupation deutschen Bodens durch den „Erbfeind" ihre Blutsuppe kochen. Aber es wäre niemals so weit gekommen, wenn das deutsche Volk und seine Führer nach dem Kriege die ehrliche Bereitschaft zur Erfüllungs- Politik bekundet und wenn man in Deutschland sich willig gezeigt hätte, auch innerlich abzurüsten. Daß bisher nichts dergleichen geschehen ist — offiziell ist man erst so weit. zuzuaeb<>n. daß mau den Krieg verloren hat, während man noch immer eine großzügige Propaganda gegen die sogenannte Kriegsschuldlüge entfaltet —, schwächt die Position der ehrlichen französischen Demokraten und Paziststen und bildet für den französischen I'iuverioliSmi's eine stete RückenKärkuna. Der Konflikt. dessen Fortdauer für Deutschland die größte Gefahr bedeutet, wird nicht anders gelöst Iverden können als durch eine deutsche Kapitulation. Ein Verharren bei' der jetzigen Haltung wäre gleichbedeutend mit dem; völliaen deutscÜLv Zusammenbruch.

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