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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-16 · Heft 1649 (16.9.1923) · p. Seite 13

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1649 (16.9.1923)
Date
1923-09-16
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Wien, Sonntag Wiener Moegenzeitung. 16. Septenrber 1923 Geile IJUEDISCHE JUGEND ■ Gestatten aus Palästina. Bon R Ben Shem. 3. MWam. Mirjam hieß sie, ein sepyardisches Mädchen. Sie war stark gebaut, von dunkelbrauner Farbe, kohlenschwarzem Haar und Au.gen. Ji: diesen Augen glänzte ein Glutmeer. Die Nase war kräftig, aber edel geschwungen, der Mund sanft und begehrend. In den großen Augen und den beweglichen, oft bebenden Nasenflügeln, drückte sich in Momenten ihrer Erregung ein gewisser Adel, ein Stolz ans, welcher der semitischen Nasse in ihrer orientalischen Reinheit eigen ist. Ich begegnete ihr in Kineret.h, in der KwuZath-Ze:-> rotb.(Mädchen-Kommunal Nach dem Tode ihres Vaters war ihre Mutter verlassen und mittellos in Sassed gcbliebeu. Der Stolz ihrer Erinnerung, die Tradition ihrer edelblütigen Familie, die garten .Hände imb der ebensolche Körper machten sie zur Arbeit unfähig. Mirjam arbeitete anfangs in der Stadt. Aber das Herz der Mutter brach vor Aerger, die Seele des Mädchens vor Schani. Man behandelte sie geringschätzig und unwürdig. Sic floh und kam in die Kwuzah. Es war ein kühler Vorabend in den lebten.Tagen des Cheschwan (November). Palästina trug itocf) Sommertracht, nur spielte nicht mehr das sonnen-glntvolle Lächeln ans seinen Feldern und Gärten, in seiner Luft. Kühle Winde bliesen öfter und manchesmal sehr heftig. Die Tage wurden ein wenig kürzer Es war die Zeit, da die Beduinen ihre Zelte von den Berten in die Täler verlegen, wo sie Weide für chre Herde und mehr Wärme im Winter finden Die Sonne neigte sich dem Untergänge zu. Auf dem Wege von Liberias nach Kinereth schritt Mirjam, einen mit Einkäufen in der Stadt beladenen Esel vor sich hintreibend. Eine friedliche, sorglose Ruhe lag auf ihrem braunen, jetzt Salden alünzenden Gesiebt. Ans iürem Munde klob ein webmütiaes. arabisches Liebeslied: ^Naari. ja naari" .in hingezogenem Klang und spanischem Rhythmrrs. „Mirjam", fragte ich erstaunt, „fürchtest du nicht, allein auf dem Weae^ so weit vom jüdischen Iischnb. zu gehen?" „Nein", antwortete sie mutig und lachte. „Ich wünschte dir nicht, hier auf dem Wege, mn> diese Zeit ein paar Beduinen zu begegnen.^ „Sie würden mir nichts tun", war die Antwort. „Aber du, ein Mädchen", schüttelte ich argwöhnisch ben Kopf. Mirjam begriff und errötete stark, und festen Schrittes, aber gesenkten Hauptes, trieb sie ihr Tier weiter. -i« Still lag der Kinereth-See vor uns. Seine glatte Olberftäche deckte völlig seine tückische Tiefe, und die erlbosten, reißenden Wellen, die der Jordan in sein Inneres gießt, Scharf glänzten die Horan-Berge in ihrer nackten Wildheit. Bon weitem winkte der schneegekrönte Hermon. Am Ufer breiteten Araber Netze aus, um Fische zu fangen. Mirjam saß da und verfolgte mit Entzücken jede Bewegung des Sees und der Menschen. Ich begann ihr langsam von unseren Dörfern, Städten, voir ihrem Prunk, von Frauen und Vergnügungen zu erzählen., Dinge, mit denen die „Europäer" die Herzen der „asialischrn" Mädchen se-ünnen, oft das einzige, womit sie anzichen. Ihre jngendlichc Seele rührte sich. Das Weib erwachte, und horte mit weit geöffneten Augen und Ohren zu. Das jüdische Weib war gespannt und zitterte vor; Verlangen nach dem Unbekannten, Fernen. „Und was könnte dort so eine wie ich machen?^ fragte sie. „Fm Bureau sitzen, im Geschäfte, oder so ähnlich". Ich malte ihr die Lokale, die Arbeit, die Art der Beschäftigung ans Mirjam wurde traurig. Nein! Das konnte sie nicht. Immer in. Häusern, das Freie lassen, nicht im Felde, ohne Stall, ohne Esel,- ohne Chewrah, allein zu sein, nein, das konnte sie nicht. ' Ich erzählte ihr dann tvciter voll der Liebe und Achtung, welche die Juden bei beit zur Liebe verpflichteten Christenvölkern i,n Galuth.genießen. Mirjams Brust schivoll. Ihre Nasenflügel zitterten. Ihre Entrüstung war groß und aufrichtig. Ich schämte mich. Ich dachte, ivie jveit unser Stolz im Galuth zerbrochen und herabgedrückt sei Ich, der öfters Iliugenzenge so mancher tätlicher Verletzungen unserer Ehre war, stand ihr im Empfinden der Entrüstung nach. Die Liebe zur Freiheit und der Stolz der Rasse, der vielleicht noch in spanischen. Autodafes gestählt wurde, von der russischen. Knute und bot germanischen Nassentheorieu noch nnbesndelt, trugen, den Sieg davon. Sie besiegten leicht das Weib. Sie besiegten, sogar das verlangende, ich nsüch t i ge, j ii d i sche We i b. KonjurrttumirsMMS. (Jalkut-Psalmen S. 130 v.) Ein gewisser Hadrian brannte vor Verlangen, den jüdischen Glauben anzuuehmeu, aber er fürchtete den Zorn seines reichen Oheims. Eines Tages erschien er bei diesen: reichen Oheim, um Abschied für eine längere Reise zu nehmen, mit dem Vorgeben, sich dem Handel widmen zu wollen. „Was soll dir der Handel?" sagte der Oheim zu ihm. „Haft du Verlangen nach Gewinn und Rcichtümern? Da hast du meine Schätze, sic sind dein!" „Herr", antwortete Hadrian, „ich wünsche mich dem Handel zu widmen, nicht wegen des Gewinnes, sondern um die Menschen kennen zu lerrnen, und ich bitte euch, mich mit euren Ratschlägen zu unterstützen". Wenn dieses dein Wunsch ist, so gehe nur. Hier hast du den wichtigsten Rat, den ich dir geben kann; beobachte, welches die verachtetste Ware ist und kaufe sic, in einen Tag muß sie im Preis steigen." Hadrian nahm Abschied, ging zu den Juden, ergab sich dem Studium des heiligen Gesetzes und nahm beit Glauben dieser an. Nach einiger Zeit kehrte er zum Oheim zurück, der, da er ihn etwas verlegen und unruhig sah, fragte, warum er so verwirrt sei und ob seine Geschäfte einen Mißerfolg gehabt hätten. — Der Jüngling gestand ihm nach einigem Zögen:, daß er Jude geworden sei. „Verruchter, du wagtest es?" „Herr, ich habe eurem Rat 'gefolgt." „Meinem Rat?" rief der Oheim unwillig. „Ja", versetzte Hadrian, „eurem Rat. Ihr habt mir .geraten, auch an die verachtetste Ware zu halten. Unter allen Nationen habe ich keine erniedrigtere gefunden als Israel, und ich weiß, daß es sich eines Tages wi^er erheben wird. Ich habe mich dieser Nation angeschlossen!" Saul und Navid. Don August Graf von Wate«. (Gest. 1836 in Syrakus.) Der König sitzt aus seinem Throne bang; Er winkt, den Sohn des Jsai zu rufen: „Komm'. Knabe, komm' mit deinem HarfenKang!" Und jener kW sich nieder aus den Stufen. „Der Herr ist groß!", beginnt er feierlich, GeHWe spiegeln ihves Schöpfers Wonne; Der Morgen graut, die Wolken Men sich, Und wandÄnd fingt ihr hohes Lfed die Sonne. Die schwere Krone Lose dir vom Haupt, Und trei' hinaus in reine Gotteslüste! Die Lilie prangt, der Busch ist neu belaubt. Die Reben blühen und verischwendm Düste. Zwar bin ich nur ein schlichter Hirtensohn, Doch fühl' ich bis zum Himmel mich erhoben; Was mnßt du fühlen König, aus dom Dhron! Wie «mH dein Herz den Gott der Väter loben! Doch deine Wimper neigst du tränenschwer. Daß sie des Auges schönen Glanz verhehle — Me groß ist Jchovah! O. blick umher! Und welche Ruhe Mt die ganze Seele! So laß dein Herz, o Gott, so laß dein Ohr An meiner Däne Harmonie sich laben! Mein der König springt in Wut empor, Und wirft den Spieß nach dem evschrock'men Knaben. Kindergebete! Erinnerungen aus meiner Jrrgend. Jüdische Jugend! Wollet ihr hören, wie om Judenjuuge im Wer von acht Jahren die Bedeutung der hohen Feiertage Rasch Haschanah und Jom Kippur gewürdigt hat, so leset folgende Geschichte: Bor ungefähr 20 oder 32 Jahren -— ich war damals acht oder zehn Jahre alt — erkrankte meine Diutter vor den Feiertagen; ich betete natürlich, der liebe Gott möge sie baldigst genesen lassen; mit der Krankheit ging es aber trotzdem immer schlimmer. Ms der Dag des Rosch-Haschanah schon vor der Tür stand, hatte ich folgendes Gefühl: Am Neujahrsfest, an dem du mit Gott — Peh e'l Pch — von Mund zi: Mund sprechen wirst, wird er gewiß deinen Gebeten Gehör schenken. Ich wiederholte also alle schönen Pijatiin — Gebetstücke —- mit sämtlichen Kommentaren, lernte die schönen kraftvollenhebräischen Zitate, die von Heilung sprachen, auswendig. Aber, siehe da! Das Rosch-Haschanah-Fest kam, ich betete inbrünstig, aber Gott erhörte noch immer nicht mein Flohen. Und nun folgten die Aßeres jemah Teschuwah — 10 Bußtage —, ich betete jeden Dag einen Abschnitt der Psalmen und .rüstete mich z:mr Änrn:; denn so dachte ich: An: heiligen Jom hakippur — Bevsöhnungstag —,'lidber Gott, lasse ich nicht locker, und wenn du bis zu Niläh, den: Schlußgebet des Versöhnungstages, meine Mutter nicht gesund machst, so lasse ich dich „bcheß Nehilas Schaar" während der Torsperre, das heißt, sobald die Engel die Ausnahme der Gebete abschließen, ganz einfach das Tor nicht ^n sperren. An: Versöhnungstag wurde der Mutter auf Betragen eines Rabbiners gestattet, leichtere Speisen zu essen; ich ging ins Bcihaus, und als ich in die Gebete verbest war, sprach ich Neben ÖMt‘: Schau, das Krankl ein meiner Mutter bringt dir ja nur Schaden; denn wäre ste gesund, müßte fie ja nicht eines deiner heiligsten Gebote, das des Fastens, am Jam Kippur übertreten. Bor Anbruch der Abenddämmerung betete ich die Gebete des Nilahgebetes mit Pathos und letzter Kvaftanstrengung, laut und vernehmbar und ging voll Siegesbewußtsein nach Hanse. Die Mutter begrüßte «dich mit lächelndem Antlitz, M wollte sie sagen: Liebes Kind! Ich bin durch dich wieder gesund geworden, und als der Vater, der sonst seinen Versvhnungstag beim Rabbi verbrachte und diesmal ausblfeb, die Hawdalah — das Nnterscheidungsgebet — gesprochen und .mrS Kinder am Bette der Mutter mit einem Gemar-Dow — einem guten Urteil — beglückwünscht hatte, leuchtete das ganze HarrS, und wir wußten, wir haben unserer Min Mutter und «nS allen ein gesundes, glückliches Jahr beim lieben Gott echkeiht. Wenn diese kleine Geschichte unsere nationale Jugend beiderlei Geschlechts dazu anregen sollte, unsere von V olks - liebe und Dolkshossnungen durchdrungenen Pasutim ein wenig anzuschauen und wenigstens einige der schönsten Gebete mit Aufmerksamkeit durchzulesen, so werden wir mit Jesaja sagen können: „Habeen jakir li Efraim." Der Sohn ist dir teuer, Gfraim, die Jugend ist dir treu, jüdisches Volk! B-en Eli-eser. Zn Mich. Von der Sommerwariderfahrt des Bundes Mischer Jang» Wanderer. Bon O. G., Wien. Gegen Ende dieses Monats feiert der B. I. I. W. das Jahressest seines Bestandes und wird aus diesem Anlasse einen großen Lichtbildervortrag über die heurigen Sommertouren mit recht interessanten, eigenen, photographischen Aufnahmen veranstalten. Es soll diesem Vortrag nicht vorgegrrffen werden, sondern nur ein kleiner Ausschnitt aus unseren Erlebnissen wiedergegeben sein; bei weitem natürlich nicht der Höhe- Punkt, wenn man von einem solchen auf einer Wanderung überhaupt sprechen kann, sondern einer, der besonders auf jüdischem Gebiet ein Erlebnis war. Bis vor dem Kriege wußten die Schweizer fast über» Haupt nicht, was ein Jude ist. Sie kannten weder ihn, noch seine besonderen Gewohnheiten, Gebräuche und Symbole, die man auch heute noch, ziemlich selten in der Schweiz findet. Erst eine Masseneinwanderung von Flüchtlingen machte sie auf dieses „sonderbare Volk" aufmerksam, und man begann, fie und auch die einheimischen Juden, deren Schutz sie genossen, als etwas Fremdes zu fühlen; und stellenweise keimte der Antisemitismus, vorerst als rein religiöses Gewächs, auf. Dies zur Verdeutlichung der allgemeinen Lage. Wir kamen, sieben Burschen, in Zürich an, und lagerten am Bahnhof; sofort fanden sich, was bei der Zugänglichkeit und Freundlichkeit der Schweizer kein Wunder ist, einige, die sich nach unserem „woher" und „wohin" erkundigten, und uns, ,alis sie den Davidstern aus unseren Uniformblnsen bemerkten, die Adresse der Züricher Hakoahner gaben. Aber schon am Wege dorthin wurden wir von einigen Mitgliedern derselbe:: angesprochen, und zur Generalversammlung, die abends stattsinden sollte, eingeladen. Wir kehrten also zum Bahnhof zurück, nahn:en unsere Rucksäcke und machten uns'aus die Qnartterfuche, die uns diesmal gar nicht so leicht fallen wollte wie sonst. Endlich wurde ein großer Platz eines Steinmetzmeisters gesunden, der uns ihn mit all feinem Inventar an Ohst und Schlafgelegenheiten zur Verfügung stellte; der Name: „Wiener" hat in der ganzen Schweiz einen ausgezeichneten Klang. Bald stand das Zelt und wir gingen die paar Schritte zum See hinab. Es wird sich in unserem Vortrag kaum mit Worten und auch nur sehr wenig iMt Lichtbildern beschreiben lassen, wie schön es dort ist. Der in Abendröte getauchte See, die unzähligen Segel- und Motorboote, die schönen, kleinen, weißen Personendampfer ... Lange saßen wir unten. Sogar das Nachtmahl hatten wir fast vergessen, und das will viel heißen. Aber um halb neun saßen >vir zwei Führer im großen Saal ::nd hörten und staunten. Es wurde uns einPlatztz zwischen zwei Funktionären angewiesen, die uns sofort über alles Gesproche::e aufklürten. Wir wurden besonders feierlich begrüßt und bewirtet, kurz, uns wurde alle Ehre angetan. Unser Staunen begann also, als wir erfuhren, daß die Züricher Hakoah auch Nichtjuden ausnehme und ausgenommen habe, daß die Leitung sehr antizioniftisch (aber auch nicht agudistisch) gesinnt sei, daß sie überhaupt nichts Jüdisches in ihrem Verein habe, als höchstens den Davidstern in ihrem Abzeichen. Der Leiter des Schweizer' Zionistenverbandes, Herr Dr. Felix Pinkns, ein ungemein liebenswürdiger .und gebildeter Herr, den: wir an einein der folgenden Tage einen Besuch abstattcten, um mit ihm über die Möglichkeit der Gründung einer Ortsgruppe nuferer O^anilatton (die auch gegründet wurde! an sprechen,

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