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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-16 · Heft 1649 (16.9.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1649 (16.9.1923)
Date
1923-09-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. l«t» Wien, Son..mg Wiener Morgenzeitung. 16. September 1923 Seite ( JVienJ, Jüildpretmarkt 2t ä Gxport gros ,JflsaiJTlav>Semit {Rohes. Xostumes.Jflanteaux, Jeagomns etTaurrures {Telefon 0ÖÖ73. c-Vorführung % der neuesten ZModellkollektion kn U An Meister der Frühreife. Der jüdische Maler Maurycy Gottlieb. Zu. allen Zeiten leuchten manchmal wie Meteore am Nachthimmel jene jungen Menschen auf, in denen alle Keime schöpferischer Kraft, zn derer: Entwicklurrg gervöhnlich ein langes Lebensalter notwendig ist, urplötzlich ausgereift und voll entwickelt vor den Blicker: der staunenden Menschheit stehen. Und noch eines ist an diesen Phänon:enen so eigenartig: Sie erstehen gewöhnlich in Zeiten, da irgendein Zweig der Kulturentwicklung der Menschheit im Stillstände oder in einem Anfänge ist, und sie reißer: plötzlich alle unterirdisch gebundenen Kräfte der Menschheit oder einer der Gruppen ans Licht, den Weg manchmal für kurze Zeit, manchmal für Ewigkeiten erhellend und bestimmend. Es ist, als ob die Schaffenskraft der Menschheit gleich der Naturkraft sich von Zeit zu Zeit mit einem Male eruptiv -Bahn brechen müßte, um, ebenso wie die Natur das Antlitz der Erde verändert, das geistige Gesicht der Menschheit neu zu formen pder wenigstens den Versuch dazu zu -machen. ' Zwei solcher Gruppen von Wegbahnen: sind zu unterscheiden: Die Wegbereiter und die Wegerleuchter. Zu den -ersten zählen die unfaßbaren Erscheinungen, wie Lionardo, Wiorg.ione, Mozart, die zweiten sind jene rätselhaften Walter Mle, Otto Braun und viele andere, die so merkwürdig jsreif find und doch so eigenartig unvollendet, die einer: Dugwblick lang eine große Helligkeit verbreiten und im ^nächsten Augenblick ins Dunkle versinken. Sind jene Weg- -jbereiter uns immer.gegenwärtig, so erinnern wir uns nur -Manchmal in unseren wunderbaren Stunden jener Weg- ^rleuchter. Noch eines ist zu sagen: Die unvollendet Rejien ^treten gewöhnlich in VAkern und Zeiten eines Ueberganges, 'einer .Umformung auf, die noch, nicht zur Form gediehen i Eine jener Gestalten im Zwielicht der Kulturüberjgange ist ein junger, jüdischer Maler, der nun mehr als vier Jahrzehnte tot ist, der, 23jährig, den Tod an dem Leiden der Aermsten, an der Schwindsucht, fand, und der rn knappen fünf Jahren seines Schaffet ein eigenartig Neues Licht in das Wische .Ghetto brachte.Es ist Maurycy ttlieb. 1 l | Im Jahre 1856 wurde Gottlieb in Drohobycz in Galizien geboren und im Jahre 1879 starb er einsam in einem Krakauer Spital. In seinem kurzen Leben schuf er eine große Reihe von Gemälden, die den Stempel — oder das Kainszeichen? — der Meisterschaft an sich tragen. Rodin hat eine Statue des Täufers Johannes geschaffen, in der in geradezu gewaltiger Weise die Legende der Sendung Johannis zum Ausdruck kommt. Der Täiifer ist schreitend dargestellt, und der Ausdruck dieses Schreitens ist, als ob dem Schreitenden jemand auf «den Fersen wäre, unaufhörlich hinter ihm hergehe und ihm dieses Nachfolgen immerwährend zu Bewußtsein bringe. Das bekannte Worr: „Nach mir wird einer kommen. . ." ist so in geradezu ewig gültiger Weise in der Figur des Johannes zum Ausdruck gebracht und damit gleichzeitig das große Drama schaffender Menschheit enthüllt, die Tragödie des Vorläufers. Etwas Aehnliches spielt sich in dem kurzen und so reichen Schaffer: des jungen Maurycy Gottlieb ab und es bildet üen Kern seines Lebensschicksales. Gottlieb steht am Anfänge einer Epoche des Uebergangcs. Es war die Zeit, da jüdische Blütenträurue^ deren Reife bisher immer so schrecklich war, wieder einmal auf- .sprießten. Ir: Polen winkte den Juden die Möglichkeit, Brüder des polnischen Volkes zu werden; es war nur eine Möglichkeit. Und damals leuchtete aus der Enge des jüdischen Ghettos, aus seinem jeder Form und Formung abgewandten Wesen, rvie ein Wunder, die große Begabung eines halben Knaben auf. Maurycy Gottlieb wurde Maler und war bereit, seine große Kunst Polen zu weihen, an das er glaubte. Damals leuchtete der Ruhm des polnischen Historienmalers Matejko, und sein Schüler wurde der 18jährige Got'tlieb. Unter dem Einfluß des Lehrers entstanden mehrere große historische Kompositionen aus der Geschichte Polens. Sie wurden nicht Eigentum des polnischen Volkes. In Len polnischen Galerien ist Gottlieb sehr spärlich vertreten, und sein Wm:sch, sich und sein Werk Polen darzubringen, ein leuchtender Stern, ein Adeliger polnischer Kunst zu werden, wie er sich in seinem Selbstbildnis in polnischer Adelstracht ausdrückt, er wurde nicht erfüllt; mit Spott und brutalem Hohn würde der junge jüdische Maler zurückgestoßen. Er mußte die Krakauer Akademie verlassen. Näheres über die Anlässe, welche zu diesem Vorfälle führten, ist nicht bekannt. Aber hier wird wohl Konkurrenzneid einerseits und beschränkte Eitelkeit andererseits die Hauptrolle gespielt haben. Es darf nicht vergessen werden, daß Gottliebs historische Kompositionen, so sehr sie manchmal den Stempel des Unvollendeten, Unfertigen tragen, doch in einem Punkte den Bildern seines Meisters weit überlegen sind. Gottlieb legte in diese Bilder echte Feierlichkeit, wo in Matejkos Arbeiten nur dekoratives Pathos zu finden ist. Wie dem auch sei, Gottlieb mußte Polen verlassen. Er kam nach München, wo er Schüler von P i l o t h wurde. In München hat er ' das Reifste seiner Kunst geschaffen, jene Porträts, die eine Meisterschaft bekunden, wie sie in so jungen Jahren und in solcher Zerrissenheit des Wesens geradezu unglaublich und bewunderungswürdig erscheinen muß. Es gibt ein Damenporträt, das der Einund-.wanzigjährige schuf, und einen männlichen Kopf, im gleichen Jahre entstanden, die beide bleibenden Wert haben und in Technik und Charaktererfassung au das Beste erinnern, was die französische Malerei erst zwanzig Jahre später der Welt gab. Es war ein Vorauseilen, eine Geschlossenheit, die — wie immer bei solchen Phärwmenen — das ewige Rätsel der Menschheit bildet. Ein Aufenthalt in Wien und in Rom bringt neue Horizonte. Dann kehrt Gottlieo im Jahre 1879 nach Krakau zurück. Dort hat er alle Träume, Polens Größe zu dienen, aufgegeben und schafft mit der fieberhaften Hast des Todgeweihten, dessen, der weiß, daß er ein Vorläufer, ein Einsamer ist. eine große Zahl von jüdischen Gemälden. Da entsteht jener „Christus im Tempel", wo aller Ausdruck jüdischen Leides, das zugleich das Leid der Welt ist, in die Gestalt des Nazareners gelegt ist, des schwarzen Nazareners, der an die Kabbala-Legende vom Meschiach ben Josef erinnert. Dort entsteht das Bild „Betende Jude n", wo Gottlieb sich selbst, losgelöst von ^llem Irdischen, darstellt und wo er die Inschrift anbringt: „Betet für W Seele Maurycy Gottliebs!" In allen Bildern dieser letzten Lebenstage des Malers herrscht die Hast. Sie sind ungleichmäßig. Manchmal süßlich (man denke an das. bekannte Gemälde „Shylock und Jessica"). Die Hast eines Vorläufers, der nach dem Sturz aus den Himmeln seiner Träume ^u sich und den Seinen heimfinden will, aber weiß, daß er bei den Seinen Vorläufer ist, liegt in ihnen. Die Tragödie Maurycy Gottliebs . . . Bald nach seinem Tode wurde er vergessen. Die Kunst, .in der Wiedergabe jüdischen Wesens jüdisch zu sein, dieses Problem ist bis heute noch nicht gelöst. Auch Gottlieb konnte es nicht lösen. Aber in ihm lag der Zwang zur Kunst, und er konnte sie in kein Volk einorduen. Die Tragödie des Ueberganges, die Johannes-Tragödie. Heute, nach mehr als vierzig Jahren, besteht sie noch immer. Jetzt haben sich Kunstfremwe des jungen, armen Wegerleuchters erinnert und eine Mappe seiner Meisterwerke*) herausgegeben. Gar vieles ist nicht darin enthalten, da eine Anzahl von Gemälden Gottliebs sich in — der Petersburger Eremitage befindet. Die polnischen Nationalgalerien Katzen ja für Gottliebs ^Lerk keinen Platz gefunden, und in jüdischen Nationalqalerien, die noch ein Traum sind, hat er noch keinen Matz. So dient die Mappe als Erinnerung an die Tragik jüdischen Schaffens. Die furchtbarste Tragik der jüdischen Existenz im letzten Jahrhundert. Maurycy Gottliebs Erscheinung ist eine dunkel leuchtende Mahnung an sie. S- S. Der Kampf der amerikanischen Bevölkerung gegen den Ku-Klux-Klan. Aus New-Iork wird uns berichtet: In den breitesten Schichten der amerikanischen Bevölkerung ist in der letzten Zeit der Wille zun: Durchbruch gekommen, dem Unfug der Ku-Klux-Klan-Bewegung durch offenen konzentrischen Kampf ein Ende zu bereiten. Bisher war das Auftreten dieser Bande durch das Geheimnisvolle ihres Treibens begünstigt. Die Ku-Klux-Klan-Bewegung verdankt die bisherigen Erfolge hauptsächlich der Straßenromantik, die sich um ihr Treiben webt. So lange man die ganze Bewegung bloß als Geheimordensspielerei beurteilen zu dürfen glaubte, ließ inan sie gewähren, als jedoch in der letzten Zeit ihre Feldzüge gegen den Katholizismus, gegen die Juden und gegen die Farbigen immer mehr den Charakter einer politischen Beeinflussung des öffentlichen Lebens durch Terror, Ueberfälle, Morde und selbstrichterliche H i nr i ch t u n g e n annahrnen, mußte die Reaktion gegen diese staatsgefährlichen Umtriebe zutage treten. Aus den verschiedensten Teilen der Vereinigten Staaten langen Berichte ein, die von blutigen Demonstrationen gegen die Ku-Klux-Klan-Leute zu melden wissen. So hat in P i t t s b u r g eine solche Demonstration sogar ein Massenaufgebot von Polizei und Feuerwehr nötig gemacht. Den Ku-Klux-Klanern wurde im Arbeiterviertel von Pittsburg von der Volksmenge eine förmliche Schlacht geliefert, bei der es v i e l e S ch w e ru n d L e i ch t verwundete gab. Sie mußten de:: Kampfplatz mit blutigen Köpfen verlassen, nachdem mehrere hundert ihrer Mitglie- MODELLHAUS * Julius Krupnik VII., Kaiserstrassi %11—115 VORNEHME ICII9DES3 KOSTÜME MK&äTEL PELZE 882 Eß, Wegen Umbau und Raum mangels nur noch kurze Zeit nie Wiederkehrend billige Preise! *) Meisterwerke von Maurycy GotKieb (1856—>1879). Herausgegeben von Verehrern des Künstlers Copyright by Christoph Reißers Söhne, Wien. Die Mappe ist in der Buchhandlung R. Löwit, Wien, erhältlich. der verhaftet wurden. Viel ernster war die Volksdemonstra. tion in der Hafenstadt P o r t - A m bo y im Staate New- Jersey, wo die Ku-Klux-Klan-Leute ein Propagandameeting veranstalteten. Die Volksmenge stürmte das Gebäude, in welchen: die geheinmisvolle Versammlung hätte abgehalten werden sollen. Als bekannt wurde, daß sie auch einen Demonstrationsumzug planen, sammelten sich viel: Tausende vor dem Gebäude an und forderten den Abzug und die Zerstreuung der im Versammlungsgebäude anwesenden Ku-Klux-Klan-Anhänger. Das Eingreifen der Polizei und der Feuerwehr erregte die ohnehin gereizte Menge noch mehr, es prasselte ein Hagel von Steinen, und als auch Militär anrückte, entwickelte sich eine wilde S t r a ß e n s ch l a ch t, bei der Polizei und Militär außer den Hydranten auch Gasgranaten und Exerzier. Handgranaten zur Anwendung brachten. 'Die Aerzte und Ambulanzen hatten aus dem Schlachtfeld Hundert« vonVerwundeten zu behandeln. Die Mitglieder des Ku-Klux-Klan mußten durch die Fenster auf der Rückseite des Gebäudes entfliehen. Aehnliche Aeußerungen des Widerwillens der amerikanischen Bevölkerung gegen das reaktionäre Treiben des Ku-Klux--Klan werden auch aus anderen Teilen der amerikanischen Republik berichtet. Di« Regierung ist nunmehr entschlossen, gegen diese Provokation der Bevölkerung durch eine Schichte dunkler Politiker energisch einzuschroiten. Me Auswirkungen der Numerus rlaufur au der -Zuda-ester UuiverßM. Aus Budapest wird uns berichtet: Die Einschreibungen an den ungarischen Hochschulen haben begonnen und fördern schon jetzt recht symptomatische Erscheinungen zutage. Man :nuß, um diese beurteilen zu können, im Auge behalten, daß die ungarischen Hochschulen durch den Numerus clausus ein durchaus christliches Gepräge erhalten haben und daß sich den:- nach bei den Inskriptionen an den Universitäten auch die Neigungen der christlichen Jugend für den einen oder anderen Beruf kundgibt. Da ist es nun bezeichnend, daß bei den Einschreibungen für das jetzt beginnende Semester an der medizinischen Fakultät die für den ersten Jahrgang festgesetzte Hörer zahl von 500 nicht voll erreicht wurde. Es hatten sich im ganzen 450 zur Inskription gerneldet, von denen jedoch bloß 400 ausgenommen wurden. Sämrlichr weiblichen Anfnahmswerberinnen wurden abgewies e n. Früher sind die Juden hauptsächlich dem medizinischen Studium zugeströmt. Diesmal fehlen die Juden bis auf den geringen Prozentsatz, der ihnen im Gesetz über den Numerus clausus zugebilligt wird. Dabei darf 'nicht außer acht gelüsten werden, daß selbst jetzt, in dem' verstümmelten Ungarn, die Aerzt-everhältnisse auf dem flachen Lande geradezu skandalöse sind. Auch der philosophischen Fakultät weicht die christlichnationale Jugend in weitem Bogen aus, obgleich die christlichen Mittelschnlprvfessoren bei -dem «gegenwärtigen christlichen Kurs der Politik die jüdische Konkurrenz schon gar nicht zu fürchten haben. Diese beiden Studienzweige — der medizinische und der philosophisch-philologische — setzen einen zicmlich hohen Grad von Idealismus voraus, der jedoch in dcr christlichen Jugend Ungarns durch die vier Jahve Haßpolitik getötet wurde. Hingegen sind die Schalter der juristischen Fakultät an der Budapester Universität wahren Sturmangriffen durch die christliche Jugend ausgesetzt. Der Andrang ist hier so groß, daß nur die Hälfte der Bewerber berücksichtigt werden konnte. Die Erklärung hierfür liegt gleichfalls in den verlotterten politischen und sozialen Verhältnissen, in denen sich da- Land des christlichnationalen Kurses befindet. Die christliche Jugend wird Wohl unausgesetzt gegen die jüdischen Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen gehetzt, selbst aber strömt sie noch immer nicht wirtschaftlich praktischen Berufen, die Verantwortungsgefühl und Findigkeit beanspruchen, sondern der juristischen Laufbahn zu, auf der es sich auch in „Rumpfungarn", wie die Jrredeniisten Ungarn gerne nennen, leicht und ohne viel Arbeit auf Kosten anderer leben läßt. Das juristische Studium 1 ebnet den Weg zur Beamtenhierarchie, zur politischen Karriere mit allen ihren dunklen Geschäften. Und was da nicht unterkommt, stellt dann das große Heer politischer Abenteurer, gefügiger Nutznießer jedes politischen System-, Zur Saison! MWMUV MMLVMW, II. OrJoHrenp. 2-6 im hwii iinmufffwwifnifi—hi—m—im ii n

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