Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-09-16 · Heft 1649 (16.9.1923) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1649 (16.9.1923)
Date
1923-09-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980730--16138-3003024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Cfc&JI Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 16. September 1923 Nr. MV Der weiße Terror. Unter dem „Verdachte" der Fudentums gemartert. Budap^t, 15. Septeinber. (Del. d. ,Mr. Morgen^tg.") Die Eendblätter berichten über einen grausamen Fall, -er an die schändlichsten Zeiten des ungarischen weißen Tervsrs erinnert und keinesfalls geeignet ist, der Welt die Bethlensche Lüge glaubhafter zu machen, daß nur die „unverantwortlichen" Elemente — und auch die nicht mehr — vchäMichkeiten verüben. Dem 23jährigen Fabrikanten Paul Szel wurden bei seiner letzten Reife nach Wien 70.000 ungarische Kronen von den Organen der Fluß wache abgenommLn, weil sein Geld um diesen Betrag die Wertgrenze des ausfuhrfreien Geldes überischritt. Szel bekam eine Quittung und nach seiner Rückkehr aus Wien wollte er sich das Geld holen. Bei der Flnßwache wurde er zum diensthabenden Oberleutnant Josef Papp gewiesen. Dieser befahl ihm in grobem Tone, üch zu legitimieren. Szel lcgitimiercte sich nrit seiner ihm von der Budaster Polizei ausgestellten Antomobilsahrerleg-itimation. „Sie sind ein Jude!" sagte de re Oberleutnant. Szel antwortete, daß ex katholisch sei. 'voraus der Oberleutnant erklärte, diese Frage müsse noch geklärt werden. Bis dahin bleibe Szel in Haft. M i t s ch u l d der bulgarischen R e g i e r u n g an dieser Mordangelegenheit beweisen. eine Rote Moskaus an Polen. London, 15. September. Aus Moskau wird gemeldet, die Sotvjetregierung habe an Polen eine neue Note gerichtet, in der die sofortige bedingungslose Anerkennung der Sowjetic.puMifcu gefordert wird. (Durch den Friedensvertrag von Riga wurden seinerzeit die Sowjetregrerungen Rußlands und der Ukraina von Polen anerkannt. -Inzwischen aber wurde die Föderation der russischen Sowjetrepubliken geschassen, welche außer den Regierungen von Moskau und Kiew auch alle übrigen auf dem ehemaligen russischen Territorium befindlichen Sowjetregierungen umfaßt. Es handelt sich nun um die formelle Anerkennung dieser Repnblikenföderation, der n. a. auch die Sowjetregiernng auf dem Gebiet von M i n s i zuzuzählen ist.) Reue deutsche KsenbahnLanseWhuvzerr. 15. Seplember. (Wolfs.) Im Einblick aus die fortschreitende Geldentwertung wird vom 38. b. ab die Schlüsselzahl für die T a r i f b e r e cd u n lt g im Eise nbahnverkehr erhöht, und zwar für Personen auf neun gegenüber 1,5 Millionen und. für Güter auf 38 gegenüber 4,5 Millionen, wobei zu beachten ist, daß die Güterfrachten nach den neuen Grundtarifen berechnet werden, die im Hinblick auf die Geldentwertung um 300 Prozent erhöht werden. Zer griechische Krirgrmirüftrr soll die 8»t- ■ schuldrguug liussNreche«. Paris, 15. September. (Wolfs.) Wie die Blätter aus Athen melden, hat die griechische Regierung deu Kriegsin i n i st e r dazu bestimmt, der italienischen, der englischen und der französischen Gesandtschaft die Entschuldigungen der griechischen Negierung auszusprechen. Tie UntetsilchunLökornnttssion für Janina. Rom, 15. September. Die Untersuchunzskommifjion für Ianina ist gestern in Mailand augekommen und nach Brindise weitcraereist, wo sie sich heute nach Balena eimchissen wird. Zagerbericht. Zwei Proben aus einem PÄMim- Keifebuche. Richard A. B e r m a n n (Arnold H oft lriegel) und Artur Rundt, zwei Schriftsteller, die sich nicht zum Zionismus bekennen, haben das jüdische Palästina 'bereist tmö nun ihre Eindrücke in einem sehr 'bemerkenswerten Buche niedergelegt. („P a l ä st i n a, e i n R e i s eb u ch." Erschienen im E. P. Tal u. Co.-Berlag, Leipzig und Wien.) Die nachstehenden Proben des Merkchens, auf das wir noch näher zurückkommen, sprechen für sich. I. Lies machen sie: In einer Bergmjlldc, wo kein Gras wuchs, haben sie vor zwei Jahren ecu paar Zelte aufgepflauzt, junge Männer aus osteuropäischen Städten, Söhne von Schacherern und Tälmudistelt, itnd Mädel aus der Judengaß'. Ehe sie eitlen Acker grübelt konnten, mußten sie eine Schützendcckung graben; da ist sie noch uub nicht unbenutzt, die Araber im nächsten Dorf sind llicht freundlich. Noch steht kein richtiges Haus. Zelte, eine oder zwei Holzbaracken für Frauen intb Kinder, ein gemeinsamer Eßraurn — und vortreffliche, betonierte Ställe für das Bieh. Das ist die Kolonie Dilb. Niemand hat noch ein Halls, aber ein Museum ist schon da, mit allen Pslanzett, Mineralierl, Tieren, die mau in der Umgebung fand. Die Tiere sind zrlnl guten Teile Skorpione und Schlangen. Auch ist, mitten in den Wüstenbergei>. von Inda, die Mulde wunderbar grün geivorden. Ans deu Terrassen, beit so mühsank gehacfteu, tväcstst der junge Weilt in diesem Herbst lvird es viele Mnokatlrunb:.".'. geben, herrlich süße. In weiten Gemüseferdern sehe ich weißgekleidete Frauen M zur Erd« beugen, ieiv cn'« Rrttb stilisiert, jüdische Szel wurde von Soldaten in die Wachstube geführt uub e'mgesperrt. Nach einiger Zeit erschienen vier Detektive utvb begannen ihn zu „verhörend Er wurde mit Gummi! n ü tt e l it und Stöcken geschlage n. W er laut um Hilfe schrie, verstopfte inan ihn: den Mund und setzte die Quälerei mit tierischer Roheit fort. - Mit brennenden Zündhölzern und Zigaretten wurden ihm am ganzen Körper schreckliche Verletzungen -beigebracht, gleichzeitig wurde er aus die gemeinste Weise beschimpft. Drei Stunden lang währte die Tortur. Szel siel mehveremal in Ohnmacht, endlich Mob er blutüberströmt und regmrgslos liegen, worauf die Detektive, in der Annahme, daß er g e st o r b e n sei, die „Amts-Handlung" emstellten. Als die Familie Szels von der Angelegonheit Kenntnis erhielt, erstattete feilt Vater, Direktor Szel der städtifchen Elektrizitätswerke, beim Kommandanten der Flußwache, LinieuschiMeu-tnaut Olaf.Wulf, die Anzeige. Die Untersuchung wurde eingeleitet. Paul Szel liegt schwer krank in einem Sanatorium. Bäuerinnen, die vielleicht noch etwas zu oft daran denken, daß sie es jetzt sind . . . Aber kommt, Jerusalemer Touristen, und seht das, wenn ihr könnt, ohne Erschütterung; diese jungen Menschen aus städtischen Slums, aus Trödelei, Talmud und Ghetto, wie sie diese neue Erde bebauen, die die alte Erde ihres Stammes ist. Da, der Bocher mit der Brille, mit Kuhdung beschäftigt, revolutionärer Student in Rußland, jetzt ein Vauerukuecht . . . Knecht? Nicht Knecht; niemals wieder Knecht. Diesen Boden baut eine freie Gemeinschaft von Genossen und Genossinnen. Bauernkl'.echte in Europa mögen reicher sein, besser gekleidet, mögen besser essen, bestimmt wohnen sie im Bergwinter nicht in Zelten; aber hört diese reden! Seht ihnen ins Gesicht! Zeigt mir ein gleich großes europäisches Tors mit einem Musemn! Ich fuhrnach Jerusalem zurück und verstand es besser. Was immer die> Fehler dieser Stadt seien, rund um sie tvächst die Erlösung. Der Unterschied zwischen Jerusalem intb der Judenstadt von Wilna ist immerhin der, daß vor den Toren Wilnas nicht jüdische Bauern arbeiten. Und wäre, Heiligkeit beiseite, der Zweck dieser Stadt umr, das in Dilb geerntete Gemüse zu kaufen, sie erfüllte eine Funktion im großen Haushalte der Menschheit. Denn, im Ernst, es gibt heute auf der Welt wenige Dinge, die so tvichtig sind, wie dieses große Werk in Palästina, diese tätige Auflehnung des jungen Nachkriegsmenschen gegen die'^Vergangenheit, diese Wiedergeburt, big Revolution ist, diese sichtbare Tat des Göttlichen, dem Väter ihre l^öhne opfern wollten, und das spricht: Nein, nur durch den Sohn wird die Welt erlöst werden, immer wieder. . . . Und immer wieder ist die heilige Stätte dieser Erlösung Jerusalem. II. n Die Deklaration ist jenseits aller diplomatischen Motive, aller weltpolitischen Hintergründe, die Durchsetzung des Basler Programms. Das „jüdische Volk" ist ein staatsrechtlicher Begriff geworden. Im Februar 1919 erscheinen die zionistischen Unterhändler vor der Friedenskonferenz in Paris. Pichon präsidiert, außerdem nehmen Balfour, Clemenceau, Miluer, Lansing, Sonnino und White an der Sitzung teil. Daß Ussischkin aus Odessa seine Rede in hebräischer Sprache hält, ruft Sensation hervor. Professor Wcizmann sagt tut Schlußwort: „Wir forden: Palästina den Inden, wie England den Engländern, Amerika den Amerikanern." Im folgenden Jahre veröffentlicht Sokolotv zwei Bände einer „History of Zionism, 1600—1918"; das Vorwort zum ersten Bande schreibt Balfour, das zum zweiten Pichon, damals Außenminister der französischen Republik. Der Araber geht mit sich zu Rate. Enür Faisul, zukünftiger König des vorderasiatischen Araberreiches, erklärt: Juden und Araber hätten das gleiche Ziel, beider Bemühungen ergänzten etttauber. Jeder Araber tritt, lvo ihm in den Straßen der Stadt ein geachteter Jude begegnet, respektvoll vom Bürgersteig auf die Fahrbahn, und legt, den Kopf beugend, die Hand an die Brust. Das bleibt nicht inuner so: Der Araber niacht, bevor er ans Fait accompli glaubt, noch einen letzten Versuch des Widerstandes. Anfangs 1920 gibt's in Jerusalem einen regelrechten arabischen Putsch, und, da die englische Truppe nur zögernd eingreist, Verwundete und Tote aufseiten der Juden. Aehnliches geschieht in den Grenzgebieten gegen französisches Okkupationsland, am Tiberias-See und im nördlichsten Galiläa. Jüdische Selbstwehr ist verboten, und wird, tvo sie geübt wurde, bestraft. Die Konferenz von San Nemo soll die Entscheidung bringen. Die Labour Party und Trade Unions üben auf die britischen Vertreter energischen Druck ans, Englands Versprechen einzulösen, eine Versammlung von Mitgliedern beider Häuser des Parlaments, von Lord Eecil geführt, schließt sich den Drängenden all. D^n" eilt scheidet am 20. April 1920 die Konferenz endgültig im Sinne der zionistischen Forderung: Die Balfour-,Deklaration erhält die AcmWn ps-c Mäckt» BDBBBiBonBftüniBiiiaiaDiiaaiiiaiiaiini Infolge Umbaues der Geschäftsräume Großer von B! Mäntel Kostüme Kleider Blusen zu tief herabgesetzte» Prüfe» nach Original Pariser Modellen im Konfettioristzans Leopold Ascher $ Bruder M.RariMseckmßeA Als Weizinalin sich von Lloyd Georges verabschiedet, schüttelt der energische Premier ihm die Hand und formuliert, epigrammfreudig wie immer, den Tatbestand: „Ihr habt nun euren Start! Jetzt liegt es an euch, das Rennen zu gewinnen!" Das Rennen geht in larrgsamer Pace. Ein Brückenkopf. . . Wir wußten nicht, was daS Wort bedeiltet, haben es aber im Kriege aus den Berichten gelernt: Onit wichtiger Punkt wird durch Handstreich genommell; der Feind will ihn dir nicht lassen, kralle dich fest, schiebe Trllpperl nach unb befestige ihn rasch! Rasch, rasch, rasch! Seit 3917 sind sechs Jahre vergangen und noch immer leben in Palästina neben fast 600.000 Mohammedaltcrn und 70.000 meist syrischen und arabischen Christen kaum lllehr als 80.000 Juden. Wo bleibt der Nachschub? Es könnten ein paar Hunderttausend, vielleicht ekne Million jüdischer Pioniere im Lande sein, aber die Siedlullgsaktioilen befinden sich seit Monaten in finanzieller Krisis. Lord Balfours Rltf nach Menschen könnte befriedigt werden, seine Hoffnung auf europäisches Geld wird am gesunkenen Wert der Währungen von Mttel- und Osteuropa zuschanden. So schnell, wie das Interesse des Empire es wünscht, kann ails privaten Mitteln kein Staat gebaut werden. Deshalb wächst im Hause der Lords der Zweifel, ob es klug war, auf die jüdische Karte zu setzen. Dorther droht die Gefahr!!! Das römische Imperium verlangte, daß ihr sas Zeichen seiner Macht, ein Bild des Cäsar, in eurem Tculpel aufstellt, England legt die vizekönigliche Gewalt in die Hand eines zionsgläubigen jüdischen Briten. Sehet den Unterschied! Und sehet, wie in Sir Herberts Person die Gleichhe'st der Interessen sich spiegelt: Er will seinem König das andere Gibraltar, den: Volk seiner Väter die rechtlich gesicherte Heinlstätte bauen. Beides in einem. Bauet! Und zahlet! Ihr zahlet und bauet Heimstätte und Vruckcnwpf, beides in einem! F»bM«m Wladimir Temkins. Ans Berlin wird uns gemeldet: Am 22. d. begeht der 'bekannte Zionist Ingenieur Wladimir Temkin 'das 40jährige Jubiläum seiner zionistischen Tätigkeit. Temkin gehört zu den ältesten Führern der zionistischen Bewegung an.s Rußland. Als junger Student schloß er sich der B i lu- Bewegung an und verbrachte längere Zeit in Palästina, wo er als Vertreter der Chrwetve-Zion tätig -war. Er war einer der ersten russischen Chowetve-Zionisten, die sich Theodor Herzt anschlossen. Nach dem Auftreten Herzls kam er als erster Vertreter der Ehowewe-Ziouisten nach Wien, um Herst mitzuteilen, daß sich die russischen Chowewe-Zionisten ihm anschließen. Während des Uganda-Konfliktes zählte er zu den führenden Persönlichkeiten der Zione-Zion. Zur Zeit dcr russischen Revolution nahm er aktiven Anteil an der Schaffung des jüdischen Nationalrates in Kiew und stand längere Zeit an der Spitze des Generalsekretar.iats der jüdischen Nationalversammlung in der Ukraine. Seit einigen Jahren lebt Temkin in Westeuropa und nimmt einen hervorragenden Anteil an dem Arbeiten der jüdischen Welthilsszentrale, -bereit Exekutive er angehört In Berlin hat sich gegenwärtig ein spezielles Komitee zur Feier seines Jubiläums gebildet. . MMardeMMahl und RelordbrlohmKg. 'Aus Berlin wird uns gemeldet: In einer Pension im Westen Berlins wurde einem russischen Gaste Geld unb Schmuckgegenstände kn Werte von mindestens 250 Milliarden Mark gestohlen. Zur Wiedergewinnung des geraubten Gutes wurde eine Belohnung von 2-50 Dollar ausgcsetzt. Dies ist die größte Belohnung, tue jemals für Zwecke ansgesetzt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.