Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1649 (16.9.1923)
- Date
- 1923-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr.IKst Dien, Sonntag Traget Schaheil Anre gung zur Gründung einer gemäßigten arabischen Partei gegeben. Wie mm aus Jerusalem berichtet und selbst von der Presse des arabischen Kongresses zugegeben wird, hat Suleimau Bei auf seiner Agitationsreise seinem gemäßigten Programm bereits einen großen Anhang gewonnen, und „Palestine Weekly" meldet, daß die vier i in Council v e r b l i eb encft arabischen Mitglieder entschlossen sind, oen Kampf gegen die Exekutive des arabischen Kongresses unter allen Umständen zu Ende zu führen. Neues Ozttmkabrl .gvisörcn Alexandrien und Jaffa. Wie aus Jerusalem berichtet wird, ist die Eaftern Telegraph Eompatty an die Legung eines neuen O^ankäbcls Mischen Alexandrien und Jaffa geschritten. Dieselbe Gesellschaft steht auch wegen Erwerbung der zwischen den zwei Punkten bestehenden radioteldgraphischen Stationen m Verhandlung, die schon binnen kurzer Zeit abgrschlossen werben sollen. Palästina — ein „geistiges Heim". Das Mitglied des früheren Advisory Council und Vizepräsident des lebten arabischen Kongresses, Michel Beirut t i, verofsentlicht in der ägyptischen Zeitung „Mukatgr" einen Ausruf an die Inden, in dem er erklärt, Palästina dürfe den Juden nur ein geistiges Heim, aber kein nationalholitisches sein. Beirutti sagt, es gehen dem Lande Millionen Pfund durch den Zionismus verloren. Das Beste sei, die Nückk-hr zu den Verhältnissen von 1914. (I. C. B.) Rundschau. Vom Bölkerbmd. Garantievertrag, Frauen- und Mädchenhandel, Kanrpf gegen Epidemien. Genf, 15. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) In der El b r ü st u n g s k o m m i s s i o n des Völkerbundes wurde die artikelweise Beratung des Garäntievertrages fortgesetzt. Bei Artikel 2, Ver im wesentlichen die gegenseitige Hilfeleistung im Falle des Ausbruches eines Krieges vorsieht, stellte Dr. Lange (Norwegen) einen Zusatzantrag, wonach die Hilfeleistung nur unter der Bedingung erfolge-n soll, daß alle von dem angegriffenen Staate abge scb l oste neu mtcrnaiionalen Verträge und Abkommen im Dölkerbnndsekretariat vrgistriert und von demselben veröffentlicht worden sind, daß ferner der in Frage kommende Staat die Zuständigkeit des inte.rnationalen ständigen Gerichtshofes im Haag bei gewissen internationalen Streitfällen anerkannt hat und daß schließlich der zum Kriegsausbruch führende Konflikt dem Volke rbnndrat unterbreitet worden ist. _Wiener Morgerizeitung._._ Dieser Antrag wurde namentlich von Lebrun (Frankreich), Lord Robert C e c i l (England) und Dr. B e n e s ch (Tschecho-Slowakei) bekämpft.'Für den Antrag traten die s k a n dinavifche n Staaten sowie Holland ein. Auch die Schweizer Vertreter stimmten für einen Teil des Antrages. Dieser wurde nichtsdestoweniger mit großer Mehrheit abgelehn t. In der Völkerbundversau: mlung erstattete S o k a l (Polen) im Auftrag der fünften Kommission Bericht über den Frauen- und Mädchenhandel. Er stellte mit Bedauern fest, daß e r st vierzehn Staaten die internationale Konvention über den Frauen und Kinderhandel ratifiziert haben. Er beschäftigte sich dann 'mit der Frage der Prostituierten fremder Nationalität in öfsentlichen Häusern. Am Schluffe schlug Redner eine Reihe von Resolutionen vor, die auf die obigen Fragen Bezug haben. Frau B u g g e-W icksell (Schweden) empfahl die A bschaffung aller öffentlichen Häuser, wodurch der Frauen- und Mädchenhandel auf das Sicherste unterdrückt würde. Adatci (Japan) erstattete Berichte über die Beratungen der zweiten Kommission, betreffend die HYgie n e- Organisation des Völkerbundes. A d o r (Schweiz) hob hervor, daß die Tätigkeit der E p i d e m: e k o m m i s f i o n des Bundes von größter Bedeutung für die Bekämpfung der von Osten kommenden Seuche war. Er teilte im Namen des interntaionalcn Roten Kreuz-Komitees mit, daß diese Organisation sich dem Völkerbünde jederzeit zur Verfügung stelle. Die ostkarelische Streitfrage. Gens, 15. September. Die Völkerbntrdversammlung hat beschlossen, die von Finnland aufgeworfene ostkarelische Frage der politische n Kommission zu überweisen. Die nächste Vollsitzung des Völkerbundes wird Mittwoch den 19. d. stattfinden. Die sechs großen Kommissionen des Völkerbundes werden während zwei Tagen Vormittags¬ und Nachmittagssitzungen abhallten. Die Völkerbundgesellschaften über den italienisch-griechischen Konflikt. Genf, 15. September. (Tel.-Komp.) In einer Versammlung der hier anwesenden Vertreter einer großen Rcihe von Völkerbundgesellschaften, an der sämtliche Teilnehmer dos internationalen Vorstandes dieser Vereinigung und etwa 50 weitere Vertreter von Völkerbundgesellschaften teilnahmen, wurde zum italienisch-griechischen Konflikt in einer Resolution Stellung genommen. Diese Resolution v e r u r t e il t zunächst das Verbrechen an den italienischen Offizieren bei Janina, ebenso wie die Tötung unschuldiger Menschen beim Bombardement von Korfu. Weiters erklärt die Resolution,' daß jede Verletzung des Gebietes eines Völkerbundmitjgliedes durch ein anderes das Eingreifen des Völkerbundrates oder der Versammlung notwendig mache. In der Resolution wird der Rat und die Versammlung aufgefordert, auf eine gerechte 16. September 1923 Se ite 3 Raglans ANZÜGE in feinster Qualität zu billigsten Preisen bei Heinrich Weinb-rger, I,, Singerstrasse 6 Lösung des griechisch^italienischen Konflikts hinzuwirken und nötigenfalls die Tagung bis zur Erledigung diese: Angelegenheit 51t verlängern. Zusammenarbeit zwischen VMerbmL und Aeparationskommissio«? Paris, 15. September. Wie „Matin" meldet, erklärte Minister Dr. Benesch, er sche eine Zusammenarbeit des Völkerbundes mit der Reparationskommission voraus. (Eine solche Maßnahme wäre geeignet, eine allmähliche Umstellung der europäischen Politik anzubahnen und die Stellung des Völkerbundes zu «befestigen.) Antlsiidische Aurschrettuusru in rrivalis. Wie jetzt bekannt wird, haben in den letzten Angnsttagen antijüdische Ausschreitungen in Tripolis stattgesunden, die von den dortigen Faszisten organisiert wurden. Die Juden schlossen ihre Geschäfte, wurden, aber von den Behörden genötigt, sie wieder zu öffnen. Araber i n s ch w ar z e n H e nt« d eu drangen in die jüdischen Häuser ein. Zwei Soldaten, zwei Faszisten und mehrere Inden wurden verwundet. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. (I. C. B.) Ausmmnenttltt des indischen Nationalkongresses. Delhi, 15. September. Der indische N a t i 0 na k 0 ngreß, der einbernfeu worden tvar, um den feit der Verhaftung Gandhis eingetretenen Zerfall der nationalen Bewegung einzudämmen, ist heute zusamtnengetreten. Tschitscherin fordert 28 Millionen Goidrubel kntschiidigung von Bulgarien. Berlin, 15. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die russische Regierung gibt offiziell bekannt, daß Tschitscherin eine Note an die bulgarische Regierung gerichtet habe, in der er die Ausli efern n g des General ft ab es der e h e m a I i g e n Weißen Armee verlangt. Außerdem verlangt Rußland die Schließung der russischen Militärschule in Bulgarien. Ferner wird die'bulgarische Regierung aufgefordert, die Bildung von militärischen Organisationen auf bulgarischem Gebiet-zu verbieten, deren Tätigkeit gegen Sowjetrußland' gerichtet sei. In der Note wird auch eine Entschädigungssumme von 2 0 M i l l i 0 n e n G 0 l d r u b e l für die Ermordung eines Mitgliedes der russischen Mission verlangt. Tschitscherin behauptet, Dokumente in Händen zu haben, welche die waren roßer wsU9 Sommer-Kd IM liaus II., TaborsfraBe 48 Telephon 47-1-79 En gros En deiai asansssssna Reisebekanntschaft mt jüdischen Kindern, Von Martha Hofsmann. Auf dem Donaudampfer beginnt die Levante. Hnnoert Sprachen umschwirren dich, Laute des Orients und des Okzidents, bulgarisch, russisch, ungarisch, türkisch, spaniolisch, arabisch sogar. Ueber allem aber Französisch, die Einheitssprache des Gebildeten und Halbgebildeten, das Volapük des Ostens. Viel weniger Deutsch wird gehört. Ein seltsamer Tonfall löst sich von bet: übrigen los, klingt dir eigenartig vertraut und doch wieder fremd ins Ohr, einzelne Silben verdichten sich zur Verständlichkeit, dann wieder zerflattert alles in weiche, nasale, summende Zischlaute und läßt dich verwirrt zurück. Endlich begreifst du. „Excusez, Madame, c'est le Grec qite vous parlez-la?" Ja, in der Tat, die heroischen Klänge -der Tragiker und Homers, aber seltsam verdünnt, verwischt, nasaliert gegenüber der sogenannten „klassischen" Aussprache, an die uns die Philologen gewöhnten. Der lebhafte, stattliche Grieche, Gatte der so angeredeten Dame, ein Mann in den Fünfzigern mit dem Aussehen eines Pariser Bonvivants älterer Schule, erörtert in vorzüglichem Französisch das Problem der richtigen Aussprache des antiken Griechisch. Zweifellos müßte sie der modernen nahestehen, meint er, das sehe doch ein jedes Kind, nur nicht ein europäischer Gelehrter. Er selbst entpuppt sich als Professor der griechischen Sprache in Port-Said, doch geborener Athener. „Ti lebaba, ti lebaba?" klingt die helle Stimme seines zehnjährigen Jungen bald hier, -bald dort zwitschernd auf dem Schiffe auf. Er plaudert mit allen und verficht keinen. „Ti lebaba?" (tvas hast du gesagt?), „ti lebaba?" Wir gleiten in ungarisches Gebiet. Flache, sandige Hügel dehnen sich an den Ufern. Pappeln und Weiden lösen sie ab. Der Wind zerrt an unseren weitet: Mänteln, wühlt in kunstvollen Klüderfalten, läßt die Endet: lichter Damenschleier weithin flattern. Möven schwirren auf, Sonne auf ihrem nassen, weißen Leib, der silbern vorüberflitzt. Dort eine Familie dunkler Wildenten, ganz junge Brut darunter. Die Kinder auf Deck jubeln. Ihnen ist alles Kindhafte verwandt, di: häßlichen junget: Entlein sind ihnen schön. Besonders reizend, drollig, übermütig in ihrem Jubel ist eine dunkle Achtjährige, ein schelmischer Wlldsang mit herrlichett Samtaugen. Sie tanzt, springt, tollt um ihre Schwester herum, ein hochaufgeschossenes, schmales, etwa dreizehnjähriges Mädchen mit dem dunkelblonden Lockenkovf und dem Gesicht eines Raffaelischen Engels. Fürsorglich, mütterlich hält sie ihr kleines Brüderchen im Arm, während die zart:, blasse Mutter erschöpft im Liegcstuhl schlummert. Mich fesselt der Ausdruck ruhigen, fast strenger: Ernstes in den großen, hellgrauen Augert dieses halben Kindes, mit denen sie von Zeit zu Zeit erstaunt, mahnend, verweisend das übermütige Schwesterchen streift. Sie selbst ist ganz Dame, ihr ernstes, reserviertes fast arrogant scheinendes Wesen straft die Naivität ihrer runden Kinderbacken Lüge. Nun drängt sich der kleine, braune Wildfang mit den runden Aermchen an mich heran, guckt schelmisch in das Buch auf!ueinen Knien und fragt mich auf französisch: „Was lesen Sie da, mein Fräulein?" Ich halte ihr das Buch hin — es ist hebräisch — und frage, ebenfalls französisch, zurück: „Kennst du das?" „Nein — 0 ja, doch — nein — das ist jüdisch." „Kannst du das lesen?" „Nein — 0 ja doch — nein!" (Offenbar neckt sie mich.) Die Schwester wirft einen geraden, ernsten Blick herüber: „Doch, lesen kanttst du es, Miriam. Nirr nicht verstehen!" „Ach, Judith, warum verrätst du mich?" Und nun macht die Kleine, der jedenfalls viel an ihrer Neckerei gelegen war, der Schwester in fließenden: Arabisch schmollend bittere Vorwürfe. Allmählich taut nun auch Fräulein Judith auf und erzählt mir in ihrer ernsten, erstaunlich reifen Weise von dem französischen Lyzeum in Kairo, das sie besuche (offenbar handelt es sich um eine Alliance-Schule), wo sie nur französisch und arabisch lerne, wie langweilig die Stunden wäret:, daß ihr Vater Arzt sei und dies hier ihr süßes, kleines Brüderchen „Hillel". Judith, Miriam, Hillel denke ich. Wie seltsam — leben in Kairo, so nahe von Palästina, tragen jüdische Namen t:nd dabei feilt Wort Hebräisch, keine Spur von jüdischer Erziehung. „Wißt ihr denn, wer Hillel war?" frage ich die Kinder. „Nein, aber vielleicht erzählet: Sie es uns?" bettelt der kleine Schalk und schmiegt sein dunkles Köpfchen in meinen Schoß. Judith, den kleinen Hillel in: Arm, blickt mit großen reifet: Augen erwartungsvoll at:f tnich. Die Mutter schläft. Ut:d 'ich erzähle den lauschenden Kindern so kindlich, so bildhaft, so naiv ich es Vevtnag die Geschichte vom düsteret:. strengen Scbanmi und dem milden. weicheren Hillel. „Ah," sagt die Kleine, die wohl nichts verstanden hat, mit befriedigtem Seufzer, „ah, war das schön!" Und Judith herzt das Baby auf ihrem Schoß, gibt ihm tausend zärtliche Kosenamen und flüstert ihm zu: „Ah, mein süßer, kleiner Hillel, wirft auch eit: großer Weiser werden, mein Brüderchen, ja — ein großer jüdischer Rabbi und Philosoph!" „Noch eine Geschichte!" bettelt ‘ Miriam und blickt mich mit den dunklen Schelmenaugen von unten her so flehend an, das ich nicht widerstehen kann. (Sie erinnert mich so sehr an Surele, das kleine, schwarze Surele aus dem Ghetto von Preßburg, das mich im Vorjahre um „a Sach' Geld" angebettelt hat.) Noch eine Geschichte? Aber was wird diesen jüdischen Kindern aus dem Morgenlande gefallet:? Ich gehe im Geist mein „Repertoire" an jüdischen Kindcrgcschichten durch — und schon taucht die Gestalt Isaaks des Talliswebers, der im Mantel des Propheten Eliahu das mondbeglänzte Bagdad überfliegt, Isaaks, der bet: Schleier für , die Kalifentochter webt und dabei die Allmacht Gottes erkennt, überzeugend vor mir auf. Und das echt Märchenhafte, das Jüdisch-Orientalische dieser Erzählung überzeugt auch die Herzen der beiden Mädchen vor mir, das der kleinen, schletnffchen Miriam wie das der ernsten, klugen, mütterlichen Judith. Die Mutter erwacht, nimmt das Baby an sich, lächelt mir weich und grüßend zu. Die Kinder ziehen ihre Mäntel an und folgen der fröstelnde:: Mutter in die Kajüte. Oben wird es kühl, Dämmerung senkt sich, Stern: steigen auf. Aber nur wenige, nur blaffe, dem: eit: klarer, voller, weinfarbener Mond zieht seine leuchtende Furche durch den lichten Abendhimmel. „Ti lebaba, ti lebaba?" hört man wieder die kleine attische Schwalbe zwitschern., Die drei Nonnen stehen über ihre Rosenkränze geneigt, Ge-' bete flüsternd. Die Aelteste von ihnen hat die leidende An--! mut einer heiligen Anna, währen die beiden anderen leere,! plumpe, schickfalslose Gesichtszüge tragen. Der deutsche! Ingenieur'der A. C. G. aus Schanghai tritt zu mir, zeigt! mir die Lichter der nahen Stadt. Das Murmeln der Non-' ttett dringt monoton herüber, lauter rauscht,das Wasser des; Stromes dtrrch den stilleren Abend. Die Donau wird': breiter, mächtiger, Umrisse der Burg zeigen sich, wir-j nähern uns dem prächtigen Budapest.