Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-09-13 · Heft 1646 (13.9.1923) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1646 (13.9.1923)
Date
1923-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980727--16104-3002987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16‘JG Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. ■lii. 'Wvyl\.iKvVb /CUt O Jer Bericht Zimmemans an de« BSllerbund. In der Rede, die Genecalkommisfär Dr. Zimurerman am d. in der zweiten Kommission der Bölkevbnndversammlung hielt, wies er auf den Unterschied zwischen der heutigen Situation und der damaligen hin, der so bedeutend sei, daß der Völkerbund das Recht hat, auf sein Werk stolz zn sein. Das politische Protokoll, das finanzielle Protokoll über die Garantie der Ilinleihen, das Protokoll über die Reformen, welche eine objektive Kontrolle ohne jede politische Einflußnahme sichert, und allen voran das Interesse der ganzen Welt, welches durch die Intervention des Völkerbundes hervovgevufen wurde, haben das Vertrauen in Oesterreich wieder gewinnen lassen, den Stnz der. Währung aufgehalten und den Glauben an die Zukunft des Landes wieder erweckt. Um diese Erfolge zu erzielen/ lwar es notwendig, allen die Ueberzeugung beizubringen, daß die Lasten, welche Oesterreich zu tragen hat, seine.Kräfte nicht übersteigen und daß die Entwicklung der dem Lande innewohnenden Kräfte und deren Ausbeutung seine wirtschaftliche . Zukunft sichern können. Indem die provisorische Delegation die möglichen jährlichen Einnahmen Oesterreichs mit 350 Millionen Goldkronen berechnet hat, verlangten sie, daß die Ausgaben nach itnd nach aus diesen Betrag herabgesetzt, während gleichzeitig die Einnahmen bis zu diesem Betrag echöht werden. Von diesen Zitsfern habe sich der Generalkommissär leiten lassen und er freue sich, sagen zu körmen, daß dieses Programm in feiner Gefamtheit bisher g e n anestens c in g e h alte n werden konnte. Als er zun: Generalkommifsär für Oesterreich arwählt worden sei und in Wien am 15. Dezember 1922 eintraf, war das österreichische Wiederanfbaugesetz bereits geschaffen und die Gründung der ncuett Notenbank vorbereitet. Um sich zu vergewissern-, daß die von der provisorischen Delegation festgesetzten Ziffern ciugchalten werden, verlangte er von der österreichischen Negierung die Aufstellung eines vor gängigen monatlichen Bndgets, welches die Details und den Gesamtbetrag der Ausgabe,t und der Einnahmen und infolgedessen des monatlichen Defizits anzeigt. Die von ihm festgesetzte Ziffer des Defizits ist gleichzeitig der Höchstbetrag, den er -im Laufe eines Monats von den Einkünften der Anleihe abhebc, um ihn dem Staat zur Verfügung zu stellen. Der Vergleich mit den monatlich"', Gcbarunasausweisen gestattet ihm die Kontrolle. Tatsächlich werden die A nle: hebeträg c aus einem speziell reservierten Konto geführt, von welchen: die Regierung sie nur mit seiner Bewilligung bcheben kann. Das gleiche gilt für die Eingänge aus den Zöllen und aus dem T a b a k m o n o p o l, die die Anleihepfänder darstellen. 'Diese Gesamteingänge werden auf ein anderes Spezialkonto emgehoben, das gleichfalls seiner Kontrolle untersteht. Bon diesen: Konto hebe er monatlich jene Sumn:e ab, die den Trusts zuzuführen sind, und übermittle den Ueber schuß dem Staate zur freien Verfügung. Die Resultate der internationalen Anleihe zeigen das Vertraue,: des Publikums gegenüber der unternommenen Sanierungsaktion. Die Mitarbeit des amerikanischen Kapitals an einem europäischen Wiedcwaufbauwerke ist eine Tatsache von symbolischer Bedeutung. Die Vorncchrung der Einnahmen der Pfänder (Zoll und Tabakmonopol) rechtfertigt des weiteren das Vertrauen, das die internationalen Mächte bewiesen haben. Die Mitglieder des Finanzkomrtees des Völkerbundes schätzten im vergangenen Jahre die Einnahmen -aus diesen. Pfandobjekteu. auf ungefähr 100 Millionen Goldkronen jährlich. Tatsächlich erhebt sich aber die durchschnittliche Monatseinnahme im c r ft e,: H >a l b j a h r 1923 a u f 189 Milliarden. Die Einnahurc von Juli beträgt 332 Milliarden :md die von August übersteigt sogar diese Ziffer. Die Einkünfte von Jänner bis Juni, der ersten sechs Monate dieses Jahres also, übersteige,: merklich die Summen, die für den Jahvesdienst der Wiederaufbauanleihen notwendig sind, Die Einkünfte ans den direkten Steuern und aus den Taxen sind heute sieben- bis zehnmal höher als im September 1922. Die Einnahmen flössen ohne Schwierigkeiten ein, da infolge des raschen Anpassungsvermögens des privaten Kapitals nach Stabilisierung des Krone,Wertes das einzelne Wirkschalftsobjekt seine verfügbaren Vorräte an stäbilisierten Kronen, also an Gold, vermehren konnte. Ans der Ansgabenst-clle war die Verminderung äm Anfang verhältnismäßig einfach, vielfach war die Verschtvendung, dt sich in der Zeit der Geldentwertung und des 'Nachlasses des allgemeine,: Sparsinns eingestellt hatte, solcher Oiatur, daß es leicht war, sie jeweils anszudeckcr: und ihr ein Ende zu setzen; Subventionen, die in mchr oder minder versteckter Form leichthin bewilligt worden waren, da die dazu nötiget: Fonds aus der Notenprefse. kamen, wurden unterdrückt, offenbar überflüssige B e a m t e Vera b schiede t, der Geschäftsgang reformiert und eine vollkorniirreue Reorganifation der Verwaltung in Angriff genommen. Auf diese Art konnten bis zum Jul: 40.000 Beamte gegenüber 50.000, welche vorgesehen waren, abgebaut werden. Die gleiche Zahl wird noch in den kommenden zwölf Monaten verabschiedet werden müssen, wozu eine beharrliche Energie notwendig sein wird. - Es 'ist nicht zu verschwei^sn, daß sich auf der anderen Seite Neuausgaben einstellen, die mit der Wiederkehr gesunder Zustände unmittelbar zusammenhängen, so für Straßen und Bauwerke, Jnveistitionsärbeiten zur Verbesserung der allgemeinen Wirtschaft, die Bezüge der Staatsangestellten, die nun weniger zahlreich, aber zum Teil unzuläugl'ch entlohnt sind, müssen den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die Lasten der Staatsschuld, die die Wi-ederausbcmanleihe eiübegrÄft, sind rm Vergleich mit der Bedeutung, die dieser Posten in den meisten anderen Staatsbudgets besitzt, verhältnismäßig geringe (ungefähr 30 Prozent des Schlußbudgets). Dies erklärt sich dadurch, daß die Geldentwertung einen großen Teil der alten S t a a t s s ch uld annulliert hat. Natürlich sind auch die Einkünfte der Rentner in gleicher Weife geschwunden und damit eine bedeutende Steuerquelle versiegt. Aber die harte Notwendigkeit brachte den Zwang, nach anderen Einkommensquellen zu suchen. Nach der Entwert,ingsperiode ist es also nicht mchr so sehr das erworbene Vermögen, sondern die jährliche Produktion, die, auch ihrerseits von einem Teil der Lasten der Vergangenheit befreit, als Steuerobjekt dient. Staat, Gemeinden und viele Unterrrchmungcr: Haber: ihre Geschäftsführung nach der Emwertungsperiode ans eine neue Basis gestellt. Ihre Schulden in nationaler Währung sind praktisch gleich null. Die Sollseite ihres Hauptbuches ist ein weißes Blatt und alle Investitionen, die sie mit dem seinerzeit geborgten Geld ausgeführt haben, arbeiten heute sozusagen frei von allen Kapitalsrückzahlungslasten. Unter diesen Umständen konnte es nicht fehlen, daß sich das G e s ch ä f t nach der Stabilisierung rasch erholte. Im Monat Oktober 1922 erreichten die Ausgaben monatlich 860 Millilarden. Die provisorische Delegation des Völkerbundes hatte verlangt, daß sie aus 790 Milliarden als Monatsdurchschnitt des ersten Halbjahres 1923 und auf 043 Milliarden im Zweiten Halbjahr herabgedrückt würden. Tatsächlich ergab sich als Monatsdurchschnitt der Ausgaben im ersten Halbjahr nur 712 Milliarden, während die Abschätzungen für August und September 613 Milliarden nicht überschreiten. Die Einnahmen von Oktober vorigen Jahres beliefen sich auf bloß 288 Milliarden. Die Delegation sah als Monatsdurchschnitt 389 Milliarden für das erste Halbjahr und 493 Milliarden für das Zweite Halbjahr vor. Tatsächlich erreichte der Monatsdurchschnitt der Einnahmen in: ersten Halbjahr 606 Milliarden und die Juli-Einnahmen übersteigen um 100 Milliarden die vorgesehene Summe. Uu-tA diesen Umständen war es möglich, gegenüber den Ziffern des Programms während des ersten Halbjahres eine Ersparnis von 42 Milliarden und eine M e h re innah me von 75 6 Milliarden zu erzielen. .Das blieb daher um ungefähr 800 Milliarden oder 56 Millionen Gold unterhalb dem von der Delegation vorgesehenen Betrag. Es war daher nicht, notwendig, alle Auleihebeträge, die zur- Bedeckung des laufenden Defizits dienen sollten, zu beheben. Es konnte eine Reserve gebildet werden, die dazu dienen wird, unvorhergesehenen Ausgaben, die sich etwa im Laufe der nächsten Abschnitte der Sanierung einst clleu könnten, zu begegnen. Die Haupt'bediugung des Wiederaufbaues Oesterreichs war imleugbar die H e m m >u ng de: Kapitals« u sfuhr. Mit anderen Worten, die Wiederherstellung des Vertrauens des Landes auf sich selbst, da ja alle Reglemeutie- Dungsmaßnahmen, welche die „Flucht vor der Krone" zu hindern suchten, sich wie immer als ohnnrächtig erwiesen hatten. Mau könne nicht durch Verordnungen oder Gesetze einem Lande die Verfügung über das Kapital, das sich ins Ausland geflüchtet hat, zurückgeben; dieses Ergebnis kann nur die Folge des Wiedererwachens des Glaubens des Lqndes an sich selbst sein, wie es sich seit einem Jahre in Oesterreich eingestellt hat. Dank den: Eindruck von der Behandlung der Frage durch den Völkerbund ist Ende 1922 Me eindrucksvolle Rückkehr der Kapitalien zu verzeichnen. Da infolge dieser Rückkehr das Angebot von Devisen auf dem Wiener Markte die Nachfrage bei weitem überstieg, würde die Krone an sich eine natürliche Tendenz zum Steigen haben; doch wirkt die Emissionsbank auf dem Valntenmarkt regulierend. Die Bank tritt nämlich als Einkäuferin von Devisen ans dem Platze auf; sie hebt jeden Tag den Ueberschuß der Angelbote über die Nachfrage ab; die Kronen, die sie dom Publikum ümhändigt, sind zum großen Teil neugedruckt.e Noten; aber da diese Noten nur ausgegeben werden, um Gold zu kaufen, sind sie zu 100 Prozent ans dem Niveau des stabilisierten Kurses gedeckt und das Verhältnis der Deckung zur Gesamtheit der ausgegebenen Noten verbessert sich so jeden Tag. Es «rächte 30 Prozent aus zu Beginn des Jahres, 63 Prozent in: August. Der Barbestand, der ursprünglich ungefähr Null, ist, beträgt 93 Millionen Goldkronen am 1. Jänner, als die neue Emissionsbank zu funktionieren beginnt,. 239 Millionen Ende Juni. Der Notenumlauf beträgt 5,5 Billion en Papierkrone::, das sind ungefähr 57 Goldkronen oder 12 Dollar auf den K o p!s der Bevölkerung. Die Zahl der Arbeitslosest habe sich vermindert bis zur gegenwärtigen Zahl von ungefähr 80.0 00. Das Anwachsen der Bankrotte ist Oesterreich erspart geblieben dank der Anpassung der Werte, welche die MabMsievung gestattet Luxus, su p ohulöreu Preisen II., TAB OBSTBASSE 17 DW-Modellvorlage ohne Kgnfzwang -W» Sommer naiis hat. Zn gleicher Zeit, als die Preise, die Tarife und auch die Löhne ein Niveau erreichten, das der Goldparität der stabMsierten Krone angenähert ist, haben die Aktien, die- Börsenpapiere eine Hausse durchgemacht, die Kveiifel^ lös seit, der Bewegung der GoMergwerkspapiere in der Finanzgeschichte nicht ihresgleichen hatte. Während der Entwertungs-Periode hatte sich ihr Wert in Papierkronen nicht in dom der Hausse in fremden Valuten entsprechenden Verhältnis gesteigert, selbst wenn man von der Kapitalsverwässerung absicht. Diese Verzögerung wurde im Fahre 1923 Mgeholt. I:: drei Wochen haben die Effekten ihren Wert in stabilisierten Kronen, also in GM, verzehnfacht. Der ganze Wiener Markt machte eine erstaunliche Hausse'durch, die durchschnittlich 500 Prozent betrug. Der allgemeine Index der» Börsenpapiere ist von 600 im September 1022 auf 700 im März und auf 2500 im Juli gestiegen. Darauserklärt es sich, daß die automatisch sich ergebende Passung der Privatvermögen es gestattet hat, die wivtschalMche Krise zu überstehen und den Eingang der Steuern gesichert hat. Stabilisierung und Börfenhausse haben die AüfmerDscmÄölt des fremden Kapitals aus sich gezogen. Die in österreichischen privaten Unternehmen investierten ausländischen Gelder sind besonders seit den letzten sechs Monaten ganz beträchtliche. Die Stabilisierung der Krone gab W i em seine große Rolle in der Finanzwelt und seine Stellung als Vermittlerin des internationalen Handels zurück. Wenn Oesterreich lebensfähig sei, so sei "Ä dies in Wahrheit dank der - - , Stellung Wiens als Handels- und Bankzentruw allerersten Ranges. Zur Wiederaufnahme des Exportes und zur Belebung. der Produktion seien Mit einer Anzahl von Ländern Wirtschaft^ abkommen geschlossen worden, die Mar noch nicht den ge-- wünschten Umfang haben, doch könne man diesbezüglich auf die Zukunft Höffen. Aus allem sei zu schließen, daß Oesterreich! sich auf dom Wege der Gesundung befinde, der nicht ohne Opfer' betreten werden konnte. In dem Niaße, als sich die neutz Lage befestige, werde sich die politische Psychologie' allmählich umformen. Biele sich an das Wiederrufbauwerk knüpfende Fragen, die in diesem Augenblick noch Gegend stand heftiger Kontroversen bilden, werden in naher Zeit leidenschaftsloser betrachtet werden und' in wenigen Jahren w>erde das neue Oesterreich ein Land werden, dessen Bürger um so stolzer sein können, als sie mit -eigener Kraft mitgeholfen haben, es aus einer der schlimmsten Krisen, die die Geschichte kennt, zu befreien, Lee Völkerbund Aber die österreichische Sanierung. In der Dicnstagsitzung der Völkerbundversammlu-NG kam das Problem des Wiederaufbaues Oestrr^ re ich s und die Berichterstattung hierüber zur Sprache.! Bundesrat Ador als Berichterstatter eMärte, daß -dev Völkerbund hier eine praktische Lösung gefunden habe,; die zur Sicherung des Weltfriedens und zun: Wähle einer, arbeitsamen Bevölkerung von sechseinhalb Millionen Mensches 'beigetragen habe. Die Ursache alles Unheils in Oesterreich! bemerkte Ador, war das Fehlen eines wirtschaftlichen.Gleich-! gewichtes. Die gairze These des Genfer Programms für den! Wiederaufbau Oesterreichs -beruhte auf der Idee, daß -die! Wiederherstellung, gesunder Sta-atss'iuauzen und die Ein-! sührung eines gesunden Geldes die Atmosphäre schaffew könnten, in welcher sich die Grundlagen der Privat- und Volkswirtschaft wieder entwickeln könnten. Am Schluß seiner. Ausführungen legte Ador der VAkcrbundversammlnng die bereits bekannten Resolutionen vor, in denen im wesentlichen mit Befriedigung der Erfolg der Wiederaufbauarbeitl in Oesterreich fcstgestM und der österreichischen Regierung die! Anerkennung für ihre Haltung ausgedrückt wird. Im besonderen wird auch dem Generakkommissär Dr. Zimmer manfür die Konsequenz, die Unparteilichkeit und die Hiugewrug, mit der er sich dem großen Werk widmete, gedankt. ' 'Den Ausführungen Adors schloß sich eine Rede des österreichlschen Vertreters Meusdorfs an, der im Namen, der österreichischen Delegation den Gefühlen des Dankes für den Völkerbund Ausdruck gab. Genf, 12. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) In der heutigen Vollversammlung des Völkerbundes wurde die DiskuWon! über den Bericht betreffend den Wiederaufbau Oesterreichs zu! Ende geführt. Es beteiligten sich an der Aussprache namentlich! Straßburger (Polen), Harro tau x (Frankreich), Lord' Robert Ce eil (England), Senator Seraloja (Italien)) Graf Gimeno (Spaniens und Abramovie <Jugo-' slawier:), welche alle überaus anerkennende Worte sowohl für, das Werk des.Völkerbundes als auch für die Haltung des' österreichischen Volkes und der österreichischen R-egievungfanden. * II., Taborstraße 4& Telephon 47-1-79 En detail ■~v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.