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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-11 · Heft 1645 (11.9.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1645 (11.9.1923)
Date
1923-09-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sk. 1646 Men, Die-nttag Wiener Morgenzeitung 11. September 1988 Sekte 8 etilen ihren Lesern, cMitarbeitern u. Freunden wünscht nana nöTini na-ria Die Redaktion der „1Wiener Morgenzeitung" , Tagesbericht. Zar angekündigte Erdbeben. Eine geschichtliche Reminiszenz. Diego P i r e s, der 1501 als Christ von marranischen Eltern geboren wurde und 1532 als Märtyrer den Scheiterhaufen bestieg, den die Inquisition für Abtrünnige bereit hielt, gehört zu den geheimnisvollsten Gestalten der jüdischen Geschichte. Kein Wunder, daß sich die Sage, sein Leben und Sterben phantastisch ausschmückend, des Mannes bemächtigte, von dem selbst die kritischesten Historiker beglaubigte Tatsachen berichten müssen, die an «das Shakespearische Wort erinnern: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Diego Pires hatte schon als schöner Jüngling von vornehmer Erscheinung in Portugal eine bedeutende amtliche Stellung erlangt, die ihn selbst dem königlichen Hofe nahe brachte, als das Erscheinen des merkwürdigen messianischen Schwärmers David R e u b e n i, mit den er in Verbindung trat, ihn aus seinem behaglichen Leben aufscheuchte und ihn mit dem leidenschaftlichen Drange erfüllte, sich auch offen zum Glauben seiner Ahnen zu bekennen. Er zauderte nicht, sich auch durch das Bundeszeichen an seinem Leibe zu den Juden zu gesellen und da dadurch sein Leben im Lande der Inquisition gefährdet war, flüchtete er nach der Türkei, wo er unter dem Namen Salomo M o l ch o auftrat. Sowohl durch den Zauber seiner Persönlichkeit wie durch seine glühende Beredsamkeit, die aus kabbalistischer Mystik ihre größten Wirkungen zog, erregte Molcho alsbald allgemeines Aufsehen und fand zahllose begeisterte Verehrer. Es ist hier nicht der Platz, Salomo Molchos Leben in seinen Einzelheiten zu schildern. Wir finden ihn bald darauf in Ancona, wo seine Predigten selbst Geistliche und vornehme Christen zum Besuche der Synagoge verlockten. Nicht lange blieb er in Ancona. In einem Traumgesichte vernahm er den Auftrag, nach Rom zu gehen, um dort feine messianischen Hoffnungen auf nahe Erlösung des jüdischen Volkes zu verkünden. Es ist nicht klargestellt, auf welche Weise es Salomo Molcho zuwege brachte, den Eintritt in den Palast des P a p st e s Clemens des Siebenten, ja selbst das Wohlwollen des Papstes und einiger mächtiger Kardinale zu gewinnen, aber es ist eine feststehende Tatsache, daß ihm dies gelang, und er in der Hauptsynagoge von Rom, dank dem schützenden Freibriefe des Papstes, allsabbatlich vor begeisterten Zuhörern predigen durfte. In Rom war es auch, wo Salomo Molcho in einem Traumgesichte das Nahen zweier furchtbarer Ereignisse erblickte: Das verwüstende Erhbeben in Lissabon und eine verheerende Ueberschwemmung in Rom. Molcho war so fest von der Wahrheit seiner Traum gesichte überzeugt, daß er nicht säumte, dem Papste die Ueberschwemmung anzukündigen, vor der sich Molcho durch eine Fahrt nach Venedig rettete. Dem portugiesischen Gesandten in Rom, Bras Neto, aber machte Salomo Molcho die Mitteilung von dem bevorstehenden, Lissabon bedrohenden Erdbebe n, mit der Bitte, er möge den König davon verständigen, daknit dieser seine Vorbereitungen treffen könne. Merkwürdigerweise trafen beide Ereignisse ein. Rom wurde im Oktober 1530 von einer Ueberschwemmung heimgesucht, die die Stadt in einem reißenden See verwandelte, dem auch viele Menschenleben zum Opfer fielen. In Portugal erzitterte im Jänner 1531 — wie Grätz in seinem Geschichtswerke auf Grund der Mitteilungen zeitgenössischer portugiesischer Chronikschreiber schreibt — die Erde dreimal und in Lissabon stürzten viele Häuser ein, deren Bewohner unter sich begrabend. Das Ansehen Molchos beim Papste Clemens den Siebenten war nach der Ueberschwemmung noch gestiegen, er erwies ihm die höchsten Ehren, und es wird berichtet, «daß Molcho es nur dem Papste zu danken hatte, daß er nicht schon in Rom den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitt. Das Jnquisitionstrib u n a l, das durch Molchos Feinde in die Lage versetzt war, den Beweis zu erbringen, daß Molcho ein abtrünniger Christ sei, hatte sein Todesurteil beschlossen und der Papst mußte unter diesen Umständen wenigstens zum Scheine seine Zustimmung erteilen. Der Scheiterhaufen war angezündet, eine ungeheure Volksmenge war versammelt, um dem Autodafe beizuwohnen' und der Verurteilte wurde ins Feuev geworfen. Als aber ein Richter vor dem Papste erschien, um ihm mitzuteilen, der Glaubensakt sei vollzogen worden, begegnete ihm zu seiner grenzenlosen Ueberraschung in den Zimmern des Papstes — Salomo _ MODELLHAUS Julius Krupnik VII., Kaiserstrasse 111—115 VORNEHME KLEIDER KOSTÜME MXNTEL P E LZ E 332 Wegen Umbau und Raummangels nur noch kurze Zelt nlywiederkehrend billige Preise! Molcho. Der Papst soll nämlich veranlaßt haben, daß, um Molcho zu retten, ein Verbrecher, der sich des Todes schuldig gemacht hatte, für ihn untergeschoben wurde. Aber Salomo Molcho sollte dem, allerdings von ihm mehr begehrten als gefürchteten Schicksale, als Märtyrer seines Glaubens zu sterben, nicht entgehen. Molcho fühlte, daß für ihn trotz des päpstlichen Schutzes nach diesem Autodafe kein Platz mehr in Rom sei und er erbat sich von dem Papst seinen Abschied. Ein kühner, aber unbesonnener Gedanke von ihm war es, an Kaiser Karl, der in Regensburg bei der Tagung des Reichstages weilte, heranzutreten, wohl in der Absicht, Schutz für die verfolgten Marranen zu erbitten. Der Kaiser ließ ihn als Ketzer und Abtrünnigen festnehmen und führte ihn in Fesseln mit nach Mantua, wo er ihn vor ein Glaubensgericht stellte, das ihn zum Feuertode verurteilte. Mit einem Knebel im Munde wurde Molcho zum Scheiterhaufen geschleppt. Man fürchtete seine zündende Beredsamkeit. Als die Henkersknechte im Begriffe standen, ihn in den Brand zu schleudern, traf ein Bote des Kaisers ein, der Molcho für .den Fall, daß er reuig in den Schoß der Kirche zurückkehre, die Freiheit ankündigte. Man nahm Molcho den Knebel aus dem Munde und da sagte er, er bereue nur eines, daß er in seiner Kindheitnicht als Jude gelebt habe. Er verhauchte seine Seele in den Feuergluten. N. N. Sie Jude« von Koch». Von Klothilde Benedikt. Ms ich vor einigen Jahrzehnten mit einem einheimischen italienischen Führer im Hasen von Korfu spazieren ging, siel mir ein stattlicher Marmor-Spätvenaissancepalast aus, in dessen Portal sin Portier in albanischer Tracht lungerte. Auf meine Frage antwortete der Führer auf Italienisch: ,Das ist das erzbischöfliche Palais Sr. Exzellenz des Herrn Judntbischoss." Das war zu viel für jemanden, der aus dem Wien Luegers kam und unwillkürlich errötete ich vor Freude. Der Cicerone erzählte mir, daß der gegenwärtige Bischof ein glänzender Redner fei, der abwechselnd an einem Freitag griechisch, au einem anderen Tage italienisch predige, daß er we>gen feiner Wohltätigkeit aus der ganzen Insel verehrt werde, daß er sich vergeblich bemiche, Kindergärten für die meist griechische Fischer¬ und SchilffevbeivöKerung zu schaffen, weil die arnre Korfiotiu, deren Wesen noch bedenklich an den Harem des Orients erinnere, ihre Kleinen nicht vom Hause weggeben wolle. Ich ivar, ohne es zu wissen, in das heute nur mehr freiwillige Ghetto der Phäakenstadt geraten, ein übrigens gut gelegenes und ziemlich reinliches Viertel der sehr schlecht gebauten Stadt; die Lebhaftigkeit der Einwohner konnte um im Süden nicht auffaven und anthropologisch merkte ich keinen Unterschied; ihr Italienisch und, wie mir versichert wurde, auch ihr Griechisch ist nicht schlecht, was auf die jüdischen Gemeindcschulen Ainückzuführen sei. .Ich ließ mich von meinem Cicerone in die griechische Synagoge führen, die ans mich einen großen Eindruck inachte; Silber, konnte mir der Scharms, der fließend italienisch sprach, kunsthistorisch nicht viel erklären, er ließ mich als weibliches Wesen auch nicht ins Schiff oder zur Kanzel, die mir, ganz eigentümlich mit Tier- und Pflanzenschnitzereien überreich geschmückt, wie ein Ueberblieibsel einer christlichen Kirche voükam; der Schames sagte mir übrigens, auch die zwei anderen italienischen Tempel hätten besonders schöne Kanzeln. Ich konnte lvegen des oindrechenden Passahfsstes mich nicht länger im Ghetto aufhalten, sah aber noch stolz den ,^Judenbischof", über dessen relative JugerMichkeit ich staunte, mit einem katvasfenartrgen Tempeldiener, der einigermaßen an einen römischen Lektor erinnerte, und in einer Tracht zum Tempel schreiten, die ganz an die eines griechischen Bischofs gemahnte. Es war dies der heutige Oberrabiner von Mailand, Allessandro da Fano, der auch als Lehrer des gegenwärtigen Papstes -begannt geworden ist. Zwei Jahre nach meiner Anwesenheit in Korfu brach am Karfreitag eine häßliche Ritualmordhetze ans omfo es kam zu Exzessen wegen -der griechisch-albanischen Bauern- und Fischerbwölkerung, in ldevon Folge zahlreiche Juden von Kovfu auswanderten. Seitdem haben sich die zwei Genwinden, die griechische und italienische, die schon lange einen Oberrabiner, einen Präsidenten, eine Schule, gemeinsame Wohltätigkeitsanstalten, nur getrennte ChewraS und 'getrennte Frwdhöß hatten, noch enger aneinandergeschlossen. Wenn irgendwo aus der Welt, so waren in Korfu dn Inden Träger der geistigen und materiellen Kultur; so wurde, wie es heißt, der ältere griechische Teil der Gemeinde Theben in Böotien von König Roger von Sizilien hierher verpflanzt, damit die damals ihm gehörige Insel die Seide u'mdustrie im Adriatischen Meere zur Blüte bringe. Die 'italicnisch-sephardische Kolonisierung erfolgte erst vier Jahrhunderte später, und zwar nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Die Svphardini haben sich hier aber stark italienisiert und sie waren von jeher das Element, auf das Venedig sich auf den Jonischen Jnselv am meisten verlassen konnte. Viele Jahrhunderte hindurch Hw Venedig diesen korsiotischen Juden eine besondere Stellung gewährt; niemals wurden sie ausgewiesen, die mit Judenstencrn belegt wie im Mutterlande. Der ganze Handel mit Venedig lag in ihren Händen; ja, noch mehr, Korfu ist das einzige Land gewesen, wo neben dem jüdischen Arzt der jüdische Advokat seines Amtes waltete/ vermutlich, weil die einheimische Bcvöllerung, die geistig recht rückständig war, nicht genügend Ad« vokaten für die verwickelten Kolonialverhältnisse liefern konnte Ein Drittel der Advokaten Korfus ungefähr, die ausnahmsweise in Padua studieren durften, waren im 17. und 18. Jahrhundert Juden, während sie nur ein Achtel der Bevölkerung ausmachten. Die Juden haben dafür Venedig in den Türkengesahrev treueste Anhänglichkeit bewiesen; dafür bringt bas Archiv der korsiotischen Judengemeinde drei stolze Dokumente: das Dankschreiben des letzten großen Condottiere, des Deutschen Schilen bürg, dessen Verteidigung Korfus durch ein Denkmal in Venedig verherrlicht ist; ein ähnliches Dankschreiben seines griechischen Unterfeldherrn und eine Art von Adelspatent des damaligen Gouverneurs, eines Loredano, an den Juden Mordechai Mord», der die Verteidigung nicht nur finanziert hat, wie die Wertheimer und Oppenheimer die Türkenkriege des Prinzen Eugen, sondern „ein Wunder der Tapferkeit verrichtet habe". Die-Befreiung von der türkischen Belagerung wird noch heute im August durch ein eigenes Tiirken-- purim von den Juden gefeiert. : Schwedenfahrt. * (Von unserem SpeziaNorrespondenten.) Flucht aus Deutschland. Wenn am Stralsunder Kanal der Sprühwind vom Meere zum ersten Male durch die Waggonfenfter streicht, atmet man erleichtert aus. Noch eine kurze Strecke und mit Deutschland Küste liegt dann all der Jammer der letzten Wochen hinter uns, Währungsnot, Papiergeldflnt, EntwertUlNgsrechenDünfte. Quer durch Rügen läuft der Zug irr die Dämmerung und da er vor der blanken, Weißen Schwe-- Ücnfahve hält, späht man in die nächtliche Ferne nach dem seligen Drüben, wie die Bewohner von Schmachsund nach der paradiesischen Heiterbucht in St-vindbergs Trauimspiel. Am frühen Morgen dann ist das Märchen wahr geworden. Das Lotsenschiff von Trälleborg schaukelt und tanzt vor dem Bug der Dampfer und man sieht das neue Land, dessen Flachküste sich weit in die schäumende Meeresfrische dehnt, mit einigen Blicken zu fassen. Diese Heiterbücht präsentiert sich als stille Kleinstadt mit Fabriken, Lagerhäusern, Rampen in sauberer Schläfrigkeit. Bald klimpert schwedisches Srlbergeld in den Taschen und damit hat, man die große Umwandlung vollzogen. Man ist Vorkrieg s m e u s ch geworden. Ein Silbe vstück, mit zwei Fingern erfaßt, reicht hin, um sich eine lukullische Mahlzeit zu verschaffen. Wie einfach ist d'as Leben in dem glücklichen Lande, nur durch einen schmalen Meeresstreisen getrennt von der Hülle Schinachsund! Göteborg. Die Hafenstadt an der Westküste war einen Sommer lang WeltvttrcEtion. Zn ihrem Gründungstzubiläum errichtete Gefamtschweden eine gewaltige Schau, bei der Entwicklung und Blüte des Landes im historischen Werden und int Querschnitt durch den Gegenwartsbestand gezeigt wurde. Und im Zeitalter des Sports tat eine Olympiade noch ihr übriges, um die Besucher aller Länder nach Göteborg zu locken. Daß der Prozentsatz der ausländischen Gäste letzten Endes hinter den Erwartungen zurückblieb, kann bei der politischen und wirtschaftlichen Konstellation des Unglücksjahves 1033 nicht wundevrrchrnen. Aber auch so blieb die Besucherzahl nnpouierend, und wer die Menschrnmassen sah, die an schonen Menden den Hanptplatz der Ausstellung überfluteten, konnte sich eine Steigerung kaum vorstellen. Das architektonische Problem der Bauten war ganz in modernem Sinne gelöst Große, ruhige Flächen, zuweilen durch SmvleiWrdnungeir gegliedert, mit einer fast ängstlichen Scheu vor Fenstevöffnunigen. Eine bizarre Ornamentik, die stark an Wiener Einflüsse erinnert, äußerte sich in Bemalung und blldhcmerischer Belebung der groß dimensionierten Bauten, die einen bewußten Gegensatz zur sonst allzu beliebten! schwedischen Renaissance aufstell ton. Des Abends warfen dann die ungeheuven Wände das Licht zurück, das sie von verdeckt angebrachten Scheinwerfern empfingen, und im Verein mit den leuchtenden, hohen Pylonen im Zentrum der Ausstellung, mit blau-gelben Fahnen und Lichtgirlanden. gab «das ein festlich stimmendes, traumhaft schönes Bild. Die Räume selbst, aufs geschmackvollste farbig abgeftimmt, hatten Luft, Licht, Raum für alles — ein Spiegelbild des weitläufigen Landes. Forstwirtschaft und Eisenindustrie nahmen naturgemäß die erste Stelle ein. Die Landwirtschaft hatte ihre eigene Ausstellung, Automobil und FluMug desgleichen. Dann gab es eine »Reiche Auswahl neuester l^eizmodelle In simü. Pelzarten - Pariser u.Wlener Geschmack vereint — erzeugt nur In eigenen Werkstätten, unter pers, ■ Leitung des bestrenommierten Inhabers der Firma Zur Saison Haus Pipersherz, Ml ErJetag.Z-B ..

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