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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-11 · Heft 1645 (11.9.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1645 (11.9.1923)
Date
1923-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wr. IM- Wen, Di-mstag Wiener: Morgenzeitung. 11. Sopteinber 1923 Leite 8 Luxusr« Yovulären Preisen IIn TABORSTMASSE 17 ksdellvorlage ohne Kaufzwang mr-ng des Antrages Sandor. Bei der Rede des Ministers applaudierten auch die Nassenschützler. Ms cs jedoch zur Mstimmrmg kam und di-efe bereits im Gärige war, stimmten diese-kben Nassenschützler, mn die DtöMchkert eines Sturzes des Kabinetts Bechlens anszuuützen, für den Antrag Sandors. In diesem ArrgenMck lag das Schicksal der Bethlen- Regierung völlig in der Hand Sarrdors. Ms er jedoch sah, daß die Rechtsradikalen ihn als WerHeng für einen Sturz der Regierung benützen wollen, gerade während der Ministerpräsident im Mtsland nur eine Anleihe für Ungarn bemüht ist, zog er mitten in dem Abstinrnumgsverfahren seiner: Antrag zurück. Wir wollen hier nicht darüber rechten, ob die Geschäftsordnung der ungarischen Nationalversammlung eine solche Zurückziehung eines Antrages während der Mstimmung zuläßt oder nicht. Jedenfalls war es ein recht dramatischer Moment, als der Jude Paul Sandor, der naturgemäß der gegenwärtigen Regiermrg die stärkste Opposition entgegengesetzt, der es bisher verstanden hat, diesen: christlichen Kurs nachzuweisen, daß er unwirtschaftlich, p a n a m i st i s ch n n d st a a t s f e i u d l i ch ist, plötzlich in die Lage kam, diese Regierung zu stürzen — was ihm übrigens auch sein jiidisches Gefühl diktieren muß — und ans patriotischen Griinden sich im letzten Augenblick gezwungen sah, diese judenfeindliche Regierung diesmal zu pardonieren und die günstige Gelegenheit unausgeuützt zu lassen. Allerdings hatte Sandor recht, als er nachträglich erklärte, daß er, wenn er die Wahl habe, dieser Regierung, die sich ohnedies im Stadium des Abwirtschaftens befinde, die Lebensfrist zu verlängern oder die Erzfeinde des Judentums und der friedlichen Entwicklung Ungarns, die Rassenschützler, als Weggeiwssen bei dieser Exekution zu haben, schon aus Reinlichkeitsgcsühl sich für das erstere entscheiden müsse. Paul Sandor wird für diesen Großmut wenig Dcnck ernten und auch den Juden wird dieser Pardon wenig nützen. Me Rassenschützler werden nur ihre antisemitische Politik m« so wütender fortsetzen. Das ist die schwere Tragik der Assimilation, die in Paul Sandor geradezu klassisch verkörpert ist. Re Lage in Balöftim. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Die Regierung veröffentlicht das Resultat offizieller Erhebunge n über >den gegenwärtigen Stand des Handels- Verkehres in Jaffa, Tel-Awiw und Jerrffalen:. (Siehe in un-seren: BoKswüct vom 4. d.) Die Sittvation ist: Stillstand oib*er sehr wenig Bewegung. Eine Anzähl von Kanft leuten verkauft ohive Gewinn, nur mn einen Uucsatz hevbeizuführe-n. Die Bautätigkeit ist infolge des Mangels an Kredit ziemlich ins Stocken geraten. Die Banken haben S< vansgebracht, daß die Festlegung von Kapitalien im Bmvgeiwerbe dem gewöhnlichen Handel Abbruch tue und schräwkvn daher ihre Kredite ein. Die Arbeiterorganisation macht ihrerseits die größten Anstreibgrmgen, um .Hausbesitzern und solchen, die es werden wollen, Kredite zu verschaffen, damit Häuser gebaut, beziehumgsüverse vollendet werben — nur um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. In Jerusalem schweben Verhandlungen ' wegen Errichtung von 5 0 Häusern in Ratisbonne und Bet Keren: (Bone Bv'jrt). Sollten die Verhandlungen zu einem günstigen Abschluß kommen so erhofft man eilte Belebung der gewerblichen Tätigkeit in TffchLeroren, Ziegeleien und eine günstige Beeinflussung des kleinen Marktes. Baumaterialien werden noch immer in ziemlich hohem Maße eingeführt. Rege Tätigkeit herrscht auf dem Getreidemarkte. Große Alengen von Weizen werden aus Kamelen ans dem Qstjordanlande eingeführt, in Jerusalem kamen im letzten Monat allwöchentlich Karawanen von durchschnittlich hundert Kamelen mit Getreide von dort an. Zum ersten Male erscheint auf dom Getreidemarlte das Mehl aus den großen Mühlen, welche die Jka in Haifa aufgesührt 'hat (Grands Moulins de Palestina). Das Haifaer Mehl zusan:n:en n:it dem aus Syrien 'Uywrtierten Mehl konkurriert mit den: australischen Mehr. Bisher sind 8800 Tonnen Mehl jährlich aus dc-ni Anslande eingvsührt worden und die Konsumenten freuen sich in der Erwartung, daß die Konkurrenz des einheimischen mit dem eingeführden Mehl ein Sinken der Preise zur Folge haben wird. Seit Jänner 1922 gehen die L e b e n s m i t t e lpreise tatsächlich dauernd zurück. Die Regierung veröffenilicht hierüber genaue Daten, denen mair entnehmen kann: Setzt man die Indexzahl für Jänner 1922 als Grundlage mit 100 Prozent an, so betrugen die Lebensmittelpreist im März 1923 79,7 Prozent, April 78,2, Mai 77,5, Juni 74,1, Juli 72,6. Man sicht das stetige Fallen der Preise. Infolge des günstigsn Fortschreckens der amerikanischen Aktion für eine Stadtanleihe für Tel- Awiw hofft die Stadtgemeinde uumnehr ihre Pläne für eck: modernes Wassershstem durchführen zu können. Es soll noch im Herbste mit der Neuanlage der Kanalisierung begonnen werden, für welche die Stadtgomsinde Für Herbst u.Winter Orig, franz. HEIN J) OLL- TELOUh . K 00.000 Orig. engl. DOUBLE, ISO cm breit . . K US.000 Orig. engl. MODE-ANZUG ., . . K 05.000 Vvl/TUCHHAUS zur. <d^TTABO R Filiale: 1. A d l e r g a s s e 5 62t . 40.000 Pfund ausgcbcn will. Die elektrische £ I e u ch tung nach den Plänen vm, Rurenbecg ist z r1! .111 Teil schon dnrchgeführt, die Leitungen vou der Kraftstanon Tel-Awiw aus sind für die StraßeNdelei-chluns von Tel-Awiw gelegt und eine Anzahl von gcerblicher Unternehmungen erhalten Stronc. Auch fiir die stustallation von Leitungen in Privathäuser von Tel-Awiiv und Jaffa werden Vorbereitungen getroffen. Trotz all dem laste: noch immer der T r u ck d e r A rb e: t s l o s: g k e i t schwer auf den, Lande und sein» Folge ist die unaufhörliche A u s wa n d e r u n g aus Palästina. Der Keren Hasessod müßte jetz:, uachdeni de: Zionistenkongrcß die politische Spannung der letzten Monate gelöst ha:, sofort während der ersten Herbstmonate mit einer energischen Mion beginnen, bamit .öglichst schnell Gelder ins Land kommen und wir von i>.. ■ .‘Up de: Arbeitslosigkeit und der trotz aller Dementi - . den Auswanderung befreit werden. Sesterrelch. Die Wahlbswegung. Der Vorstand der bürgerlich-demokratischen Arbeilspartü hat den Beschluß gefaßt, an die Spitze der Berbaudsliste für den W a h l k r e i s v e r b a n d Wien den Abgeordneten Czernin zu setzen. Als Führer und Präsident der Partei wird Abgeordneter Czernin die Leitung der gesamten Wahlkampagne in seiner Hand zu vereinigen haben und als führender Kandidat der Verbandsliste der erste Repräsentant der Partei fiir alle Wahlbezirke Wiens sein. Ta nicht mitgeteilt wird, daß Czernin in seinem bisherigen Wahlbezirk (Wien 1) als Kandidat aufgestellt wird, ist anzunehmen, daß die bürgerliche Arbeitspartei ini erjteu Wiener Wahlkreis einen neuen 9 i st e n f n h r e r der Wählerschaft präsentieren und Herrn C z e r n i n mit einen: mehr als unsicheren Reststimmenmalldat int Wählkreisverband absindeil will. In Steiermark ist die b ü rgerliche C! n heit sfront in die Brüche gegangen, da die Bauernpartei daraus bestand, daß der den Grazer Christlichsozialen mißliebige Hausherrenführer P i st o r in die Einheitsliste als afcfi m Sommer — II., TafcorstraSe 48 mn AA UH MH i-vivflkon 47-1-7N ■ " I IBP Engros En detail Besuch in Siseustadt. „Bis die Sonne voll über der Gasse leuchtet und ^ber dem erweckten Friedhof, bis der Berghang wieder übergrünt ist und der See blau schimmert, muß ich ihn sehen, den winzigen, getreuen, ach, so glücklichen Bezirk, bestehend aus 31 in Ehren gealterten eng gescharten Judenhäusern und aus einem überaus lebendigen Friedhof." So nahm ich mir in einer rauhen Winternacht vor, als ich über das gelehrte Buch Wachsteins und Wolfs vom Effenstädter Judenfriedhof schrieb, das mir, dem armseligen Laien, ein teueres Lesebuch wurde. Zwei Sommer verstrichen ungenützt und nun ist mir nach lauer Regennacht dieser goldene Herbsttag in Eisenstadt beschieden. Hier auf dem Hügel, am freien Platz, vor dem mächtigen, heiteren Schloß der Fürsten Esterhazy ist der Eingang zur Judenstadt? Kann: glaubwürdig. Sonst pflegt das Judenviertel der Städte tief zu liegen, in dumpfe, feuchte Enge verbannt. Aber da stehen schon die uralten steinernen Pfeiler mit den schweren Ketten, die noch heute vor Sabbateingang geschlossen werden, das Wahrzeichen der jüdischen Geineinde Eisenstadt. Hell wie das Fürstenschloß, das sie Jahrhunderte schlitzte, sind die bescheidenen Judenhäuser gehalten, schwarz schneidet sich das Gezack der Dächer und Giebel und winzigen Vorbauten wie scharfe Falten m das freundliche Greisenantlitz des Gäßchens, das plötzlich fast rechtwinklig abbiegt. Just an der Winkelkehle ladet ein gar drolliges Haus, ein System ineinander gescl)achtelter Häuschen mit Freitreppen und Geländer zum Stillstehen ei« und man überblickt, vergnüglich »ach beiden Richtungen lugend, die eng versammelten 31 Häuser des Eisenstcckter Ghetto. Sie schaut auf sich, die alte Judengenreinde, ist sorglich herausstaffiert, mutet an wie ein verhutzeltes Weiblein, das kein Stäubchen duldet auf idem sorglich geflickten alten Sabbatkleid und kein Körnchen Ruß auf der Haubenkrarffe, und mit jugendlichen Augen zur Schul geht. Hier und dort ein Blick in die Sticke, in die früdkichen Höfe, dankbares Verweilen beim Blumenschmuck der Fenster, beim alter: Brunnen — und schon ■M matt beim LMar veüerr dem „Hekdesch" cmMaM, das zum köstlichen Schatz von Eisenstadt führt, zum Friedhof. Ein freundlicher Pförtner öffnet, eine große Schar von Kindern hat sich ihn: zu gesellt und spritzt vor, springlebendig ausschwärmend über diesen „guten -Ort", der durchaus heiter und einladend die letzte Ruhe der Eisenstädter Ahnen bewacht und über gar enge, niedrige Mauern weites Hügelland, reichbeladene Weinstöcke und einen strahlenden Himmel auf die verwitterten Steine blicken läßt, die so brüderlich eng gesellt sind, wie die Häuschen der Judenstadt. Ich habe schor: vor Jahren aus dem erwähnten Buche' Beziehung zu diesem und jenen Grabe gewonnen nnd suche die Verehrtesten Abgeschiedenen aus. Vor allem den umgitterten Rasen, der die Gebeine des rühmlichsten Eisenstädters, Rabbi Meir B. Jsak birgt. Wie heiliges Orgelbrausen klingt der Wunsch auf seinem Grabmal, die karge Inschrift auf diesem kleinsten Steine des Friedhofs: „Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens" ... Den Toten suche ich dann auf, der aus Jeruscholaim nach Effenstadt kam und dem allein ein steinern Gezelt („Ohel") liber dem Grabhügel errichtet wurde. Natürlich lasse ich mich zi:m Grabe der Frumet Wolf führen, deren Testament ich oftnrals las. Ich will die Worte, mit denen das umfangreiche Schriftstück schließt, hierher setzen, auf daß man den Geist der Eisenstädter und ihrer großen Menschen erkenne: „Zum Abschiäe sollte ich Euch, meine lieben Kin- ,der, Lehren imb Lebensregeln hinterlassen. Da Ihr aber alle erwachsen seyd, so kann ich Euch keine solche geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt, ich werde mich daher auf einige, zwar allgeineine, aber wichtige Lehren beschränken: Vornehmlich verinahne Euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne kvelche Ihr weder ganz Mcklich auf Erden, noch jenseits Ruhe und Belohnung finden lverdet; seyd mit Eurem Geschick und mit dem, was Ihr habt zufrieden und richtet E::re Bedürfnfffe nach Eurem Einkommen ein, seyd friedferttg gegen Jederniann ruck unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familienzwist keinen Zugang zu Euch finden. Seyd' vielmehr einig und unterstützt Euch gegenseitig mit Rach und That. Ihr müßt Euch näher und fester aneinanderschließen. Ihr habt es nöthig und werdet es mehr als jemahls nöthig haben, wenn der für Euch mehr als für mich traurige QfiÜ atfth&L oft» Eu.xer Mitte Euch entrissen wird und so — gleichsam der Mittelpunkt — seinem Kreis erttschwindet. Lebet Wohl und empfanget hiermit den Segen Eurer bis in den Todt treue,: Mutter Fanny Wolfs. — Effenstadt am 8. September 1830." Auf dem Grabstein ist zu lest::: „Bor diesem Steine vereinigen sich Arme und Dürftige zu einem Klagelied ..." Noch ein anderes Frauengrab, bei den: ich gerne geweilt hätte, konnte ich nicht finden. Ich meine jenes, das die Inschrift trägt: „Eine anmutige Frau, bei der Schönheit und Lieblichkeit sich nnt einem edlen Herzen vereinigte. Betrübten Gemütes, bedrängt von der Zeit kehrte sie, noch eine junge zarte Lilie, in das väterliche Haus zurück, erkrankte und ertrug nnt Geduld dasühr auferlegte Leid. Und als die Zeit für die junge Taube herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinarff ..." Eine Lebenstragödie berichtet diese hebräische Grabnffchrfft. Man mag aus der Ergriffenheit der Sprache und aus ihrer Poesie auf das Gemüt und die Kultur >der Effenstädter Zeitgenossen schließen. Hell zwiffchern die Vögel, heller die gesunden Kehlen der Effenstädter Buben, dieweil wir bei: „guten Ort" verlassen. * Ein nicht minder guter Ort ladet uns zun: Eintritt. Die alte Synagoge mit dem breit ausladenden Kronleuchter, reichgeschnitzt und mit vergoldeten Holzornamenten überrankt, weit verzweigt wie der Ba:nn des Lebens. Wenn dieses Prunkstück die Blicke entläßt, weiden sie auf den herrlichen Feiertagskleidungen der Bundeslade, aus Urväternnd Bäterzcilen stammend, in verhängter Dlanernffche aufbewahrt. Stücke von vornehmstem Geschnmck, von erlesener Pracht der Gewebe mck Farben sind hier aufgehäuft, die allmählich gesammelte Feiertagsgarderobe der heiligen Lade. Nackt und schlicht der Gottesacker^ keine Grüfte, keine Kränze,'keine Lampen — aber überreich, strotzend von Gold und edelster Bunfftickerei die Gewänder der Thora. Dann führt uns der verantwortungsvolle Hilter des Hauses, der Vorsteher der Geineinde Eisenstadl, zu einen: dunkle:: Verließ. Kerzenlicht flackert-auf nick aus vielfach gesicherter Truhe holt er mit liebender Hand die Schatze Mt-Eisenftadts hervor: Weihegaben der Fromnien, silberne und goldene Kiduschbeck)er in allen Stilarten und vou Fahrten in weit entfernte Länder für Me PateOcckt «ißaMM, MkGMtee üfcw

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