Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1643 (8.9.1923)
- Date
- 1923-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ne. 1643 Wiener Morgenzeiluntz. 3. September 1923 <Sstte S Wieu, ©crtÄtft Reklamationen gegen die Wählerlisten wegen der Aufnahme vermeintlich Nichtberechtigter oder wegen Nichtaufnahme vermeintlich Bevechtigter kann jeder Bundesbürger innerhalb der Frist, in der die Listen aufliegen, mündlich oder schriftlich bei den Ansiegnngsstellen einbringen. Präsident Seitz - Waldemokratischer Bürger- Meisterkandidat. Wie wir erfahren, wurde der Vorschlag der sozialvemokratischen Parteileitung, an Stelle des zurück- Ivetenden Bürgermeisters Reunrann den Vizepräsidenten des Nationalrates Seitz als B ü r g e r in e i st e r von Wien zu kandidieren, von dem erweiterten Wiener Partei-Exekutivkomitee angenommen. Die Sozialdemokraten werden also, vorausgesetzt, das; sie bei den nächsten Wahlen in den Wiener Gemeinderat die Majorität erhalten, Seitz zum B ü r g e r m e i st e r wählen. An die Stelle des Präsidenten Seitz im Na-' lionalrat soll Abgeordneter E l d e r s ch treten. Riehls Abschied. Der nationalsozialistische Parteiobmann Doktor Riehl, dessen Mandatshoffnungen durch den Salzburger Beschluß der Hakenkreuzler, sich an den Nationalratswahlen nicht zu beteiligen, zunichte geworden sind, hat nunmehr die Konsequenzen gezogen und die Obmannstelle niedergelegt. In einer Zuschrift an die „Deutschösterreichische Tageszeitung" teilt er mit, daß ihn schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten mit dem in Salzburg gewählten Wahlausschuß zwingen, die O b m a n n st e l l e schweren Herzens niederzulegen. Den Vorsitz der zwischenstaatlichen Kanzlei der Nationalsozialisten übergibt er gleichzeitig dem Abgeordneten des Präge r Parlaments Ing. Jung. Die nationalsozialistische Parteileitung hat die Großdeutschen davon verständigt, daß der W a h l e n thaltungsbeschluß der Nationalsozialisten a u ch für d: e Wner GemeinderatsWahlen gilt. _ Ungarn. gilt WeizeugeWft der Regierung. Eine neue Korruptionsasfäre. Budapest, 7. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In der Nationalversammlung stellte Abgeordneter Paul S a n d o r den Antrag, die Nationalversammlung möge die Frage der Getreideausfuhr in die Schweiz auf die Tagesordnung setzen, da er Einzelheiten über den-Inhalt des vom Ernährungsminister geschlossenen Vertrages erfuhr, die aufgeklärt werden müßten. Die Regierung hat sich ver- Schuhe! MODELLHAUS Julius Krupnik VII., Kaiserstrasse Ul—US VORNEHME KLEIDER KOSTÜME MÄNTEL P E LZ E Wegen Umbau und Raummangels nur noch kurze Zeit nie wiederkelirend billige? re i s e! pflichtet, 7000 Waggons roten, das heißt, prima Weizen, zu liefern. Redner als Fach m a n n kann ruhigen Gewissens behaupten, daß diese Menge in Ungarn nicht aufgebracht tverden kann. Der abgemachte Preis ist sehr niedrig, zumal die Regierung den Weizen um 3 Franken pro Meterzentner billiger als zum Weltmarktpreis verkaufte. Die Differenz allein macht 11 Milliarden ungarische Kronen aus. Um diesen Betrag wurde das ungarische Wirtschaftsleben geschädigt. Der Minister behauptet, daß niemand eine Provision von dem Geschäft erhielt. Ich kann beweisen, daß die von der Schweizer Negierung ernannten Vermittler eine Provision von 1,5 Frank e n für den Meterzentner erhalten haben. Dies von jenen drei Franken. (Zwischenrufe: Namen nennen!) Gut, ich kann auch mit Namen dienen. Die Abgeordneten M a r s ch a l und H a v a d y, die Direktoren B i b o und L a n d a u e r. Ernährungsminister B u d erklärt, einen besseren Vertrag konnte man nicht abschließen, der Vertrag mußte geschlossen werden, denn der Export Ungarns in die Schweiz betrug im letzten Halbjahr insgesamt nur sechs W a g g o n M e h l. Die Frage wurde jedoch nicht auf die Tagesordnung gesetzt. kine Konserenz Bethlen-Benesch. Budapest, 7. September. Das Ung. Tol.-Korr.-Bureau verbreitet die folgende Nachricht aus Genf: Donnerstag vormittags hatten Ministerpräsident Graf Bethlen und Minister des Aeußern DarnVary mit dem Ischecho-slowcikischen Minister des" Aeußecn Dr. Benesch eine Zusammenkunft. Die Besprechung erstreckte sich auf alle zwischen den beiden Staaten schwebenden Fragen. Die Verhandlungen wurden im Geiste des Entgegenkommens geführt. Die erzielten Ergebnisse lasten hoffen, daß die Besprechung zn einer Lösung der zwischen beiden Ländern bisher schwebenden Schwierigkeiten führen tverde. Die Verhandlungen tverden m einigen Tagen wieder ausgenommen tverden. In - die Beratungen werden auch die mit der finanziellen Wiederaufrichtung Ungarns zusammenhängenden Fragen einbezogen werden. Intimer nur der Putschaffüre der Erwachenden. Aus Budapest wird uns berichtet: Die Affäre der Anwerbungen der Erwachenden Urrgarn für ein aufständisches Heer wird für die Bethlen-Regierung und fl'ir Horthy immer unheimlicher. Von Zeit zil Zeit schnellen die Erwachenden einige von den Giftpfeilen, die sie in ihrem Köcher verwahrt halten, ab. Vorläufig sind es imv Andeutungen und Drohungen, aber auch diese sind schon so eindeutig, daß es einem förmlich vor dem Abgrund graut, in den die ungarische Politik geraten ist. Die Presse des Pronay läßt durchblicken, daß sie Beweise dafür habe, daß Horthy und Bethlen anläßlich des letzten k a r l i st i s ch e n P u t s ch e s H e j j a s und seinen Leuten den geheimen Auftrag gegeben haben, König Karl m eu chl i n gs zu überfallen und aus dem Wege 5 u r ä u m e n. „M agYarsag" sagt hierüber: „Die Anwerbungen der Erwachenden Ungarn si»id reich an intimen und unangenehmen Sensationen. Würde die Regierung diese Affäre weiter verfolgen unb sich zu energischeren Maßnahmen entschließen, so müßte auch der Schleier, der die Geheimnisse von Budaörs und der Riederringnng des Königs Karl verhüllt, gelüftet werden. Das heutige Stadium des Verfahrens verrät, daß die iu dieser Angelegenheit hinter den Erwachenden Ungarn stehende parlamentarische Krafttruppe im Besitze solcher Stichkarten und Trümpfe ist, gegenüber denen Bethlen und sein Anhang trotz des außenpvlitischen Druckes sich als völlig ohnmächtig erweisen." Deutlicher kann inan wahrhaftig nicht sein. Budapest, 7. September. Im Zuge der gegen Apor und Genossen wegen staatsfnndlicher Umtriebe eingeleiteten Untevsuchnng wurden heute abermals drei Beschuldigte der Staatsanwaltschaft eingeliefert. Es sind dies der Installateur Josef Blowak, der fröret der Rechte Barnaba s Real und der Bankbeamte Franz Jva ts o n. Die Staatsanwaltschaft beantragte gegen die Genannten die Verhängung der Präventivhast nud die Durchführung der Untersuchung wegen Verbrechens gegen die staatliche und gesellschaftliche Ordnung. roSenH Sommer » II.. Tabortfraße 48 Telephon 47-1-7S En gros En ctataSI Set erste Plan einer jüdischen Kunstgewerbeschnle. Ein Traum Marc Antokolskis. Bon einigen Tagen hätte der berühmte jüdische Bildhauer Mare Antokolski seiinen 80. Geburtstag feiern können.. Da mag nun ans die bemerkenswerte Tatsache hingewicsen werden, das; Antokolski, der als einer der ersten Juden in der bildenden Kunst Weltruf erlangte, in seinen letzten Lebensjahren — er starb bekanntlich im Juni 1902, kaum 59jährig, in Frankreich — sich mit dem Plane trug, eine jüdische Kunstgewerbeschule zu begründen, ein Projekt, das später durch die Gründung des „Bezalel" in Palästina seine Verwirklichung fand. Der Plan des genialen jüdischen Künstlers, den er leider nicht zur Reise bringen konnte, entsprang der jüdischen Tragik, die sein Leben durchzog und düster umschattete. Antokolski war eines der vielen Kinder eines armen jüdischen Herbergswirtes in Wilna. Der Vater wollte seine Kinder zn Handwerkern erziehen, damit sie sich möglichst bald anständig ihren Lebensunterhalt erwerben könnten. Aber der kleine Mordechai hatte keine Lust .für das Handwerk; ihm lvar Zeichnen und Malen das liebste, er schnrierte Wände und Tische voll, zerschnitzte die Möbel und bekam vom Vater viel Prügel, nie ein gutes Wort. Er selbst erzählt in seiner Autobiographie über seine Knabenjahve: „In meiner Kindheit wurde ich nie gehätschelt. Man hatte mich nicht einmal lieb. Me schlugen mich, sogar die Dienstmädchen; gestreichelt hat mich niemand, mir manchmal die Mutter, wenn sie ein wenig frei von ihrer schweren Tagesarbeit war." Wenig beachtet, trieb sich der Knabe aus den Straßen, umher; einmal geriet er in eine Kirche und war entzückt über die Heiligenbilder. Sofort machte er sich daran, ans dem Gedächtnis ein solches Jconium in Holz zu kopieren. Diese Kopie, es war ein Jesuskopf, kam nun zufällijg der Gattin des Wilnaer Generalgouverneurs Nasimow zu Gesicht; sie kaufte sie sofort und versprach, den Knaben an der Petersburger Kunstakademie unterzubringen. Aber der Vater Antokolskis, der den Sohn inzwischen zu einem Holzschnitzer in die Lehre gegeben hatte, damit er Mch dem Erziehungsplan des Vaters ein ordentliches HandweÄ lerne, sträubte sich lange dagegen, den Sohn „reichen und mächtigen Christin" es bei den Eltern und bei den Petersburger Behörden durchsetzte, daß Antokolski an die Akademie kam. Aber was er in der Akademie fand, das genügte seinem Genie nicht, welches sich gegen die verzopften Kunstformen der Akademielehrer ausbäumte. Diesen Kunstbeamten wurde der junge „Saujnde", wie sie ihn nannten, bald sehr verhaßt, da er geradezu revolutionäre Kunsttheorien predigte. Denn Antokolski verkündete, das; ein Kunstwerk nicht nur äußere, sondern auch innere Ähnlichkeit mit dem dargestellten Gegenstand haben müsse.' Diese Idee ergriff bald einen Kreis von jungen russischen Künstlern, die sich eng nur Antokolski scharten. Darunter waren die berühmten russischen Maler R j e p i n und K r a m s o s s sowie der Rdaler und Kritiker S t a s s o f s. Die Freundschaft mit Rjepin, der heute im bolschcwikischen Rußland, wie von dort oingelanigte Nachrichten meldeten, als hinfälliger Greis dem Hnugertode nahe ist und die mit Stassoff wurden für Antokolski Freundschaften fürs ganze Leben. Rjepin hat übriges ein charakteristisches Porträt Antokolski gemalt, das diesen im Talis zeigt. Es ist geradezu ein Symbol für die künstlerische und menschliche Tragik im Leben diese großen Bildhauers. Antokolskis erste Arbeiten waren fast durchwegs dem jüdischen Milieu entnommen. Damals (1864) schuf er seine berühmte Skulptur „Der jüdisch« Schneider", ferner den „Jüdischen Geizhals" und die „Talmuddisputation". Alle drei Arbeiten sind in Holz geschnitzt; sie brachten Antokolski die silberne Medaille und machten ihn berühmt. Aber sein Traum war eine plastische Komposition. Sechs Jahre, von 1863 bis 1869, arbeitete er daran und als das Werk fertig war, machte es ihn in der ganzen Welt berühmt. Es war „Die spanische Inquisition". In Rußland aber erregte das Webt unter der alten Schule Aergernis und Antokolski sollte deswegen sogar aus der Akademie, der er übrigens nur als freier Hörer angehörte, da er nicht die nötige Schulvorbildung genossen hatte, ausgeschlossen werden. Um sich diesen häßlichen Gegnerschaften zu entziehen, ging er nach Berlin. Dort entstanden die Entwürfe der beider: Werke, die ihn zun: berühmtesten Vertreter der russischen Bildhauerei machten, die Statuen Iwans des Schrecklichen und Peters des Großen. Wer es zog den Juden Antokolski, trotz vieler Ehren, die ihn: in Berlin zuteil wurden, nach Rußland zurück und nach ein paar Jahren tvar er wieder in Peters- M dm We LkidM Mxke zu hMnder:. Sie truM seinen Rainen nicht nur durch ganz Rußland, wo ihn die Akademie, die ihn vorher so bekämpft hatte, zu ihrem Ehrenmitglied ernannte, sondern auch durch die ganze Welt. Baron G i n z b u r g gab Antokolski die Mittel zu einer Auslandsreise, und so ging der Bildhauer nach dem klastischen Kunstlande Italien, wo er sechs Jahre verblieb. Dort schuf er seinen berühmten Spinoza und den noch berühmteren Sokrates. Sein Ruhm lvurde in allen Zungen besungen. Im Jahre 1878 erhielt er die französische Ehrenlegion. Wieder zog es ihn nach Rußland zurück, dessen Geschichte so viele seiner Werke behandeln. In: Jahre 1880 veranstaltete er ein« Kollektivausstellung in Petersburg. Dort war die antisemitische Strömung zu der Zeit, welche bald darauf die Pogrome zeitigte, sehr stark. Antokolski, der Jude, wurde nicht beachtet oder herabgesetzt. Schiver enttäuscht ging der Meister ins Ausland, stellte in Wien, Nkünchen und Berlin ans und es regnete Ehrenbezeugungen und Erfolge. Noch einmal machte er den Versuch, dem Lande, in den: er geboren wurde, sein Werk zu zeigen, es war im Jahr« 1893. Der Versuch lvar ein furchtbares Fiasko; -lvas Antokolski -zu hören bekam, waren niedrige Gemeinheiten und Verleumdungen. Ter Grund ton aller Meinurtzgen in der russischen Gesellschaft über ihn war: „Er ist ein Schädling Rußlands, da er in der , Welt die rufsische^Kunst repräsentiert". Damals ließ Antokolski in dem russischen Tagblatt „Nowosti" einen Brief erscheinen, der ein erschütterndes Dokument seiner Lebenstragödie ist. Er lautet: ,Mn ich daran schuld, daß ich Jude bin? Und was ist Schlechtes daran, daß ich Jude bin? Beweisen denn nicht meine Werke, daß ich Rußland liebe, tausendmal mehr liebe als die, lvelche mich nur deshalb quälen, weil ich Jude bin? Ist all das, was ich erlebt und gefühlt habe, sind meine Freuden und Sorgen, die ich alle in mem Werk gelegt habe, sind sie nicht für und um Rußland empsimdön? Gehört nicht Rußland der Name, welchen ich erworben habe? Sind alle Ehren und Auszeichnungen, welche die Akademien der ganzen Welt, mir gegeben haben, sind sie nicht mir, dem Russen, zuteil worden?" Auf diesen geradezu bettelnd kläglichen Brief erfolgte nie eine freundlich widerhallende Antwort. In dieser Zeit kam bei Antokolski das neue Interesse für das Judentum. Der Künstler genialer Plastik und vielfältiger Ausdrucksformen (er schrieb ai:ch einige Erzählungen und einen Roman a>:s den: jüdischen Leben) wutzde jrymm, Er besann sich mit bsbräischev Literatur