Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1643 (8.9.1923)
- Date
- 1923-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980724--16064-3002944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Banat 1× ep/1272623
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
Seite 2 Wien, Samstag Aminifter Malvtz in Frankreich. (Bon unserem Pariser Korrespondenten.) Gerade jetzt, a-m 6. Sepetembev wurden eZ flpiwu fünf Jahre, daß der Mhere französvsche Mini st er Malvy durch den Sfnwch des Senates aus Frankreich ansgewiesen tvurde. 2dach fünfjähriger Bevbanm»ngsze»t, die er in Spanien vorlebte, hat nun Malvy wieder französischen Boden betreten. Es ist »roch in allgemeiner Erinnerung, daß Rda-lvy der chanvinistischen .Hetze des traurig berühmten Royalisten Und Judenfressers Leon Daudet zum Opfer fiel. Daudet beschuldigte ihn des Hochverrates und der Konspiration mit revolutionären Elementen. In der für Frankreich kritischen Zeit von 1917 auf 1918, ans die sich die Beschuldigungen Daudets bezogen, hatte nänllich der den nationalen Chauvinlists»» stets unbequeme radikale Politiker Malvy (die raidikale Partei Frankreichs ist durchaus nicht revolutionär-sozialistisch, sondern kann als die Partei eines fortschrittlichen Bürgertums angesprochen werden) den stürmischen Forderungen der Nationalisten nach Heranziehung der in Frankreich lebenden Isländer, vor allem der „Russen", wie die offizielle Propagan-daform lautete, zum Heeresdienste cutschieden widerstanden. Diesen Widerstand -»nutzte nun Malvy, di der Einfluß der Nationalisten umib Dau^dets sehr groß ivar, durch die geschickt inszenierte Anslärzdvrhetze noch gesteigert wurde und nach den» mit amerikanischen Mitteln errungenen „Endsieg Frankreichs" das ganze Land beherrschte, bitter büße»». C l c m c n c e a u, der genötigt werde, Daudet und denen nn» ih»» »»achzugeben, betrieb aufs eifrigste (und das wird immer einen dunklen Fleck in seinem Charakterbilde gebe»») die Brrnrtcilung Malvys durch ein Senatstribunal: Der Senat tra-me sich »licht den „Hochverräter" freizusprechen und zog sich diplomatisch a»»s der Klemme, indem er Malvy aus Frankreich answies. Das bedeutete in klare Sprache übersetzt: Malvy ist unschuldig, aber seiuen Anklägern nrüssen wir nachgeben. Es ist zweifelhaft, ob Malvy, der »»ach den» Sturze Caillcaux' als das Haupt der Daudet so verhaßte»» Radikalen Partei angesehen werden »rußte, sich d»»rch Nachgeben vor der Ausweisung bewahrt hätte. Dazu war cr von den Nationalisten zu sehr gefürchtet. Aber es muß hervorgehoben werden: Jeder andere Minister' in seiner Lage hätte den Hetzern wenigstens die „Russe»»" zum Fraß hingeworfen, um ihnen die Mäuler wenigstens für eine Zeitlang zu verstopfen. Malvy aber blieb aufrecht, was ein Zeichen ehrlicher politischer Anschauung »st. Nun »st er nach Frankreich zurückgekehrt. Ter Einstuß Daudets untk seinesgleichen ist nicht mehr.so stank wie damals, als Malvy in die Verbannung ging; aber die nationalistische Strömung ist, wie es sich nach außen und. innen zeigt, in Frankreich noch mächtig genug. Und die Parte» der ,<Köpfe und Charaktere"^ wie die RadiWen, die vor dem Kriege die stäÄste politische Partei Frankreichs waren, genannt, wuichen, .hat' sich.von.den SMagjen, die ihr das Abveißen ihrer besten Kö^e, Caüllea-ux und.' Malvy, versetzte, noch nicht erholt. In der letzten Zeit, aber sind Zechen ihrer Wiederbelebung beinerkbar, ' die. darauf schließen lasten, daß diese Partei nicht' ganz die Hoffnung äusgegeben hat, sich wieder politisch in den Sattel zu schwingen. Vielleicht hat sie zu viel Führer. Denn einige der besten Köpfe Frankreichs gehören ihr an; es sei nur an den früheren Ministerpräsidnten und ausgezeichneten Wissenschaftler Paul Painleve und an den energischen H e r i o t erinnert. Daß Malvy im Lande ist, stärkt die Radikalen ungernom. Denn er ist nicht gebrochen wie Cailleaux, sondern kampfbereit. Das zeigt eine Rede, die er bei seiner Rückkehr an die Freunde hielt, die ihn begrüßen kamen; er sagte kurz: ,^Fch komme nicht zurück, um mich gegen die schändliche VeÄemndung, deren Opfer ich wurde, zu verteidigen, sondern um meine Widersacher zu beschuldigen. Ich kehre zurück, r»m das. demokratische Ideal, ldas immer das moine war, zu verteidigen und dafür zu arbeiten, daß alle wahren Republikaner sich um dieses Programm scharen." Frankreich ist reif dafür, daß die jetzt herwschsnde reaktionäre Strömung, die der Republik nicht genützt hat, gebrochen iverde. Es ist nicht leicht und es ist noch. fraglich, ob Malvy den Kampfs den er vor hat, wird bestehen können. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß die Rückkehr des ehomaligen Premiers Malvy nach Frankreich die Rückkehr der Radikalen Partei in das politische Lieben bedeutet. Und das wäre sicher nicht Frankreichs UnMck. Aus Teures Var wird uns berichtet: Nach drei-, tägiger Beratung wurde die Ziomstenkonferenz für Siebenbürgen, Banat, Mainaros und das Köros-Gobiet geschlossen. Von den Beschlüssen und Resolutionen, die in der Konferenz gefaßt tourben, sind hevvorzicheben: Verwährung gegen sämtliche die Existenz der jüdischen Schulen gefährdenden Maßnahmen i»nd Rgiernngsverordl»uugLn. Die Konferenz tritt für die völlige.' Lern- und Lehrfreiheit ein und erhebt aus diesem Grunde Protest gegen jeden Versuch, den Numerus clausus offen oder auf. Umivegen einzuführen. Die Konferenz erblickt in den Verfüg»»nger», durch welche jüdische Schüler in den S ch u l e n den Sabbat zu entweihengezwungen werden, eine Verletzung der Gewiss e n sf reihert. Bon großer Bedeutung »st der Beschluß der Konferenz. ün.eiLLves Oxgan zu scbaüen. dem die Aufgabe zu- ___Wiener Modenzeitung. ^_ fällt, eir»e Berufs»» au f ch ich tu »»g der Ji»den schon durch Beeinstussllilg der Berufstvahl der jüdischen Jugend in die Wege z»» leite»». A»»s diesem Gr»»i»de wird die Jugend durch zwei Delegierte im. großen Exekutivkomitee Vertreter» werden. Behufs Durchführung der intensiven Hebräisierung des Mischen Kulturlebens, wie auch zum Zweck der Verbreitung jüdischer Krrltur wird ein eigener Kult u r f o n d s geschaffen. Dem jüdischen Schulverein Tarbuth wurde überdies aufgetragen, die Vorbereitungen für die Schaffung eines allgerneinen jüdischen Schulf o n d s durchzuführen und binnen kurzem ein diesbezügliches Statut vorzulegen. Bezüglich der Palästina-Arbeit wurde eine gründliche Reorganisation beschlossen, wobei besonders hervorgehoben »v»»rde, daß der jüdische Nationalverbar»d seine künftige Tätigkeit auf die zionistis ch e Arbeit zu konzentrieren habe, ohne jedoch die nationale G a l u t h a r b e i t aus den» Auge zu verlieren. Die Konferenz hat nenerlich die Notwendigkeit einer einheitlichen jüdischen Arbeit im Sinne der gefaßten Beschlüsse betont und die einzelnen Gruppen bauftragt, alles zur Erreichung der Bereinigung aller Jude»» in» Interesse der erforderlichen Aktio»»en Notwendige aufzubieten. 8. September 1923 Nr. 1643 Die Konferenz spricht dein Präsidenten der Z i o »»istis ch e n W e l t o r g a u i s a t i o»» für seine aufopfer»»!de und übermenschliche Arbeit, die er im Interesse der praktischen Verwirklichung des zionistischen Gedankens »m abgelaufenen Jahre geleistet hat, das v o l l st e V e r t r a u e n aus. Ans Antrag des Delegierten Jakob Hirsch spricht die Kmffereuz den Wunsch ans, daß alle vom 12. Zionistischen Kongreß bezüglich der strengen Beachtung der religiösen Forderungen in Palästina gefaßten Beschlüsse auch wirklich zur Durchführung gelangen. Die Arbeit für den Nationalfonds und für den Keren Hajessod wird ans praktischeren und Erfolg versprechenden Grundlagen geschehen. Be» den vorgenommcnen Wahlen wurde Dr. Theodor Fischer znn» Ehrenpräsidenten des Jüdischen Nationalverbandes evnannt. Die Wahlen ergäbe»»:. Präsident: Dr. Josef Fischer; Vizepräsidenten: Samuel N u ß b a u m - Großwardein und Jakob Rothbard- Temesvar; zum geschäftsffrhrcnden Vizepräsidenten wurde Dr. Chaiin Weiß bürg gewählt. Zu Mitgliedern des. kleiucu Exelutivkomitees tvurden gewählt: Dr. Max Klein, Anton Mark, Dr. Alexander Pollak, Jakob S a l a in o n, Dr. Josef Spitzer und Aladar S t o t t e r. DK Haltung der llelnen Sntrnte. Paris, 7. September. (Tel.-Korup.) Die tschechosl o ina k i s che G esa n dts chaft in Paris dementiert die MeidNng des „Daily Telegraph", wonach die Staaten der kleine»» Entente entschlossen seien, zu mobilisieren, wenn Italien zu mobilisieren sortfahre, und aus dem Völkerbünde mlszutreteu, we»»n sich dieser mit dem grie chisch-ital ienischen Konflikt nicht bcfasst. Die lieberveichilng einer Verbalnote an die französische Regierung wird in diesen» Den»entc nicht bestritten, lieber den Fnhalt dieser Mitteilung wird arutlicherseits Schweigen beobachtet. Doch verlautet, daß die kleine Entente die Erklärung abgegeben ha>be, eine E rr s ch ü t t e r u n g des P r e st i g e s des Völkerbundes »»»üsse verhängnisvolle Folgen haben. Die Beratungen der Botschafterkonferenz. Paris, 7. September. Die Agence Havas meldet: Die Botschaft.erköpferenz hat das Studium der Modalitäten der Untersuchung in Albanien fortgesetzt und die Frage der von, Griechenland zu fordcmden Wiederg»»tn»achungen einer Prüf»»np unterzogen. Die Konferenz wird i»n Äufe des Tages wieder zusammentreten. Irr der Nachmittags äbgehaltenen Sitzung hat die Boffchafterkonfereuz den Wortlaut einer Note festgestellt, die. sogleich deck diplmnatffchen Vertretern in ,A th en zur Uebermittlungan die.griechische Regierung .telegraphiert worden ist. Die Not: ist auch.dem Bö lker- > h u n d übermittelt worden. Der Wortlaut wird morgen veröffentlicht werden. Die Spannung im Völkerbund beseitigt. Genf, 7. Septernber. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Spannung, die der griechisch-italienische Konflikt »m Völkerbund verursacht hat, erscheint heute durch, dir Tatsache etwas gemildert, daß Salandra den gestrigen Beschluß des Rates, obwohl, er zweifellos bereits eine Beschäftigung mit dem griechischitalienischen Streitfall darstellt, nicht verhindert hat. Sesterreich. Der Wiederaufbau. Eine Diskusiion nn Völkerbund. Genf, 7. September. (Del. der „Wr. Morgerrzeitung".) In der heutigen Sitzung der zweiten Kommission ttet Dolkerbundversammlung erstattete zunächst der Präsident der Wirtschafts- und Finanzkomm»s s i o n des Völkerbundes Gustav A d o r seinen Bericht über den wirtschaftlichen Wiederaufbau Oesterreichs. Er erinnerte an die Geschichte des Zustandvkommens dieses Werkes und gab eine Darstellung alter Schwierigkeiten, die ihm begegneten. Er wies schließlich daraus hin, mit wie ge ringe n Kosten es dank der freiwilligen Mitarbeit der Sachverständigen des Völkerbundes habe bewerkstelligt werden können, so daß die gesamten Kosten des Völkerbundes bisher nur etwa 7000 Pfund Sterling betrugen. Die schwere Arbeitskvise, durch die Oesterreich, wie alle anderen Länder, die die WähM'Ng stabilisieren wollten, hindurch gehen mußte, sei immerhin lln»gc nicht so ernst gewesen wie zum Beispiel in England, in der Tfchecho-Slowake» oder in der Schweiz. Der Völkerbund habe also allen A»»laß, sich zu diesen» Werke gu beg l ü ck w ü n s ch e n »rnd denen zu ^danken, die daran »nitgearbeitet haben. Darauf erstattete der Genemlkommisiär des Volkerburides in Wie»> Dr. Z i m m e r m a n einen sehr eingeheu>den Bericht über die tech»»ische u>»»d bankn»ähige Durchführung der finanziellen Wtedevaufbauarbeit, über die Stabilisier»»ug der Krone, die von den wohltätigsten Folgen für das gesamte Wirtschaftsleben Oesterreichs begleitet war. und über die Verwaltungsveformen, die in Oeitevreick ümveuommen iverden m>»»ßtien. Schon die Tat- Die nächste S»tzn»»g der Vcrsaii»n»lnng »st auf M o tu tag a»»b:ra»»mt worden. Die Versam»r»lung wird Montag, nicht wie üblich, »nit der Aussprache über de»» Bericht des Rates beginnen, da dieses zu unliebsamen Anseinandersttzungen führen könnte, sondern die Versamnrlmrg wird währsche»l»lich mit der Beha»»dlung des Wiederaufbau w: r k e s des Völkerbundes in O e st e r r e t ch und mit der Beratung der nc»te»» Aufuachnsgesuche von Irland und Ab ess y liieit ihre sachliche»» Verhaitdlniigen eröffnen. Zu diesem Zweck: besthöstigte sich die ztvcit« Kominission der Versammlung berc»ts h:»»te nachmittags »nit drr ö st c r r e i ch i s ch e n Augileoenhertz, um den Bericht für die Versammlung bis Montag strtigzustellen. Die Athener Nationalbank stellt die Entschädigungssumme zur Verfügung. Paris, 7. Septen»ber. Wie „No»v Dork.Herald" ans Athen meldet, bat die griechische Regierung ein Arrangement mit der N a t i o n a l b a n k getroffen , die der Regierung eine Summe in der Höhe der vor» Jtalier» verlangte»» Entschäd»g»»ng, der italienischen Landungskosten und der italienischen Ausgaben auf griechischem Boden zur Verfügung stellt. Der Gesamtbetrag wird dem Völkerbund übermittelt werde»», falls dieser den griechisch-- italienischen Streifall in die.Hand nimmt. Italien will Flume anneMeren? Berlin, 7. September: (Tel.-Komp.) Wie das ,P-U,hv Blat^ aus Paris meldet, wird in Paris der gestrigen Besprechung zwischen Paisic und Poi»»cave sehr große -Bedeutung be'.gemessen. Es soll sich bei dieser Untevhaltu»»g in erster Reihe nicht nur den griechisch-italitzuischen Konflikt, sondern um die Finn»aner Frage gehandelt haben, und man will in inforn»iiertolr Kieisen wissen, >daß Italien die Annektierung der Stadt Fiume beabsichtigt. Nwdllrch heillose Komplikationen hcraufboschworen werden körmteir, angesichts deffen, daß- Jtalren bei allen seinen Aktionen gegen Jugoslawien sich auf '1 n g a r n stützen kann. fache allein, daß man im vorigen Jahre in Genf über den. Wiederaufbau unterhandelte, habe ein Anhalten in dem. Mlvärtsgleiten der Krone bewirkt. Wien fei durchaus nicht der überffüssige Wafferkopf, als den man es, immer hi »»gestellt habe. Die Bürger Oesterreichs werden dava>uf stolz sein, selbst ihr Land aus einer der größten Krisen gerettet zu haben, die die Geschichte kennt. In der Diskusiion >dankte der österreichische De legierte Meusdorfs dem Völkerbund und allen, die ar» dem Werke »nittzearbeitet 'haben, und hob die energische Tätigkeit hervor, die die österreichische Regierung und das österreichische Volk zu d'iesenr Wiederaufbau entfaltet haben Der japanische Delegierte befpwch die Lehren^ die der Völkerbund für kür»ft»ge ähnliche Aufgaben aus der Wiederanfbauarbeit in Oesterreich ziehe»» köu>»»e. Zum Berichterstatter für die Versammlung w»»rde Ador gewühlt. Die Wählerlisten werde» aufgelegt. Die Wählerlisten für den Nationalrat tverden in Wien von Mittwoch den 12. September an bis einMteßlich Dienstag den 26. September täglich von 8 Uhr vorinittags vis 12 Uhr mittags und an Werkagei» auch von 3 Uhr nachnrittas bis 7 Uhr abens zur allgerneinen Einsichtnahrne aufgelegt. Jnrierhalb dieser Frist ist jedennann berechtigt, in die Wählerlisten Ei»»s»cht z»» uehinen. Wo die Wählerliste»» aufliege»» und die Eirrsprüche (Reklaumtionei») eiilgebracht werden kö»»rren, ist aus der au den städtischen Amtstafeln angeschlagenen K»»nd»»»ach»»ng über die A»»fleg»u»g der Wählerverzeichiüsse zu entnehmen. Allßevden» tvird in jede!»» Harche cm erneo allen Hausbewohnern leicht zugänglichen uitfo sichtbaren Stelle (Haus, tor o. dgl) eine Ku»»dmachn»»g arlgelschlagen, die die Zähl der Wahlberechtigte,» einer joden Wohnung sowie den Aintsraum angrbt, in dem die Wählerliste aufl-iegt»